Roboterarm statt Fahrer: So will VW Rollstühle im autonomen Shuttle sichern
Ohne Fahrer und ohne Begleitperson: VW zeigt ein autonomes Rollstuhl-Shuttle mit Lift und Roboterarm zur automatischen Sicherung.
Volkswagen Nutzfahrzeuge zeigt auf der Rehacare 2026 ein 1:1-Funktionsmodell seines Konzepts „Autonomous Wheelchair Mobility“. Es soll Rollstuhlfahrenden künftig die Nutzung eines autonomen Shuttles ohne Fahrer oder Begleitperson ermöglichen.
Foto: Volkswagen Nutzfahrzeuge
Ein autonomes Shuttle kann selbst lenken, bremsen und die Route zum Ziel finden. Für einen fahrerlosen Rollstuhltransport reicht das nicht. Auch Einstieg, Positionierung und Sicherung müssen ohne Hilfe funktionieren.
Volkswagen Nutzfahrzeuge zeigt nun, wie das gelöst werden könnte. Auf der Rehacare 2026 in Düsseldorf hat das Unternehmen ein 1:1-Funktionsmodell von „Autonomous Wheelchair Mobility“ vorgestellt. Ziel ist ein Mobilitätsdienst, den Menschen im Rollstuhl selbstständig nutzen können – ohne Fahrer und ohne Begleitperson. Noch befindet sich das System in der Entwicklung. Volkswagen sammelte auf der Messe gezielt Rückmeldungen von Rollstuhlfahrenden.
Inhaltsverzeichnis
- Das Shuttle kommt nach der Buchung zum Abholort
- Ein Roboterarm soll den Rollstuhl fixieren
- Für Rollstühle im Auto gelten eigene Anforderungen
- Das Fahrzeug ist als Ridepooling-Shuttle gedacht
- Steckt der ID. Buzz AD dahinter?
- 2025 galt Barrierefreiheit noch als Schwachpunkt
- Noch sind wichtige Fragen offen
Das Shuttle kommt nach der Buchung zum Abholort
Die Fahrt beginnt mit einer App. Darüber bestellt der Fahrgast ein Fahrzeug und gibt sein Ziel an. Das Shuttle fährt anschließend zum vereinbarten Abholpunkt. Dort soll es den Vornamen des Fahrgasts auf den Bürgersteig projizieren. Die Schiebetür öffnet sich, aus der Projektion wird eine beleuchtete Warnfläche. Anschließend fährt ein Lift aus dem Sandwichboden des Fahrzeugs heraus.
Der Fahrgast fährt mit seinem Rollstuhl auf die Plattform und löst den Hubvorgang selbst über die App aus. Im Innenraum bewegt er sich auf den vorgesehenen Stellplatz. Auch die folgenden Schritte sollen ohne Unterstützung durch eine zweite Person funktionieren.
Ein Roboterarm soll den Rollstuhl fixieren
Der Lift ist nur ein Teil der Aufgabe. Schwieriger wird es bei der Sicherung während der Fahrt. Bei klassischen Fahrdiensten übernimmt das häufig der Fahrer oder eine Begleitperson. In einem fahrerlosen Shuttle muss das Fahrzeug selbst feststellen, ob der Rollstuhl richtig steht und ausreichend gesichert ist.
Volkswagen plant dafür ein automatisches Gurtsystem. Nach Angaben des Unternehmens soll ein Roboterarm am Fahrzeugboden Gurte am Rollstuhl anbringen und ihn gegen Vor- und Zurückrollen sichern. Gleichzeitig wird auch der Fahrgast angeschnallt.
Gerade diese Aufgabe ist technisch anspruchsvoll. Rollstühle unterscheiden sich stark in Konstruktion, Gewicht und Abmessungen. Zwischen einem leichten Aktivrollstuhl und einem schweren elektrischen Modell können erhebliche Unterschiede bestehen.
Volkswagen spricht sogar von einem Sicherungssystem für „alle Rollstuhltypen“. Wie weit diese Aussage technisch reicht, lässt sich anhand der bisher veröffentlichten Angaben jedoch noch nicht beurteilen. Offen bleibt etwa, wo die Gurte am Rollstuhl angreifen, ob bestimmte Befestigungspunkte erforderlich sind oder wie das System unterschiedliche Bauformen erkennt.
Für Rollstühle im Auto gelten eigene Anforderungen
Ein Rollstuhl, in dem ein Mensch während der Fahrt sitzen bleibt, muss andere Anforderungen erfüllen als ein Rollstuhl, der lediglich zusammengeklappt im Kofferraum liegt. Die internationale Norm ISO 7176-19:2022 enthält Prüfverfahren und Anforderungen für Rollstühle, die als Sitz in Kraftfahrzeugen verwendet werden. Sie gilt für manuelle und elektrische Rollstühle sowie Scooter.
