Keine SMS, keine App 28.08.2026, 06:58 Uhr

Cell Broadcast: So kommt die Katastrophenwarnung auf Ihr Smartphone

Cell Broadcast warnt Smartphones ohne App oder Telefonnummer. Wie DE-Alert technisch funktioniert, welche Handys mitmachen und wo das System Grenzen hat.

Hand mit Smartphone

Keine SMS, keine App: So funktioniert Cell Broadcast wirklich.

Foto: panthermedia.net/stockasso

Plötzlich erscheint eine Warnung auf dem Display, das Smartphone vibriert und ein auffälliger Alarmton ertönt. Seit Februar 2023 können Behörden Menschen in Deutschland auf diese Weise über Cell Broadcast warnen. Eine App ist dafür nicht erforderlich. Auch die Telefonnummer des Empfängers muss niemand kennen.

Eine Cell-Broadcast-Warnung ist keine SMS. Die Nachricht wird nicht an einzelne Mobilfunknummern geschickt, sondern in ausgewählten Funkzellen ausgestrahlt. Dadurch können sehr viele Geräte nahezu gleichzeitig erreicht werden. Seit November 2025 lässt sich über denselben Mobilfunkdienst auch eine Entwarnung verschicken.

Was ist Cell Broadcast?

Cell Broadcast ist ein standardisierter Mobilfunkdienst, mit dem eine Nachricht gleichzeitig an viele empfangsbereite Endgeräte in einem festgelegten Gebiet übertragen werden kann.

In Deutschland gehört die Technik seit dem 23. Februar 2023 zum Warnsystem für die Bevölkerung. Die deutsche Umsetzung heißt DE-Alert und basiert auf dem europäischen Warnsystem EU-Alert sowie internationalen Mobilfunkstandards.

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Cell Broadcast ersetzt Sirenen, Rundfunk oder Warn-Apps nicht. Es ergänzt diese Warnwege. Wie die Systeme beim jährlichen Test zusammenspielen, erklären wir im Beitrag zum Bundesweiten Warntag.

Cell Broadcast ist keine SMS

Die Bezeichnung „Warn-SMS“ hält sich hartnäckig, beschreibt die Technik aber falsch. Eine SMS wird an eine bestimmte Mobilfunknummer adressiert. Soll dieselbe Nachricht an sehr viele Menschen gehen, sind entsprechend viele einzelne Zustellungen nötig.

Cell Broadcast nutzt ein anderes Prinzip. Eine Nachricht wird von den ausgewählten Mobilfunkzellen ausgestrahlt. Empfangsbereite Geräte in diesen Zellen können sie gleichzeitig aufnehmen.

Die warnende Behörde benötigt dafür keine Telefonnummern. Auch eine vorherige Anmeldung beim Warnsystem ist nicht notwendig.

So gelangt eine Warnung von der Behörde zum Smartphone

Technisch liegen zwischen der Warnbehörde und dem Mobiltelefon mehrere Stationen. Eine berechtigte Stelle erstellt die Warnmeldung zunächst über das Modulare Warnsystem des Bundes (MoWaS). Neben dem Text enthält die Meldung auch Informationen darüber, für welches geografische Gebiet sie gelten soll.

Für Cell Broadcast verfügt MoWaS über sogenannte Cell Broadcast Entities (CBE). Über eine definierte Schnittstelle wird die Warnmeldung von dort an die Cell Broadcast Center (CBC) der Mobilfunknetzbetreiber übergeben.

Das CBC ist der Koppelpunkt zwischen dem staatlichen Warnsystem und dem Netz des jeweiligen Mobilfunkbetreibers. Es verarbeitet die Warnmeldung und sorgt dafür, dass sie über die passenden Mobilfunkzellen ausgestrahlt wird.

Die aktuelle Technische Richtlinie DE-Alert sieht dafür Mobilfunknetze auf Basis von

  • GSM beziehungsweise 2G,
  • LTE beziehungsweise 4G und
  • 5G

vor. Die Bundesnetzagentur beschreibt die MoWaS-CBE/CBC-Schnittstelle ausdrücklich als Übergabepunkt zwischen Warnsystem und öffentlichem Mobilfunknetz.

3G spielt dabei in Deutschland keine praktische Rolle mehr. Die UMTS-Netze der großen deutschen Betreiber wurden bereits 2021 abgeschaltet.

Wie weiß das System, wo gewarnt werden soll?

Die auslösende Behörde legt mit ihrer Warnmeldung ein geografisches Warngebiet fest. Das Cell Broadcast Center des Netzbetreibers ermittelt daraus, welche Funkzellen für die Aussendung benötigt werden. Metergenau funktioniert das nicht. Die Grenzen einer Mobilfunkzelle stimmen weder mit Grundstücksgrenzen noch zwangsläufig mit Straßen, Gemeinden oder Landkreisen überein.

Die Funkzellen werden deshalb so ausgewählt, dass das Gefahrengebiet vollständig abgedeckt und möglichst wenig Fläche außerhalb des betroffenen Bereichs einbezogen wird. Je nach Mobilfunknetz und Zellengröße können dadurch auch Menschen knapp außerhalb des eigentlichen Warngebiets eine Nachricht erhalten.

