Modell macht Schule: Mexico City baut längste Stadtseilbahn der Welt
Stadtseilbahnen werden weltweit Teil des ÖPNV. Was Technik, Kosten und Akzeptanz entscheiden – und warum Mexico City jetzt skaliert.
In Mexico City ist die längste Stadtseilbahn der Welt geplant.
Foto: Doppelmayr
| Das Wichtigste in Kürze |
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Wer regelmäßig in Großstädten unterwegs ist, kennt die Situation. Busse stecken im Stau, Straßenbahnen teilen sich enge Korridore, neue Radwege sorgen für Konflikte. Unterirdisch ließe sich manches lösen, doch U-Bahn-Projekte kosten viel Geld und brauchen oft Jahrzehnte. Genau hier entdecken Städte ein Verkehrsmittel neu, das lange als Speziallösung galt: die urbane Seilbahn.
Der Gedanke dahinter ist erstaunlich pragmatisch. Statt immer neue Trassen auf die Straße zu legen, nutzen Seilbahnen eine zusätzliche Ebene. In Fachpublikationen ist von der „Plus-1-Ebene“ die Rede. Gemeint ist der Luftraum über der Stadt. Dort verlaufen die Strecken unabhängig vom Verkehr darunter. Am Boden bleiben vor allem Stationen und Stützen. Für Städte, die schnell Verbindungen über Autobahnen, Bahntrassen, Flüsse oder steile Hänge brauchen, ist das ein echter Vorteil.
Vom Sonderfall zum festen Baustein im ÖPNV
Dass es sich dabei nicht um ein theoretisches Konzept handelt, zeigen Beispiele aus aller Welt. In Bolivien ist „Mi Teleférico“ seit 2014 fester Bestandteil des Alltags. Das Seilbahnnetz verbindet die Metropolregion La Paz/El Alto und umfasste laut Guinness World Records (Stand 2019) 33 km mit zehn Linien. Täglich nutzen mehrere Hunderttausend Menschen das System, um zur Arbeit, zur Schule oder zu Behörden zu gelangen.
Auch in Kolumbien haben Seilbahnen ihren Platz im Stadtverkehr gefunden. Medellín gilt als frühes Vorbild, weil dort nicht nur Technik gebaut wurde, sondern ganze Stadtviertel mitgedacht wurden. Die Metrocable-Linien sind eng mit Metro, öffentlichen Räumen und sozialer Infrastruktur verzahnt. Bogotá ging 2018 mit „TransMiCable“ einen ähnlichen Weg. Die Anlage erschließt steile, bislang schlecht angebundene Stadtteile und ist vollständig in das bestehende Verkehrssystem integriert. Kapazitäten von rund 3.600 Fahrgästen pro Stunde und Richtung zeigen, dass es hier nicht um Randlösungen geht.
Europa verfolgt meist einen anderen Ansatz. Statt großer Netze entstehen punktuelle Verbindungen, die gezielt Lücken schließen. Toulouse betreibt seit 2022 mit „Téléo“ eine urbane 3S-Seilbahn, die Universitäts- und Klinikstandorte verbindet und dabei schwieriges Gelände überquert. In der Region Paris ging im Dezember 2025 mit „Câble C1“ die erste urbane Seilbahn in Betrieb. Die 4,5 km lange Linie ergänzt Bus und Metro und verbindet mehrere Vororte südöstlich der Hauptstadt.
Mexico City denkt größer
Besonders deutlich zeigt sich der Trend derzeit in Mexiko-Stadt. Die Metropole setzt seit einigen Jahren gezielt auf Seilbahnen als Teil ihres öffentlichen Verkehrs. Bereits bestehende Cablebús-Linien verbinden dicht besiedelte und topografisch schwierige Quartiere direkt mit Metro- und Busknoten. Die Linie 1 erschließt seit 2021 unter anderem das Viertel Cuautepec und führt zu einem der wichtigsten Umsteigepunkte der Stadt, der Metrostation Indios Verdes.
Jetzt folgt der nächste Schritt. Mit der Cablebús Línea 5 plant die Stadt eine Anlage, die neue Maßstäbe setzen soll. Die Strecke wird 15,2 km lang sein und zwölf Stationen umfassen. Vorgesehen sind 462 Kabinen mit einer Beförderungskapazität von rund 3000 Fahrgästen pro Stunde und Richtung. Die Eröffnung ist für 2028 geplant. Die Investitionssumme liegt bei etwa 7,9 Milliarden mexikanischen Pesos, umgerechnet rund 370 Mio. Euro.
