Fossilfreie Prozesswärme 22.03.2026, 17:42 Uhr

Wie funktionieren industrielle Hochtemperatur-Wärmespeicher?

Industrielle Hochtemperatur-Wärmespeicher liefern flexible Prozesswärme. Prinzipien, Materialien und Einsatzfelder im Überblick.

Ein Mitarbeiter steht im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Stuttgart neben einem Hochtemperatur-Wärmespeicher

Ein Mitarbeiter steht im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Stuttgart neben einem Hochtemperatur-Wärmespeicher. Der Innenbehälter kann zu Testzwecken mit verschiedenen Materialien gefüllt werden. So werden etwa die Eigenschaften verschiedener Feststoffe wie Keramik und Naturstein bei der Wärmespeicherung erprobt.

Foto: picture alliance / dpa | Uwe Anspach

Das Wichtigste in Kürze

  • Industrielle Hochtemperatur-Wärmespeicher speichern Energie als Wärme und geben sie später als Prozesswärme, Heißgas oder Dampf wieder ab.
  • Sie helfen, schwankenden Ökostrom und kontinuierlichen Wärmebedarf in der Industrie zusammenzubringen.
  • Technisch gibt es drei Grundprinzipien: sensible, latente und thermochemische Wärmespeicherung.
  • Als Speichermedien kommen unter anderem Flüssigsalze, Flüssigmetalle, Keramik, Spezialbeton und Recyclinggranulate infrage.
  • Für viele Anwendungen ist die direkte Rückgabe von Wärme effizienter als eine spätere Rückverstromung.
  • Entscheidend für den Praxiseinsatz sind nicht nur Temperatur und Kapazität, sondern auch Leistung, Zyklenfestigkeit, Materialkosten und Integration in bestehende Prozesse.

Ohne Prozesswärme läuft in der Industrie wenig. Sie wird zum Trocknen, Schmelzen, Brennen, Destillieren oder für Dampfprozesse benötigt. Das Problem: Ein großer Teil dieser Wärme wird bis heute mit fossilen Energieträgern bereitgestellt. Gleichzeitig soll die Industrie elektrischer, flexibler und klimafreundlicher werden. Genau an dieser Stelle kommen industrielle Hochtemperatur-Wärmespeicher ins Spiel.

Sie speichern Energie nicht elektrochemisch wie eine Batterie, sondern in Form von Wärme. Geladen werden sie etwa mit günstigem Strom aus Wind- und Solaranlagen oder mit Abwärme aus laufenden Prozessen. Entladen werden sie dann, wenn die Wärme im Betrieb tatsächlich gebraucht wird. So helfen sie, schwankende Energieangebote und kontinuierliche Prozessanforderungen zusammenzubringen.

Das Thema ist für die Industrie relevant, weil Prozesswärme einen großen Teil des industriellen Energiebedarfs ausmacht. Fraunhofer ISE spricht von rund zwei Dritteln des industriellen Endenergieverbrauchs, die auf Prozesswärme entfallen. Diese werde derzeit noch überwiegend durch fossile Energieträger gedeckt.

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Warum Wärmespeicher für die Industrie anders ticken als Strombatterien

Industrielle Wärmespeicher lösen ein anderes Problem als klassische Batteriespeicher. In vielen Fabriken geht es nicht primär darum, später wieder Strom bereitzustellen. Gefragt ist meist direkt nutzbare Wärme – als Heißluft, Heißgas, Heißwasser oder Dampf.

Das klingt banal, ist aber entscheidend für die Effizienz. Denn jede zusätzliche Umwandlung kostet Energie. Wer Strom erst in Wärme und später wieder in Strom zurückverwandelt, verliert mehr als bei einer direkten Nutzung der gespeicherten Wärme. Deshalb sind Hochtemperatur-Wärmespeicher vor allem dort interessant, wo die Wärme direkt in den Prozess zurückgeht.

Wichtig sind dabei immer zwei Größen: Kapazität und Leistung. Die Kapazität beschreibt, wie viel Energie ein Speicher aufnehmen kann. Die Leistung entscheidet darüber, wie schnell sich diese Energie ein- und ausspeichern lässt. Für industrielle Anwendungen reicht es nicht, nur große Energiemengen zu speichern. Der Speicher muss sie auch in der nötigen Geschwindigkeit bereitstellen.

