Brent Spar und kein Ende 22.11.2002, 18:22 Uhr

Abrüstung auf dem Nordseegrund

Sieben Jahre nach dem Fall der Bohrinsel hat sich das Entsorgungsproblem der Ölkonzerne verhundertfacht. Rund 600 Plattformen in Nordsee und Nordatlantik werden in den nächsten Jahren schrottreif. Doch für Demontage und Abtransport der Stahlkolosse gibt es kein erprobtes Konzept.

Schon die Baumeister im alten Ägypten bauten für die Ewigkeit. Dass ihre himmelhohen Pyramiden eines Tages Fels für Fels abgetragen werden könnten, lag außerhalb ihrer Logik. Wie die Pharaonen wird auch die Ölindustrie angesichts erschöpfter Reserven bald in die Geschichte eingehen. Stumme Zeitzeugen sind in diesem Fall aber unerwünscht.
Hätte die Industrie das von vornherein berücksichtigt, wären ihr wohl beträchtliche Kosten erspart geblieben: Nach Angaben des Verbandes der britischen Bohrinselbetreiber UKOOA müssen die Ölkonzerne in den kommenden Jahrzehnten mehr als 20 Mrd. # ausgeben, um Nordsee und Nordostatlantik von Bohrtürmen zu befreien. Rund 600 Plattformen werden dann schrottreif sein. Und einfach versenken ist verboten: Nach dem Fall der Shell-
Öllagerinsel Brent Spar verhängten die Staaten des Oslo-Paris-Abkommens (OSPAR) 1998 ein generelles Dumping-Verbot für stillgelegte Bohrinseln.
Die meisten Anlagen wurden in den 70er Jahren konstruiert – ohne Blick auf ihre spätere Demontage. Und so gelten die Arbeiten selbst unter Einsatz modernster Offshore-Technik als kompliziert und gefährlich. Denn je weiter nördlich man in die Nordsee vordringt, desto stürmischer und tiefer werden die Gewässer. Zwischen Schottland und Norwegen ragen Bohrtürme aus knapp 200 m Meerestiefe auf, gegen die Brent Spar wie ein Zwerg wirkt. Allein die eiffelturmgroßen Stützkonstruktionen können bis zu 35 000 t wiegen, die darauf montierten Plattformen nochmals 40 000 t.
„Das Problem ist, dass der Abbau der Bohrinseln nicht einfach in umgekehrter Reihenfolge der Montage stattfinden kann“, erklärt der Chefingenieur der Offshore-Servicefirma Noble Denton, William Penney. Die Trägergerüste wurden in der Regel schwimmend oder auf riesigen Lastkähnen an ihren Einsatzort gezogen und dort vorsichtig in die Tiefe hinabgelassen. Die Aufbauten setzten die Firmen mit Hilfe von Kranschiffen in Modulen von maximal 10 000 t zusammen. „Bei der Zerlegung arbeiten wir gegen die Schwerkraft. Zudem müssen die Lasten nicht auf einen fixen Punkt, sondern auf ein sich bewegendes Schiff gehievt werden“, gibt Penney zu bedenken.
Kleinere Plattformen, die in den flachen Gewässern der südlichen Nordsee und im Golf von Mexiko zum Einsatz kommen, lassen sich relativ leicht zerlegen oder mit speziellen Schwerlastschiffen im Stück abtransportieren. Bei den Jumbo-Bohrtürmen, die über Dutzende Stützträger von bis zu vier Metern Durchmesser mit dem Meeresboden verbunden sind, können hunderte Trennschnitte erforderlich sein. Und dann müssen die Teile noch aus dem tiefen Wasser gehoben werden. Die Studien über die damit verbundenen Gefahren für Arbeitskräfte und Schiffe füllen in Großbritannien und Norwegen – den beiden Hauptförderländern in der Nordsee – inzwischen ganze Bibliotheken. „Es fehlt schlichtweg an praktischen Erfahrungen mit größeren Demontagen“, so Penney. „Von Standards, mit denen sich der Aufwand rationalisieren ließe, sind wir noch ein ganzes Stück entfernt.“
Die Suche nach einem Fließbandverfahren bei der Zerlegung der Plattformen wird auch durch die enorme Vielzahl ihrer Varianten erschwert: Weil die Bedingungen in den einzelnen Ölfeldern der Nordsee stark schwanken, ist kein Bohrturm ist wie der andere.
Die bislang größte Förderinsel hob der US-amerikanisch-norwegische Ölkonzern Conoco Phillips im Juni vergangenen Jahres in britischen Gewässern: Die „Maureen“ – Gesamtgewicht 110 000 t – wurde durch Druckluftfüllung ihrer Luftkammersysteme an die Oberfläche bugsiert und anschließend in einen norwegischen Fjord geschleppt. Weil die Maureen zu den wenigen Typen gehört, die von vorn herein für einen solchen „Refloat“ gebaut wurden, lassen sich die dabei gewonnenen Erkenntnisse aber nicht verallgemeinern.
