Klimaökonomie 28.08.2026, 14:00 Uhr

Was uns der Klimawandel kostet – und wie man das berechnet

Wie Klimaökonomen die Kosten des Klimawandels berechnen, warum Prognosen unsicher bleiben und der Welthandel Schäden verstärken kann.

Baustellenverkehrsschild, hineinmontiert in den symbolischen Erdhaufen ist der Schriftzug "Hitzeschutz"

Symbolbild: Auf einem Baustellenverkehrsschild befindet sich der Schriftzug Hitzeschutz, eine Bildmontage.

Foto: ©{M} picture alliance / ZB / Sascha Steinach

Da werden große Zahlen aufgerufen: 36 Mrd. € würde die deutsche Wirtschaft der vergangene heiße und trockene Sommer kosten. Mindestens, sagt die Umweltorganisation Greenpeace Anfang dieser Woche (24. August 2026). Ernteausfälle, Waldbrände und Gesundheitskosten sowie Produktivitätsverluste und Bildungskosten sorgen für enorme Schäden, so viel wird klar. Das entspreche 0,8 % bis 0,9 % der deutschen Wirtschaftsleistung, teilte die Naturschutzorganisation laut dpa-Bericht mit.

Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen all derer, denen die Klimapolitik der jetzigen Bundesregierung zu verhalten ist. „Die Zahlen sind unmissverständlich: Ein Weiter-so können wir uns schlicht nicht mehr leisten“, sagte Greenpeace-Finanzexperte Mauricio Vargas. Die Berechnungen seien „eine Schätzung“, so Greenpeace, die „wahren Kosten“ seien wesentlich höher. Nur: Wie berechnet man diese „Kosten“, und was daran ist jeweils „wahr“? Und: Wie aussagefähig sind die Ergebnisse der entsprechenden Berechnungen? Zwei Experten und eine Expertin hatte das Science Media Center in Köln eingeladen, das zu erläutern – mit erhellenden Ergebnissen.

Was wir heute schon als Folge eines extremen Wetterereignisses berechnen können

Die Studie von Greenpeace hat ein extremes Wetterereignis herausgenommen: die Hitze- und Dürreperiode in Deutschland in diesem Sommer 2026. Es geht also um ein dezidiertes Ereignis. Verglichen werden soll dieses Ereignis mit dem üblichen normalerweise zu erwartenden Wetter im Sommer. Und das nicht weltweit, sondern in einer begrenzten Region, hier Deutschland.

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„Es gibt nicht die eine Methode, die uns am Ende eine zweifelsfrei richtige Zahl für die Gesamtkosten des Klimawandels ausspuckt“, erklärt Maximilian Auffhammer, Professor für Agrar- und Ressourcenökonomik sowie Politische Ökonomie an der University of California in Berkeley, USA. Wohl aber gebe es für eine ganze Reihe einzelner Schadenskanäle ziemlich gute, kausale „Dosis-Wirkungsbeziehungen“. Die führten in einem ersten Schritt der Berechnungen inzwischen zu „relativ überzeugenden“ Ergebissen. Die Dosis sei zum Beispiel eine Änderung der Temperatur oder des Niederschlags oder eine Flut. Dies wirke sich dann aus auf:

  • den Energieverbrauch,
  • die Sterblichkeitsrate,
  • Schäden an der Infrastruktur,
  • Auswirkungen auf die Arbeitsproduktivität,
  • oder die Erntemenge, aktuell zum Beispiel die von Kartoffeln oder Weizen.

Laut dem aus Franken stammenden Auffhammer hätten die letzten 20 Jahren große Fortschritte bei der Berechungsmethodik gebracht. Basis sei die Verarbeitung von Big-Data-Datensätzen. Man frage: „Was passiert mit einem wirtschaftlich relevanten Ergebnis, wenn sich das Wetter verändert?“ Methodisch würden Wettervariationen an einem Ort über die Zeit genutzt. Bei dieser sogenannten Panel-Methodik werde also das Wetter zum Beispiel in Hamburg in mehreren Jahren mit sich selber verglichen. So würden sich andere Unterschiede herausrechnen lassen und man könne sich „wirklich auf den Effekt des Wetters konzentrieren“.

