Der Rekord ist klar. Die Ursache dieses kosmischen Signals nicht
25.000 Sekunden Gammastrahlung und enorme Energie: GRB 250702B stellt Forschende vor ein Rätsel. Mehrere Erklärungen konkurrieren miteinander.
Der orangefarbene Punkt in der Mitte dieses Bildes ist eine gewaltige Explosion, die sich im Laufe eines Tages mehrmals wiederholte – ein Ereignis, wie es noch nie zuvor beobachtet wurde.
Foto: ESO/A. Levan, A. Martin-Carrillo et al.
Ein Signal aus dem All beschäftigte Astronominnen und Astronomen im Sommer 2025 tagelang. Mehrere Weltraumteleskope registrierten ungewöhnlich lange und wiederkehrende Ausbrüche von Gamma- und Röntgenstrahlung. Inzwischen steht fest: GRB 250702B war noch extremer als zunächst angenommen.
Die Gammaemission dauerte insgesamt rund 25.000 Sekunden – knapp sieben Stunden. Damit handelt es sich nach heutigem Stand um den längsten bekannten Gammastrahlenausbruch. Doch ausgerechnet die Frage, die am meisten interessiert, ist weiterhin offen: Was kann einen derart langen und zugleich stark schwankenden Energieausbruch erzeugen?
Mehrere Forschungsteams haben inzwischen Modelle vorgelegt. Sie reichen von einem Schwarzen Loch, das in einen Stern eindringt, bis zur Zerstörung eines Weißen Zwergs durch ein mittelschweres Schwarzes Loch. Noch passt keine Erklärung zweifelsfrei zu allen Beobachtungen.
Inhaltsverzeichnis
- JWST bestimmt die Entfernung
- Ein Schwarzes Loch frisst einen Stern von innen
- Oder wurde ein Weißer Zwerg zerrissen?
- Ein drittes Szenario kommt hinzu
- Keine helle Supernova gefunden
- Auch die Heimatgalaxie fällt aus dem Rahmen
- Späte JWST-Beobachtung löst das Rätsel noch nicht
- Der Rekord ist sicher, die Ursache nicht
Sieben Stunden Gammastrahlung statt weniger Minuten
Gammastrahlenausbrüche, kurz GRBs, gehören zu den energiereichsten Ereignissen im Universum. Viele dauern nur Sekunden, manche mehrere Minuten. Eine kleine Gruppe sogenannter ultra-langer GRBs bleibt wesentlich länger aktiv.
GRB 250702B setzt selbst innerhalb dieser seltenen Gruppe einen neuen Maßstab. Eine detaillierte Auswertung mehrerer Detektoren kommt auf eine Gammaaktivität von rund 25.000 Sekunden. Gleichzeitig schwankte die Strahlung teilweise innerhalb von weniger als einer Sekunde.
Genau diese Kombination bereitet den Forschenden Schwierigkeiten. Eine lange Dauer spricht dafür, dass der zentrale Energielieferant über Stunden mit Material versorgt wurde. Die schnellen Schwankungen deuten dagegen auf eine sehr kompakte Quelle hin.
Hinzu kommt ein weiteres ungewöhnliches Detail: Verschiedene Instrumente registrierten mehrere voneinander getrennte Ausbruchsphasen. Auch Röntgenstrahlung war bereits vor den stärksten Gammaereignissen zu beobachten. Ein gewöhnlicher langer Gammastrahlenausbruch sieht anders aus.
JWST bestimmt die Entfernung
Bei der Entdeckung war zunächst nicht einmal klar, wie weit GRB 250702B entfernt war. Diese Frage konnte das James-Webb-Weltraumteleskop später beantworten. Mit seinem Nahinfrarot-Spektrografen NIRSpec identifizierte JWST mehrere charakteristische Wasserstofflinien in der Wirtsgalaxie. Daraus ergibt sich eine Rotverschiebung von z = 1,036.
Das Licht des Ereignisses war damit rund acht Milliarden Jahre zu uns unterwegs. Erst mit dieser Entfernung ließ sich auch abschätzen, wie energiereich der Ausbruch tatsächlich war. Die Forschenden kommen auf eine isotrop äquivalente Gammaenergie von mindestens
2,2 × 10^54 erg beziehungsweise 2,2 × 10^47 Joule.
„Isotrop äquivalent“ bedeutet allerdings nicht, dass der Ausbruch tatsächlich so viel Energie in alle Richtungen abgegeben hat. GRBs bündeln einen erheblichen Teil ihrer Strahlung in schmalen Jets. Die Zahl beschreibt daher die Energie, die nötig gewesen wäre, wenn die gemessene Strahlung gleichmäßig in sämtliche Richtungen ausgesandt worden wäre.
Trotzdem zeigt sie, in welcher Größenordnung sich GRB 250702B bewegt: Der Ausbruch gehört zu den energiereichsten bekannten Vertretern seiner Klasse.