Um die großen Plattformen sicher und günstig abzubauen, unterstützt Conoco Phillips jetzt die Entwicklung neuer Single-Lift-Verfahren, mit denen sich Plattform und Stützkonstruktion jeweils in einem Gang abtransportieren lassen. Dazu ist der Bau von Schwerlastschiffen geplant, die alle bisherigen Dimensionen sprengen.
Die holländische Firma Excalibur z.B. schlägt vor, zwei große Tanker zu einem Riesenkatamaran zu verschweißen. Über die Vorderschiffe sollen vier Kranbrücken gespannt werden, mit denen die Bohrplattformen „gesattelt“ werden können. Mittschiffs und Achtern sieht der Entwurf zwei schienenförmige Heavy-Lift-Systeme vor, die die Stützkonstruktionen aus der Tiefe hieven sollen. So ließen sich Bohrinseln auf einen Streich entfernen.
Weitere Konzepte, wie die der norwegischen Firmen Marine Shuttle Operations und MPU Enterprise, basieren auf großen U-förmigen Halbtaucherfahrzeugen aus Stahlbeton oder Metall. Sie sollen die Bohrinseln umschlingen und sie dann nach Auffüllung ihrer Luftkammersysteme emporheben. Diese Schiffe wären die größten Entsorgungsfahrzeuge aller Zeiten.
Ob sich aber solche massiven Investitionen rechnen, ist noch fraglich. „Schließlich gibt es nur 34 besonders große Stahlbohrinseln im Gebiet der Nordsee und des Nordostatlantiks, für die solche Projekte in Frage kämen“, räumt der technische Direktor des Internationalen Verbandes der Öl- und Gasproduzenten (OGP), John Campbell, ein. „Danach würden diese Schiffe ihren Zweck verlieren, denn weltweit gibt es keine weiteren Bohrinseln, die so groß sind wie die Nordsee-Plattformen.“
Mit dem konventionellen Verfahren der Zerlegung und Kranverladung auf mehrere Lastkähne trauen sich die Ölkonzerne bislang nicht an die dicken Brocken heran. Statt dessen verzögern sie die Stilllegung ihrer Ölfelder und warten auf den technologischen Durchbruch. „Durch Verbesserung der Fördermethoden versuchen wir, die Lebensdauer unserer Felder ständig zu erhöhen“, sagt Bob Hemmings, der bei Shell Exploration UK für den Abbau von Plattformen zuständig ist. Erst zwischen 2010 und 2015 werde Shell die meisten seiner rund 70 Nordsee-Bohrinseln stilllegen. Denn bei entsprechender Wartung und Billigung der Klassifizierungsgesellschaften könnten die Plattformen „durchaus mehr als 40 Jahre in Dienst bleiben“, so Hemmings.
Bei Ölpreisen von über 20 Dollar pro Barrel besteht für die Konzerne kein Grund zur Eile. Denn selbst unter den schwierigen Produktionsbedingungen der Nordsee erzielen sie noch zufrieden stellende Gewinne. Doch die Märkte sind unberechenbar. Bräche der Ölpreis für längere Zeit auf die für die Nordsee-Produktion kritische Marke von 10 Dollar ein, wäre die Hektik groß. Wer schon jetzt den Einstieg in den Ausstieg plant könnte der Konkurrenz also eine Nasenlänge voraus sein.
MICHAEL HOLLMANN

Nordsee wird geräumt
Plattform im Ausverkauf
Schlussverkauf auf offenem Meer: Der Ölkonzern Conoco Phillips sucht händeringend nach Interessenten für 15 stillgelegte Bohrplattformen und 14 Stahl-Stützkonstruktionen. Bis zum Jahr 2018 will das Unternehmen den ältesten Abschnitt des Ölfelds Ekofisk in der Nordseemitte komplett räumen. Dabei gilt: So viel wie möglich wiederverwenden, recyceln und nur an Land deponieren, was nicht recycelbar ist. Durch Veräußerung von Bestandteilen könnte Conoco Phillips obendrein seine Entsorgungskosten vermindern. Diese können bei großen Plattformen mehr als 300 Mio. “ betragen. Beim Einsatz von Single-Lift-Technologien wäre es möglich, ganze Bohrinseln unbeschadet abzutransportieren und zur Wiederverwendung an Dritte zu verkaufen. Im konventionellen Verfahren werden die Anlagen hingegen in kleinere Komponenten zerlegt. Eine Wiederverwendung wird damit erschwert. mph

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  • Michael Hollmann

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