Warum Ihr Friseur mehr fürs Klima tut als manche Politiker
Studie aus Großbritannien zeigt: Friseure verändern Alltagsroutinen – und senken so indirekt CO₂-Emissionen. Der Hebel heißt Vertrauen.
Beim Haarewaschen entscheidet nicht nur die Frisur – sondern auch die Temperatur des Wassers über den CO₂-Fußabdruck. Gespräche im Salon können nachhaltige Routinen anstoßen.
Foto: Smarterpix / SashaKhalabuzar
73 % der Kundinnen und Kunden geben an, nach einem Friseurbesuch ihr Verhalten ändern zu wollen. Nicht wegen einer neuen Verordnung. Sondern wegen eines Gesprächs beim Haarewaschen.
Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Centre for Climate Change and Social Transformations (CAST) gemeinsam mit Forschenden der Universitäten Bath, Cardiff, Oxford und Southampton. Veröffentlicht wurde sie in Humanities & Social Sciences Communications.
Die Kernaussage lautet folgendermaßen: Friseursalons sind soziale Infrastrukturen. Und soziale Infrastrukturen beeinflussen Verhalten.
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Vertrauen als technischer Faktor
Klimapolitik arbeitet mit Regulierung, CO₂-Preisen oder Förderprogrammen. Technik setzt auf Effizienz. Doch beide Instrumente stoßen an eine Grenze: das Verhalten. Hier setzt die Studie an. Friseurinnen und Friseurepflegen oft über Jahre oder Jahrzehnte stabile Beziehungen zu ihren Kundinnen und Kunden. Diese Beziehung schafft Offenheit.
Dr. Sam Hampton vom CAST sagt: „Friseure bauen über Monate und Jahre hinweg Vertrauen auf. Diese Art von Beziehung ist Gold wert, wenn es um die Diskussion über den Klimawandel geht. Wir haben festgestellt, dass Friseursalons einzigartige Orte sind, an denen sich Kunden sicher und entspannt fühlen und offen für neue Ideen sind.“
Das Forschungsteam führte 30 qualitative Interviews mit Saloninhaber*innen und testete in 25 nachhaltig ausgerichteten Salons sogenannte „Mirror Talkers“. Kurze Hinweise am Spiegel sollten Gespräche über nachhaltige Routinen anstoßen.
Wichtig: Es handelt sich um eine explorative Studie. Die Stichprobe ist begrenzt. Die 73 % basieren auf Selbstauskünften. Dennoch zeigt sich ein klarer Mechanismus: Vertrauen erleichtert Verhaltensänderung.
Der CO₂-Hebel steckt im Warmwasser
Ein zentrales Beispiel ist Shampoo. Viele verbinden Nachhaltigkeit mit Verpackung. Doch der größte Emissionsanteil entsteht bei der Nutzung.
Denise Baden, Professorin für nachhaltiges Wirtschaften an der Universität Southampton, erklärt: „Die meisten von uns denken, dass ein „grünes“ Produkt eines mit recycelbarer Verpackung ist, aber der CO2-Fußabdruck von Shampoo liegt hauptsächlich im verbrauchten Warmwasser. Daher können einfache Botschaften wie „Die meisten von uns verwenden zu viel Shampoo und waschen sich zu oft die Haare“ Gespräche darüber anregen, wie weniger Shampoonieren und Waschen mit niedrigerer Temperatur Zeit, Geld, Energie und Wasser spart und besser für die Haut und die Haare ist.“
Das ist energetisch nachvollziehbar. In europäischen Haushalten entfällt ein relevanter Anteil des Energieverbrauchs auf Warmwasserbereitung. Jede Temperaturabsenkung reduziert direkt den Energiebedarf. Wenn Kundinnen oder Kunden ihrer Haare seltener waschen oder kühler duschen, sinkt der Verbrauch ohne neue Technologie. Der Hebel liegt im Verhalten.
Alltag statt Symbolpolitik
Fast alle befragten Salons berichteten, dass Gespräche über Nachhaltigkeit ohnehin stattfinden. Ausgangspunkt ist oft Haarpflege. Das Thema weitet sich schnell aus. Es geht um Plastik, Ernährung, Energieverbrauch oder Mobilität.
Dr. Briony Latter von der Universität Cardiff sagt: „Wir sind es gewohnt, Menschen im öffentlichen Leben, wie zum Beispiel Prominente, als Influencer zu betrachten. Aber was ist mit den Menschen, mit denen Sie regelmäßig sprechen, die Sie kennen und denen Sie Ihr Aussehen und manchmal auch persönlichere Aspekte Ihres Lebens anvertrauen? Friseure haben die ungenutzte Fähigkeit, den Klimawandel in alltägliche Gespräche und Handlungen einzubinden.“
Der Begriff „Everyday Influencers“ beschreibt genau das: Einfluss durch persönliche Nähe, nicht durch Reichweite. In Großbritannien gibt es über 61.000 Friseur- und Kosmetiksalons. Sie erwirtschaften rund 5,1 Milliarden Pfund pro Jahr. Rechnet man die Kontaktpunkte hoch, entsteht ein beachtliches Kommunikationsnetz.
Übertragbar auf Deutschland?
Die Studie bezieht sich auf Großbritannien. Die Struktur von Friseursalons ist in Deutschland vergleichbar. Auch hier existiert ein dichtes Netz kleiner Betriebe mit engem Kundenkontakt. Ende 2024 gab es hierzulande etwa 80.000 Friseurbetriebe.
Ob sich die 73 % bestätigen lassen, bleibt offen. Doch das Prinzip ist übertragbar: Klimaschutz wird wirksamer, wenn er in bestehende soziale Räume integriert wird. Der Friseursalon liefert damit keine technische Innovation. Er zeigt einen sozialen Hebel. Und dieser Hebel entscheidet oft darüber, ob technische Lösungen Wirkung entfalten.
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