Drei Prinzipien, mit denen sich Hitze speichern lässt

Thermische Speicher arbeiten nicht alle nach demselben Muster. Fachlich lassen sich drei Grundprinzipien unterscheiden: sensible, latente und thermochemische Speicherung.

Sensible Wärmespeicherung: einfach, robust, gut beherrschbar

Die sensible Speicherung ist das klassische Prinzip. Ein Material wird erhitzt und speichert die Energie über seine Temperaturerhöhung. Der Aggregatzustand bleibt gleich.

Das macht diese Technik vergleichsweise robust. Als Speichermedien kommen etwa Salzschmelzen, Keramik, Gestein oder speziell entwickelte Betone infrage. Welche Stoffe geeignet sind, hängt stark vom Temperaturniveau ab. Sensible Speicher gelten als technologisch besonders ausgereift. Ihr Nachteil ist die begrenzte Energiedichte. Wer viel Wärme speichern will, braucht meist viel Material und damit auch entsprechend große Speicher.

Hinzu kommt die Belastung durch Temperaturwechsel. Das ständige Aufheizen und Abkühlen setzt Speichermedium, Behälter und Wärmetauscher mechanisch zu. Für den industriellen Alltag zählt deshalb nicht nur die maximale Temperatur, sondern vor allem die Frage, wie gut ein System viele Zyklen übersteht.

Latentwärmespeicher: Wärme auf engem Temperaturfenster

Latentwärmespeicher nutzen den Phasenwechsel eines Materials, meist zwischen fest und flüssig. Beim Schmelzen nimmt das Material Wärme auf, beim Erstarren gibt es sie wieder ab. Während dieses Vorgangs bleibt die Temperatur über weite Strecken nahezu konstant.

Genau das macht PCM-Speicher interessant, wenn ein Prozess ein enges Temperaturfenster benötigt. Das kann zum Beispiel bei Dampf- oder Trocknungsprozessen ein Vorteil sein. Allerdings haben viele Phase-Change-Materialien einen Nachteil: Im festen Zustand ist ihre Wärmeleitfähigkeit oft gering. Beim Entladen kann sich deshalb eine erstarrte Schicht am Wärmeübertrager bilden. Diese wirkt wie eine thermische Bremse.

Deshalb wird an verbesserten Strukturen geforscht, etwa mit Graphit, Metallmatrizen oder angepassten Wärmeübertragern. Technisch sind PCM-Speicher spannend. Im industriellen Hochtemperaturbereich sind sie aber meist anspruchsvoller als sensible Systeme.

Thermochemische Speicher: hohe Dichte, aber komplexe Technik

Noch einen Schritt weiter gehen thermochemische Speicher. Sie lagern die Energie nicht nur als Temperaturdifferenz, sondern in einer reversiblen chemischen Reaktion. Beim Laden wird eine Verbindung durch Wärmezufuhr gespalten. Beim Entladen reagieren die Stoffe wieder miteinander und setzen Wärme frei.

Der Vorteil ist offensichtlich: hohe Speicherdichte und vergleichsweise geringe Verluste bei längerer Speicherung. Gerade für Anwendungen mit langen Speicherzeiten ist das interessant. Der Nachteil liegt in der Komplexität. Solche Systeme brauchen eine präzise Reaktionsführung, geeignete Materialien und eine aufwendigere Peripherie. Viele Konzepte befinden sich deshalb noch im Pilot- oder Demonstrationsstadium.

Welche Materialien sich für Hochtemperatur-Wärmespeicher eignen

Das Speichermedium entscheidet darüber, wie heiß ein System werden darf, wie schnell es reagiert und wie teuer es am Ende wird. Eine Universallösung gibt es nicht. Stattdessen setzen sich je nach Anwendung unterschiedliche Werkstoffklassen durch.

Flüssigsalze: bewährt, aber nicht beliebig heiß einsetzbar

Flüssigsalze gelten als etablierte Lösung, vor allem aus solarthermischen Kraftwerken. Besonders verbreitet ist „Solar Salt“, eine Mischung aus Natrium- und Kaliumnitrat. Laut DLR wird sie typischerweise zwischen etwa 290 °C und 565 °C eingesetzt. Unterhalb dieses Bereichs droht Erstarrung, oberhalb stoßen Nitratsalze an thermische Grenzen.