Warum der Schritt von Schäden durch Wetterereignisse hin zu Schäden durch Klimawandel so schwierig ist

Insofern kann eine Studie, auch wenn Sie auf ersten Schätzungen basiert, wie Greenpeace sie vorstellte, durchaus recht valide Zahlen ergeben. „Die Forschung ist heute wirklich unglaublich viel besser geworden, Mechanismen, Richtung und Verteilung von Schäden zu messen“, lobt Auffhammer. „Aber die genaue Zahl, wie viel Euro oder Dollar oder Yen uns der Klimawandel jetzt global über die nächsten 300 Jahre kostet – das ist schwierig zu berechnen.“

Das Problem steckt im Unterschied zwischen Wetter und Klima. Wenn die Klimaökonomen konkrete Wetterlagen historisch an einem Ort vergleichen, dann kennen sie recht konkret die Dosis und können die Auswirkungen konkrete dazu in Beziehung setzen. Das funktioniert beim Klima von morgen nicht so einfach, stellt die doch eine zukünftig zu erwartenden Wetterverteilung dar. Menschen verhalten sich gegenüber konkretem Wetter – einerseits. Andererseits preisen wir als Menschen auch ein, wenn Wetter sich erwartbar längerfristig ändert. Das hat wirtschaftliche Folgen, die in solche Berechnungen einfließen müssen.

Auffhammer erklärt das Problem für die Klimaökonomen an einem Beispiel: „Wenn es in München in den 70er Jahren heiß war, ist man in Englischen Garten gegangen, hat ein Eis gegessen, hat sich beschwert, wie heiß es draußen ist und ist dann wieder nach Hause gegangen. Wenn der Sommer heutzutage heiß ist, und es praktisch 20, 30 heiße Tage im Sommer gibt, überlegen sich manche Leute, je nachdem, wie viel Geld sie haben und in was für einem Haus zu wohnen, ob man sich vielleicht auch eine Klimaanlage einbaut oder andere sogenannte Adaptation-Prozesse in Gang setzt.“

Diese Anpassung passiere nicht nur als konkrete Reaktion auf ein einziges Extremwetterereignis – auch wenn solch ein Ereignis solche Anpassungen triggern kann. „Firmen ändern Produktionsprozesse, Landwirte wechseln Kulturen, Städte bauen Infrastruktur um, Menschen ziehen um, Preise und Handelsströmungen ändern sich“, so Auffhammer. All das koste Geld. Wer die Anpassungskosten vergisst, unterschätze die wahren gesellschaftlichen Kosten des Klimawandels.

Der Schmetterlingseffekt in der Klimaökonomie

Hin zu kommt, dass das Klima als globales Phänomen die verschiedensten Teile der Welt miteinander verknüpft. Es ist wie eine Art Schmetterlingeffekt. „Wenn Deutschland einen milden Sommer hat, aber gleichzeitig Ernten in mehreren Exportländern ausfallen oder Lieferketten gestört werden, kann Deutschland trotzdem einen ökonomischen Schaden durch dieses internationale Netz der Wirtschaft haben“, macht Auffhammer deutlich.

De facto stehen die Klimaökonomen also vor der Quadratur des Kreises. Denn irgendetwas fehlt ihnen bislang immer, wenn sie möglichst großräumig und weit in die Zukunft hinein eine belastbare Aussage treffen wollen. Auffhammer spricht von einem Trilemma. Um ein perfektes Modell zu bauen, müsste die Forschung drei Dinge gleichzeitig erfüllen:

  • Saubere kausale Zusammenhänge auf Basis realer Daten.
  • Möglichst wenige restriktive Modellannahmen (die in der Ökonomie realitätsfern sein können, wie Auffhammer bekennt).
  • Eine globale, langfristige Abdeckung über die nächsten 100 Jahre, die dauerhafte Klimaänderungen realistisch abbildet.

Dumm nur: Die aktuellen Methoden geben das nicht her.