Damit würde die Linie 5 zur längsten urbanen Seilbahn der Welt. Gleichzeitig ist sie Teil einer größeren Strategie: Mexiko-Stadt baut Schritt für Schritt eine der umfangreichsten städtischen Seilbahninfrastrukturen weltweit auf.

Karte des Stadtseilbahnnetzes in Mexico City.
Foto: Doppelmayr
Warum Seilbahnen in großen Städten funktionieren
Der Erfolg urbaner Seilbahnen hat wenig mit Aussicht oder touristischem Reiz zu tun. Entscheidend ist ihre Systemlogik.
Seilbahnen fahren kontinuierlich. Gondeln bewegen sich im Umlauf, die Wartezeiten bleiben kurz und gleichmäßig. Im Alltag ist das oft wichtiger als hohe Spitzengeschwindigkeiten. Typisch sind Fahrgeschwindigkeiten um 6 m/s, also rund 21,6 km/h. Ampeln, Kreuzungen oder Staus spielen keine Rolle, die Reisezeit bleibt gut kalkulierbar.
Hinzu kommt der geringe Flächenbedarf. Am Boden benötigen Seilbahnen vor allem Stationen und Stützen. Dazwischen bleibt der Raum frei. Gerade in dicht bebauten Stadtteilen ist das ein entscheidender Vorteil gegenüber schienengebundenen Lösungen.
Auch energetisch haben Seilbahnen Stärken. Sie fahren elektrisch und nutzen einen physikalischen Ausgleich: Abwärts fahrende Kabinen unterstützen die aufwärts fahrenden. Der Antrieb muss vor allem Reibungsverluste und Gewichtsunterschiede ausgleichen. Fachpublikationen nennen Energieverbräuche von etwa 0,1 kWh pro Personenkilometer.
Technik hinter der urbanen Seilbahn
Moderne Stadtseilbahnen sind komplexe Verkehrsanlagen. Für den Einsatz im öffentlichen Verkehr ist vor allem die kuppelbare Gondelbahn entscheidend, meist als Einseilumlaufbahn ausgeführt.
Kuppelbar bedeutet, dass sich die Kabinen in den Stationen vom schnell laufenden Seil lösen. Sie fahren dort langsam durch den Ein- und Ausstiegsbereich und koppeln anschließend wieder an. So lassen sich barrierearme Einstiege realisieren, ohne den Betrieb zu unterbrechen. Das unterscheidet urbane Systeme deutlich von klassischen touristischen Bahnen.
Wo größere Spannfelder, hohe Windstabilität oder sensible Überquerungen gefragt sind, greifen Städte zu sogenannten 3S-Systemen mit zwei Tragseilen und einem Zugseil. Diese Anlagen sind technisch aufwendiger, bieten dafür mehr Laufruhe und größere Reserven bei Wind – abhängig von Auslegung und Genehmigung.
Digitalisierung gehört inzwischen zum Standard. Kabinen sind mit Videoüberwachung, Gegensprechanlagen und Informationssystemen ausgestattet. Für den Betrieb ist das entscheidend, denn öffentlicher Verkehr bedeutet lange Betriebszeiten, viele Fahrgastwechsel und hohe Anforderungen an Sicherheit und Verfügbarkeit.
Akzeptanz bleibt eine Herausforderung
Technisch sind urbane Seilbahnen ausgereift. Schwierigkeiten entstehen meist an anderer Stelle. In vielen westlichen Städten wird der Überflug von Wohngebieten kritisch gesehen. Fragen der Privatsphäre spielen eine große Rolle. Technische Lösungen wie schaltbares Glas können helfen, ersetzen aber nicht die politische und gesellschaftliche Debatte.
Auch der Betrieb verlangt Aufmerksamkeit. Seilbahnen sind weitgehend automatisiert, aber keineswegs wartungsfrei. Seile, Rollen, Klemmen und Stationstechnik müssen regelmäßig geprüft werden. Gleichzeitig erwarten Fahrgäste eine Zuverlässigkeit, wie sie aus dem klassischen ÖPNV bekannt ist.
Entscheidend ist zudem die Einbindung ins Gesamtsystem. Seilbahnen entfalten ihre Wirkung dann, wenn Ticketing, Umstiege und Linienführung passen. Paris’ Câble C1 wird genau deshalb als Ergänzung zu Bus und Metro beschrieben – nicht als isoliertes Projekt.
