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Zum billigsten Produktionsstandort der Welt  

04. Juli 2008

VDI nachrichten, Gaeseong, 4. 7. 08, rb – Demonstrativ wurde letzte Woche der Kühlturm des Atomreaktors in Yongbyon in die Luft gesprengt. Nordkorea scheint sein Image aufpolieren zu wollen. Jetzt kommen wieder Grundnahrungsmittel ins Land. Schon vor sechs Jahren öffnete der isolierte Staat die Sonderwirtschaftszone Gaeseong für freien Handel. Mit den wohl billigsten Löhnen der Welt ist die Produktion hier auch für europäische Unternehmen attraktiv.
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Hyogeon Ching hat sich fein herausgeputzt, mit graublauem Anzug und Krawatte. Es ist schließlich das erste Mal, dass er seine alte Heimat wiedersieht. Der 71-Jährige stammt aus Nordkorea und ist während des Bürgerkrieges 1950 in den Süden geflohen. Heute sitzt der ehemalige Lkw-Fahrer nun frühmorgens im Bus Nr. 8 und der quält sich durch den morgendlichen Berufsverkehr. 3,5 Mio. Menschen wohnen hier in Seoul und so dauert es fast eine halbe Stunde, bis der Autobus die letzten Hochhäuser der Metropole mit ihrem quirligen Leben und den bunten Reklametafeln hinter sich gelassen hat.

Herr Ching und der Bus fahren nun nach Norden. Nach einer weiteren halben Stunde Fahrt auf der Autobahn lichtet sich der Verkehr. Blickt man aus dem Fenster, weiß man warum: Immer öfter tauchen Militärposten am Straßenrand auf und schließlich stacheldrahtbewehrte Zäune, die sich durch die Landschaft ziehen.

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Wir nähern uns der sogenannten demilitarisierten Zone (DMZ), der Grenze zwischen Nord- und Südkorea entlang des 38. Breitengrades. Noch immer besteht nur ein Waffenstillstand zwischen den beiden koreanischen Staaten, der 1953 die offenen Kampfhandlungen beendete. Seitdem trennt eine 4 km breite Zone den Norden vom Süden, schwer bewacht und praktisch unüberwindlich – jedenfalls bis vor Kurzem.

Der Autobus hat sein Ziel erreicht: Ein modernstes Gebäude in Glasarchitektur, daneben eine Art Mautstation für Lastwagen. Ein paar hundert Meter entfernt eine neue große Eisenbahnstation. Ein grünes Straßenschild weist den Weg: Nach links geht es zurück nach Seoul, geradeaus nach Gaeseong.

Das ist die erste große Stadt in Nordkorea, nur wenige Kilometer hinter der demilitarisierten Zone gelegen. Gaeseong ist das Ziel der Lkws, die hier abgefertigt werden und Gaeseong ist auch das Ziel von Herrn Ching. Denn sowohl Waren wie Menschen können hier nach rund 50-jähriger Unterbrechung der Verbindungen von Südkorea aus nun nach Nordkorea einreisen. Herr Ching als Mitglied einer Reisegruppe allerdings nur für einen Tag, während Rohstoffe und Zubehör auf den Lkws und in den Güterwaggons in die Sonderwirtschaftszone Gaesong gebracht werden, um dort von nordkoreanischen Arbeitern verarbeitet zu werden.

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Szenenwechsel nach Pfullingen, einer deutschen Kleinstadt in Baden-Württemberg am Fuß der Schwäbischen Alb. Ein idyllisches Städtchen mit alten Fachwerkhäusern und rund 18 000 Einwohnern. Hier sitzt das Stammhaus der 1953 gegründeten Firma Prettl. Die weltweit vertretene Firmengruppe – 30 selbstständige Unternehmen mit insgesamt 5000 Mitarbeitern -ist seit 1995 mit einer Tochterfirma in Südkorea vertreten, beschäftigt dort 200 Mitarbeiter und produziert Autoteile für die Zulieferindustrie.

Was Pfullingen mit Geaseong zu tun hat, erläutert Firmensprecher Manuel Schmuker. Vor knapp einem halben Jahr hat das schwäbische Unternehmen ein 11 000 m2 großes Areal in Geasong gekauft und ist damit das erste europäische Unternehmen in Nordkorea. Jetzt wurde der Grundstein für eine neue Produktionshalle gelegt und Anfang 2009, sagt Schmuker, „wird dort die Produktion aufgenommen werden.“ Dabei geht es vor allem um die noch immer sehr arbeitsintensive Fertigung von Kabelbäumen, wobei die einzelnen Kabel mit der Hand und nach Plan auf einem Tableau angeordnet werden müssen.

