Raumfahrt-Drama 1986 25.01.2026, 18:58 Uhr

Challenger-Katastrophe: 73 Sekunden bis zur Tragödie

Die Challenger-Katastrophe 1986: 73 Sekunden nach dem Start zerbrach das Shuttle. Ursachen, Folgen und was die NASA daraus lernte.

Explosion der Challenger am 28. Januar 1986 – heute vor 30 Jahren – kurz nach dem Start. Alle sieben Crew-Mitglieder kamen ums Leben.

Explosion der Challenger am 28. Januar 1986 – heute vor 30 Jahren – kurz nach dem Start. Alle sieben Crew-Mitglieder kamen ums Leben.

Foto: Nasa

Das Wichtigste in Kürze
  • Mission: Space Shuttle Challenger, Flug STS-51-L
  • Start: 28. Januar 1986, Kennedy Space Center
  • Unglück: Zerbrechen des Shuttles 73 Sekunden nach dem Start
  • Opfer: Sieben Astronautinnen und Astronauten, keine Überlebenden
  • Unmittelbare Ursache: Versagen der O-Ring-Dichtungen an einem Feststoffbooster bei ungewöhnlich niedrigen Temperaturen
  • Technischer Effekt: Heißgasstrahl beschädigt Außentank → strukturelles Versagen
  • Zentrale Erkenntnis: Katastrophe war kein Materialfehler allein, sondern das Resultat aus Technik, Managementversagen und Fehlentscheidungen unter Zeitdruck
  • Folgen: 32 Monate Shuttle-Pause, tiefgreifende Reformen bei NASA-Sicherheitsprozessen

Die Challenger-Katastrophe am 28. Januar 1986 erschütterte die Raumfahrtwelt. Nur 73 Sekunden nach dem Start zerbrach das Space Shuttle in der Luft. Alle sieben Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Eine Verkettung technischer und organisatorischer Fehlentscheidungen führte zu diesem Unglück. Die Hauptursache war das Versagen von Dichtungsringen in einer der Feststoffraketen, begünstigt durch niedrige Temperaturen. Die Tragödie hatte weitreichende Folgen für die NASA und die Raumfahrttechnik.

Ein Morgen voller Hoffnung und Erwartungen

Am Morgen des 28. Januar 1986 herrschte in Cape Canaveral eine gespannte, aber optimistische Atmosphäre. Tausende Menschen hatten sich auf der Zuschauertribüne des Kennedy Space Centers versammelt, um den Start der Challenger-Mission STS-51-L mitzuerleben. Besonders stolz waren die Angehörigen der Besatzung, die unter den Zuschauern waren. Auch unzählige Schulklassen verfolgten das Ereignis, denn erstmals sollte mit Christa McAuliffe eine Lehrerin ins All fliegen. Ihr geplanter Unterricht aus dem Orbit sollte Millionen Schülerinnen und Schüler inspirieren.

Die Besatzung betrat am frühen Morgen das Shuttle. An Bord waren der Kommandant Francis Scobee, der Pilot Michael Smith, die Missionsspezialisten Judith Resnik, Ellison Onizuka und Ronald McNair sowie der Nutzlastspezialist Gregory Jarvis. McAuliffe war als zivile Teilnehmerin der „Teacher in Space“-Initiative dabei.

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Start der Challenger am 30. Oktober 1985 vom Kennedy Space Center – nur drei Monate vor dem Unglück.

Start der Challenger am 30. Oktober 1985 vom Kennedy Space Center – nur drei Monate vor dem Unglück.

Quelle: Nasa

Start mehrfach verschoben

Der Start war bereits mehrfach verschoben worden, unter anderem wegen technischer Probleme und schlechten Wetters. Doch an diesem Morgen stand dem Start nichts mehr im Weg, auch wenn die Temperaturen weit unter dem Durchschnitt lagen. Die Crew war zuversichtlich, und um 11:38 Uhr Ortszeit hob die Challenger unter dem dröhnenden Getöse der Triebwerke von der Startrampe 39B ab.

Anfangs verlief alles nach Plan. Die ersten Sekunden waren Routine, das Shuttle durchbrach mit steigender Geschwindigkeit die dichten Luftschichten der unteren Atmosphäre. Doch bereits 58 Sekunden nach dem Abheben trat eine kleine Flamme an der rechten Feststoffrakete aus. Sie blieb unbemerkt, aber sie war der Beginn einer Katastrophe.

