Windkraft auf See am Scheideweg
Deutschland wird für die Offshore-Windindustrie das selbst gesteckte Ausbauziel in Höhe von 30 GW bis 2030 verfehlen. Selbst aktuelle Projekte sind gefährdet, mahnt die Branche.
Offshore-Windpark Nordsee Ost, Betreiber RWE, nördlich Helgoland, deutsche Wirtschaftszone, Windenergieanlagen mit Jacket-Gründungsstruktur, geringer Seegang, Versorgerstation, Schiff Schlepper, Deutschland, Europa
Wirtschaft braucht verlässliche Rahmenbedingung – eine Binsenweisheit. Die aber im Energiesektor regelmäßig von der Politik, die diesen Rahmen schafft, trotz ebenso regelmäßig mahnender Worte der betroffenen Branchen, mit Füßen getreten wird. Aktuelles Beispiel: die Offshore-Windkraft. 41 Mühlen gingen auf See neu ans Netz, insgesamt 518 MW. 2024 waren es noch 73 Anlagen mit 742 MW gewesen.
Einer der wichtigsten Gründe: Ausbleiben von Geboten in der Ausschreibungsrunde. Es will schlicht keiner mehr Offshore-Windkraftanlagen bauen – unter diesen Bedingungen. Daher bietet auch niemand darum, denn die Erlaubnis wird laut Gesetz versteigert. Wer die niedrigsten Zuschüsse für solch einen Anlagenpark braucht, bekommt den Zuschlag. Denn dann muss der Staat die geringste Förderung bezahlen. Seit Jahren mahnt die Branche hier bessere Rahmenbedingungen an.
Inhaltsverzeichnis
- Wo die deutsche Offshore-Windkraft derzeit steht und was die Ziele sind
- Offshore-Windkraft: Wo die Politik was tun muss
- Immer noch offshore Verzögerungen beim Netzanschluss
- Merz: Offshore-Windkraft eine „Übergangstechnologie“ zur Kernfusion?
- Gemeinsamer Offshore-Windkraftausbau in Europa
- Grenzüberschreitende Offshore-Netzknoten geplant
Wo die deutsche Offshore-Windkraft derzeit steht und was die Ziele sind
Ende 2025 waren in Deutschland 1680 Anlagen mit einer Nennleistung von 9740 MW installiert, Ende 2024 waren es 1639 Anlagen mit 9,2 GW. 2025 errichtete die Branche zudem noch 65 Fundamente, 19 Anlagen mit 278 MW warten darauf, Strom einspeisen zu können.
Ein wahres Schneckentempo mit Blick auf die Gesetzeslage. Laut dem „Gesetz zur Entwicklung und Förderung der Windenergie auf See“ (WindSeeG) sollen laut § 1
- bis 2030 30 GW,
- bis 2035 40 GW
- und bis 2045 mindestens 70 GW in Nord- und Ostsee installiert sein.
Gleichzeitig sollen ab 2027 jährlich 4 GW an Kapazität ausgeschrieben werden. 2025 und 2026 jeweils zwischen 2,5 GW und 5 GW. Es kann also nichts mehr werden mit den 30 GW im Jahr 2030. „Aktuellen Prognosen zufolge werden im Jahr 2030 rund 20 GW Offshore-Windenergieleistung am Netz sein. Das Ziel von 30 GW wird frühestens ab 2032 erreicht werden können“, so die Branchenverbände in einer gemeinsamen Mitteilung (s. Kasten).
Offshore-Windkraft: Wo die Politik was tun muss
Das WindSeeG und die aktuell gesetzten Ziele stammen aus der Zeit der Ampelregierung. Sie galten damals in der Branche als ehrgeizig. Und schon vor Jahresfrist mahnte die Branche, dass der Ausbau der Offshore-Windkraft in Deutschland ab 2023 auf Messers Schneide stünde. Schon damals sagten die Branchenvertreter, dass die bisherige Praxis bei den Ausschreibungen nicht um notwendigen Ausbau passe. Der Fokus auf „staatliche Erlösmaximierung“ begünstige im Endeffekt finanzstarke Bieter und beeinflusse die Realisierungswahrscheinlichkeiten von Projekte.
