Hannover Messe: Brasilien plant riesigen Wasserstoff-Hub – mit deutscher Hilfe
Brasilien hat auf der Hannover Messe ein Wasserstoff-Projekt für 2 Mrd. € angekündigt. Thyssenkrupp, Siemens und Co. sollen dabei Schlüsselrollen spielen. Was bisher bekannt ist.
Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva (li.) und Bundeskanzler Friedrich Merz (re.) beim Eröffnungsrundgang der Hannover Messe 2026. Brasilien ist in diesem Jahr Partnerland der Messe.
Foto: Deutsche Messe AG
Brasilien ist in diesem Jahr Partnerland der Hannover Messe – und Deutschland rollt den roten Teppich aus. Am Dienstag fiel eine der größten Ankündigungen der gesamten Messe: Die Unternehmen Brazil Green Energy (BGE) und Green Investors präsentierten ihr Projekt „Morro Pintado“ im Bundesstaat Rio Grande do Norte, ein Wasserstoff-Komplex mit einer Investitionssumme von rund 2 Mrd. € und einer Leistung von über 1 GW.
Für Deutschland besonders spannend: An dem Vorhaben sind laut einer Pressemitteilung der Projektierer unter anderem Thyssenkrupp Uhde, Siemens und die Deutsche Bahn an Bord. Damit könnte Brasilien ein weiteres Land werden, in dem eine grüne Wasserstoffwirtschaft mit deutscher Beteiligung entsteht. Erst im Januar hatte Merz mit Premierminister Narendra Modi im indischen Ahmedabad den bislang größten Liefervertrag für grünes Ammoniak begleitet. Folgt jetzt Südamerika?
Inhaltsverzeichnis
Brasilien im Rampenlicht: Der Rahmen
Am Sonntag hatten Merz und Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva die Hannover Messe eröffnet. Am Montag folgten Regierungskonsultationen mit 15 Ministern auf jeder Seite: Deutschland sagte dabei rund 700 Mio. € für Klimaprojekte und nachhaltige Mobilität in Brasilien zu, beide Seiten vertieften die Kooperation bei kritischen Rohstoffen.
Zudem stellte Merz in Aussicht, das deutsch-brasilianische Handelsvolumen in den kommenden Jahren zu verdoppeln. Ab dem 1. Mai tritt zudem das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten vorläufig in Kraft.
Was über das Projekt bekannt ist
Vor diesem Hintergrund ist die Wasserstoff-Ankündigung vom 21.4. zu sehen. Allzu viel ist bislang nicht über das Projekt bekannt, doch die wichtigsten Eckdaten stehen.
Die Anlage soll in Areia Branca entstehen, rund 280 km nordwestlich der Landeshauptstadt Natal an der Atlantikküste. Geplant ist ein integrierter Komplex aus erneuerbarer Stromerzeugung und Wasserstoffproduktion:
- Erneuerbare Stromkapazität: 1.400 MW aus Wind- und Solarenergie
- Wasserstoffproduktion: rund 80.000 t pro Jahr
- Derivate: 438.000 t jährlich – grüner Ammoniak, E-Methanol und in einer zweiten Phase grüner Harnstoff
- Infrastruktur: Ein eigenes Hafenterminal für den Export
Ein konkreter Zeitplan für den Baubeginn oder eine finale Investitionsentscheidung (FID) wurden bislang nicht kommuniziert.
Flankiert wurde die Ankündigung von der Unterzeichnung eines Kooperationsvertrags im Rahmen des Programms H2Uppp. Das vom Bundeswirtschaftsministerium finanzierte Förderprogramm unterstützt Public-Private-Partnerships für grünen Wasserstoff in Entwicklungs- und Schwellenländern. Der Schwerpunkt liegt dabei aktuell auf Brasilien.
Umgesetzt wird es von der GIZ, kofinanziert durch die EU-Initiative Global Gateway. Unter dem Dach von H2Uppp laufen bereits mehrere deutsch-brasilianische Pilotprojekte, darunter Vorhaben von Wilo, Messer Cutting Systems, dem TÜV Rheinland und SAP. Anfang 2026 hatte die GIZ zudem einen eigenen Call for Proposals mit explizitem Brasilien-Fokus ausgeschrieben.