Wichtige Daten zur Challenger

Eigenschaft Information
Name Space Shuttle Challenger (OV-099)
Erstflug 4. April 1983 (STS-6)
Letzter Flug 28. Januar 1986 (STS-51-L)
Anzahl der Missionen 10
Gesamtflugzeit 62 Tage, 7 Stunden, 56 Minuten
Gesamtanzahl der Erdumkreisungen 995
Besatzung beim letzten Flug Francis Scobee, Michael Smith, Judith Resnik, Ellison Onizuka, Ronald McNair, Gregory Jarvis, Christa McAuliffe
Unfallursache Versagen der O-Ringe in einer der Feststoffraketen
Höhe beim Auseinanderbrechen ca. 15 km
Datum der Challenger-Katastrophe 28. Januar 1986

Die Katastrophe nach 73 Sekunden

Innerhalb weniger Sekunden fraßen sich die Flammen durch die Struktur der Rakete. Bei Sekunde 73 kam es zu einem plötzlichen strukturellen Versagen: Der externe Treibstofftank zerbrach, und das Shuttle wurde durch die extremen aerodynamischen Kräfte auseinandergerissen. Die Challenger war nicht explodiert, wie oft behauptet wurde, sondern zerbrach unter den Belastungen.

76 Sekunden nach dem Start: Während die Challenger schon explodiert ist und Teile auf dem Bild zu sehen sind, ist die Festträgerrakete links im Bild noch unversehrt.

76 Sekunden nach dem Start: Während die Challenger schon explodiert ist und Teile auf dem Bild zu sehen sind, ist die Festträgerrakete links im Bild noch unversehrt.

Quelle: Nasa

Ein gigantischer Feuerball entstand, als der Wasserstoff- und Sauerstofftank riss und sich das ausgetretene Gas entzündete. Trümmerteile flogen in alle Richtungen. Die Mannschaftskabine, noch weitgehend intakt, wurde mit hoher Geschwindigkeit in eine höhere Höhe geschleudert.

Die Zeitleiste der Tragödie

Zeit (Sekunden) Ereignis
0 Challenger hebt um 11:38:00 Uhr Ortszeit von der Startrampe 39B in Cape Canaveral ab.
0,6 Eine schwarze Rauchwolke wird an der rechten Feststoffrakete beobachtet – ein erstes Zeichen für das Versagen des O-Rings.
9 Das Shuttle beginnt seine Rollbewegung, um die richtige Flugbahn einzunehmen.
19 Pilot Michael Smith meldet „starken Seitenwind“.
36 Die Haupttriebwerke werden gedrosselt, um die Belastung während des Durchbrechens der dichten Atmosphäre zu reduzieren.
58 Eine helle Flamme tritt an der rechten Feststoffrakete aus, wo der beschädigte O-Ring versagt. Die heißen Gase beginnen, die Halterung zwischen Rakete und externem Treibstofftank zu zerstören.
59 Die Flammen treffen den Außentank, was zu einem raschen Druckverlust führt.
65 Die Steuerdüsen der Haupttriebwerke und der Feststoffraketen versuchen, das Shuttle auf Kurs zu halten.
68 Die rechte Feststoffrakete beginnt, sich seitlich zu bewegen, da ihre Verbindung zum Shuttle geschwächt ist.
72 Der Außentank bricht auf, große Mengen flüssigen Wasserstoffs und Sauerstoffs treten aus.
73 Das Shuttle zerbricht in der Luft durch extreme aerodynamische Kräfte. Die Trümmer fliegen in alle Richtungen, die Mannschaftskabine bleibt intakt und wird nach oben geschleudert.

Entsetzen und Trauer

Millionen Menschen weltweit verfolgten das Unglück live im Fernsehen. Besonders betroffen waren Schulkinder, die McAuliffes ersten Unterricht aus dem All erwartet hatten. Auf der Zuschauertribüne verwandelte sich der anfängliche Jubel in Fassungslosigkeit.

