Unbekannter Zerfallsprozess 03.11.2025, 16:59 Uhr

Antarktis-Schock: Gletscher verliert 800 Meter Eis – pro Tag

Der Hektoria-Gletscher in der Antarktis zerbricht im Rekordtempo. Wissenschaftler haben den Prozess erstmals via Satellit verfolgt. Ihre Erkenntnisse sind von großem Wert für die Forschung, aber werfen eine Frage auf: Droht ein extremerer Anstieg des Meeresspiegels als gedacht?

Der Eisberg A23a gilt als der größte der Welt. Er entstand 1986 durch einen Abbruch vom Filchner-Ronne-Schelfeis der Antarktis. Foto: picture alliance / Cover Images/UK MOD Crown copyright

Der Eisberg A23a gilt als der größte der Welt. Er entstand 1986 durch einen Abbruch vom Filchner-Ronne-Schelfeis der Antarktis.

Foto: picture alliance / Cover Images/UK MOD Crown copyright

Der Hektoria-Gletscher an der Antarktischen Halbinsel überrascht Wissenschaftler mit einem dramatischen Eisverlust: Zwischen Januar 2022 und März 2023 verlor der Auslassgletscher rund 25 km Länge – einer der schnellsten Gletscherrückzüge aller Zeiten. Zeitweise brachen täglich 800 m Eis ab.

Eine aktuelle Studie im Fachjournal „Nature Geoscience“ zeigt jetzt: Der bislang kaum erforschte Zerfall könnte auch weitaus größere Gletscher bedrohen.

Worst-Case-Szenario für den Meeresspiegel

Die am 3. November veröffentlichten Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf die Risiken der Antarktis. Denn was im kleinen Maßstab am Hektoria-Gletscher geschah, könnte sich unter ähnlichen Bedingungen auch an Antarktis-Giganten wie dem Thwaites- oder Pine Island-Gletscher wiederholen. Die durch dieses Zerbrechen oder „Kalben“ verursachten Eisströme gelten als besonders kritisch für den Anstieg des globalen Meeresspiegels.

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Die Studie zeigt, wie innerhalb sehr kurzer Zeit sehr große Eismassen verloren gehen können“, erklärt Prof. Daniel Farinotti von der ETH Zürich. „Das Fehlen dieses Eises kann zu einer Beschleunigung der Fließbewegung des Inlandeises führen – eine Art positive Rückkoppelung im Eisverlust, die denkbar unerwünscht ist.

Satelliten dokumentieren Kollaps in Echtzeit

Was den Hektoria-Gletscher so außergewöhnlich macht, haben Forschende um Hauptautorin Naomi Ochwat von der Universität Boulder (Colorado) mithilfe von Satellitenbildern rekonstruiert. Wie die Analyse zeigt, griffen drei Faktoren ineinander. Eine fatale Kettenreaktion.

  1. Zwischen 2022 und 2023 verlor die Gletscherfront ihr sogenanntes Festeis – eine auf der Meeresoberfläche schwimmende, aber mit der Küste verbundene Eisschicht, die den Gletscher stabilisierte. „Durch das Verschwinden dieses Eises wurde das restliche Gletschereis weniger zurückgehalten und konnte so schnell abbrechen“, erläutert Glaziologe Daniel Farinotti von der ETH Zürich.
  2. Dadurch rutschte der Gletscher auf eine flache Ebene am Meeresgrund vor – eine sogenannte ice plain. Dr. Celia Baumhoer vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt erklärt: „Sobald der Gletscher auf dieser Fläche aufschwimmt und nicht mehr mit dem darunterliegenden Gestein verbunden ist, wird das Eis empfindlicher gegenüber äußeren Störungen.“
  3. Durch die beschleunigte Fließbewegung nahm die Eisdicke stark ab. Je dünner das Eis wurde, desto stärker wirkte der Auftrieb des Meerwassers. Das Resultat: verstärktes Kalben – also das Abbrechen des Eisbergs.

