Zukunft der Arbeit (3) 02.11.2012, 19:55 Uhr

Die zersplitterte Arbeitskraft

Ein Ingenieur betritt mit 24 Jahren ein Unternehmen und verlässt es mit 65. Das hat heute schon Seltenheitswert, in Zukunft wird es eine sensationelle Rarität sein. Dem arbeitgebertreuen Kollegen mit 40-jähriger Betriebszugehörigkeit folgt der kreativ Selbstständige, an dem alles flexibel ist: Arbeitsplatz, Arbeitszeit und Auftraggeber. Im Internet zentriert sich die Arbeit.

Die künftige Welt der Arbeit wird vor allem eine Arbeitswelt sein, in der sich die alten stabilen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Strukturen weitgehend verflüssigt haben.

In den USA spricht man bereits von einer Job-Revolution, bei der das alte Normalarbeitsverhältnis durch zunehmend flexible Formen abgelöst wird. Im Mittelpunkt steht dabei die Figur des kreativen Selbstständigen, an dem quasi alles flexibel ist: Arbeitsplatz, Arbeitszeit und Auftraggeber. Er schließt sich zu temporären Projekten über das Internet mit anderen Kreativen zusammen, arbeitet für mehrere Firmen und in verschiedenen Jobs. Die Kehrseite der Freiheit von alten Zeit- und Routine-Zwängen ist die soziale Verwundbarkeit, die neue Formen der Absicherung erfordern.

„So wie früher die Arbeiter den Pflug sinken ließen, um am Fließband zu arbeiten, verlassen sie heute das Büro, um im Coffeeshop zu arbeiten.“ Meint jedenfalls die US-Autorin Sara Horowitz in ihrem Artikel über die Zukunft der Arbeit für das Magazin „Atlantic“.

USA: 42. Mio Amerikaner arbeiten in atypischen Arbeitsverhältnissen

Mit ihrem Satz beschreibt sie die fundamentale Änderung, die derzeit am Arbeitsmarkt der USA stattfindet. Danach arbeiten 42 Mio. Amerikaner in atypischen Arbeitsverhältnissen – als Freiberufler, Zeitarbeiter, Berater, mit Werkvertrag und als Selbstständige.

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Sie sind gleichzeitig in verschiedenen Jobs tätig, arbeiten für verschiedene Auftraggeber und stützen sich auf verschiedene Fähigkeiten. Überall, wo wir hinsehen, erblicken wir eine gravierende Veränderung der Arbeitsbeziehungen, so die Journalistin. Heute bestehe eine Karriere darin, verschiedene Arten von Jobs zu kombinieren, unterschiedliche Kunden zu bedienen, zu lernen, wie man sich selbst vermarktet und Arbeitsplätze in Schlafzimmern, Kaffeehäusern oder Coworking spaces zu organisieren.

„Gig Economy“ ist einer der Namen für diese neue Arbeitswelt, in der die Beschäftigtenform der Belegschaft hin zu individuellen Einzelkämpfern aufgesplittet wurde. „Nation der Freiberufler“, „Aufstieg der kreativen Klasse“ oder „E-economy“ sind andere Ausdrücke für diese Entwicklung. Im Französischen benennt man sie ernüchternder mit dem Begriff der „Bricolage“, der zusammengebastelten Existenz und Identität.

Ein Trend ist dabei die „Granularisierung“ von Arbeitsbeziehungen einerseits, von Aufgaben andererseits. Die von Sara Horowitz angesprochene Entwicklung in den USA ist auch in Deutschland nicht unbekannt. So ist der Anteil der atypischen Beschäftigung jenseits der Normalarbeitsverhältnisse laut Mikrozensus von 16,2 % im Jahre 1998 auf 22,2 % zehn Jahre später angestiegen, heißt es bei Christian Wingerters Studie „Der Wandel der Erwerbsformen und seine Bedeutung für die Einkommenssituation Erwerbstätiger“ (in: Wirtschaft und Statistik, Band 11).

