QuEra setzt auf AWS 15.06.2026, 16:00 Uhr

Quantencomputing verlässt das Labor: Jetzt zählen Liefertermine statt Qubit-Rekorde

Quera kündigt fehlertoleranten Quantencomputer bis 2028 in der AWS-Cloud an. Fokus im Quantencomputing: stabile logische Qubits und reale Anwendungen.

Laborschrank

Laboransicht des neuen Quantencomputers Libra des US-Unternehmen QuEra Computing. Er soll bis 2028 über den Dienstleister AWS für Kunden zugänglich gemacht werden. Foto. QuEra Computing

Foto: QuEra Computing

Der US-Hersteller Quera will mit Amazon Web Services (AWS) den Sprung von fehleranfälligen Quantencomputern in die Cloud vorbereiten. Für 2028 kündigen die Bostoner ihren ersten verfügbaren fehlertoleranten Quantencomputer an. Die Anlage namens Libra soll mehr als 256 korrigierte logische Qubits enthalten und daraus etwa 1 Mio. zuverlässige logische Operationen liefern.

Queras Ankündigung vom 15. Juni passt zu anderen aus diesem Jahr, wie die der europäischen Start-ups Eleqtron und Quantware, die bei ihren Finanzierungsrunden im Mai extrem abräumten. Die Quantencomputingbranche sortiert ihre Erfolgsmeldungen neu: Qubit-Rekorde sind o. k., aber es erfolgt verstärkt der Schritt aus den Laboren in die Industrie.

Willkommen im Markt. Wichtig sind und erwartet werden reale Verfügbarkeiten der Dienste mit zuverlässigen Ergebnissen und reale Lieferketten für industrielle Produkte.

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Warum Quera technisch bei der Fehlerkorrektur im Vorteil ist

Quera arbeitet mit neutralen Atomen, die in Laserfallen lokalisiert und anschließend manipuliert werden können. In einer solchen Falle sammeln sich also gleichartige Quantenobjekte. Das macht diesen technologischen Ansatz für einen Quantencomputer interessant:

  • Für eine erfolgreiche Fehlerkorrektur werden physische zu logischen Qubits aggregiert. Die gefangenen Atome sind gleichartig, das macht es einfacher.
  • In optischen Fallen lassen sich relativ viele einzelne Atome sammeln.
  • Die Atome lassen sich in rekonfigurierbaren Arrays bewegen.
  • Weil sie elektrisch neutral sind, behalten sie ihre Quanteneigenschaften vergleichsweise lange.

Für Fehlerkorrektur ist das ein attraktives Setting.

Quantum as a Service

Libra soll auf bekannten, vorhandenen Bausteinen von Quera aufsetzen: einem Neutralatomsystem mit 256 physischen Qubits namens Aquila, und auf Gemini, einem gate-basierten System mit 260 Neutralatom-Qubits, mit dem Nutzer logische Qubits arrangieren und erproben können. Quera und das Los Alamos National Laboratory haben ebenfalls im Juni eine Architektur beschrieben, die für bestimmte Quantensimulationen deutlich weniger physische Ressourcen benötigen soll.

Verfügbar wird Libra über die Cloud als Quantumcomputing-as-a-Service wie Amazon Braket über Amazon Web Services (AWS), über die heute schon Aquila zugänglich ist. Einen physikalisch ähnlichen Ansatz mit Neutralatomen verfolgt das Münchner Start-up Planqc.

Der Wettbewerb beim Quantencomputing verschiebt sich gerade

Längst ist in der Branche klar, dass nicht mehr allein die Hardwaregröße zählt, also die Anzahl der physikalischen Qubits. Stattdessen entscheidet der Overhead der Fehlerkorrektur jetzt massiv mit. Wenn ein logisches Qubit Tausende physische Qubits frisst, bleibt auch von einem großen Prozessor wenig übrig. Darauf reagieren auch die Großen der Branche, wie IBM. Auf der jährlichen Quantum Developer Conference stellte IBM im November 2025 „wesentliche Fortschritte vor, um auf dem Weg zur Realisierung des Quantenvorteils bis Ende 2026 und des fehlertoleranten Quantencomputings bis 2029 zu liefern.“

Im Juni hatte IBM eine weitere Investition in Höhe von 10 Mrd. $ über fünf Jahre avisiert, um das Jahr 2029 abzusichern. Dennoch wäre demnach Quera ein Jahr früher im Markt. IBM hingegen behauptet von sich, die größte installierte Basis im Markt zu haben sowie ein Kunden- und Partnernetzwerk von mehr als 340 Organisationen, die bereits heute reale Workloads ausführen.

