EU-Quantencomputing auf dem Weg in die Championsleague 08.05.2026, 11:00 Uhr

Quantencomputing: EU-Unternehmen räumen extrem bei Finanzierungsrunden ab

Die deutsche Eleqtron erhält 57 Mio. € für Quantencomputing, die niederländische Quantware 152 Mio. €. Die Finanzierungen soll vor allem die Industrialisierung der Technologien
beschleunigen.

Komponenten einer optischen Bank, blau beleuchtet

Komponenten des optischen Aufbaus eines Quantencomputers des Siegener Herstellers Eleqtron. Das Unternehmen konnte nach eigenen Angaben mit 57 Mio. € eine der größten Series-A-Runden im Quantencomputing erzielen.

Foto: Christoph Georges

Das Siegener Quantencomputing-Scale-up Eleqtron hatte nach eigenen Angaben eine Series-A-Finanzierungsrunde über 57 Mio. € (67 Mio. $) abgeschlossen. Das war am 5. Mai. 2026. Laut Eleqtron sei diese Runde eine der größten Series-A-Finanzierungen im Quantencomputing weltweit. Einen Tag später räumte das niederländische Start-up Quantware für seine supraleitenden Quantenprozessoren sogar 152 Mio. € ab. Das Spin-off der TU Delft stellt selbst keine Qantencomuter her, sondern mit seinen Prozessoren die nötigen Bausteine, damit andere ihre eigenen Quantencomuter maßgeschneidert bauen können.

In Europa werden diese beiden Frontrunner damit deutlich sichtbarer als Anbieter, die nicht nur Forschungsergebnisse vorweisen, sondern den Schritt in Richtung industriell nutzbarer Systeme vorbereiten. Für Eleqtron heißt das: Die Belegschaft wird „in der anstehenden Phase“ ca. verdoppelt, so das Unternehmen gegenüber www.ingenieur.de. Auch Quantware macht einen großen Schritt: es soll in Delft die weltweite erste Fab für Quantenprozessoren entstehen.

Warum diese Finanzierungsrunde im Quantencomputing bemerkenswert ist

Auffällig ist dabei, dass Eleqtron ein Auftragsvolumen von mehr als 54 Mio. € aufweist. Das ist wichtig in einem Markt, in dem viele Anbieter noch stark über technologische Perspektiven, Pilotprojekte und Forschungsnähe wahrgenommen werden. Ein substanzieller Auftragsbestand deutet darauf hin, dass die Nachfrage nach Quantencomputing-Systemen bereits konkreter wird.

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Vergleichbare Finanzierungsdimensionen für junge Unternehmen dieser Branche sind in Deutschland und der EU eher selten. So fuhr Planqc aus München 50 Mio. € im Jahr 2024 ein. Die Schweizer Terra Quantum startete ihre Series-A-Finanzierung 2022 mit 60 Mio. $ und erweiterte sie im gleichen Jahr sogar auf 75 Mio. $. Die Runde ordnet sich damit in ein internationales Umfeld ein, in dem sich der Wettbewerb um kommerziell nutzbares Quantencomputing deutlich verschärft. In den USA werden Start-ups oder Scale-ups wie Eleqtron in hardwarelastigen Technologiefeldern traditionell schneller mit mehr Geld ausgestattet, um die Produktion anzufahren und zu skalieren.

Als Lead-Investor nennt Eleqtron Schwarz Digits, die IT- und Digitalsparte des Einzelhandelskonzerns Schwarz Gruppe. Zu den zentralen Investoren und Geldgebern zählt zudem der EIC Fund des European Innovation Council. Hinzu kommen bestehende Investoren wie Earlybird. Zu den neuen Investoren der Finanzierungsrunde zählen die VC-Firma Ankaa Ventures aus Frankreich, der Laser-Ausrüstungs-Spezialist Precitec sowie die Förderbanken NRW.Bank aus Düsseldorf und IFB Hamburg. Bei Quantware sind die US-Unternehmen Intel und IQT (Venture Capital) und die Londoner ETF Partners eingestiegen.