Granularisierung der Arbeitsbeziehungen bedeutet, dass immer mehr Personen vor allem im kreativen Bereich, aber auch in allen anderen Branchen, zum „Arbeitskraftunternehmer“ werden, die selbst für die Verwertung und das Marketing ihrer Arbeitskraft verantwortlich sind.

Der Trend bei Unternehmen geht hin zur „numerischen Flexibilität“

Die bislang große homogene Masse an Normalarbeitsbeziehungen löst sich auf und wird zu Teilen ersetzt durch flexible Formen der Zusammenarbeit wie Zeitarbeit, Freelancing oder Leiharbeit.

Der Trend bei Unternehmen, erläutert der Wirtschaftspsychologe Rainer Wieland von der Bergischen Universität Wuppertal, gehe hin zu einer „numerischen Flexibilität“, bei der Firmen versuchen, ihre Personalkapazität auf eine sichere „Grundlast“, also eine feste minimale Stammbelegschaft, herunterzufahren.

Auftragsspitzen werden dann durch die Beschäftigung einer flexiblen Workforce aufgefangen. Ein Teil der Normalarbeitsbeziehungen verflüssigt sich also quasi, wie groß dieser Teil sein wird, ist noch unklar.

Eine Facette der Granularisierung von Arbeitsbeziehungen ist die Granularisierung von Arbeitsaufgaben selbst, wie sie im Begriff des Crowdsourcing auftritt. Im Allgemeinen wird darunter die Auslagerung einer Aufgabe an ein Internetkollektiv verstanden, aus dessen Mitte die Aufgabe arbeitsteilig oder in einer Art Wettbewerb gelöst wird.

Günter Voß von der TU Chemnitz definiert es wie folgt ganz wissenschaftlich: „Crowdsourcing ist eine interaktive Form der Leistungserbringung, die kollaborativ oder wettbewerbsorientiert organisiert ist und eine große Anzahl extrinsisch oder intrinsisch motivierter Akteure unterschiedlichen Wissensstands auf Basis von Web 2.0 einbezieht.“

Das Internet wird zur neuen Schnittstelle zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer

Der entscheidende Punkt dabei ist, dass Aufgaben, die zuvor innerhalb eines Unternehmens erledigt wurden, nun nach außen abgegeben werden und das Internet als Schnittstelle zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer fungiert. Plattformen wie „Clickworker“ bieten die Granularisierung von Aufgaben an, etwa das Übersetzen oder Erstellen von Texten, und verteilen das so aufgedröselte Arbeitspaket an die nach eigenen Angaben 180 000 „Clickworker“, also registrierte Plattformnutzer.

„Die Clickworker arbeiten unabhängig und zeitlich flexibel von ihrem eigenen Computer aus. Über eine Standard-Webbrowser-Benutzeroberfläche arbeiten sie auf Honorarbasis in sich abgeschlossene Aufgaben ab. Diese wiederum sind zumeist Teile eines komplexen Projektes. Koordiniert und zusammengeführt werden die Projekte über die Technologie von clickworker.com, ein internetbasiertes Workflow-System“, beschreibt das seit 2006 bestehende Essener Unternehmen clickworker.com das Prinzip. Auch Plattformen wie „Gigwalk“ in den USA vermitteln Microjobs per Internet, auf die man sich dann per Handy oder E-Mail bewerben kann.

Der Autor lehrt Soziologie mit Schwerpunkt Medientheorie an der Goethe-Universität Frankfurt und arbeitet als freier Journalist in München. Dieser Beitrag ist der letzte einer dreiteiligen Serie. Es erschienen bereits die Beiträge „Flexible Arbeitszeitmodelle liegen im Trend“ und „Der feste Schreibtisch war gestern“.

Ein Beitrag von:

  • Rudolf Stumberger

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