Auch der US-Anbieter Ionq legte im Frühjahr eine detaillierte Architektur für fehlertolerantes Rechnen mit Ionenfallen vor, quasi eine Blaupause. Zu Jahresbeginn hatte er den US-Fabdienstleister SkyWater übernommen.

Damit stellt Ionq sich vertikal auf: Es geht weniger um Physik als um Lieferketten, Fertigung und Skalierbarkeit. Beim Wettrennen um Macht im sich entwickelnden Markt zählt immer mehr, wer lange, nachvollziehbare und korrigierte Rechnungen stabil fahren kann.

Was heißt das für Anwendungen?

Die Anwender wollen Quantencomputing nutzen. Dazu braucht es den Cloudzugang, den Quera über AWS bieten will. Das machen auch andere so. Auf diese Weise können Unternehmen und Forschungseinrichtungen früh an logischen Testumgebungen, Emulatoren und hybriden Workflows partizipieren.

Die Kunden wollen endlich reale Entwicklungs- und Simulationsabläufe fahren. QPUs sollen neben CPUs, GPUs und klassischen HPC-Systemen arbeiten. Es sind Spezial-Hochleistungsrechenmaschinen, die neben Supercomputern in entsprechenden Rechenzentren zugänglich gemacht werden sollen. Wie leistungsfähig Queras Libra ist, verdeutlicht der Anbieter durch die Einordnung in die Megaquopklasse mit Anlagen, die über eine Million zuverlässige Rechenoperationen abbilden können.

Wo Quera im Rennen um die besten Quantencomputer steht

2028 ist ziemlich bald. Quera macht seiner Kundschaft ein Versprechen, aber auch seinen eigenen Leuten. Die sollen bis dann eine nutzbare Plattform präsentieren. Ob das gelingt, wird sich daran zeigen, ob reale Workflows entstehen, die klassische Rechner nicht nur ergänzen, sondern an klar definierten Stellen übertreffen. Und dazu braucht es heute schon eine klar definierte Wertschöpfungskette, sonst ist 2028 nicht zu halten.

Die Roadmap des US-Unternehmens steht aber nicht im luftleeren Raum. Die beiden Finanzierungsrunden europäischer Technologieunternehmen im Mai fokussieren genau dieses Thema: Wertschöpfungskette. Ähnlich wie die SkyWater-Übernahme von Ionq. Wer künftig fehlertolerante Systeme betreiben will, braucht Fertigung, Packaging, Steuerung, Cloud-Zugang und verlässliche Lieferstrukturen. Die Siegener Eleqtron sammelte dafür Anfang Mai 57 Mio. € ein, angeführt von der Schwarz-Gruppe-Tochter Schwarz Digits. QuantWare aus Delft kassierte 178 Mio. $, um mit VIO und KiloFab eine industrielle Fertigungsbasis für supraleitende Quantenprozessoren aufzubauen.

Je nach Technologie beim Quantencomputing müssen noch viele verschiedene Probleme angegangen werden. Doch trotz bestehender Unsicherheit werden die Roadmaps für die zukünftige und auch die schon bestehende Kundschaft greifbarer. Die Engpässe werden nicht mehr im Universitätslabor als Grundlagenforschung angegangen, sondern ingenieurtechnisch adressiert. Das beinhaltet konkrete Lastenhefte und verbindliche Zeitskalen. Quera mit seiner AWS-Kooperation hat jetzt ein Versprechen abgegeben, eine fehlertolerante Maschine bis 2028 bereitzustellen. Das ist ein Versprechen an den Markt, nicht mehr das Ziel einer Forschungsvereinbarung.

Ein Beitrag von:

  • Stephan W. Eder

    Stephan W. Eder ist Technik- und Wissenschaftsjournalist mit den Schwerpunkten Energie, Klima und Quantentechnologien. Grundlage hierfür ist sein Studium als Physiker und eine anschließende Fortbildung zum Umweltjournalisten.

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