Das zeigt das Grundproblem dieser Technologie. Flüssigsalze sind industriell erprobt, benötigen aber ein enges Thermomanagement. Leitungen, Tanks und Armaturen müssen so betrieben werden, dass das Salz nicht auskristallisiert. Gleichzeitig begrenzt die thermische Stabilität der Nitratsalze den oberen Einsatzbereich.

Für noch höhere Temperaturen schaut die Forschung deshalb auf Chloridsalze. Sie versprechen mehr thermische Reserve, bringen aber deutlich schärfere Korrosionsprobleme mit.

Flüssigmetalle: sehr gute Wärmeübertragung, hoher Aufwand

Noch leistungsfähiger beim Wärmetransport sind Flüssigmetalle. Das KIT verweist darauf, dass sich mit Flüssigmetallen Wärme auch jenseits von 600 °C speichern lässt – also in Bereichen, die für viele energieintensive Industrieprozesse relevant sind. Gleichzeitig hebt das Institut die sehr guten Wärmeübertragungseigenschaften hervor. In einer KIT-Mitteilung ist sogar von einer bis zu 100-fach besseren Wärmeleitung als bei herkömmlichen Materialien die Rede.

Genau deshalb arbeitet das KIT mit KALLA an Flüssigmetall-basierten Hochtemperaturspeichern. Dort geht es unter anderem um Festbettspeicher, bei denen Flüssigmetalle als Wärmeträgermedium dienen. Solche Konzepte sind vor allem dort interessant, wo große Energiemengen schnell übertragen werden müssen.

Allerdings steigen mit der Performance auch die Anforderungen an Werkstoffe, Korrosionsschutz, Dichtheit und Sicherheit. Flüssigmetalle sind deshalb keine Standardlösung für jeden Betrieb, sondern eher für Anwendungen mit hohen Leistungsanforderungen.

Feststoffe wie Beton, Keramik oder Recyclinggranulate

Feststoffspeicher sind für die Industrie besonders attraktiv, wenn robuste, vergleichsweise günstige und große Speichervolumina gefragt sind. Dazu zählen Gestein, Keramik, Spezialbetone oder industriell aufbereitete Recyclingmaterialien.

Gewöhnlicher Beton ist für hohe Temperaturen allerdings nur eingeschränkt geeignet. Bei Erwärmung verändern sich Feuchtehaushalt und Gefüge. Je nach Rezeptur und Temperaturverlauf kann das zu Rissen und Festigkeitsverlusten führen. Deshalb setzen Hochtemperatur-Speicher auf speziell angepasste Betonsysteme oder gleich auf keramische Materialien.

Keramik spielt dort ihre Stärken aus, wo sehr hohe Temperaturen und gute Zyklenfestigkeit gefragt sind. Gleichzeitig lassen sich keramische Strukturen so auslegen, dass sie eine große Oberfläche für den Wärmeübergang bieten. Das ist vor allem dann interessant, wenn heiße Gase den Speicher laden oder entladen.

Was schon im Markt ankommt

Hochtemperatur-Wärmespeicher sind längst nicht mehr nur ein Thema für Labore und Forschungsprojekte. Inzwischen entstehen erste industrielle Anwendungen.

Ein Beispiel ist Kraftblock. Das Unternehmen setzt auf einen Feststoffspeicher mit recyclingbasiertem Materialmix und adressiert damit vor allem industrielle Hochtemperaturprozesse. Der Ansatz ist interessant, weil Lade- und Entladeleistung voneinander entkoppelt werden können. Damit lässt sich der Speicher unter anderen Bedingungen laden, als er später Wärme abgibt.

Auch andere Anbieter wie Rondo Energy setzen auf Feststofflösungen, in diesem Fall mit Ziegeln als Speichermedium. Solche Systeme zielen vor allem auf industrielle Dampf- und Wärmeversorgung. Hersteller nennen dabei häufig sehr hohe Wirkungsgrade. Solche Angaben sollten aber immer als projekt- und systemabhängige Herstellerwerte gelesen werden – nicht als pauschaler Standard.

Der wichtige Punkt ist ein anderer: Die Industrie testet inzwischen ernsthaft, wie sich elektrische Überschüsse, Prozesswärme und Dampfversorgung über thermische Speicher koppeln lassen. Das ist mehr als ein Forschungsversuch. Es ist ein erster Markthochlauf.