„Im Fall des Hektoria-Gletschers führte dies zu einem Rückzug von etwa 2,5 km innerhalb von nur zwei Tagen„, berichtet Baumhoer.

Negativer Dominoeffekt

Einmal in Gang gesetzt, verstärkt sich der Prozess selbst. Prof. Martin Truffer von der University of Alaska beschreibt dies als „positiven Rückkopplungszyklus“:

„Der Verlust von Eis führt zu weniger Widerstand und daher einer Beschleunigung der Gletscherbewegung. Das führt dann zu einem Verlust der Eisdicke, da das Eis wegfließt und zu reduzierter Haftung an den Untergrund und damit zu höheren Kalbungsraten und weiterer Beschleunigung – eine Art Teufelskreis.“

Übrigens ist der Hektoria-Gletscher kein Unbekannter in der Glaziologie: Schon 2002 verlor er nach dem Zerfall des Larsen-B-Eisschelfs erhebliche Eismassen. Allerdings stellt der jüngste Zerfall dieses Ereignis noch in den Schatten.

Gletscher-Geometrie als Schlüsselfaktor

Die gute Nachricht: Nicht jeder Gletscher kann so dramatisch kollabieren. Dafür brauche es spezielle geometrische Voraussetzungen, betont Prof. Truffer: „Die Oberflächenneigung und die Gletscherbettgeometrie müssen so beschaffen sein, dass mehrere Kilometer Gletscher fast gänzlich aufschwimmen können.“

Jedoch könne dies „abhängig von den Gegebenheiten bei vielen Gletschern vorkommen“, warnt Truffer. Ein extremer Fall wie am Hektoria-Gletscher sei in der Satellitenära zwar bislang nicht dokumentiert worden – „aber es ist so gut wie sicher, dass es auch in der Zukunft wieder vorkommt.“

Klimamodelle kennen keine Kalbung

Die Beobachtungen offenbaren eine kritische Schwachstelle in den etablierten Klimamodellen. „Der Kalbungsprozess ist im Allgemeinen schwierig in Modellen zu beschreiben und ist zurzeit die größte Unsicherheit in Gletschermodellen, vor allem in der Antarktis“, erklärt Truffer. „Diese Art Beobachtung ist ungeheuer wichtig, da sie spezifische Herausforderungen an unsere Modelle stellt.“

Dr. Celia Baumhoer unterstreicht: „Da Kalbungsprozesse in Eisschildmodellen noch nicht ausreichend dargestellt sind, sind die Vorhersagen zum Meeresspiegelanstieg sehr unsicher.“ Um den zukünftigen Meeresspiegel zuverlässiger vorherzusagen, müssten Modelle durch Satellitendaten ergänzt und plötzliche Änderungen im Kalbungsverhalten berücksichtigt werden.

Droht ein zweiter Hektoria?

Der Fall Hektoria reiht sich ein in eine Serie dramatischer Gletscherereignisse weltweit:

  • 2002: Der Kolka-Karmadon-Gletscher in Russland kollabierte und setzte über 100 Millionen Kubikmeter Eis frei. 125 Menschen starben.
  • 2024: Am Piz Scerscen in der Schweiz lösten sich acht 8-9 Mio. m³ Material.

Doch keines dieser Ereignisse wurde so detailliert dokumentiert wie der Rückzug des Hektoria-Gletschers. Das ist vor allem an dieser Stelle von Bedeutung: „Der antarktische Eisschild ist nach wie vor die größte Unsicherheit bei Vorhersagen zum zukünftigen Meeresspiegelanstieg“, fasst Baumhoer zusammen. Die Satellitendaten liefern den Wissenschaftlern also eine wertvolle Grundlage, um die Mechanismen des Gletschersterbens besser zu verstehen.

Denn der Hektoria-Prozess kann auch andere, größere Gletscher erfassen, wie es sie zum Beispiel in der westlichen Antarktis gibt. Und die Forscher warnen: Dann würde der Meeresspiegel deutlich schneller steigen als bisher angenommen.

Hier geht es zur vollständigen Studie.

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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