Ein Stern stirbt und aus seinen Überresten entsteht offenbar ein neuer Planet
Ein Planet, geboren nach dem Tod seines Sterns? Ungewöhnliche Elemente und ein 4,4-Tage-Signal liefern Astronomen erstaunliche Hinweise.
Künstlerische Darstellung eines möglichen Planeten zweiter Generation: Der Planet könnte sich aus Material gebildet haben, das sein Stern vor der Entwicklung zum Weißen Zwerg abgestoßen hat.
Foto: Dr. Snehalata Sahu / University of Warwick
Sterne wie die Sonne stoßen am Ende ihres Lebens große Teile ihrer Hülle ab. Normalerweise verteilt sich dieses Material im All. Beim Weißen Zwerg HS 0209+0832 könnte daraus jedoch etwas völlig Neues entstanden sein: ein Planet. Seine ungewöhnliche chemische Zusammensetzung liefert Hinweise auf eine bisher nur vermutete zweite Generation von Planetensystemen.
Astronominnen und Astronomen sehen diesen möglichen Planeten allerdings nicht direkt. Sie haben ihn über das Material aufgespürt, das auf seinen Stern fällt. Die chemische Zusammensetzung ist so ungewöhnlich, dass sie sich kaum mit den Trümmern eines normalen Planeten erklären lässt.
Das internationale Forschungsteam unter Leitung der University of Warwick kommt deshalb zu einer ungewöhnlichen Interpretation: Um HS 0209+0832 könnte ein Planet kreisen, der erst nach dem Ende seines Sterns entstanden ist. Die Studie ist am 5. Oktober 2026 in „Nature Astronomy“ erschienen. Die Forschenden sprechen ausdrücklich von einem Planetenkandidaten zweiter Generation.
Inhaltsverzeichnis
- Weiße Zwerge verraten, was sie verschlucken
- Niob bringt die Astronomen auf eine neue Spur
- Die Elemente könnten aus dem Stern selbst stammen
- Doch wie wird aus einem Sternwind wieder ein Planet?
- Vielleicht besitzt der Planet aber einen alten Kern
- TESS findet einen Rhythmus von 4,4 Tagen
- Der Weiße Zwerg könnte die Atmosphäre seines Planeten verschlucken
- Ein endgültiger Nachweis steht noch aus
Weiße Zwerge verraten, was sie verschlucken
Weiße Zwerge sind die kompakten Überreste ausgebrannter Sterne. In ihren Atmosphären entdecken Astronominnen und Astronomen häufig Elemente, die dort eigentlich nicht lange bleiben dürften. Wegen der starken Gravitation sinken schwere Elemente vergleichsweise schnell in tiefere Schichten. Sind sie trotzdem in der Atmosphäre nachweisbar, muss ständig neues Material hinzukommen.
Oft handelt es sich dabei um die Überreste ehemaliger Planeten oder Asteroiden. Genau auf diese Weise lassen sich untergegangene Planetensysteme untersuchen. Auch das Großinstrument DESI hat bereits in mehreren Weißen Zwergen die chemischen Spuren zerstörter Planetenkörper gefunden. DESI findet Trümmer fremder Planeten in toten Sternen
Bei HS 0209+0832 passt dieses übliche Szenario jedoch nicht.
Niob bringt die Astronomen auf eine neue Spur
In der Atmosphäre des etwa 36.000 Kelvin heißen Weißen Zwergs fanden die Forschenden unter anderem Nickel, Kupfer, Zink und Niob. Besonders auffällig ist das Niob: Im Verhältnis zu Calcium ist es mehr als tausendfach stärker angereichert als in der Sonne.
Gleichzeitig fehlen typische Bestandteile felsiger Planeten weitgehend. Silizium ist nur in Spuren vorhanden, Eisen konnte gar nicht nachgewiesen werden. Zum Vergleich: Silizium und Eisen machen zusammen fast die Hälfte der Masse der Erde aus.
Auch der ungewöhnlich hohe Anteil von Nickel gegenüber Eisen passt nicht zu bekannten Gesteinsplaneten oder Meteoriten unseres Sonnensystems. Die Forschenden verglichen die Messwerte mit Material aus dem Sonnensystem und mit anderen durch Planetenreste „verschmutzten“ Weißen Zwergen – ohne passende Übereinstimmung. Der hohe Niob-Anteil liefert dagegen einen Hinweis auf einen anderen Ursprung.
Die Elemente könnten aus dem Stern selbst stammen
Bevor ein sonnenähnlicher Stern zum Weißen Zwerg wird, durchläuft er mehrere Entwicklungsphasen. Dazu gehört die sogenannte AGB-Phase. In dieser Zeit können durch langsamen Neutroneneinfang, den sogenannten s-Prozess, zahlreiche Elemente schwerer als Eisen entstehen. Dazu gehört auch Niob.
Gleichzeitig verliert der Stern einen großen Teil seiner äußeren Hülle. Das Material wird über starke Sternwinde ins All getragen. Modelle zur Nukleosynthese in AGB-Sternen sagen dabei genau jene Auffälligkeiten voraus, die das Forschungsteam bei HS 0209+0832 beobachtet: viel Kohlenstoff und eine starke Anreicherung bestimmter s-Prozess-Elemente wie Niob.
Die Schlussfolgerung: Das Material, das heute auf den Weißen Zwerg fällt, könnte ursprünglich aus dem Stern selbst stammen. Für den möglichen Planeten bedeutet das eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte. Er wäre nicht zusammen mit dem ursprünglichen Sternsystem entstanden, sondern erst aus Material, das der sterbende Stern Milliarden Jahre später wieder ins All abgegeben hatte.