Warum ein überlastetes Mobilfunknetz Cell Broadcast nicht blockiert

Nach einem schweren Unwetter, Unfall oder anderen außergewöhnlichen Ereignissen greifen viele Menschen gleichzeitig zum Telefon. Normale Gespräche können dadurch erschwert oder zeitweise unmöglich werden.

Cell Broadcast muss eine Warnung jedoch nicht einzeln an jedes Smartphone übertragen. Die Nachricht wird innerhalb der ausgewählten Funkzellen ausgestrahlt.

Nach Angaben des BBK bleibt die Übertragung deshalb auch möglich, wenn wegen hoher Gesprächslast keine weitere Gesprächseinwahl in der Funkzelle möglich ist. Das bedeutet allerdings nicht, dass Cell Broadcast unabhängig vom Mobilfunknetz funktioniert.

Die Funkzelle selbst muss in Betrieb sein.

Fällt die Mobilfunkversorgung aus, kann auch Cell Broadcast dort keine Warnung zustellen. Wie problematisch fehlender Mobilfunkempfang im Katastrophenfall werden kann, zeigte beispielsweise die Sturzflut in Texas 2025. Dort erreichten Handywarnungen Teile der Bevölkerung in Gebieten ohne ausreichende Netzabdeckung nicht.

Auch ein länger anhaltender Stromausfall kann Kommunikationsnetze unter Druck setzen. Welche Folgen der Ausfall kritischer Infrastruktur haben kann, zeigte Anfang 2026 der mehrtägige Stromausfall in Berlin.

Warum eine Cell-Broadcast-Warnung nur 500 Zeichen hat

Für ausführliche Lageberichte ist der Dienst nicht gedacht. In Deutschland ist eine Cell-Broadcast-Warnmeldung auf höchstens 500 Zeichen begrenzt.

Damit müssen die wichtigsten Informationen in kurzer Form vermittelt werden:

  • Was ist passiert?
  • Wo besteht Gefahr?
  • Wie sollen sich die Betroffenen verhalten?

Über Cell Broadcast werden ausschließlich Textnachrichten übertragen. Bilder und Karten sind nicht möglich.

Die Meldungen enthalten deshalb einen Verweis auf das Bundeswarnportal. Dort steht der ausführlichere Warntext. Auch Warn-Apps wie NINA können zusätzliche Informationen und Verhaltensempfehlungen bereitstellen.

Warum der Alarm auf dem Smartphone so auffällig ist

Cell Broadcast soll zunächst Aufmerksamkeit erzeugen. Eine Warnung kann deshalb akustisch, optisch und durch Vibration signalisiert werden.

Für Meldungen der höchsten Warnstufe kann der Empfang auf dem Mobiltelefon nicht abgeschaltet werden. Niedrigere Warnstufen lassen sich je nach Gerät und Betriebssystem dagegen deaktivieren. Das spielt inzwischen auch bei Entwarnungen eine Rolle.

Seit November 2025 kann Cell Broadcast auch entwarnen

Am 25. November 2025 wurde Cell Broadcast in Deutschland um eine wichtige Funktion erweitert. Behörden können seitdem auf demselben Weg mitteilen, dass eine zuvor gemeldete Gefahr nicht mehr besteht.

Cell-Broadcast-Entwarnungen werden automatisch in der niedrigsten Warnstufe 3, der sogenannten Gefahreninformation, ausgegeben. Dadurch soll vermieden werden, dass das Ende einer Gefahrenlage erneut mit dem stärksten Alarm signalisiert wird.

Das hat eine praktische Konsequenz: Wer die niedrigste Warnstufe auf seinem Smartphone abgeschaltet hat, kann die Entwarnung verpassen.

Welche Smartphones können Cell Broadcast empfangen?

Nicht jedes ältere Handy unterstützt die in Deutschland eingesetzten Warnmeldungen.

Das BBK nennt als grundlegende Voraussetzung bei Smartphones:

  • Android mit einem Betriebssystem-Update ab Version 11,
  • iOS ab Version 16.1,
  • ein eingeschaltetes und ausreichend geladenes Gerät,
  • Mobilfunkempfang,
  • keinen aktivierten Flugmodus.

Eine vollständige Liste aller geeigneten Geräte gibt es nicht. Nach Angaben des BBK hängt die Empfangsfähigkeit vom Zusammenspiel aus Hardware, Betriebssystem und gerätespezifischer Umsetzung ab. Regelmäßige Softwareupdates sind deshalb wichtig.

Funktioniert Cell Broadcast ohne mobile Daten?

Eine Internetverbindung ist für den eigentlichen Empfang der Warnmeldung nicht nötig. Cell Broadcast verwendet Funktionen des Mobilfunknetzes und nicht die mobile Datenverbindung eines Smartphones. Deshalb muss weder eine Warn-App geöffnet sein noch ein Datenpaket aus dem Internet geladen werden.