Die Eltern der Lehrerin, die den Start begeistert verfolgt hatten, mussten nun hilflos mitansehen, wie das Shuttle auseinanderbrach. Die NASA-Kontrollstation war einige Sekunden lang still, bevor der Sprecher verhalten mitteilte: „We have a major malfunction.“

Die Crew der Challenger: Michael J. Smith, Francis Scobee und Ronald McNair (vordere Reihe von links) sowie Ellison Onizuka, Christa McAuliffe, Gregory Jarvis und Judith Resnik (hintere Reihe von links) 

Die Crew der Challenger: Michael J. Smith, Francis Scobee und Ronald McNair (vordere Reihe von links) sowie Ellison Onizuka, Christa McAuliffe, Gregory Jarvis und Judith Resnik (hintere Reihe von links)

Quelle: Nasa

Die Ursache der Katastrophe

Bereits kurz nach dem Unglück begannen Untersuchungen zur Ursache. Es stellte sich heraus, dass ein Dichtungsring (O-Ring) in einer der seitlichen Feststoffraketen unter den kalten Temperaturen der Startnacht gelitten hatte. Diese Dichtungen waren entscheidend dafür, heißes Verbrennungsgas innerhalb der Raketen zu halten. Durch die Kälte verlor das Material jedoch an Elastizität und konnte die Dichtheit nicht mehr gewährleisten. Heiße Gase traten aus und brannten die angrenzende Struktur durch. Letztlich führte dies zum strukturellen Versagen des Shuttles.

Das Problem war nicht neu. Bereits in früheren Missionen hatte man Hinweise auf Dichtungsprobleme festgestellt. Roger Boisjoly, Ingenieur der Firma Morton Thiokol, warnte in einer Telefonkonferenz am Vorabend des Starts vor den niedrigen Temperaturen. Er befürchtete, dass die Dichtungen versagen könnten. Trotz intensiver Diskussionen entschied sich das Management gegen einen Startaufschub. Letztendlich setzte sich der wirtschaftliche Druck durch, die Challenger planmäßig starten zu lassen.

Kein sofortiger Tod der Besatzung

Entgegen der weit verbreiteten Annahme explodierte das Shuttle nicht im eigentlichen Sinne. Vielmehr zerbrach es durch aerodynamische Kräfte. Die Mannschaftskabine blieb dabei größtenteils intakt und wurde bis auf eine Höhe von 20 Kilometern geschleudert. Spätere Untersuchungen ergaben, dass mindestens drei Besatzungsmitglieder noch lebten und versucht hatten, ihre Notfall-Sauerstoffversorgung zu aktivieren.

Ob die Crew das Bewusstsein bis zum Aufprall behielt, ist unklar. Es wird jedoch angenommen, dass sie aufgrund des geringen Sauerstoffgehalts in dieser Höhe das Bewusstsein verloren, bevor die Kabine mit rund 330 km/h auf den Atlantik aufschlug. Der Aufprall war so stark, dass keine Überlebenschance bestand.

Die Challenger am 22. Juni 1983, fotografiert vom Space Pallet Satelliten.

Die Challenger am 22. Juni 1983, fotografiert vom Space Pallet Satelliten.

Quelle: Nasa

Warum nicht ein unbekannter Technikfehler, sondern das System versagte

Die Challenger-Katastrophe war kein klassischer, überraschender Konstruktionsfehler. Das ist der entscheidende Punkt. Der unmittelbare Auslöser lag zwar in der Technik, doch ihr kritisches Verhalten war bekannt. Versagt hat das System, das diese Technik bewerten, einordnen und daraus belastbare Entscheidungen ableiten sollte. Zu diesem Ergebnis kam die Untersuchungskommission unter Leitung von Richard P. Feynman. Due NASA hatte die Warnungen ignoriert.

Im Zentrum standen die O-Ring-Dichtungen der Feststoffbooster. Diese Elastomere dichten die Segmentfugen gegen extrem heiße Verbrennungsgase ab. Ihr Schwachpunkt war seit Längerem bekannt: niedrige Temperaturen. Bei Kälte verlieren die O-Ringe an Elastizität und reagieren langsamer. Genau dieses Verhalten war aus früheren Flügen dokumentiert. Es gab Hinweise auf sogenanntes Blow-by – also das zeitweise Durchdringen heißer Gase an der Dichtung vorbei. Technisch gesehen ein eindeutiges Warnsignal.

Problem war nicht vollständig beherrscht

Wichtig ist die Präzisierung: Das Problem war nicht vollständig beherrscht. Die Temperaturabhängigkeit der O-Ringe war bekannt, aber nicht ausreichend quantifiziert. Es fehlten belastbare Daten für Starts bei extrem niedrigen Temperaturen. Gerade diese Unsicherheit hätte aus ingenieurwissenschaftlicher Sicht zu einer konservativen Entscheidung führen müssen.

