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Was Jobangst mit unserem Gehirn macht

13. Januar 2026

Eine Frau ist im seitlichen Profil zu sehen. Ihre Haare sind zusammengesteckt und über ihrem Kopf leuchten Zahnräder. Sie hält einen Stift an ihr Kinn.
Jobangst aktiviert den Überlebensmodus. Warum Re-skilling nur mit kontrolliertem Stress gelingt. Foto: denisismagilov/Smarterpix
Kündigungen wirken nicht nur ökonomisch, sondern neurobiologisch. In Zeiten beruflicher Unsicherheit übernimmt im Gehirn die Amygdala – der Gefahrenmelder. Der Körper geht in den Überlebensmodus: Erstarren, Rückzug, Blockade. Re-skilling scheitert dann nicht am fehlenden Willen, sondern an fehlender innerer Sicherheit.
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Inhaltsverzeichnis

Eine Nachricht jagt die nächste: Kündigungen bei der Konkurrenz, Kündigungen in der gesamten Branche. Auch intern sind bereits die ersten Kolleginnen und Kollegen entlassen worden. Man fängt an sich Gedanken zu machen: Ist mein Job noch sicher?

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In einer solchen Situation ist es nicht verwunderlich, wenn man anfängt an den eigenen Skills zu zweifeln und zu hinterfragen, ob die eigene Tätigkeit zukunftsfähig ist. Man realisiert plötzlich, dass die eigenen Skills nicht mehr ausreichen, bekommt Angst abgehängt zu werden. Vor allem, wenn man sich die Arbeitswelt anschaut, die sich aktuell stetig verändert. Genau hier kommt das Thema Re-skilling ins Spiel.

Gehirn = Gefahrenmelder?

Gabriele Stoll, Agrarwissenschaftlerin und Karrierecoach bei FEMCareer mit neurobiologischem Schwerpunkt, beschreibt es wie folgt: „In unserem Gehirn sind Erfahrungen als somatische Marker gespeichert, also emotionale Spuren, die in Bruchteilen von Sekunden bewerten: Risiko oder Chance?“

In Risikosituationen, dazu zählen auch Szenarien, in denen wir unsicher sind, übernimmt die Amygdala, der Gefahrenmelder des Gehirns. Diese schickt den Körper in eine Art Freeze: Die Körperspannung steigt, der Blick verengt sich, die Sprache ist blockiert. Besonders häufig kann diese Reaktion in Zeiten der Ungewissheit vorkommen, wenn man sich beispielsweise fragt, ob der eigene Job noch Zukunft hat oder Menschen mit gleicher Berufserfahrung entlassen werden.

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Gehirn braucht Sicherheit

Julia Augstein, Volljuristin, Personalmanagement-Ökonomin und ebenfalls Neuroexpertin, erklärt:

Gerade in Zeiten von Transformation, in denen Vertrautes wegbricht und der eigene Job in Gefahr ist, wird dieser Mechanismus besonders stark aktiviert. Damit man nicht vor lauter Panik im Nichtstun versinkt und es schafft, Lösungen zu finden, beispielsweise in Form von Re-skilling, muss man sich zunächst Sicherheit schaffen.

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Erst wenn das Gehirn sich sicher fühlt, kann man sich dafür öffnen, Neues zu erlernen. Das heißt im Klartext: Bevor man sich neue Fähigkeiten aneignet, um zukunftsfähig zu bleiben, muss man lernen, die eigenen Emotionen unter Kontrolle zu bekommen.

Gehirn kann trainiert werden

Das Geniale dabei: Diese Zustände sind Momentaufnahmen für den Körper. Man kann es aber trainieren und sich vor allem eins vor Augen halten, sowohl als Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer als auch Arbeitgeberin und Arbeitgeber: Arbeitskultur entsteht nur durch die Summe individueller Verhaltensweisen. Ohne Selbstwahrnehmung kann keine Kulturveränderung stattfinden.

„Es ist so ein Henne-und-Ei-Thema. Wer muss zuerst in Vorleistung gehen, die Arbeitskultur oder das Individuum? Letztendlich geht aber alles über das Individuum“, erklärt Gabriele Stoll. Unser Körper sei dabei das Entscheidende – ein Neuroökosystem. Reaktionen und Emotionen seien keine singulären Faktoren, stattdessen seien alle Abläufe in unserem Gehirn miteinander vernetzt und der Körper bilde eine Einheit.

Ständiger Tätigkeitenwechsel kritisch für Gehirn

Bevor man anfängt, zu handeln, geht es also zunächst darum, sich bewusst zu werden, was im eigenen Umfeld passiert. Als besonders kritisch bewertet Stoll daher den ständigen Wechsel der eigenen Tätigkeit. Das führt nämlich am meisten dazu, das Gehirn in eine Stresssituation zu versetzen und diese Freeze-Reaktionen hervorzurufen.

Doch auch das Thema Re-skilling kann zusätzlichen Stress im Körper verursachen. „Viele Menschen empfinden zunächst Angst und Unsicherheit, weil sie spüren, dass ihre Position oder ihr Status in Bewegung geraten. Um diese Emotionen nutzbar zu machen, ist der erste Schritt, sie überhaupt wahrzunehmen“, erläutert Julia Augstein. Im Fall des Re-skillings wird man aus der gewohnten Umgebung gerissen und muss sich neue Fähigkeiten aneignen und sich weiterbilden.