Ohne Mobilfunkverbindung geht es jedoch nicht. Ist das Smartphone ausgeschaltet, im Flugmodus oder ohne Netz, kann es keine Cell-Broadcast-Warnung empfangen.

Was passiert mit Telefonnummer und Standort?

Für die Aussendung einer Cell-Broadcast-Warnung benötigt die Behörde keine Telefonnummern der Menschen im Warngebiet.

Nach Angaben des BBK werden für diesen Vorgang auch keine personenbezogenen Daten erhoben oder verarbeitet. Der Absender der Warnmeldung kennt weder die Mobilfunknummer noch andere personenbezogene Daten der Empfänger.

Auch die geografische Auswahl erfolgt nicht dadurch, dass eine Behörde einzelne Smartphones ortet. Bestimmt wird, welche Funkzellen die Warnung aussenden sollen.

Wie lässt sich eine amtliche Cell-Broadcast-Warnung überprüfen?

Zugang zum Modularen Warnsystem MoWaS haben ausschließlich zuständige Behörden von Bund, Ländern und Kommunen. In einer Cell-Broadcast-Warnung wird zudem der Absender der Meldung genannt.

Wer überprüfen möchte, ob eine Meldung tatsächlich von der angegebenen Behörde stammt, kann sie mit dem Bundeswarnportal vergleichen. Dort werden die amtlichen Warnmeldungen veröffentlicht. Das BBK empfiehlt diesen Weg ausdrücklich für Zweifelsfälle.

Wo finde ich eine geschlossene Cell-Broadcast-Warnung wieder?

Ein versehentlicher Tipp genügt und die Warnmeldung ist vom Bildschirm verschwunden. Bei Android-Smartphones muss sie deshalb nicht verloren sein.

Nach Angaben des BBK werden quittierte Cell-Broadcast-Nachrichten auf Android-Geräten automatisch in einem Archiv gespeichert. Wo dieses Archiv zu finden ist, unterscheidet sich je nach Hersteller und Gerät.

Bei Apple-Geräten gibt es derzeit keine entsprechende Archivfunktion. Eine amtliche Meldung lässt sich aber auch über das Bundeswarnportal erneut aufrufen.

Wer darf Cell Broadcast auslösen?

Cell Broadcast ist der Übertragungsweg, nicht die Warnbehörde.

§ 164a Telekommunikationsgesetz sieht vor, dass die Warnungen über das zentrale Warnsystem des Bundes von Gefahrenabwehrbehörden sowie Behörden des Zivil- und Katastrophenschutzes ausgelöst werden. Die Mobilfunknetzbetreiber müssen die technischen Einrichtungen vorhalten, um diese Warnungen an empfangsbereite Endgeräte im festgelegten Gebiet auszusenden.

Mögliche Anlässe sind beispielsweise Hochwasser, Großbrände, Gefahrstoffaustritte oder andere größere Notfälle und Katastrophen.

Warum kam Cell Broadcast in Deutschland erst 2023?

Cell Broadcast selbst ist keine neue Erfindung. Der zugrunde liegende Mobilfunkdienst existiert seit Jahrzehnten.

Auch die europäische Vorgabe für Warnungen über Mobilfunk entstand vor der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021. Artikel 110 des Europäischen Kodex für die elektronische Kommunikation verlangte von den EU-Mitgliedstaaten, bis zum 21. Juni 2022 Systeme für öffentliche Warnungen über mobile Kommunikationsdienste bereitzustellen. Cell Broadcast war dabei nicht zwingend vorgeschrieben. Gleichwertige Lösungen waren unter bestimmten Voraussetzungen ebenfalls möglich.

In Deutschland wurde § 164a des Telekommunikationsgesetzes 2021 geschaffen. Im Dezember desselben Jahres folgte die Mobilfunk-Warn-Verordnung. Die Bundesnetzagentur veröffentlichte im Februar 2022 die erste Technische Richtlinie DE-Alert; die heute maßgebliche Ausgabe 1.1 stammt vom November 2022.

Die Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz im Juli 2021 erhöhte den politischen Druck, Warnungen direkt über Mobilfunknetze zu ermöglichen.

Beim Bundesweiten Warntag im Dezember 2022 wurde Cell Broadcast erstmals großflächig getestet. Am 23. Februar 2023 startete der reguläre Betrieb in Deutschland.

Wo liegen die Grenzen von Cell Broadcast?

Cell Broadcast ist auf eine funktionierende Mobilfunkversorgung angewiesen. Ältere oder nicht kompatible Endgeräte können ausfallen. Zudem lassen sich nur kurze Textmeldungen übertragen.

Deshalb bleibt die Technik Teil eines Warnmittel-Mixes aus Mobilfunk, Warn-Apps, Sirenen, Rundfunk und weiteren Kanälen.

Cell Broadcast übernimmt darin eine klar umrissene Aufgabe: möglichst viele kompatible Mobiltelefone in einem bestimmten Gebiet schnell zu alarmieren. Ob und wie gut die verschiedenen Warnwege gemeinsam funktionieren, wird regelmäßig beim Bundesweiten Warntag getestet.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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