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Zurück in Korea: Herr Ching sitzt mittlerweile erneut in einem Bus, hat die demilitarisierte Zone überwunden und ist in Nordkorea angekommen. Es ist 8.20 Uhr und im Kontrollgebäude empfängt die Besucher über Lautsprecher ein frohes „Herzlich-willkommen-Lied“, rechts an der Wand steht ein großer Spiegel, links eine altmodische Standuhr mit Pendel. In der Mitte wartet das nordkoreanische Militär in grüner Uniform, um Pässe und Visa zu überprüfen. Danach wird die Reisegruppe in einem gespenstischen Konvoi aus zehn Bussen und zwei Begleitfahrzeugen ein kleines Stück durch Nordkorea fahren und wenn sie durch ein Dorf kommen, wird rechts und links ein Militärposten wachen, bis der Konvoi vorbeigefahren ist.

Die Busse werden kurz hinter der Grenzzone ein Neubaugebiet passieren. Moderne Fabrikhallen stehen dort, Straßen werden gebaut, halbfertige Rohbauten strecken sich in die Höhe. „Hyundai“ ist an einem Zaun zu lesen, „ShinWon“ an einem anderen. Schließlich taucht ein großes Schild auf: „Gaesong Industry Complex“ steht darauf.

Das ist die Sonderwirtschaftszone, gelegen an der lange stillgelegten Eisenbahnstrecke und Autostraße von Seoul nach Pjöngjang. Hier entsteht irgendwo die Fabrikhalle der Firma Prettl und hier wird auf einer Fläche von rund 10 ha mit nordkoreanischen Arbeitern und zu nordkoreanischen Preisen für den südkoreanischen und den Weltmarkt produziert.

In den hellen Fabrikhallen fertigen Arbeiter in blauen Uniformen Kleidungsstücke, Autozubehör, Sportschuhe und Kosmetikdosen. Derzeit produzieren 22 Unternehmen in der Sonderzone, die 9200 nordkoreanische Arbeitskräfte in der Produktion beschäftigen und 2200 Arbeiter am Bau.

Der Monatslohn in der Zone lag ursprünglich bei 57 $, ist aber mittlerweile auf 70 $ gestiegen. Damit liegen die Produktionskosten noch immer weit unter denen in China oder Vietnam – die nordkoreanische Sonderzone ist derzeit der billigste Produktionsstandort der Welt.

Die 70 $ Monatslohn werden aber freilich an den nordkoreanischen Staat gezahlt, der die Arbeiter nach einem Schlüssel mit nordkoreanischen Won bezahlt. Eine konservative südkoreanische Zeitung (Chosun Ilbo) errechnete so einen Monatslohn von weniger als 2 $. „Das Paradies der Werktätigen ist billig“, titelte ein westliches Wirtschaftsblatt. Zu ihren Fabriken werden die Arbeiter in speziellen blauen Bussen gebracht und die meisten stammen aus der Großstadt Gaeseong.

Dort ist inzwischen auch Herr Ching angelangt, auf dem Programm der Tour steht ein Mittagessen in der Provinzhauptstadt. Es regnet, aber dies kann nicht der einzige Grund sein, warum das Stadtbild einen trostlosen Eindruck hinterlässt. Es gibt keinen Autoverkehr auf den Straßen, außer dass ab und zu ein Militär-Lkw vorüberfährt. Die Menschen sind entweder zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs.

Eine im Vergleich zum modernen Süden farb- und trostlos anmutende Welt. Die Wohngebäude scheinen in einem maroden Zustand zu sein, hinter blinden Fenstern lugen Menschen neugierig auf die fremden Busse. Fernsehantennen gibt es keine. Anders als in der Sonderwirtschaftszone verfallen hier nicht fertiggestellte Rohbauten wieder – vielleicht aus Mangel an Baumaterial. Mit den Menschen reden dürfen die Mitglieder der Reisegruppe nicht, auch nicht fotografieren. Draußen, am Stadtrand, reckt sich eine Statue des „großen Führers“ Kim Jong Il über der leeren Autobahn in die Höhe.

Am späten Nachmittag ist Hyogeon Ching wieder in Seoul. Für den Rentner hat sich die Reise gelohnt: „Ich konnte noch einmal die alte Heimat wiedersehen“, sagt er lächelnd. Natürlich hätte er gerne Kontakt mit den Menschen in Nordkorea gehabt, hätte gerne mit ihnen gesprochen, aber es war so, wie er es realistisch erwartet hatte.

Und sollte er in einem der vielen Textilläden in der südkoreanischen Hauptstadt eine neue Hose oder ein Sakko kaufen, kann es gut sein, dass diese Kleidungsstücke aus seiner alten Heimat stammen – aus der Sonderwirtschaftszone Gaeseong.



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