Doch wie wird aus einem Sternwind wieder ein Planet?
Ausgestoßenes Sternmaterial allein reicht für eine zweite Planetenentstehung nicht aus. Es muss sich zunächst wieder in einer Scheibe sammeln. Die Studie nennt dafür einen möglichen Mechanismus. HS 0209+0832 könnte früher einen massearmen Begleitstern besessen haben. Während der AGB-Phase könnte dieser Begleiter in die stark aufgeblähte äußere Hülle des Sterns eingetreten sein.
Astronomen sprechen von einer Common-Envelope-Phase. Dabei bewegen sich zwei Sternkerne zeitweise innerhalb einer gemeinsamen Hülle. Durch die Wechselwirkung kann ein großer Teil dieser Hülle abgestoßen werden. Gleichzeitig könnte ein kleiner Teil des Materials gebunden bleiben und eine Scheibe um den späteren Weißen Zwerg bilden.
In einer solchen Scheibe könnte anschließend ein neuer Planet entstanden sein. Die Forschenden halten sogar eine schnelle Bildung durch gravitativen Kollaps für denkbar.
Vielleicht besitzt der Planet aber einen alten Kern
Ganz eindeutig lässt sich die Geschichte bislang nicht rekonstruieren. Die Forschenden diskutieren noch eine zweite Möglichkeit: Ein kleinerer Planet aus dem ursprünglichen Planetensystem könnte die Entwicklung seines Sterns überlebt haben. Ein solcher Sub-Neptun oder eine Supererde könnte später Material aus der neu entstandenen Scheibe aufgenommen haben.
Dann wäre nur ein Teil des heutigen Planeten tatsächlich zweiter Generation: ein alter Planetenkern mit einer neuen Atmosphäre aus dem Material des sterbenden Sterns. Diese Variante zeigt, warum die Forschenden bislang von einem Kandidaten sprechen und nicht von einem zweifelsfrei nachgewiesenen Planeten zweiter Generation.
TESS findet einen Rhythmus von 4,4 Tagen
Unabhängige Unterstützung für die Planetenthese liefern Messungen des NASA-Weltraumteleskops TESS. In der Helligkeit von HS 0209+0832 fanden die Forschenden eine regelmäßige Schwankung mit einer Periode von rund 4,4 Tagen. Die Amplitude beträgt lediglich etwa 0,12 %.
Eine mögliche Erklärung ist ein eng umlaufender Gasplanet. Zeigt der Planet seinem Stern immer dieselbe Seite, wird diese stark aufgeheizt. Während des Umlaufs sieht TESS unterschiedlich große Teile der heißen Tag- und der kühleren Nachtseite. Dadurch könnte die gemessene periodische Helligkeitsschwankung entstehen.
Eine zweite Möglichkeit ist ein Schweif aus entweichendem Gas, der zeitweise vor dem Weißen Zwerg vorbeizieht. Beide Erklärungen passen zu einem Planeten, dessen Atmosphäre unter der intensiven Strahlung des jungen Weißen Zwergs langsam verdampft.
Der Weiße Zwerg könnte die Atmosphäre seines Planeten verschlucken
Dazu passt ein weiterer Befund: In der Atmosphäre von HS 0209+0832 befindet sich auch Helium. Bei der hohen Temperatur des Sterns sollte es dort eigentlich innerhalb kurzer Zeit absinken.
Das spricht dafür, dass auch das Helium ständig von außen nachgeliefert wird. Ein rein felsiger Körper lässt sich damit kaum vereinbaren. Wahrscheinlicher ist nach Ansicht der Forschenden Material aus der Atmosphäre eines Gasplaneten.
Das System wäre damit ungewöhnlich widersprüchlich: Der alte Stern könnte zunächst das Material geliefert haben, aus dem ein neuer Planet entstand. Heute entreißt seine intensive Strahlung diesem Planeten wiederum Teile seiner Atmosphäre – und zieht sie zurück auf den Weißen Zwerg.
Ein endgültiger Nachweis steht noch aus
Noch ist nicht zweifelsfrei bewiesen, dass HS 0209+0832 tatsächlich von einem vollständig neu entstandenen Planeten umkreist wird. Weder die chemischen Messungen noch das TESS-Signal stellen allein einen direkten Planetennachweis dar. Zusammen ergeben sie allerdings ein Szenario, das sich deutlich von den üblichen Trümmern ehemaliger Planetensysteme unterscheidet.
Bestätigt sich die Interpretation, wäre erstmals ein Planet zweiter Generation bei einem Weißen Zwerg identifiziert. Weitere Kandidaten könnten sich künftig über denselben chemischen Fingerabdruck finden lassen: ungewöhnlich viel Kohlenstoff sowie eine starke Anreicherung von Elementen aus dem s-Prozess.
Damit bekommt auch die Frage nach dem langfristigen Schicksal von Planetensystemen eine neue Facette. Bei sonnenähnlichen Sternen endet die Entwicklung schließlich ebenfalls als Weißer Zwerg. Wie die Erde diese Entwicklung überstehen könnte, haben Forschende zuletzt neu modelliert. Die Sonne stirbt, die Erde bleibt? Neue Studie stellt alte Prognosen infrage.
Quellen
- Nature Astronomy: Discovery of a second-generation planet candidate accreting onto a white dwarf, veröffentlicht am 5. Oktober 2026
- University of Warwick: The phoenix planet – astronomers find a world reborn from its star’s ashes, Pressemitteilung vom 5. Oktober 2026
- NASA: Suspected Second-generation Planet Solves NASA Hubble Cold Case, 5. Oktober 2026
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