50.000 Tonnen CO₂ weniger 01.04.2026, 10:37 Uhr

Wärmewende konkret: Görlitz und Zgorzelec verbinden ihre Netze

Grenzüberschreitende Fernwärme startet: Neues Netz verbindet Deutschland und Polen – mit erneuerbaren Energien und hoher Versorgungssicherheit.

Viel Politprominenz beim Spatenstich im Rahmen des Projekts «United Heat» in der Kläranlage Görlitz

Viel Politprominenz beim Spatenstich im Rahmen des Projekts «United Heat» in der Kläranlage Görlitz. Görlitz und Zgorzelec verbinden ihre Fernwärmenetze.

Foto: picture alliance/dpa | Paul Glaser

50.000 Tonnen CO₂ weniger pro Jahr und ein Wärmenetz, das Ländergrenzen überwindet. In Görlitz und Zgorzelec hat die Bauphase für eines der größten grenzüberschreitenden Fernwärmeprojekte Europas begonnen. Bis 2030 wollen die Partner ihre Systeme koppeln und nahezu vollständig auf erneuerbare Energien umstellen.

Ein Signal für europäische Zusammenarbeit

Hinter dem Projekt stehen starke Akteure. Die Stadtwerke Görlitz (SWG), Teil der Veolia-Gruppe, kooperieren mit dem polnischen Versorger SEC Zgorzelec aus dem E.ON-Konzern. Die politische Aufmerksamkeit beim Baustart zeigt die strategische Bedeutung. Neben Regierungsvertretenden aus Deutschland und Polen nahmen auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sowie lokale Amtsträger teil.

Marten Bunnemann, CEO von E.ON Energy Infrastructure Solutions, ordnet die Bedeutung ein: „Der Spatenstich zum heutigen Baustart ist ein starkes Signal für eine Zusammenarbeit, die Unternehmens- und sogar Ländergrenzen überwindet. UNITED HEAT ist mehr als ein weiterer Schritt hin zu einer modernen Wärmeinfrastruktur. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt, das gerade in Zeiten globaler Unsicherheiten für ein starkes europäisches Miteinander steht.“

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Abschied von Kohle und Gas

Bisher sieht die Realität der Wärmeversorgung auf beiden Seiten der Neiße noch fossil aus. In Görlitz liefern vier separate Inselnetze Wärme, die überwiegend durch Kraft-Wärme-Kopplung auf Basis von Erdgas entsteht. In Zgorzelec dominieren derzeit noch Kohle und Gas. Das Projekt United Heat bricht diese Strukturen auf. Das Ziel ist eine Dekarbonisierungsquote von etwa 98%.

Um diesen Wert zu erreichen, setzt das Konzept auf einen breiten Mix aus Technologien:

  • Großwärmepumpen: Sie nutzen Umweltwärme aus Wasser und Abwasser.
  • Biomasse: In Zgorzelec entsteht bereits ein entsprechendes Heizwerk.
  • Solarthermie: Große Kollektorfelder fangen Sonnenenergie ein.
  • Saisonale Speicher: Erdbeckenspeicher halten die Wärme für sonnenarme Zeiten vor.
  • Abwärmenutzung: Klärgasprozesse liefern zusätzliche Energie.
  • Power-to-Heat: Überschüssiger Strom wird direkt in Wärme umgewandelt.

Diese Umstellung spart jährlich rund 50.000 t CO2 ein. Das entspricht den Emissionen von etwa 28.000 Pkw pro Jahr.

Technische Vernetzung über die Neiße hinweg

Das Herzstück der Kooperation ist die physische Verbindung der Netze. Geplant ist eine 3,8 km lange Leitung zwischen den beiden Städten. Zusätzlich verlegen die Fachleute auf deutscher Seite etwa zwölf Kilometer neue Rohre, um die bisher getrennten Stadtgebiete zusammenzuführen.

Die Kläranlage in Görlitz fungiert dabei als zentraler Knotenpunkt. Hier wird die Energie gebündelt und verteilt. Das System ist auf Flexibilität ausgelegt: Bis zu 15 MW Wärme können je nach Bedarf und Wirtschaftlichkeit zwischen Deutschland und Polen hin- und herfließen.

Matthias Block, Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke Görlitz AG, betont den strategischen Vorteil: „Das Projekt kombiniert vielfältige Ressourcen und innovative Erzeugungstechnologien, um künftig die Wärmeversorgung zu dekarbonisieren und vor allem auch: um sie zu jeder Zeit sicherzustellen.“

Zwei Rohrstücke und Baufahrzeuge stehen beim Spatenstich im in der Kläranlage Görlitz. Foto: Foto: picture alliance/dpa | Paul Glaser

Komplexität als eigentliches Problem

Technisch ist das Projekt kein Neuland. Wärmepumpen, Biomasse oder Speicher sind etablierte Technologien. Die Herausforderung liegt in der Integration.

Unterschiedliche:

  • regulatorische Rahmenbedingungen
  • technische Standards
  • Förderstrukturen

müssen synchronisiert werden.

Die EU unterstützt das Projekt unter anderem über das Programm Connecting Europe Facility (CEF). Deutschland stellt rund 81,6 Mio. Euro bereit. Die Koordination übernimmt Drees & Sommer. Das Unternehmen steuert Planung, Bau und Genehmigungen.

Karl Schultz, Experte bei Drees & Sommer, sagt: „Die Wärmetransformation stellt Wärmeversorger vor die möglicherweise größte Aufgabe ihres Bestehens. United Heat hat sich dieser Herausforderung angenommen und verbindet innovative Energietechnologien zu einem intelligent gesteuerten Energiemix – mit einer engen technischen und organisatorischen Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg.“

Versorgungssicherheit statt Einzellösung

Ein zentraler Vorteil des Konzepts ist die Dezentralität. Anders als klassische Fernwärmesysteme gibt es kein dominantes Kraftwerk.

Das reduziert systemische Risiken:

  • weniger Abhängigkeit von einzelnen Brennstoffen
  • bessere Resilienz gegenüber Preisschwankungen
  • höhere Ausfallsicherheit

Jarosław Grzęda, stellvertretender Geschäftsführer von SEC Zgorzelec, fasst den Nutzen für die polnische Seite zusammen: „Die Einwohner von Zgorzelec können damit darauf vertrauen, dass ihre Wärmeversorgung unabhängig von Brennstoffverfügbarkeiten und geopolitischen Entwicklungen gesichert ist.“

Modellcharakter mit Einschränkung

Das Projekt wird als Blaupause für Europa gesehen. Das ist grundsätzlich richtig – aber nur unter Bedingungen.

Übertragbar ist das Modell vor allem dort, wo:

  • bestehende Netze vorhanden sind
  • politische Kooperation funktioniert
  • Fördermittel verfügbar sind

Der eigentliche Fortschritt liegt nicht in der Technik, sondern in der Systemintegration.

Katherina Reiche, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, formuliert es so: „Durch die Verknüpfung der deutschen und polnischen Fernwärmenetze wird der Wärmesektor kosteneffizient dekarbonisiert und unsere Energiesicherheit gestärkt – für eine moderne Infrastruktur zum Vorteil der Unternehmen und Verbraucher in Görlitz und Zgorzelec.“

Bis 2030 soll das gemeinsame Netz vollständig in Betrieb sein. Rund 30 Fachleute aus verschiedenen Nationen arbeiten nun täglich daran, die Vision einer klimaneutralen Europastadt Realität werden zu lassen.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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