Ein Schwarzes Loch frisst einen Stern von innen
Ein Forschungsteam um Eliza Neights und Eric Burns hat die Gammastrahlung mit Daten mehrerer Instrumente genauer untersucht. Die Ergebnisse erschienen in den Monthly Notices of the Royal Astronomical Society.
Das Team sieht eine mögliche Erklärung in einem sogenannten Helium-Merger. Dabei bilden ein Schwarzes Loch und ein massereicher Stern zunächst ein Doppelsternsystem. Der Stern hat seine äußere Wasserstoffhülle bereits weitgehend verloren und besteht im Wesentlichen aus einem Heliumkern mit umgebendem Material.
Wenn sich beide Partner immer weiter annähern, kann das Schwarze Loch schließlich in den Stern eindringen. Dort nimmt es Material auf und bewegt sich weiter in Richtung Sternkern. Die Akkretion kann einen energiereichen Jet antreiben, der sich durch den Stern nach außen bohrt.
Dieses Szenario könnte zwei scheinbar widersprüchliche Eigenschaften von GRB 250702B verbinden: einen kompakten Energielieferanten, der sehr schnelle Schwankungen ermöglicht, und gleichzeitig eine Materialversorgung, die über viele Stunden anhält. Bewiesen ist das allerdings nicht.
Oder wurde ein Weißer Zwerg zerrissen?
Ein anderes Forschungsteam kommt zu einer deutlich anderen Erklärung. Rob Eyles-Ferris und Kollegen untersuchten, ob ein Weißer Zwerg von einem Schwarzen Loch mittlerer Masse zerrissen worden sein könnte. Gemeint sind Schwarze Löcher zwischen den bekannten stellaren und den supermassereichen Exemplaren in Galaxienzentren.
Der Weiße Zwerg würde in diesem Modell nicht sofort vollständig zerstört. Auf einer stark elliptischen Bahn nähert er sich dem Schwarzen Loch mehrfach an. Bei jedem Vorbeiflug könnten die Gezeitenkräfte Material herausreißen. Erst bei einer späteren Passage würde der Stern vollständig auseinandergerissen.
Das ist deshalb interessant, weil GRB 250702B nicht als einzelner gleichmäßiger Ausbruch erschien. Die Gammaaktivität zeigte mehrere voneinander getrennte Episoden. Ein wiederholt Material verlierender Stern könnte grundsätzlich eine solche Struktur erzeugen.
Ähnliche Prozesse, bei denen ein Stern mehrere Begegnungen mit einem Schwarzen Loch übersteht, werden inzwischen auch bei anderen sogenannten Tidal Disruption Events beobachtet. Auf ingenieur.de haben wir etwa über einen Stern berichtet, den ein Schwarzes Loch immer wieder teilweise zerreißt.
Allerdings hat auch das Weißer-Zwerg-Modell Schwachstellen. Besonders die extrem schnellen Schwankungen der Gammastrahlung lassen sich mit einem größeren Schwarzen Loch nicht ohne Weiteres erklären.
Die Autoren selbst bezeichnen ihr Szenario deshalb nicht als Nachweis, sondern als mögliche Erklärung der vorhandenen Daten.
Ein drittes Szenario kommt hinzu
Damit ist die Auswahl noch nicht beendet. Eine weitere Arbeit aus dem Jahr 2026 untersucht ein sogenanntes Milli-Tidal-Disruption-Event. Dabei würde ein gewöhnlicher Stern von einem Schwarzen Loch mit einigen Tausend Sonnenmassen auseinandergerissen.
Das Modell versucht vor allem, die ungewöhnliche Umgebung um den Ausbruch und das Verhalten des Nachglühens zu erklären. Auch hier könnte ein Jet entstehen, der die hochenergetische Strahlung erzeugt.
Damit stehen inzwischen mehrere Varianten nebeneinander, die unterschiedliche Beobachtungen gut erklären – aber jeweils an anderen Punkten Schwierigkeiten haben.
GRB 250702B ist deshalb weniger ein Fall von „Die Astronomie kennt keine Erklärung“ als ein Fall von mehreren physikalisch plausiblen Erklärungen, zwischen denen die bisherigen Daten noch nicht eindeutig unterscheiden können.
Keine helle Supernova gefunden
Ein weiteres Puzzleteil lieferte erneut JWST. Viele lange Gammastrahlenausbrüche entstehen beim Kollaps sehr massereicher Sterne und gehen mit einer besonders energiereichen Supernova einher. Bei GRB 250702B wurde eine solche helle Explosion bislang nicht gefunden.
Die JWST-Beobachtungen schließen eine Supernova mit einer Helligkeit vergleichbar mit der breitlinigen Typ-Ic-Supernova SN 2023lcr aus. Eine deutlich lichtschwächere Supernova könnte sich allerdings hinter dem starken Staub in der Galaxie verbergen.
Das Fehlen einer klaren Supernova ist daher ein wichtiges Indiz – aber kein Beweis gegen einen Sternkollaps.