Ein Satz aus einer Doppelmayr-Broschüre fasst diesen Gedanken gut zusammen. Reinhard Fitz bringt es so auf den Punkt: „Je besser wir uns bewegen, desto besser leben und wachsen wir.“
Die Rekordlinie als Bewährungsprobe
Die Cablebús Línea 5 ist mehr als eine weitere Strecke. Sie ist ein Testfall für die Skalierung urbaner Seilbahnen. Länge, Anzahl der Stationen und die direkte Verknüpfung mit Metro- und Busknoten, etwa in Mixcoac, setzen hohe Erwartungen. Die Linie soll Reisezeiten verkürzen, Quartiere besser anbinden und Emissionen senken.
Ob diese Ziele erreicht werden, entscheidet sich im Detail. Gute Zugänge zu den Stationen, kurze Umsteigewege, verständliche Informationen und ein stabiler Betrieb bei Wind und Wetter sind mindestens so wichtig wie die Technik selbst. Erst dann zeigt sich, ob die Seilbahn dort ankommt, wo Pendlerinnen und Pendler sie im Alltag wirklich brauchen.
FAQ: Urbane Seilbahnen verständlich erklärt
Was genau ist eine urbane Seilbahn?
Eine urbane Seilbahn ist ein seilgezogenes Verkehrssystem, das als Teil des öffentlichen Nahverkehrs betrieben wird. Sie verbindet Stadtteile, indem sie Hindernisse wie Straßen, Gleise oder Flüsse überfliegt und an Bus- oder Metrostationen anschließt.
Warum interessieren sich Städte plötzlich so stark für Seilbahnen?
Weil der Platz am Boden knapp wird. Neue Straßen oder Schienen lassen sich oft nur mit hohem Aufwand bauen. Seilbahnen benötigen am Boden vor allem Stationen und Stützen und können vergleichsweise schnell umgesetzt werden.
Sind Seilbahnen leistungsfähig genug für den Berufsverkehr?
Ja, in vielen Fällen. Moderne Anlagen erreichen mehrere Tausend Fahrgäste pro Stunde und Richtung. Entscheidend sind Kabinengröße, Kabinenabstand und die Leistungsfähigkeit der Stationen.
Wie schnell sind Stadtseilbahnen?
Typische Fahrgeschwindigkeiten liegen bei rund 20 km/h. Das klingt moderat, ist im Alltag aber konkurrenzfähig, weil Ampeln, Staus und Kreuzungen entfallen und die Wartezeiten gleichmäßig kurz bleiben.
Welche Technik steckt hinter dem Begriff „kuppelbare Gondelbahn“?
Die Kabinen lösen sich in den Stationen vom laufenden Seil, fahren dort langsam durch den Ein- und Ausstieg und koppeln anschließend wieder an. So bleibt der Betrieb kontinuierlich, während Fahrgäste bequem und barrierearm ein- und aussteigen können.
Was unterscheidet Einseil- von 3S-Seilbahnen?
Einseilumlaufbahnen sind einfacher und günstiger und daher im urbanen Raum am häufigsten. 3S-Systeme mit zwei Tragseilen und einem Zugseil kommen dort zum Einsatz, wo große Spannweiten, hohe Windstabilität oder sensible Überquerungen nötig sind.
Sind Seilbahnen wetteranfällig?
Wind spielt eine Rolle, aber moderne Anlagen sind auf den urbanen Einsatz ausgelegt. Je nach System und Auslegung können sie auch bei starken Windverhältnissen betrieben werden. Komplett wetterunabhängig sind sie jedoch nicht.
Warum gibt es trotzdem Widerstand gegen Seilbahnprojekte?
Häufig geht es um Akzeptanzfragen. Überfliegende Kabinen können als Eingriff in die Privatsphäre empfunden werden. Auch Sorgen um Lärm, Stadtbild oder Betriebskosten spielen eine Rolle.
Sind Seilbahnen wartungsarm?
Sie sind automatisiert, aber nicht wartungsfrei. Seile, Klemmen, Rollen und Stationstechnik müssen regelmäßig geprüft werden. Der laufende Betrieb erfordert spezialisiertes Personal.
Warum gilt Mexico City als Testfall für urbane Seilbahnen?
Weil die Stadt Seilbahnen nicht nur ergänzend einsetzt, sondern systematisch ausbaut. Mit der geplanten Cablebús Línea 5 wird erstmals gezeigt, ob sich sehr lange Linien mit hoher Kapazität dauerhaft in einen Megastadt-ÖPNV integrieren lassen.
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