In der Neurobiologie spricht man von sogenannten Switch Costs für das Gehirn. Wenn man einer Tätigkeit nachgeht, beispielsweise gerade an einer Projektskizze arbeitet und immer wieder durch Anrufe oder Gespräche abgelenkt wird, braucht das Gehirn eine kurze Weile, um sich wieder in diese ursprüngliche Tätigkeit hineinbegeben zu können. Bei ständiger Wiederholung akkumuliert sich das und es werden deutlich mehr Gehirnressourcen in Anspruch genommen. „Ich glaube gerade jetzt, wo alles so intensiv ist und auch immer intensiver wird, sollte man solche Dinge nicht unterschätzen. Wenn man kreativen Output haben möchte, muss man abwägen, wo die eigenen Kapazitäten sind“, erläutert Stoll.

Prioritäten setzen

Um die eigenen Grenzen kennenzulernen, ist es wichtig zu entscheiden, welche Aufgaben Priorität haben und welchem Kollegen man fürs gemeinsame Kaffeetrinken absagen könnte. Stoll spricht hier von sogenannter Neuroresilienz:

Powercodes für mehr Neuroresilienz

In ihrem FEMCareer-Coaching arbeitet Gabriele Stoll mit sogenannten Powercodes, ein Konzept, das sie eigenständig entwickelt hat. Die Powercodes seien dabei Guidelines für die eigene Entwicklung, die man sich aneignen könne, wenn man seine eigene Neuroresilienz trainieren möchte. Gabrielle Stoll legt hier nahe, dass die Codes selbst kein Wunderheilmittel für den Umgang mit Transformation in der eigenen Karriere seien, aber durchaus helfen können, eine neue Perspektive zu gewinnen und die eigenen Skills zu schulen. Folgende Beispiele führt sie im Gespräch mit VDI nachrichten an:

  • The Neuro Ecosystem: Man versteht das eigene Nervensystem, die Affektlogik und die innere Sicherheit. Wenn man lernt, das eigene Nervensystem zu verstehen, kann man die eigenen Reaktionsmuster bewusst steuern, statt sich von ihnen steuern zu lassen.
  • The Aligned Connector: Man schafft Kohärenz zwischen dem Inneren und der Außenwelt. Man lernt, das eigene Selbstbild souverän nach außen zu kommunizieren. Man entscheidet selbst, welche Informationen und Ressourcen für das eigene Wohlbefinden relevant sind.
  • The Skills Outperformer: Man erkennt und verstärkt Skills, die den eigenen intrinsischen Stärken entsprechen. Man kombiniert diese mit zukunftsrelevanten Branchenkompetenzen und entwickelt so notwendige Niche Skills. So entwickelt man eine persönliche Expertise. Diese ist besonders relevant für den Fall des Re-skillings, wenn man sich neue Fähigkeiten aneignen oder bekannte weiterentwickeln muss, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Veränderung nicht als Bedrohung wahrnehmen

Wichtig ist auch, die ganz eigene, klare berufliche Identität zu entwickeln, mit der man neugierig und begeistert an neue Themen oder gegebenenfalls Berufsfelder herantritt und diese auch nach außen kommuniziert. Stoll betont auch, wie wichtig es für das eigene Berufsleben ist, sich ein individuelles berufliches Netzwerk aufzubauen. Hier sollte man die Initiative ergreifen und Menschen kennenlernen, die sich für das eigene Thema begeistern und Wertvolles dazu beisteuern können.

Wenn man beispielsweise Initiative zeigt bei der beruflichen Weiterbildung, kann sich das durchaus positiv auf das Gehirn auswirken. „Eine positive Lernhaltung entsteht idealerweise früh. Lernen, das mit positiven Emotionen verknüpft ist, aktiviert Dopamin und festigt Wissen langfristig im Gehirn. Auch Erwachsene können diese Haltung wieder aufbauen: durch Coaching, kleine Erfolgserlebnisse und das Bewusstmachen eigener Glaubenssätze, zum Beispiel: ‚Ich kann lernen, ich kann mich weiterentwickeln.‘ Wer Selbstwirksamkeit erfährt, erlebt Re-skilling nicht als Bedrohung, sondern als Entwicklung“, erörtert auch Julia Augstein.

Umgang mit Stress als Schlüssel

Stress im Beruf und im Arbeitsalltag ist gewöhnlich und nicht wegzudenken. Sei es im Büro, mit Kollegen oder beim Gedanken an die eigene Jobsicherheit. Was man allerdings erlernen kann, ist der Umgang mit diesem. Man kann sich aneignen, mit stressigen Situationen umzugehen und das eigene Neuroökosystem so zu schulen, dass einem nicht jede Stresssituation wie das Ende der Welt vorkommt.

In Zeiten, in denen Re-skilling – und damit der Wunsch nach Weiterbildung und Veränderung – an Bedeutung gewinnt und man als Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer flexibler werden muss, ist es wichtig, die eigenen Grenzen und die Umgebung kennenzulernen und zu eruieren, wie man am besten mit solchen Szenarien umzugehen hat. Das Schulen der eigenen Kompetenzen und das Weiterentwickeln dieser können im Endeffekt positiv für das eigene Gehirn sein – und neue Wege oder eben Umwege für die eigene Karriere ermöglichen.



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