Diskussion um "Langzeitfolgen" 26.10.2021, 11:30 Uhr

Corona-Totimpfstoff Valneva: Was hinter dem großen Missverständnis steckt

Totimpfstoff statt mRNA? Einige Skeptiker setzen darauf, mit der Impfung zu warten, bis der alternative Corona-Impfstoff entwickelt und zugelassen ist. Zuletzt hatte Fußballer Joshua Kimmich vom FC Bayern die Debatte angeheizt. Doch selbst Hersteller raten davon ab, auf den Totimpfstoff zu warten.

Corona-Totimpfstoff: Kann das Vakzin auch Skeptiker überzeugen? Foto: Panthermedia.net/ teerawit (YAYMicro)

Corona-Totimpfstoff: Kann das Vakzin auch Skeptiker überzeugen?

Foto: Panthermedia.net/ teerawit (YAYMicro)

55 Millionen Deutsche sind mittlerweile vollständig gegen Corona geimpft. Doch Millionen Menschen haben noch nicht einmal die erste Impfdosis erhalten – viele von ihnen haben sich offenbar bewusst gegen eine Corona-Impfung entschieden. Bei manchen gibt es Bedenken etwa vor Langzeitfolgen. Wenngleich hier offenbar nach wie vor ein Missverständnis besteht: Wenn von Langzeitfolgen die Rede ist, sind keine Nebenwirkungen gemeint, die möglicherweise Jahre nach einer Impfung auftreten könnten. Tatsächlich treten solche Nebenwirkungen kurz nach einer Impfung auf – oder gar nicht. Gemeint ist vielmehr, dass solche Nebenwirkungen erst über einen gewissen Zeitraum, innerhalb dessen immer mehr Menschen geimpft werden, entdeckt werden.

Obwohl Experten auf diesen Umstand immer wieder hinweisen, haben nach wie vor viele Menschen Zweifel am mRNA-Impfstoff. Manche warten lieber auf einen Totimpfstoff, wie man ihn seit Jahrzehnten etwa bei Standardimpfungen gegen Grippe oder Tetanus anwendet. So auch Bayern-Fußballer Joshua Kimmich, der jüngst erklärte, er habe wegen möglicher Langzeitfolgen von mRNA-Impfstoffen Bedenken. Derweil schnellen vor dem Winter die Corona-Fallzahlen wieder in die Höhe.

Zeit, die wichtigsten Fragen zum Corona-Impfstoff zu klären:

Was sind Totimpfstoffe?

Totimpfstoffe werden seit Jahren verabreicht und sind hinlänglich erforscht, zum Beispiel gegen Grippe, Hepatitis, Tetanus oder Polio. Virologen halten den Vergleich zwischen der Corona-Impfung auf mRNA-Basis und Totimpfstoffen für falsch. “Jeder Impfstoff muss einzeln betrachtet und beurteilt werden”, sagt Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Deutschen Zentrum für Gesundheitsforschung.

Was sind die Unterschiede zwischen Tot- und Lebendimpfstoff?

Prinzipiell unterscheidet man zwischen Totimpfstoffen und abgeschwächten Lebendimpfstoffen. Totimpfstoffe werden auch als inaktivierte Impfstoffe bezeichnet. Sie enthalten nur abgetötete Krankheitserreger, die sich nicht vermehren können. Der Körper erkennt sie als fremd, sodass das Immunsystem zur Antikörperbildung angeregt wird. Die jeweilige Krankheit bricht dabei nicht aus. Impfstoffe gegen Keuchhusten und Tetanus gehören zu den Totimpfstoffen.

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Lebendimpfstoffe enthalten eine geringe Menge vermehrungsfähiger Krankheitserreger. Diese sind aber auch so abgeschwächt, dass sie die Krankheit selbst nicht auslösen können. In manchen Fällen kann es aber zur sogenannten leichten “Impfkrankheit” kommen. Masern, Mumps, Röteln gehören zu den Lebendimpfstoffen. mRNA-Impfstoffe sind keine Lebendimpfstoffe.

mRNA: Ist das wie ein Lebendimpfstoff?