Die Kritik ist dieses Jahr dieselbe. Verstärkt aber dadurch, dass eingetreten ist, wovor gewarnt wurde: Bei der August-Ausschreibung fand sich kein Interessent für die angebotenen 2,5 GW. „Die aktuellen Herausforderungen gefährden Investitionen in bereits bezuschlagte als auch zukünftige Projekte und damit den Fortschritt eines volkswirtschaftlich effizienten Offshore-Wind-Ausbaus“, warnen die Branchevertreter zusammen. Damit sich das bessere, brauche es eine „investitionssicherndes Ausschreibungsdesign sowie planbare Rahmenbedingungen“
Die 2025 im August bezuschlagten Flächen sollen zum Juni 2026 erneut in die Ausschreibung gehen. „Es ist zu erwarten, dass diese Runde erneut scheitert, wenn notwendige Anpassungen nicht schnellstmöglich beraten werden und bereits für die Ausschreibungen 2026 greifen. Notfalls müssen Fristen leicht angepasst werden, damit aus Zuschlägen Aufträge und Projekte werden“, die die Branche in einer Mitteilung.
Das sich auch kurzfristig etwas ändern lasse, habe das Beispiel Großbrittannien gezeigt. Dort hätten kurzfristige Anpassungen Rahmenbedingungen schnell gebessert. Dies zeige, wie sich erfolgreiche Ausschreibungen mit hoher Aussicht auf Projektrealisierung machen ließen. Denn im Bereich Offshore-Windkraft ist nicht sicher, dass die, die die Ausschreibung gewinnen, sie auch wirklich realisieren. Dann aber nutzt dies weder den Ausbauzielen noch der Branche.
Ein positives Signal kam von der Bundesregierung vom Nordsee-Gipfel in Hamburg. In der „Erklärung von Hamburg“, kündigte sie am Montag an „auf eine Stabilisierung von Ausschreibungen“ hinzuarbeiten.
Immer noch offshore Verzögerungen beim Netzanschluss
Aber auch Verzögerungen beim Netzanschluss hätten 2025 zu Verzögerungen geführt, schreibt die Branche. Dass Probleme mit Netzanbindung und Lieferketten den Ausbau, beklagte die Branche schon vor zwei Jahren. Ende des Jahres seien 21 Netzanbindungssysteme mit einer Gesamtkapazität von ca. 9,9 GW vollständig in Betrieb gewesen – 13 in der Nordsee, 8 in der Ostsee. Zwei weitere Netzanbindungssysteme stünden kurz vor der finalen Inbetriebnahme, so der Bericht. Ab 2029 sei die erstmalige Inbetriebnahme eines Netzanbindungssystems nach dem neuen 2-GW-Standard geplant. Das ist auch unverändert der Status von 2024. Bundeskanzler Friedrich Merz betonte: „Sie wissen, dass wir bereits eine große Zahl von Offshore-Anlagen gebaut haben. Das soll zügig weiter vorangehen.“
Merz: Offshore-Windkraft eine „Übergangstechnologie“ zur Kernfusion?
Nach mehreren Medienberichten betonte Merz in Hamburg auf dem Nordseegipfel, dass er die Windenergie lediglich als „Übergangstechnologie“ sehe. „Die wird uns 10 Jahre, 20 Jahre, vielleicht 30 Jahre begleiten“, zitiert ihn zum Beispiel die Deutsche Presseagentur (dpa). Merz habe auf den Koalitionsvertrag verwiesen, wonach Deutschland den ersten Fusionsreaktor der Welt ans Netz nehmen wolle. „Das kann noch 10 Jahre, das kann 20 Jahre dauern.“ Wenn man in der Lage sei, Fusionsenergie zu erzeugen, werde Strom sehr günstig, machte Merz deutlich. „Und dann wird es in diesem Umfang andere Energieerzeugungsmethoden wahrscheinlich nicht mehr brauchen.“ Dies sei aber Zukunftsmusik.
