Frontalkollision bei Tempo 200 19.01.2026, 20:00 Uhr

Defekter Schienenstoß? Neue Spur im Zugunglück bei Córdoba

Neue Erkenntnisse zum Zugunglück bei Córdoba: Ermittler prüfen einen defekten Schienenübergang als mögliche Ursache.

Zugunglück bei Córdoba

Blick auf die Unglücksstelle: Vorne der Iryo, im Hintergrund der Renfe.

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Manu Fernandez

Das spanische Hochgeschwindigkeitsnetz gilt als robust, modern und gut überwacht. Umso größer ist der Schock nach dem schweren Eisenbahnunglück nahe Adamuz in der Provinz Córdoba. Am Sonntagabend kollidierten dort zwei Hochgeschwindigkeitszüge frontal. Mindestens 40 Menschen kamen ums Leben, mehr als 170 wurden verletzt. Viele davon schwer. Die Ermittlungen richten sich zunehmend auf einen defekten Schienenübergang. Das macht den Unfall aus ingenieurtechnischer Sicht erklärbarer, aber nicht weniger gravierend.


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Was geschah auf der Strecke?

Der Hochgeschwindigkeitszug des privaten Betreibers Iryo war am Sonntagabend von Málaga nach Madrid unterwegs. Gegen 19:40 Uhr entgleisten die beiden letzten Waggons bei etwas mehr als 200 km/h. Die Wagen gerieten in das Nachbargleis. Sekunden später kollidierten sie frontal mit einem entgegenkommenden Hochgeschwindigkeitszug der staatlichen Renfe.

Der Aufprall schleuderte die vorderen Wagen des Renfe-Zuges aus den Schienen. Sie stürzten eine rund vier Meter hohe Böschung hinunter. Unter den Todesopfern ist auch der Lokführer des Renfe-Zuges.

Neue Spur: beschädigter Schienenverbund

Nach aktuellen Untersuchungen haben Ermittler am Unfallort einen defekten Übergang zwischen zwei Schienenabschnitten festgestellt. Solche Übergänge – im Fachjargon rail joints oder Laschenstöße – verbinden einzelne Schienenstücke miteinander. Sie sind mechanisch hoch belastet und gelten als potenzielle Schwachstellen, insbesondere bei hohen Geschwindigkeiten.

An der betroffenen Stelle fanden Fachleute deutliche Verschleißspuren. Offenbar hatte sich zwischen den Schienen eine Lücke gebildet. Trifft ein Zugrad bei Tempo 200 km/h auf einen solchen Versatz, kann es kurzzeitig den Kontakt zur Schiene verlieren. Die Spurführung bricht dann zusammen – eine Entgleisung wird wahrscheinlich.

Warum das so kritisch ist

Im Hochgeschwindigkeitsverkehr wirken enorme Kräfte. Schon geringe geometrische Abweichungen im Gleis können fatale Folgen haben. Normalerweise sind Schienenübergänge streng überwacht. Im spanischen Netz kommen allerdings – anders als bei durchgehend verschweißten Schienen – noch punktuell solche Verbundstellen zum Einsatz, etwa in Bereichen mit Weichen oder bei nachträglichen Reparaturen.

Gerade dort steigt das Risiko. Denn Weichen, Schienenstoß und Signaltechnik müssen perfekt zusammenspielen. Versagt ein Bauteil, reicht die Zeit nicht mehr, um zu reagieren.

Menschliches Versagen gilt als ausgeschlossen

Die Behörden betonen inzwischen deutlich, dass menschliches Versagen als Unfallursache nicht plausibel ist. Beide Züge fuhren innerhalb der zulässigen Höchstgeschwindigkeit. Auf dem Abschnitt waren maximal 250 km/h erlaubt. Die tatsächliche Geschwindigkeit lag bei gut 200 km/h.

Selbst wenn die Lokführenden die Entgleisung wahrgenommen hätten, wäre eine Reaktion kaum möglich gewesen. Zwischen Entgleisen und Kollision vergingen laut Ermittlungen nur etwa 20 Sekunden. Bei diesen Geschwindigkeiten sind Bremswege extrem lang.

Rettungskräfte und Hinterbliebene

Rettungskräfte und Hinterbliebene im Bahnhof von Huelva.

Foto: picture alliance / abaca | Europa Press/ABACA

Infrastruktur kurz zuvor saniert – ein Widerspruch

Besonders brisant: Der Streckenabschnitt war erst im Mai 2025 umfassend erneuert worden. Rund 700 Millionen Euro flossen in Gleise, Weichen und Leit- und Sicherungstechnik. Verkehrsminister Óscar Puente sprach deshalb von einem „äußerst ungewöhnlichen Unfall“. Ein gerader Streckenverlauf, moderne Züge, erneuerte Infrastruktur – eigentlich spricht alles gegen ein solches Szenario.

Doch genau hier setzen die Ermittlungen an. Es wird geprüft, ob der betroffene Schienenverbund Teil der Sanierung war oder ob es sich um eine ältere Komponente handelte, die nicht ersetzt wurde. Auch mögliche frühere Warnhinweise aus Wartungsprotokollen stehen im Fokus.

Hinweise auf länger bekannte Probleme

Nach Medienberichten hatten Gewerkschaften im Bahnsektor bereits vor Monaten auf Abnutzungserscheinungen an Gleisen und erhöhte Belastungen im Hochgeschwindigkeitsnetz hingewiesen. Diese Hinweise fließen nun in die Untersuchung ein. Sollte sich bestätigen, dass bekannte Schwachstellen nicht konsequent beseitigt wurden, hätte das politische und technische Konsequenzen.

Schwierige Rettung im unwegsamen Gelände

Die Rettungskräfte arbeiteten unter extremen Bedingungen. Das Gebiet nahe Adamuz ist schwer zugänglich. Feuerwehrleute mussten deformierte Waggons aufschneiden, um Eingeklemmte zu befreien. „Die Lage an der Unglücksstelle ist sehr ernst“, sagte der andalusische Gesundheitsminister Antonio Sanz. Viele Reisende waren stundenlang eingeschlossen.

Augenzeugen schilderten chaotische Szenen. Eine Überlebende sagte im Fernsehen: „Es gab eine Vollbremsung, es wurde stockdunkel. Menschen und Gepäck flogen durch die Luft, es gab Schreie, weinende Kinder, Blut.“

Iryo Hochgeschwindigkeitszug

Ein Iryo Hochgeschwindigkeitszug im Bahnhof von Madrid. Eigentlich gelten die Züge als sicher, jetzt ist einer aus noch unbekannten Gründen entgleist.

Foto: picture alliance/dpa | Jan Woitas

Einordnung: Hochgeschwindigkeit verzeiht keine Fehler

Der Unfall zeigt ein bekanntes Dilemma moderner Bahntechnik. Hochgeschwindigkeitszüge gelten als sicher. Statistisch stimmt das. Doch sie reagieren extrem empfindlich auf Infrastrukturfehler. Ein defekter Schienenstoß, der bei Regionalzügen vielleicht unauffällig bleibt, kann bei 200 km/h zur Katastrophe führen.

Die offizielle Untersuchung durch die staatliche Unfallkommission wird Monate dauern. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez kündigte an, man werde „die Wahrheit über die Ursache ans Licht bringen“. Bis dahin bleibt der Bahnverkehr zwischen Madrid und Andalusien unterbrochen.

 

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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