Wann sich solche Speicher rechnen

Die Wirtschaftlichkeit lässt sich nicht mit einer pauschalen Zahl erklären. Entscheidend sind mehrere Faktoren gleichzeitig: Investitionskosten, Wirkungsgrad, Zyklenzahl, Speicherdauer, Temperaturbereich und die Einbindung in bestehende Prozesse.

Grundsätzlich gelten sensible Feststoffspeicher als vergleichsweise kostengünstig, weil sie häufig auf preiswerte Materialien setzen. Ob sie sich wirtschaftlich rechnen, hängt aber stark vom Einsatzprofil ab. Ein Speicher, der fast täglich genutzt wird, lässt sich deutlich leichter amortisieren als ein System, das nur selten Lastspitzen bedient.

Ein Sonderfall ist die Carnot-Batterie. Dabei wird Strom zunächst in Wärme umgewandelt, thermisch gespeichert und später wieder verstromt. Solche Systeme gelten in der Forschung als interessante Option für großskalige stationäre Energiespeicherung, befinden sich aber vielfach noch in einem frühen Entwicklungsstadium. Eine aktuelle Übersicht aus Energies zeigt, dass Carnot-Batterien bislang vor allem theoretisch und numerisch untersucht werden, während experimentelle Validierungen noch begrenzt sind.

Für viele Industrieanwendungen ist die Rückverstromung allerdings gar nicht der entscheidende Fall. Dort ist es meist sinnvoller, die gespeicherte Wärme direkt wieder in den Prozess einzuspeisen – etwa als Dampf, Heißluft oder Heißgas. Das spart Umwandlungsverluste und verbessert die Systemeffizienz.

Sicherheit bleibt ein zentrales Thema

Hochtemperaturtechnik ist nichts, was sich mit Standardkomponenten nebenbei lösen lässt. Je nach Speichermedium unterscheiden sich die Risiken deutlich.

Nitratsalze sind nicht brennbar, wirken aber oxidierend. Flüssigmetalle stellen andere Anforderungen. Natrium reagiert heftig mit Wasser und Luft. Blei-Wismut ist in dieser Hinsicht weniger reaktiv, verlangt aber hohe Sorgfalt bei Werkstoffen, Korrosion und Anlagenbetrieb. Sicherheit entsteht deshalb nicht durch ein einzelnes Bauteil, sondern durch ein sauber ausgelegtes Gesamtsystem.

Umweltvorteile gegenüber klassischen Batterien

Thermische Speicher punkten ökologisch vor allem dort, wo sehr große Wärmemengen stationär gespeichert werden sollen. Viele Konzepte kommen ohne Lithium, Kobalt oder Nickel aus. Stattdessen arbeiten sie mit Salz, Keramik, Beton, Sand oder Recyclingmaterialien.

Das macht sie nicht automatisch in jeder Hinsicht nachhaltiger. Aber für industrielle Anwendungen mit hohem Wärmebedarf und großen Speichervolumina sind sie aus Ressourcensicht oft attraktiv. Hinzu kommt ein systemischer Vorteil: Wenn Prozesse gleichmäßiger laufen, können sich Lastwechsel und thermische Spannungen im Betrieb verringern.

Wohin die Entwicklung bis 2030 gehen dürfte

Die Entwicklungsrichtung ist klar. Speicher sollen heißer, langlebiger und flexibler werden. Bei Flüssigsalzen liegt der Fokus auf neuen Mischungen mit höheren Arbeitstemperaturen. Bei Feststoffspeichern geht es um bessere Wärmeübertrager, robustere Materialien und intelligentere Geometrien. Flüssigmetallsysteme wiederum zielen auf sehr hohe Leistungen und schnelle Wärmeübertragung.

Wahrscheinlich ist auch, dass künftige Anlagen stärker hybrid aufgebaut werden. Ein günstiger sensibler Speicher könnte große Wärmemengen aufnehmen, während PCM-Komponenten dort einspringen, wo ein enges Temperaturfenster wichtig ist. Gesteuert werden solche Systeme zunehmend datenbasiert – mit Produktionsplanung, Strompreissignalen und Wetterprognosen.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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