Dennis Rendschmidt, Geschäftsführer des VDMA Power Systems, betonte auf Nachfrage mit Blick auf diese Äußerung und die Offshore-Windenergie, die Energieprobleme seien jetzt zu lösen, nicht irgendwann in der Zukunft. „Wie soll die Kernfusion dann relevant werden? Die Windenergie ist heute einsatzfähig. Sie trägt heute dazu bei, dass wir hier ein resilient Energiesystem aufbauen können. Sie trägt heute zur Wertschöpfung bei. Sie trägt heute dazu bei, dass das Strompreise stabilisiert werden. Sie trägt dazu bei, dass wir unser Know-how hier in Europa halten. Deswegen muss es auch so wie vorgesehen weitergehen mit der Windenergie und mit dem Offshore Ausbau. Damit diese Dinge heute, und nicht irgendwann in der fernen Zukunft vielleicht stattfinden, umgesetzt werden können.“
Gemeinsamer Offshore-Windkraftausbau in Europa
Den Nordseegipgfel insgesamt hat Rendschmidt nach eigene Angaben als „ein sehr klares Lebenszeichen der europäischen Politik zur Offshore Windenergie erlebt“. Auf dem Gipfel haben die beteiligten Staaten noch enger zusammenzuarbeiten, um den Markthochlauf zu fördern und Investitionen zu sichern. Merz glaubt laut dpa, dass die Beschlüsse in Hamburg „unsere Energieversorgung sicherer, kostengünstiger und integrierter machen. Europa wird damit insgesamt widerstandsfähiger und wettbewerbsfähiger.“ Schließlich wollen die EU-Staaten mit 100 GW den nach Angabe Wirtschaftsministerin Katherina Reiche „größten Energie-Hub der Welt“ entwickeln.
Grenzüberschreitende Offshore-Netzknoten geplant
Wie weit die europäische Branche im Offshore-Bereich bereits transnational denkt zeigen mehrere Netzprojekte, die über Ländergrenzen hinweg Offshore-Knotenpunkte aufbauen wollen. Ziel: die Windausbaute von See möglichst effektiv europaweit verteilen. Im Endeffekt senkt dies die Preise. So arbeiten Deutschland und Dänemark arbeiten am „Bornholm Energy Island“. Auf der dänischen Insel Bornholm soll ein Stromdrehkreuz entstehen, das Offshore-Windstrom aus der Ostsee nach Deutschland und Dänemark weiterleitet. Siemens soll zum Beispiel vier Konverter für das Projekt liefern.
Auf dem Nordsee-Gipfel meldete auch sich der Übertragungsnetzbetreiber Tennet: Tennet Deutschland starte zusammen mit dem britischen Pendant „National Grid“ GriffinLink – das erste Stromsystem zwischen Deutschland und Großbritannien, das mehrere Nordsee-Windparks gleichzeitig mit beiden Küsten verbinde. Das System sei sogenannter „hybrider Interkonnektor“. Der stellt eine kombinierte Verbindung von deutschen und britischen Offshore-Windparks in der Nordsee und Stromnetzanschlüssen zu den Küsten beider Länder her. Das Projekt baue auf der bisherigen Infrastruktur der beiden Netzbetreiber auf. GriffinLink sorge für „eine bessere Auslastung der Netze und der angeschlossenen Offshore-Windparks sowie eine effizientere Nutzung erneuerbarer Energien über nationale Grenzen hinweg“. Im Endeffekt würden Ressourcen effizienter genutzt: geringere Kosten, weniger Material, geringere Auswirkungen auf Küste und Umwelt.
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