Dass Dauer allein inzwischen kaum noch verrät, wie ein Gammastrahlenausbruch entstanden ist, zeigt auch ein anderes Forschungsfeld. Bei ungewöhnlichen langen GRBs mit Kilonova-Eigenschaften verschwimmt die früher vergleichsweise klare Trennung zwischen Sternkollaps und Neutronenstern-Verschmelzung ebenfalls.
Auch die Heimatgalaxie fällt aus dem Rahmen
Ungewöhnlich ist nicht nur der Ausbruch selbst. Die Wirtsgalaxie von GRB 250702B ist für einen Gammastrahlenausbruch auffallend massereich und staubreich. Aus den JWST-Daten ergibt sich eine Sternmasse von ungefähr 100 Milliarden Sonnenmassen. Eine markante Staubspur durchzieht die nahezu von der Seite betrachtete Galaxie.
Der Ausbruch ereignete sich in der Nähe dieser Staubregion. Das könnte für die Entstehungsgeschichte relevant sein. Noch lässt sich daraus allerdings keine bestimmte Ursache ableiten.
Das James-Webb-Teleskop spielt bei solchen stark verhüllten Ereignissen eine besondere Rolle, weil Infrarotstrahlung dichte Staubregionen wesentlich besser durchdringen kann als sichtbares Licht. Auch bei anderen Sternzerreißungen durch Schwarze Löcher hat JWST deshalb bereits Ereignisse entdeckt, die optischen Teleskopen weitgehend verborgen geblieben waren. Mehr dazu lesen Sie hier.
Späte JWST-Beobachtung löst das Rätsel noch nicht
Im Juni 2026 veröffentlichte ein weiteres Forschungsteam eine Auswertung später JWST-Aufnahmen. Sie entstanden rund 95 Tage nach dem Ausbruch.
In drei Infrarotfiltern war kein eindeutiges Signal der Quelle mehr zu erkennen. In zwei kürzeren Wellenlängenbereichen fanden die Forschenden dagegen schwache Hinweise auf Restlicht.
Die Signifikanz liegt allerdings nur bei ungefähr drei Standardabweichungen. Damit handelt es sich nicht um einen sicheren Nachweis.
Interessant ist trotzdem, dass mehrere Erklärungen mit den Daten vereinbar bleiben. Das mögliche späte Leuchten könnte zu einem Tidal Disruption Event passen – aber ebenso zu einer Kombination aus GRB-Nachglühen und einer Supernova.
Auch diese Beobachtung entscheidet den Modellstreit also bislang nicht.
Der Rekord ist sicher, die Ursache nicht
Bei GRB 250702B hat sich die Lage seit seiner Entdeckung damit fast umgekehrt. Im Sommer 2025 war bereits klar, dass Astronominnen und Astronomen ein außergewöhnliches Signal beobachtet hatten. Viele grundlegende Eigenschaften waren aber noch unbekannt.
Heute stehen wichtige Eckdaten fest:
- Die Gammaemission dauerte rund 25.000 Sekunden.
- Damit ist GRB 250702B der längste bislang beobachtete Gammastrahlenausbruch.
- Die Wirtsgalaxie liegt bei einer Rotverschiebung von z = 1,036.
- Die isotrop äquivalente Gammaenergie beträgt mindestens 2,2 × 10^54 erg.
- Eine helle, typische GRB-Supernova wurde nicht gefunden.
- Mehrere Entstehungsmodelle können Teile der Beobachtungen erklären.
Aus dem zunächst rätselhaften Signal ist damit ein gut vermessener Rekordausbruch geworden. Das eigentliche Rätsel ist geblieben: Welcher kosmische Prozess kann über Stunden einen relativistischen Jet antreiben und dabei innerhalb von Sekundenbruchteilen seine Helligkeit verändern?
Quellen
- Neights et al., MNRAS, 2026: GRB 250702B: discovery of a gamma-ray burst from a black hole falling into a star – Analyse der Gammaemission, Dauer von rund 25.000 Sekunden und Helium-Merger-Modell.
- Gompertz et al., The Astrophysical Journal Letters, 2026: JWST Spectroscopy of GRB 250702B – Rotverschiebung, Energetik, Wirtsgalaxie und Suche nach einer begleitenden Supernova.
- Eyles-Ferris et al., MNRAS, 2026: Can GRB 250702B be explained as the tidal disruption of a white dwarf by an intermediate mass black hole? Yes – alternatives Modell mit Weißem Zwerg und mittelschwerem Schwarzen Loch.
- Oganesyan et al., MNRAS, 2026: A milli-tidal disruption event model for GRB 250702B – Modell einer Sternzerstörung durch ein Schwarzes Loch mittlerer Masse.
- Sears et al., 2026: Late-time JWST/NIRCam Observations of the Extremely Long-duration GRB 250702B – spätere JWST-Beobachtungen der Quelle und ihrer Wirtsgalaxie; Preprint.
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