Wofür soll das Kapital bei Eleqtron eingesetzt werden?

Das frische Kapital soll in drei zentrale Bereiche fließen:

  • den Aufbau skalierbarer Produktionskapazitäten. Auf Nachfrage zum Thema Skalierung nennt Eleqtron gegenüber www.ingenieur.de konkret den Aufbau von Testbeds, Platz für weitere Maschinenräume und vor allem neue Mitarbeiter. Die Belegschaft soll in etwa verdoppelt werden.
  • den Ausbau eines Cloud-basierten Zugangs zu den Systemen
  •  und die Weiterentwicklung der Hardwareplattform. Dabei geht es laut Eleqtron „hauptsächlich“ um den Ausbau der Testkapazitäzen, um Fehlerkorrektur und größere Systeme, sprich mehr Qubits.

Darüber hinaus investiert Eleqtron in die Weiterentwicklung seiner proprietären MAGIC-Technologie (Magnetic Gradient Induced Coupling). Sie ermöglicht die hochpräzise Steuerung gefangener Ionen mittels miniaturisierter Mikrowellentechnik und soll einen Weg zu skalierbaren Quantencomputern eröffnen. Damit geht es nicht allein um Forschung und Entwicklung, sondern um die Frage, wie aus einer technologischen Plattform ein industriell verfügbarer Dienst oder ein produktionsfähiges System werden kann. Gefangene Ionen gelten im Quantencomputing als vielversprechender Ansatz, weil sie sich sehr genau manipulieren lassen. Entscheidend bleibt jedoch, ob sich solche Systeme zuverlässig skalieren, herstellen und für industrielle Anwender zugänglich machen lassen.

Jan Henrik Leisse, CEO und Mitgründer von Eleqtron, beschreibt die Entwicklung als eine Übergangsphase: „Quantencomputing entwickelt sich derzeit von einer Forschungstechnologie zu einer industriell nutzbaren Infrastruktur. Mit dieser Finanzierung beschleunigen wir diesen Übergang und bauen Systeme, die konkrete Probleme für Industriekunden lösen werden.“ Da die Siegener technologisch von vorneherein stark auf im Markt verfübgare Lösungen geachtet haben, steht für diesen Prozeß auch die Lieferkette. „Wir verfügen über eine europäische Lieferkette, wir sind zuversichtlich, in absehbarer Zeit keine Engpässe zu bekommen, auch weil viele unserer Komponenten “off the shelf” und keine Spezialanfertigungen sind“, so das Unternehmen auf Nachfrage.

Zwei Männer in weißen Hemden stehen nebeneinander
Die beiden Gründer von Eleqtron, CEO Jan Henrik Leisse (li.) und Cheftechnologe Michael Johanning (re.), können eine Series-A-Finanzierung von 57 Mio. € einfahren. Foto: www.sichtplan.de

Welche Rolle digitale Souveränität beim Quantencomputing spielt

Investoren verknüpfen die Finanzierungsrunde bei Eleqtron mit der Frage technologischer Unabhängigkeit.

„Für uns und unsere Partner steht die digitale Souveränität an oberster Stelle. Nach unseren strategischen Weichenstellungen in den Bereichen Cloud und künstliche Intelligenz ist die Beteiligung an Eleqtron ein konsequenter Baustein. Wir wollen sicherstellen, dass wir bei Schlüsseltechnologien unabhängig bleiben und zukunftsweisende, sichere IT-Infrastrukturen direkt hier in Deutschland aktiv mitgestalten“, sagt Christian Müller, Co-CEO von Schwarz Digits.

Quantencomputing wird also zunehmend als Teil kritischer digitaler Infrastruktur verstanden. Es bewegt sich trotz frühen Technologiestadiums und eines kaum entwickelten Marktes auf der strategischen Ebene von Rechenzentren, Netzen oder KI-Plattformen. Wer den Daumen auf diesen Systemen hat, kontrolliert potenziell auch künftige Rechenkapazitäten für hochkomplexe Optimierungs-, Simulations- und Sicherheitsaufgaben.