Daneben behandelt die ISO 10542-1 sogenannte Wheelchair Tiedown and Occupant-Restraint Systems. Damit sind Systeme gemeint, die sowohl den Rollstuhl als auch die darin sitzende Person im Fahrzeug sichern. Die Norm legt unter anderem Anforderungen und Prüfverfahren für solche Rückhaltesysteme fest. Welche Standards Volkswagen bei seinem automatischen Sicherungssystem zugrunde legt und wie die Crashsicherheit nachgewiesen werden soll, geht aus den bisher veröffentlichten Angaben nicht hervor.

Das Fahrzeug ist als Ridepooling-Shuttle gedacht
Das Konzept entspricht nicht einem klassischen Taxi, das einen einzelnen Fahrgast direkt zum Ziel bringt. Volkswagen plant einen Ridepooling-Dienst. Dabei können mehrere Buchungen mit ähnlichen Strecken zu einer gemeinsamen Fahrt kombiniert werden. Die Software ermittelt eine Route, auf der mehrere Fahrgäste aufgenommen und abgesetzt werden. Neben dem Rollstuhlplatz sieht das vorgestellte Fahrzeug drei weitere Einzelsitze vor.
Volkswagen nennt als mögliche Ziele beispielsweise Arztpraxen, Geschäfte, Kinos oder Theater. Das Konzept ist damit vor allem für Fahrten innerhalb von Städten gedacht. Wann daraus ein kommerzieller Dienst werden könnte, sagt der Hersteller noch nicht. Auch konkrete Einsatzorte oder Preise nennt Volkswagen bislang nicht.
Steckt der ID. Buzz AD dahinter?
Naheliegend ist eine Verbindung zum autonomen ID. Buzz AD, den Volkswagen gemeinsam mit seiner Mobilitätstochter MOIA für fahrerlose Fahrdienste entwickelt. Bestätigt ist diese Verbindung beim jetzt präsentierten Rollstuhlkonzept allerdings nicht. Volkswagen nennt keine konkrete Serienplattform für „Autonomous Wheelchair Mobility“. Deshalb wäre es voreilig, das gezeigte Fahrzeug schlicht als barrierefreien ID. Buzz AD zu bezeichnen.
Der ID. Buzz AD zeigt aber, wie weit VW beim autonomen Fahren bereits ist. Das Fahrzeug nutzt 13 Kameras, neun Lidar- und fünf Radarsensoren zur Umgebungserfassung. Es ist für automatisiertes Fahren auf Level 4 innerhalb eines definierten Einsatzgebiets ausgelegt. ingenieur.de hat den ID. Buzz AD und die noch offenen Hürden für den Einsatz im öffentlichen Nahverkehr bereits ausführlich vorgestellt.
2025 galt Barrierefreiheit noch als Schwachpunkt
Im damaligen ingenieur.de-Beitrag kritisierte Mobilitätsexperte Ricco Kämpfer von P3 die mangelnde Barrierefreiheit des ID. Buzz AD. Für On-Demand-Verkehre und den ÖPNV sei ein barrierefreier Zugang ein Muss.
Das jetzt gezeigte Konzept setzt genau an diesem Problem an. Dabei geht Volkswagen über eine einfache Rampe oder einen Lift hinaus. In einem tatsächlich fahrerlosen Fahrzeug muss die Technik auch Tätigkeiten übernehmen, die heute meist ein Mensch erledigt: den Rollstuhl positionieren, sichern und den korrekten Sitz der Rückhaltesysteme kontrollieren.
Auch andere Entwickler beschäftigen sich mit fahrerlosen Transportsystemen. VDI nachrichten hat verschiedene autonome Verkehrssysteme und deren technische sowie regulatorische Hürden vorgestellt.
Noch sind wichtige Fragen offen
Volkswagen beschreibt den Ablauf des geplanten Dienstes bereits recht genau. Bei der technischen Absicherung bleiben dagegen mehrere Punkte unbeantwortet. So ist bislang nicht bekannt, wie das Fahrzeug erkennt, dass ein Rollstuhl korrekt fixiert wurde. Ebenso offen ist, was geschieht, wenn der Lift oder der Sicherungsmechanismus ausfällt. Auch zu zulässigen Abmessungen und Gewichten der Rollstühle macht Volkswagen noch keine Angaben.
Hinzu kommt die Frage nach Notfällen. Was passiert etwa, wenn ein Fahrgast die App nicht bedienen kann oder während der Fahrt Unterstützung benötigt? Solche Fälle müssen bei einem System ohne Fahrer anders gelöst werden als in einem gewöhnlichen Taxi oder Shuttle. Volkswagen will zunächst die Rückmeldungen aus der Rehacare auswerten und sie in die weitere Entwicklung einfließen lassen.
Quellen
- Volkswagen Nutzfahrzeuge: „Autonomous Wheelchair Mobility“, 29.09.2026
- ISO 10542-1:2012 – Wheelchair tiedown and occupant-restraint systems
- ISO 7176-19:2022 – Wheelchairs for use as seats in motor vehicles
Ein Beitrag von: