Innovationsrat gegründet: Eine Allianz gegen den deutschen Stillstand
Zu viel Bürokratie, zu wenig Tempo: Der neue Innovationsrat legt fünf zentrale Maßnahmen für den Standort Deutschland vor.
Der neu gegründete Innovationsrat. Er fordert klare Strategien, weniger Bürokratie und mehr Investitionen. .l.n.r.: Prof. Lutz Eckstein, Dr. Anne Lamp, Dr. Melanie Maas-Brunner, Prof. Dr. Veronika Grimm, Prof. Dr. Martin Wolf. Adrian Willig.
Foto: Julian Huke Photography
Deutschland verliert bei zentralen Zukunftstechnologien an Tempo. Während die USA und China gezielt investieren und Innovationen schnell in den Markt bringen, fehlt hierzulande oft eine klare Linie. Die Frage ist deshalb nicht theoretisch, sondern sehr konkret: Bleibt Deutschland eine führende Industrienation oder rutscht es im globalen Wettbewerb ab? Innovation entscheidet über Wohlstand, Beschäftigung und Stabilität. Genau hier zeigen sich zunehmend strukturelle Schwächen.
Ein Blick auf die Zahlen unterstreicht das Problem: Während die USA deutlich höhere Summen in Wagniskapital investieren, liegt Deutschland im internationalen Vergleich klar zurück. Gerade in der entscheidenden Wachstumsphase fehlt es vielen Technologieunternehmen an Kapital.
Genau dort will der neue „Innovationsrat für Deutschland“ ansetzen. Kurz vor der Hannover Messe haben sieben Fachleute das Gremium gegründet. Es ist Teil der VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050“. Seit diesem Jahr beteiligt sich auch die Gesellschaft für Informatik (GI). Damit bündeln über 160.000 Fachleute aus Ingenieurwesen und Informatik ihre Expertise. Der Rat will die Debatte aus der Tagespolitik lösen und stärker an langfristigen Zielen ausrichten.
Inhaltsverzeichnis
Das Problem: Erfunden hier, skaliert anderswo
Die Diagnose ist teilweise ernüchternd: Deutschland ist stark in der Forschung, aber schwach in der Umsetzung. Technologien entstehen oft hier, werden aber anderswo industrialisiert und vermarktet.
Dieses Muster zeigt sich etwa bei künstlicher Intelligenz oder Batterietechnologien. Grundlagen kommen häufig aus Europa. Die wirtschaftliche Verwertung dominieren jedoch Unternehmen aus den USA und Asien.
Der Innovationsrat formuliert das so:
„Wir dürfen nicht riskieren, dass Schlüsseltechnologien hier erfunden und entwickelt, aber anderswo skaliert werden. Wer Innovation nicht aktiv gestaltet, wird technologisch, wirtschaftlich und geopolitisch abgehängt.“
Fünf Ansatzpunkte für einen Kurswechsel
Der Rat bleibt nicht bei der Analyse. In seiner ersten Sitzung hat er fünf konkrete Ansatzpunkte formuliert.
1. Weg von Legislaturzyklen, hin zu langfristiger Planung
Innovationen entstehen nicht im Vierjahresrhythmus. Politische Entscheidungen orientieren sich jedoch häufig genau daran.
Der Rat fordert:
- klare Prioritäten bei Schlüsseltechnologien
- verlässliche Rahmenbedingungen über Jahrzehnte
- eine konsistente Innovationsstrategie
Ohne diese Grundlage bleiben Investitionen Stückwerk.
2. Genehmigungen beschleunigen, Bürokratie abbauen
Ein zentraler Engpass sind langwierige Verfahren. Industrieprojekte oder Reallabore hängen oft über Jahre in Genehmigungsschleifen.
Gefordert werden:
- digitale, standardisierte Prozesse
- klare Zuständigkeiten
- verbindliche Zeitrahmen
Zudem soll das sogenannte „Goldplating“ zurückgefahren werden. Gemeint ist die Praxis, EU-Vorgaben in Deutschland besonders streng auszulegen und damit zusätzliche Hürden zu schaffen.