Was die deutschen Konzerne beitragen könnten
Die Pressemitteilung nennt bekannte deutsche Unternehmen als „Industriepartner“, ohne ihre Rollen im Detail aufzuschlüsseln. Aus den Firmenprofilen und bisherigen Beteiligung lässt sich aber ableiten, wer wofür infrage kommt:
- Thyssenkrupp Uhde ist der wahrscheinlichste Kandidat für die Prozesstechnik der Derivate-Produktion. Der Dortmunder Anlagenbauer hat seit den 1950er Jahren weltweit über 130 Ammoniakanlagen errichtet und gehört zu den führenden Lizenzgebern für Ammoniak-, Methanol- und Harnstoffsynthese – exakt die drei Produkte, die in Morro Pintado entstehen sollen. Auch im Importwesen ist Uhde aktiv: Gemeinsam mit Uniper hat das Unternehmen im November einen Rahmenvertrag über bis zu sechs kommerzielle Ammoniak-Cracker geschlossen, mit denen importiertes Ammoniak in Europa wieder in Wasserstoff aufgespalten werden soll. Zudem ist der Thyssenkrupp Konzern schon fest im brasilianischen Markt verankert: Lula zeigte sich in Hannover interessiert an vier Fregatten von Thyssenkrupp Marine Systems, zusätzlich zu den vier bereits im Bau befindlichen.
- Siemens könnte die Netzanbindung, Steuerungstechnik oder Automatisierung des Komplexes übernehmen. Die Elektronik und Digitalisierung der Anlagen wäre ein klassisches Einsatzfeld für den Technologiekonzern bei Großprojekten dieser Art.
- Die Deutsche Bahn soll laut der Pressemitteilung eine Rolle in der „europäischen Logistikstruktur“ spielen. Gemeint ist vermutlich der Transport der erzeugten Derivate nach ihrer Ankunft in europäischen Häfen.
Konkrete Auftragswerte oder Lieferverträge wurden für keines der Unternehmen genannt.
Warum Brasilien?
Brasilien gehört zu den attraktivsten Standorten weltweit für die Produktion von grünem Wasserstoff. Der Energiemix des Landes besteht zu rund 85 % aus erneuerbaren Quellen – vor allem Wasserkraft, zunehmend aber auch Wind und Solar. Im Nordosten, wo Morro Pintado entstehen soll, ergänzen sich Wind- und Solarressourcen besonders gut: Konstante Passatwinde und starke Sonneneinstrahlung ermöglichen hohe Volllaststunden. Das schlägt sich in den Kosten nieder: McKinsey bezifferte die möglichen Produktionskosten für grünen Wasserstoff in Brasilien 2021 auf rund 1,50 US-Dollar pro kg bis 2030.
Die brasilianische Regierung flankiert den Aufbau mit dem Nationalen Wasserstoffprogramm (PNH2) und einem Gesetzentwurf für Steueranreize. Für das Projekt Morro Pintado kommt ein weiterer Faktor hinzu: Brasilien importiert einen Großteil seiner Düngemittel, wobei rund ein Drittel des Harnstoffs aus dem Nahen Osten stammen. Die Harnstoffproduktion in Morro Pintado könnte einen signifikanten Teil des nationalen Bedarfs decken und das Land so unabhängiger von Importen über die Straße von Hormus machen. Das dürfte dem Projekt gerade jetzt innenpolitische Unterstützung sichern.
Überhaupt spielt geopolitische Kontext eine Rolle: In einer Zeit, in der sich die Weltordnung „grundlegend verändert“, wie Merz in Hannover sagte, positioniert sich Brasilien als strategischer Partner für eine Diversifizierung der Lieferketten. Die Kooperation bei kritischen Rohstoffen soll riskante Abhängigkeiten verringern.
Einordnung: Große Versprechen, offene Fragen
Die Ankündigung auf der Hannover Messe ist eindrucksvoll. Doch bei genauerem Hinsehen bleiben zentrale Fragen offen.
- Die beiden Investoren – Brazil Green Energy und Green Investors – sind bislang kaum öffentlich in Erscheinung getreten. Über ihre Kapitalbasis, ihren Track Record oder bestehende Projekte lässt sich wenig finden.
- Eine finale Investitionsentscheidung und der Zeitplan stehen noch aus. Die deutschen Konzerne sind als Technologiepartner gelistet, und nicht als Investoren. Ihre Beteiligung wird also davon abhängen, ob das Projekt tatsächlich finanziert wird.
Sollte Morro Pintado realisiert werden, wäre es für thyssenkrupp Uhde und Co. das nächste Großprojekt in einer wachsenden Pipeline – und für Deutschland eine weitere potenzielle Importquelle für grünen Wasserstoff und seine Derivate. Übrigens ist Brasilien nicht das einzige südamerikanische Land, das grüne Wasserstoffderivate exportieren will: Auch in Chile und Uruguay gibt es Projekte für die Produktion von E-Methanol, das als Schiffskraftstoff nach Europa exportiert werden soll.
Die Ankündigung wirkt also aus mehreren Gründen plausibel und weckt Hoffnungen für günstigere Wasserstoffpreise und neue Absatzchancen für deutsche Unternehmen. Doch bis das Projekt konkret wird, dürften noch einige Monate ins Land ziehen.
(Mit Material der dpa)
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