Kohle 10.09.1999, 17:22 Uhr

Der Koloß von Lippendorf

Jeder der beiden Blöcke hat eine Leistung von mehr als 930 MW. Mit einem Gesamtwirkungsgrad von 47 % stellt es alle bisherigen Braunkohlekraftwerke in den Schatten.

Ein Kraftwerk der Superlative. Noch nie wurden Braunkohlekraftwerke mit Leistungen über 900 MW gebaut. Der Hersteller ABB sowie die Investoren Veag Vereinigte Energiewerke, Bayernwerk und Energie Baden-Württemberg stoßen mit dem neuen Kraftwerkskoloß in neue technische Sphären vor. Der Bau steht kurz vor dem Abschluß. Im Juni lief bereits der Probebetrieb des ersten der beiden Blöcke (Block S) an. Ende des Jahres soll er voll ans Netz gehen. Im Frühjahr des nächsten Jahres soll der zweite Block folgen. Der Testlauf hält, was die Planer versprechen: Block S stellte schon nach wenigen Tagen mit 932 MW einen Weltrekord auf. Veag-Technikvorstand Eckhardt Dubslaff ist sich sicher: „Da ist noch mehr drin“.
Alles erscheint gigantisch: Die Investitionen – Grundsteinlegung war Ende November 1995 – belaufen sich auf 4,1 Mrd. DM. Dafür ist ein riesiger Koloß 15 km vor den Toren Leipzigs entstanden. Die beiden 175 m hohen Kühltürme sowie 154 m hohen Kesselhäuser bestimmen die Silhouette. Alles ist piksauber, und so soll es auch bleiben. Die Braunkohle bekommt niemand zu Gesicht. Bänder, Silos und auch die acht Mühlen sind hermetisch abgeschlossen, kein Körnchen darf nach außen gelangen. So ist es auch mit dem Aschetransport.
Rund 35 000 t Braunkohle wird das Kraftwerk täglich verschlingen, aufs Jahr hochgerechnet, macht das 10 Mio. t. Sie kommt über Förderbänder direkt aus dem unmittelbar benachbarten Tagebau Schleenhain, der der Mibrag gehört. Dorthin gelangt auch die Asche, sie wird zum Verfestigen bereits entkohlter Bereiche genutzt. Kolosse sind auch die Kessel. Einer allein hat eine Masse von 46 000 t. Aufgrund der thermisch bedingten Ausdehnung, jeder Kessel legt im Betrieb etwa 75 cm zu, werden Kessel und Rohrleitungen aufgehängt. Vier 80-t-Stützen mit jeweils etwa 5 m2 Grundfläche tragen je einen Kessel. Pro Stunde werden rund 2400 m3 Wasser in die Dampfphase überführt. Mit 450 t ist auch der Generator kein Leichtgewicht.
Nicht weniger materialaufwendig ist die gesamte, vorwiegend unterirdische Verkabelung mit etwa 1800 km, die letztlich mit dem Leitstand, dem Kopf des Kraftwerks, verbunden ist. Im Leitstand fließen alle Informationen zusammen, daran sind etwa 42 500 Meßstellen beteiligt, und von hier aus wird alles gelenkt. Mehr als 20 große Flachbildschirme und fast 30 Monitore stehen dem hochqualifiziertem Bedien- und Überwachungspersonal zur Verfügung. Der ganze Betrieb läuft computergesteuert vollautomatisch ab. Kaum eine Handvoll an Experten paßt auf die Computer auf. Das Kraftwerk soll mit höchstens 312 Mitarbeitern betrieben werden. Betreiber ist allein die Veag.

Elektrofilter und Naßwäsche reinigen das Rauchgas

Nicht weniger aufwendig ist die gesamte Rauchgasreinigung. Schornsteine wie in DDR-Zeiten sind out. Elektrofilter und die Anlagen zur Naßwäsche mit einer Kalkstein-emulsionslösung sollen nahezu alle Staub-, Schwefeldioxyd- und Stickoxydbestandteile herausholen. Die Parameter bei den Testläufen sollen deutlich unter den gesetzlichen Grenzwerten liegen. So nebenbei werden pro Jahr rund 900 000 t Gips anfallen. Auch an die Nutzung ist bereits gedacht. Der Gips fließt über ein Zwischenlager direkt per Band zu einem in Kraftwerksnähe angesiedelten Verarbeitungswerk. Dort soll das Abfallprodukt der Stromerzeugung zu Gipsplatten und Fließestrich verarbeitet werden. Im Bau befindet sich außerdem eine Pilotanlage, die aus Gips und Kraftwerksasche einen neuartigen Baustoff herstellen soll. Die Veag-Kraftwerke produzieren nach Auskunft von Vorstand Dubslaff jährlich 3 Mio. t Gips und avancieren damit zum Europameister.
Einen Weltrekord erreicht die Anlage auch mit ihrem Nettowirkungsgrad von 42,5 %. Alle bisherigen Braunkohlekraftwerke liegen teilweise deutlich unter 40 %. Gegenüber dem abzulösenden Altkraftwerk sollen 31 % weniger Kohle eingesetzt werden. Insofern soll der hohe Umsetzungsgrad der Kohle zu Strom zur Wirtschaftlichkeit und zum Umweltschutz beitragen. Real wird indes die Veag mehr erreichen. Dank der Wärmeauskopplung (Kraft-Wärme-Kopplung) als Fernwärme für Leipzig wird der Gesamtnettowirkungsgrad sogar auf fast 47 % steigen. Da die Kohle nur einige hundert Meter vom Kraftwerk entfernt gefördert wird, fallen auch die Transportkosten vergleichsweise sehr niedrig aus. Deshalb hofft der Veag-Vorstandschef Jürgen Stotz, daß das Braunkohlekraftwerk in Lippendorf gute Voraussetzungen hat, um wettbewerbsfähigen Strom liefern zu können.
UWE BÄSE
In der riesigen Generatorhalle des zweiten Blocks von Lippendorf sind die Schweißer noch beschäftigt. Aber schon im nächsten Frühjahr sollen die Testläufe beginnen.
Das Braunkohle-Kraftwerk Lippendorf: hocheffizient, umweltfreundlich und sauber. Mit seiner Leistung von mehr als 1860 MW ist es unübertroffen. Die Betreiber hoffen, daß es wettbewerbsfähigen Strom liefern kann.

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