Nein, auch die vektorbasierten Vakzine von Astrazeneca und Johnson & Johnson sind keine Lebendimpfstoffe. Das Robert Koch-Institut setzt sie sogar mit Totimpfstoff gleich.
mRNA ist ein genbasiertes Impfstoff-Verfahren. Die Wirkung basiert auf dem Einbringen von viraler genetischer Information in die menschlichen Zellen. Diese Impfstoffe schleusen also den genetischen Bauplan für die Erreger-Antigene ein, sodass die Zellen anhand dieser Anleitung selbst die Antigene zusammensetzen.

Totimpfstoff gegen Corona: Welcher Hersteller ist am weitesten?

Valneva könnte der erste Totimpfstoff gegen das Coronavirus sein. Das Vakzin enthält abgetötete Krankheitserreger. Selbst Valneva-Chef Thomas Lingelbach rät davon ab, auf die Fertigstellung und Zulassung seiner Impfung zu warten. Er betont aber auch, dass die Antikörper, die ein Totimpfstoff generiere, „denen einer natürlichen Infektion am ähnlichsten“ seien. Lingelbach hält eine hohe Impfquote für unerlässlich, um endlich wieder zur Normalität zurückzukehren. “Jede Impfung besser als keine Impfung.“

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Valneva versus Astrazeneca

Die Wirksamkeit des Totimpfstoffes des französischen Pharmaherstellers überzeugt. Laut der finalen Phase 3 ihrer Zulassungsstudie weise Valneva eine höhere Antikörperkonzentration als der Impfstoff von Astrazeneca auf. Die Wirksamkeit des britischen Vakzins liegt bei 80 %.

Wann kommt der Totimpfstoff gegen Covid-19 in Europa?

Das ist noch völlig unklar. Daten zur Prüfung sind bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA noch nicht eingegangen. Beim Hersteller rechnet man mit einer Zulassung im ersten Halbjahr 2022. Aktuell steigen die Zahlen der Corona-Infektionen wieder stark an. Bis der neue Impfstoff auf den Markt kommt, könnte ein Großteil der Ungeimpften immunisiert sein.

Totimpfstoff als Booster-Impfung?

Viele Experten sehen den Totimpfstoff als guten Kandidaten für Booster-Impfungen, also für Auffrischungen der Corona-Impfung. Schon jetzt wird Menschen ab 60 Jahren geraten, sich ein weiteres Mal gegen Corona impfen zu lassen, da die Schutzwirkung der ersten beiden Impfungen mit der Zeit nachlässt.

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Ein Vorteil: Nach der Vergabe von Totimpfstoffen entwickelt das Immunsystem nicht nur Antikörper gegen einen Eiweißbestandteil des Corona-Virus, sondern gegen mehrere. Die Breitenwirkung ist also größer und bietet als Booster im Hinblick auf mögliche neue Varianten von Corona einen besonders guten Schutz, glauben Experten.

Warum gibt es Covid-19 Impfdurchbrüche?

Vermehrt gibt es Corona-Infektionen bei vollständig geimpften Personen. Gründe für Covid-19 Impfdurchbrüche kann es viele geben. Alter, Vorerkrankungen und die Intervalle zwischen den beiden Impfungen (mRNA) spielen eine Rolle. Fakt ist auch: Eine Corona-Impfung schützt nicht zu 100 % vor einer Erkrankung. Der Schutz vor einer Behandlung auf der Intensivstation liegt aber über die Altersgruppen hinweg bei über 90%. Sprich: Bei Geimpften sinkt das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs erheblich.

Ein Beitrag von:

  • Peter Sieben

    Peter Sieben ist Content Manager und verantwortlicher Redakteur für ingenieur.de. Nach einem Volontariat bei der Funke Mediengruppe war er mehrere Jahre als Redakteur und Politik-Reporter in verschiedenen Ressorts von Tageszeitungen und Online-Medien unterwegs. Er schreibt über Forschung, Politik und Karrierethemen.

  • Sarah Janczura

    Sarah Janczura

    Sarah Janczura ist Content Manager und verantwortliche Redakteurin für ingenieur.de. Nach einem Volontariat mit dem Schwerpunkt Social Media war sie als Online-Redakteurin in einer Digitalagentur unterwegs. Sie schreibt über Technik, Forschung und Karrierethemen.

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