Damit berührt die Finanzierungsrunde eine industriepolitische Kernfrage: Europa will bei Schlüsseltechnologien nicht nur Anwender sein, sondern eigene Anbieter aufbauen. Das gilt für Halbleiter, KI-Infrastruktur und zunehmend auch für Quantencomputer. Entscheidend wird sein, ob europäische Unternehmen wissenschaftliche Stärke in robuste Produkte, Lieferfähigkeit und langfristige Kundenbeziehungen übersetzen können.

Wie nah ist Quantencomputing an der Anwendung?

Noch ist Quantencomputing keine Standardinfrastruktur wie klassische Cloud-Rechenzentren. Doch der Markt verschiebt sich. Der geplante Cloud-Zugang zeigt, dass die Systeme nicht zwangsläufig physisch beim Kunden stehen müssen. Weil die Maschinen an sich sehr teuer sein können, ist das Dienstleistungsmodell schon lange Teil möglicher Vermarktung von Quantencomputern. Für viele industrielle Anwender kann der Zugang über die Cloud der pragmatischere Weg sein: testen, integrieren, Anwendungsfälle entwickeln – ohne selbst Quantenhardware betreiben zu müssen.

Ein weiterer Investor, der erneut in Eleqtron investiert, sieht genau darin ein Signal für den Reifegrad der Technologie: „Besonders die Kombination aus eigener Technologie und Cloud-basiertem Zugang zeigt, wie aus Forschung konkrete Anwendungen entstehen können“, sagte Hendrik Brandis, Co-Founder & Partner von Finanzier Earlybird. Die neue Finanzierung soll die Kommerzialisierung nun maßgeblich beschleunigen. Der Anspruch ist klar: Quantencomputing soll nicht länger nur als Zukunftsversprechen gelten, sondern als entstehende industrielle Infrastruktur mit konkretem Nutzen für Kunden.

Was steht jetzt bei Eleqtron an?

Mit 57 Mio. € zusätzlichem Kapital und mehr als 54 Mio. € Auftragsvolumen startet das Unternehmen in eine Phase, in der es weniger um Visionen als um Umsetzung geht. Die Siegener werden liefern müssen: Produktion skalieren, Hardware weiterentwickeln, Cloud-Zugang aufbauen, Kundensysteme liefern. „Quantencomputing tritt in eine entscheidende Phase der Industrialisierung ein. Unternehmen wie Eleqtron, die wissenschaftliche Exzellenz mit einem klaren Fokus auf skalierbare Systeme verbinden, sind entscheidend, um Europas Stärken in global wettbewerbsfähige Technologien zu übersetzen“, ordnet Svetoslava Georgieva, Vorsitzende des Verwaltungsrats des EIC-Fonds, die Lage der Branche und des Siegener Unternehmens ein.

Für das deutsche Start-up ist die Finanzierungsrunde damit mehr als ein Kapitalzufluss. Sie ist ein Test, ob sich technologische Ambition, industrielle Skalierung und europäische Souveränität tatsächlich in belastbare Geschäftsmodelle auf Basis von Quantencomputing überführen lassen. Im Unternehmen selbst wird vor allem die geplante Verdoppelung der Belegschaft zu spüren sein. „In der anstehenden Phase wollen wir die Belegschaft ca. verdoppeln. „Recruiting ist im Bereich Quantencomputing eine enorme Herausforderung, hier werden wir auch unseren Fokus legen“, so Eleqtron. Dabei werde Siegen als Hauptquartier erhalten bleiben und deutlich wachsen, es würden neue Räumlichkeiten geschaffen, aber auch der zweite Standort in Hamburg werde „organisch mitwachsen“.

Lesen Sie auch: Patente ja, Produkte nein? So steht Deutschland bei Quantentechnologie

Ein Beitrag von:

  • Stephan W. Eder

    Stephan W. Eder ist Technik- und Wissenschaftsjournalist mit den Schwerpunkten Energie, Klima und Quantentechnologien. Grundlage hierfür ist sein Studium als Physiker und eine anschließende Fortbildung zum Umweltjournalisten.

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