Stattdessen setzte ein gefährlicher Gewöhnungseffekt ein. Weil frühere Missionen trotz Auffälligkeiten erfolgreich verliefen, wurden Abweichungen zunehmend als akzeptabel betrachtet. Die spätere Untersuchung durch die Rogers Commission prägte dafür den Begriff der „Normalisierung von Abweichungen“. Was nicht sofort scheitert, gilt irgendwann als beherrschbar – selbst dann, wenn die Technik erkennbar an ihre Grenzen gerät.

Ingenieure hatten gewarnt

Besonders kritisch: Die Ingenieure hatten gewarnt. Fachleute des Herstellers Morton Thiokol rieten ausdrücklich von einem Start bei den herrschenden Temperaturen ab. Ihre Argumente waren technisch logisch, datenbasiert und konsistent. Sie wurden jedoch nicht fachlich entkräftet, sondern organisatorisch überstimmt. Die Entscheidungslogik verschob sich fatal: Nicht mehr „Ist der Start sicher?“, sondern „Beweist, dass er unsicher ist.“ Aus Sicht des Sicherheits- und Systemengineerings ist das ein fundamentaler Fehler.

Challenger gilt deshalb bis heute als Lehrstück. Nicht, weil ein unbekannter Materialfehler auftrat, sondern weil ein bekanntes technisches Risiko ignoriert und systematisch kleingeredet wurde. Das Material versagte – aber nicht überraschend. Entscheidend war, dass technische Warnungen im Entscheidungsprozess keine Priorität hatten. Die Katastrophe zeigt klar: Gute Technik allein reicht nicht. Sie braucht ein System, das Ingenieurwissen ernst nimmt und Sicherheit höher gewichtet als Termin- und Erfolgsdruck.

Die Folgen des Unglücks

Erst nach intensiven Reformen wurde das Space-Shuttle-Programm 1988 mit der Discovery-Mission wieder aufgenommen. Der erste Flug nach der Katastrophe stand unter besonders strengen Sicherheitsauflagen. Das Vertrauen in die bemannte Raumfahrt musste langsam wieder aufgebaut werden.

Obwohl viele technische und organisatorische Verbesserungen eingeführt wurden, blieb das Space-Shuttle-Programm weiterhin risikobehaftet. 2003 kam es zur zweiten großen Tragödie: Die Raumfähre Columbia zerbrach beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre, wobei erneut sieben Astronauten ums Leben kamen.

Nach diesem erneuten Unglück entschied die NASA schließlich, das Space-Shuttle-Programm auslaufen zu lassen. Am 8. Juli 2011 startete Atlantis als letztes Shuttle zur Mission STS-135. Danach wurde das Programm endgültig eingestellt. Die NASA konzentrierte sich fortan auf alternative Raumfahrtsysteme, darunter private Raumkapseln wie SpaceX’ Dragon.

FAQ zur Challenger-Katastrophe

Ist die Challenger explodiert?
Nein. Es gab keine klassische Explosion. Das Shuttle zerbrach infolge extrem hoher aerodynamischer Kräfte, nachdem der Außentank versagte. Der Feuerball entstand durch die Verbrennung von Treibstoff nach dem Strukturbruch.

Warum versagten die O-Ringe?
Die Gummidichtungen verloren bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ihre Elastizität. Sie konnten den Spalt im Booster-Segment nicht mehr schnell genug abdichten. Dieses Risiko war bekannt – und dokumentiert.

War das Problem vorher bekannt?
Ja. Ingenieure des Herstellers Morton Thiokol hatten wiederholt vor dem Start bei niedrigen Temperaturen gewarnt. Die Risiken waren intern bekannt, wurden aber im Entscheidungsprozess relativiert.

Warum startete die NASA trotzdem?
Der Start erfolgte unter Termin-, politischem und organisatorischem Druck. Sicherheitsbedenken wurden nicht eskaliert. Die Rogers-Kommission sprach später von einer „Normalisierung von Abweichungen“.

Hätte man das Unglück verhindern können?
Ja. Ein Startabbruch bei den vorliegenden Temperaturen hätte das Risiko eliminiert. Technisch gab es keinen Zwang zu starten.

Gab es Überlebenschancen nach dem Zerbrechen?
Nach heutigem Kenntnisstand vermutlich nicht. Die Crew-Kabine blieb kurzzeitig intakt, der Aufprall ins Meer aus großer Höhe war jedoch nicht überlebbar.

Was änderte sich nach der Katastrophe?
Die NASA reformierte ihr Sicherheitsmanagement, änderte das Booster-Design, stärkte die Rolle unabhängiger Sicherheitsinstanzen – und nahm den Shuttle-Betrieb erst 1988 wieder auf.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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