Wo sich Klimaökonomie und Klimaforschung beißen

Klimaökonomen wie Maximilian Auffhammer können nicht ohne die Klimaforschung, setzen ihre Berechnungen doch auf den Ergebnissen von Klimamodellen auf. Beide Disziplinen müssen miteinander sprechen, haben aber verschiedene Ansätze. Wo beide sich eng berühren, ist die sogenannte Attributionsforschung. Die beschäftigt sich damit (immer im Nachhinein), wie sich Wetterereignisse – also zum Beispiel die Hitze- und Dürreperiode dieses Sommers in Deutschland – mehr oder weniger eindeutig dem Klimawandel zuordnen lassen. Vereinfacht gesagt geht es um die Frage: Ist der Klimawandel schuld? Wenn ja, wie viel?

„Die Idee ist, dass man dann schaut, zum Beispiel mit Klimamodelle oder Beobachtungen, wie die Verteilung für gewisse Extremereignisse ist in einer Welt, in welcher wir keine Treibhausgasemissionen von Menschen gehabt hätten“, erklärt Sonia I. Seneviratne, Leiterin des Instituts für Atmosphäre und Klima (IAC) im Department Umweltsystemwissenschaften an der Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ). Dann würde geschaut, wie wahrscheinlich das Ereignis gewesen wäre. „Und dann vergleichen wir diese Wahrscheinlichkeit mit der Wahrscheinlichkeit in der heutigen Welt.“

Während die physikalische Zuordnung bei Hitzewellen und extremen Niederschlägen mittlerweile extrem robust ist, ist sie bei komplexeren Ereignissen wie Überschwemmungen immer noch unschärfer. Der Grund: dort spielen auch lokale Infrastrukturänderungen und die Bodenbeschaffenheit eine Rolle. Sie beeinflussen das Risiko, dass eine Überschwemmung auftreten kann und dass wirtschaftliche Schäden eintreten. Die Attributionsforschung ist also das notwendige Bindeglied. Sie erlaubt es die Berechungen von Ökonomen, die die wirtschaftlichen Folgen eines Wetterereignissses in Zahlen fassen können, mehr oder weniger dem Klimawandel zuzuordnen.

Wenn der Welthandel zum Resonanzverstärker für die Klimakosten wird

Als wenn es nicht schon kompliziert genug wäre, muss die Klimaökonomie immer auch auf die Realität der eigenen Disziplin schauen. Genau wie das Klima selbst ist der Welthandel ein sehr komplexes und globale vernetztes System. Es kann als solches einerseits größere Veränderungen manchmal erstaunlich gut abfedern, andererseits gibt es auch dort so etwas wie einen Schmetterlingeffekt: kleinere Änderungen, die sich ganz woanders auf der Welt spürbar auswikrene können.

So kann die Wirtschaftskraft eines Landes durch die durch globale Ernteausfälle verschobenen Weltmarktpreise erheblich leiden. Währenddessen sind die lokalen, physischen Einbußen im eigenen Land deutlich geringe. „Das Entscheidende ist nicht, was jetzt tatsächlich in unserer Landwirtschaft passiert“, erläutert Reimund Schwarze, Professor im Department Ökonomie der Arbeitsgruppe Energie am Leizger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Entscheiden sei, was weltweit passiert. „Wenn dort die gesamten Preise der Weltmarktpreise für fast alle landwirtschaftlichen Güter sich ändern, dann wirkt sich das natürlich viel stärker aus als einmalige mal Verlustbilanzen in der deutschen Landwirtschaft eines Sommers.“

Und dies ist dann bezogen auf eine der vielen Wirkungskategorien, den Rohstoffpreisen aus der Landwirtschaft, die die Klimaökonomie berücksichtigen muss. Womit wir beim Anfang wären und den Dosis-Wirkungsbeziehungen.

Ein Beitrag von:

  • Stephan W. Eder

    Stephan W. Eder ist Technik- und Wissenschaftsjournalist mit den Schwerpunkten Energie, Klima und Quantentechnologien. Grundlage hierfür ist sein Studium als Physiker und eine anschließende Fortbildung zum Umweltjournalisten.

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