3. Skalierung endlich ernst nehmen
Deutschland investiert viel in Forschung. Die entscheidende Phase kommt danach – und genau dort fehlt oft das Kapital.
Der Rat fordert:
- neue Fördermodelle für die Zusammenarbeit von Forschung und Industrie
- bessere Bedingungen für Start-ups und Scale-ups
- stärkere private Investitionen in Wachstumsphasen
Gerade technologieintensive Unternehmen scheitern häufig nicht an Ideen, sondern an der Finanzierung der Skalierung.
4. Bildung an die Realität anpassen
Der Fachkräftemangel ist längst mehr als ein Arbeitsmarktproblem. Er bremst Innovation.
Gefordert werden:
- mehr Fokus auf MINT-Kompetenzen
- frühzeitige Vermittlung digitaler Fähigkeiten
- konsequenter Ausbau von Weiterbildungsangeboten
Im Kern geht es um Fähigkeiten wie Programmierung, Datenanalyse und technisches Systemverständnis. Gleichzeitig kritisiert der Rat, dass das Bildungssystem auf Veränderungen zu langsam reagiert.
5. Forschung stärker in Anwendung bringen
Deutschland verfügt über eine starke wissenschaftliche Basis. Der Rückstand entsteht bei der industriellen Umsetzung.
Im Fokus stehen:
- Künstliche Intelligenz
- Mikroelektronik
- Biotechnologie
- autonome Systeme
Ziel ist es, Entwicklung und Anwendung enger zu verzahnen. Technologien „Trained in Germany“ sollen international als Qualitätsmerkmal wahrgenommen werden.
Wer im Innovationsrat sitzt
Die Besetzung des Rates zeigt, dass hier Theorie und Praxis zusammenkommen. Zum Team gehören unter anderem:
- Prof. Dr. Lutz Eckstein: Experte für Mobilität und VDI-Präsident.
- Prof. Dr. Veronika Grimm: Bekannt als „Wirtschaftsweise“ mit Fokus auf Energiepolitik.
- Prof. Dietmar Harhoff, PhD: Fachmann für Innovations- und Gründungsforschung.
- Prof. Dr. Jürgen Kühling: Spezialist für Regulierungsrecht.
- Dr. Anne Lamp: Erfolgreiche Gründerin im Bereich Kreislaufwirtschaft.
- Dr. Melanie Maas-Brunner: Expertin für industrielle Forschung und künftige Präsidentin des Stifterverbands.
- Adrian Willig: Direktor des VDI und Kämpfer für die Belange der Ingenieurschaft.
- Prof. Dr. Martin Wolf: Präsident der Gesellschaft für Informatik.
Die Mischung reicht von Grundlagenforschung bis zur industriellen Umsetzung.
Das bekannte Grundproblem: Umsetzung
Neu ist die Diagnose nicht. Dass Deutschland bei Genehmigungen, Wagniskapital und Skalierung schwächelt, steht seit Jahren in Studien und Standortanalysen.
Das eigentliche Problem liegt woanders: an der Umsetzung.
Strategien gibt es viele. Was fehlt, ist die konsequente Anwendung. Genau daran wird sich auch der Innovationsrat messen lassen müssen.
Jetzt entscheidet sich die Richtung
Der Innovationsrat will nicht bei Empfehlungen stehen bleiben. Er will die Perspektive derjenigen einbringen, die Technologien entwickeln und in den Markt bringen.
Die Botschaft ist eindeutig: „Jetzt ist der Zeitpunkt zu handeln, entschlossen, koordiniert und mit klarem strategischem Anspruch.“
Deutschland hat weiterhin eine starke industrielle Basis und hohe technologische Kompetenz. Ohne schnellere Prozesse, klare Prioritäten und belastbare Rahmenbedingungen wird es jedoch schwer, diese Position zu halten.
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