Ingenieurinnen und Ingenieure zwischen zwei Branchen 04.12.2025, 17:30 Uhr

Bauen Deutschlands Ingenieure bald Panzer statt Autos?

Während in der einen Branche immer mehr Stellen wegfallen und Fachkräften die Arbeitslosigkeit droht, könnte eine andere, boomende Branche davon profitieren: Die Rüstungsindustrie sucht qualifizierte Ingenieurinnen und Ingenieure – eine neue Chance für alle, die in der Automobilindustrie keinen Job mehr finden.

Blick auf einen Panzer in einer Halle

In der Automobilbranche wird gespart, beim Militär steigt der Bedarf. Eine Chance für Ingenieurinnen und Ingenieure?

Foto: smarterPix / DmyTo

Die deutsche Automobilbranche steckt tief in der Umstrukturierung und durchaus auch in einer Krise. Elektrifizierung, globale Konkurrenz und hohe Kosten führen seit Jahren zu massiven Stellenstreichungen. Gleichzeitig boomt der Rüstungssektor – ein Bereich, der plötzlich zum sicheren Hafen für qualifizierte Fachkräfte wird.

Eine gewisse Verbindung zwischen Auto- und Rüstungsindustrie gibt es schon etliche Jahrzehnte. Und es gab auch konkrete Berührungspunkte. So bauten Auto-Ingenieure Teile für den Leopard-2-Panzer. Auch wenn dieser Ausflug nicht besonders erfolgreich war, denn nach der Erinnerung eines ehemaligen Porsche-Ingenieurs brach bei einer Präsentation das von ihm gebaut Alu-Pedal und der Panzer durchbrach anschließend eine Backsteinwand, so kann die Rüstungsbranche für Ingenieurinnen und Ingenieure durchaus neue Chancen eröffnen.

Europa rüstet wirtschaftlich auf – bauen Autoingenieure bald Panzer?

Die Rüstungsbranche meldet seit einigen Jahren wachsende Umsätze. Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI stiegen die Erlöse der 100 größten Rüstungskonzerne 2024 um 5,9 Prozent auf 679 Milliarden US-Dollar.

Innerhalb Europas zeigt sich der Aufschwung besonders deutlich. Die vier deutschen Hersteller in der SIPRI-Liste – Rheinmetall, Diehl, Hensoldt und Thyssenkrupp Marine Systems – steigerten ihre Rüstungserlöse 2024 um 36 Prozent auf insgesamt 14,9 Milliarden US-Dollar. Spitzenreiter ist Rheinmetall mit 8,2 Milliarden US-Dollar und Platz 20 unter den Weltkonzernen.

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Konflikte lassen neue Arbeitsplätze entstehen

Hintergrund des Wachstums sind geopolitische Spannungen – vom Krieg in der Ukraine bis zum Nahostkonflikt. Analystinnen und Analysten erwarten in naher Zukunft eher keine Entspannung. Demzufolge bleibt der Bedarf an Ingenieurinnen und Technikern weiterhin tendenziell hoch. Für viele Fachkräfte eröffnet sich so nach Entlassungen in der Autoindustrie eine alternative Perspektive im Rüstungssektor.

Der Branchenwechsel geschieht oft reibungslos. Viele Ingenieurinnen und Ingenieure nehmen angebotene Abfindungen an und unterschreiben kurz darauf einen neuen Vertrag bei einem Rüstungskonzern. Laut Harald Müller von der Bonner Wirtschafts-Akademie wird die Verteidigungsindustrie zum „Auffangbecken für Zehntausende Beschäftigte, die ihren Arbeitsplatz in der Autoindustrie verlieren“.

Ein Exodus ganz neuen Ausmaßes in der Automobilbranche

Schätzungen zufolge könnten 50.000 bis 100.000 Jobs in der Automobil- und Zuliefererbranche bis 2027 entfallen. Gleichzeitig entstehen neue Stellen in ähnlicher Größenordnung im Verteidigungssektor – insbesondere in Produktion, IT und technischer Entwicklung. Bauen deutsche Auto-Ingenieure bald Panzer? Für viele lautet die Antwort bereits: teilweise ja.

Das Statistische Bundesamt bestätigt den Rückgang. Ende 2025 arbeiteten rund 48.700 Menschen weniger in der deutschen Autoindustrie als ein Jahr zuvor – ein Minus von 6,3 Prozent. Mit lediglich 721.400 Beschäftigten erreicht die Branche den niedrigsten Stand seit 2011. Auch Zulieferer sind von dieser Entwicklung besonders stark betroffen.

Sparkurs in der Autobranche – Wachstum in der Rüstungsindustrie

Bei Herstellern von Fahrzeugmotoren zum Beispiel sank die Beschäftigtenzahl um 3,8 Prozent, im Karosseriebau um 4,0 Prozent. Am stärksten fiel der Rückgang in der Teile- und Zubehörfertigung aus: minus 11,1 Prozent auf knapp 235.400 Arbeitskräfte.

Große Autohersteller fahren schon seit einigen Jahren einen Sparkurs. Dazu gehören vor allem auch langfristige Spargrogramme. Volkswagen plant bis 2030 den sozialverträglichen Abbau von mehr als 35.000 Stellen, Bosch bis zu 22.000 und ZF Friedrichshafen bis 2028 rund 14.000. Schäffler hat sogar die Schließung von Werken angekündigt. Währenddessen expandieren Unternehmen wie Rheinmetall und Hensoldt mit neuen Produktionsstandorten. Für Fachkräfte bleibt der nächste Vertrag daher oft militärisch geprägt.

Bauen deutsche Auto-Ingenieure bald Panzer? Ein Aderlass mit Ansage

Allerdings ist die Zahl an qualifizierten Ingenieurinnen und Ingenieuren nicht unendlich. Sollte die Rüstungsproduktion weiter steigen, konkurrieren zivile und militärische Arbeitgeber um dasselbe Personal. Branchenexpertinnen und -experten warnen vor einem Know-how-Verlust, der Innovationsprojekte in der Automobilindustrie ausbremsen könnte.

Laut der Bonner Wirtschafts-Akademie könnten steigende Verteidigungsausgaben bis zu 200.000 zusätzlichen Arbeitsplätze schaffen – ein großer Teil davon in Wehrtechnik. ugleich droht der Autoindustrie die Abwanderung erfahrener Spezialistinnen und Spezialisten. Das Gleichgewicht zwischen ziviler Forschung und Rüstungsentwicklung verschiebt sich.

Die besten Köpfe wechseln dorthin, wo Sicherheit und gute Bezahlung locken. Für Deutschland bedeutet das einerseits Stabilität im Verteidigungssektor, andererseits Schwächung einer Schlüsselindustrie. Im globalen Wettbewerb – besonders mit China – könnte der Verlust technischer Kompetenz langfristig Nachteile bringen.

Ein Beitrag von:

  • Nina Draese

    Nina Draese hat unter anderem für die dpa gearbeitet, die Presseabteilung von BMW, für die Autozeitung und den MAV-Verlag. Sie ist selbstständige Journalistin und gehört zum Team von Content Qualitäten. Ihre Themen: Automobil, Energie, Klima, KI, Technik, Umwelt.

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