Natrium-Batterien aus der Druckmaschine? Warum Heidelberg jetzt Stromspeicher baut
Heidelberg steigt in Batteriefertigung ein: Die Tochter HDAT produziert künftig Natrium-Speichersysteme für die Schweizer Phenogy AG. Zudem planen die Unternehmen, Batteriezellen per Druckverfahren zu fertigen. Was steckt hinter der neuen Allianz?
Für Großprojekte liefert Phenogy Containersysteme. Auch deren Fertigung, Installation und Wartung soll HDAT übernehmen.
Foto: HD Advanced Technologies
175 Jahre lang war klar, was aus den Werkhallen von Heidelberg kommt: Druckmaschinen. Inzwischen ist das nur noch die halbe Wahrheit. Der Konzern aus Wiesloch im Norden Baden-Württembergs erschließt über seine Tochter HD Advanced Technologies (HDAT) neue Geschäftsfelder in den Bereichen Verteidigung, Sicherheit und Energie. So fertigt er seit diesem Frühjahr in Brandenburg an der Havel etwa Drohnenabwehrsysteme.
Nun folgt der nächste Schritt: Gemeinsam mit der Phenogy AG aus Root bei Luzern will HDAT eine europäische Technologie- und Industrieplattform für Natrium-Ionen-Batterien aufbauen. Ein langfristiger Rahmenvertrag überträgt HDAT die Fertigung kompletter Speichersysteme, parallel bereiten die Partner ein Joint Venture zur Zellproduktion vor.
Inhaltsverzeichnis
Warum Europa bei Batteriespeichern unter Druck steht
Mit dem Ausbau von Wind- und Solarenergie wächst der Bedarf an Großspeichern, die Erzeugungsspitzen (sog. Hellbrisen) aufnehmen und Dunkelflauten überbrücken. Die Zellen dafür stammen bislang überwiegend aus China. Batteriekonzerne wie CATL dominieren den Weltmarkt für Lithium-Ionen-Zellen und liegen auch bei den alternativen Natrium-Ionen vorne.
Der chinesische Staatskonzern Datang betreibt etwa seit Juni 2024 einen Natrium-Speicher mit 50 MW Leistung und 100 MWh Kapazität, CATL produziert entsprechende Zellen schon in Serie. In den USA sicherte sich das Start-up Peak Energy im November 2025 einen Auftrag über 4,75 GWh im Wert von mehr als 500 Mio. US-Dollar. Deutsche Projekte steckten dagegen zuletzt überwiegend in der Forschungs- und Entwicklungsphase.
In diese Lücke zielt die am 21. Juli bekanntgegebene Partnerschaft von HDAT und Phenogy. Für die Natrium-Ionen-Zellen spricht laut den Unternehmen, dass sie ohne Lithium und Kobalt auskommen und auf vergleichsweise gut verfügbaren Rohstoffen beruhen. Laut der gemeinsamen Mitteilung sollen die Stromspeicher so die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen und außereuropäischen Lieferketten strukturell reduzieren.

Fertigung in Deutschland: Was der Rahmenvertrag regelt
HDAT soll die industrielle Produktion der Phenogy-Speichersysteme übernehmen, von kompakten Cabinets bis zu größeren Containern. Die Wertschöpfung reicht laut Mitteilung von der Elektronikfertigung über Montage und Rollout bis zu Installation, Service und Wartung. Produziert werde auf Basis lokaler Lieferketten zunächst in Deutschland für den europäischen Markt, perspektivisch auch in den USA für Nordamerika.
Für das Schweizer Unternehmen könnte der Vertrag den Marktzugang beschleunigen. Das 2019 gegründete Unternehmen beschäftigt gut 60 Mitarbeitende an Standorten in der Schweiz, in Bremen, im US-Bundesstaat South Carolina und in Singapur; zu den Entwicklungspartnern zählen mehrere Fraunhofer-Institute und die University of South Carolina.
Eine eigene Großserienfertigung fehlte bislang, nun übernimmt diese HDAT; „Als Fertigungspartner bringen wir die stationären Energiespeichersysteme von Phenogy in Serie“, sagt HDAT-Chef Michael Wellenzohn. Damit können sich die Schweizer fortan auf Zellchemie und Systemdesign konzentrieren.

Zellen aus der Druckmaschine: das geplante Joint Venture
Der zweite Teil der Vereinbarung geht weiter – und ist wohlgemerkt noch nicht besiegelt. Nach eigenen Angaben arbeiten die Unternehmen an den Voraussetzungen für ein Joint Venture, das eigene Natrium-Ionen-Zellen entwickeln und im industriellen Maßstab fertigen soll.
Phenogy brächte darin seine Zellchemie und sein Zelldesign ein, Heidelberg ein spezifisches Druckverfahren aus dem Maschinenbau. Die Zellen kämen damit im Wortsinn aus der Druckmaschine. Wie das Verfahren genau funktioniert, verrät die Mitteilung nicht; Erfahrung mit gedruckter Elektronik sammelt der Konzern allerdings seit Jahren. Möglich werden sollen so neue Zellformate mit besonderen Anforderungen an Bauform und Leistungsparameter, die sich für kritische Infrastrukturen (KRITIS), Verteidigung und Mobilität eignen.
Europa brauche Batterietechnologien „für eine echte Energiesouveränität“, so Phenogy-Chef Peter E. Braun. Mit der Partnerschaft schließe man die Lücke zwischen der Entwicklung von Technologien und der Fähigkeit, sie im industriellen Maßstab verfügbar zu machen.
Welches Potenzial in Natrium-Batterien steckt
Natrium ist nahezu unbegrenzt verfügbar – es steckt unter anderem in Kochsalz – und damit günstiger als Lithium, Kobalt oder Nickel. Die Zellen gelten zudem als sicherer, weil Natrium weniger reaktionsfreudig ist und kaum zur Dendritenbildung neigt, die Kurzschlüsse auslösen kann. Auch strenger Frost macht ihnen wenig aus: CATL nennt eine Entladungsrate von über 90 % bei -20 °C.
Der Nachteil der Natrium-Batterien ist ihre Energiedichte. Mit 140 Wh/kg bis 175 Wh/kg liegt diese deutlich unter der von Lithium-Ionen-Zellen (200 Wh/kg bis 280 Wh/kg). Für Elektroautos mit hohen Reichweitenanforderungen taugen die Alternativ-Akkus deshalb nur bedingt; für stationäre Speicher, bei denen Gewicht und Volumen kaum eine Rolle spielen, umso mehr. In Deutschland konnte ein Berliner Forschungsteam die Effizienz von Natrium-Zellen vor einigen Monaten übrigens deutlich steigern.
Offen bleibt allerdings, wann die Produktion startet und in welchem Umfang; Stückzahlen oder Kapazitäten nennt die Mitteilung nicht. Auch woher die Zellen für die zunächst gefertigten Systeme stammen, ist noch unklar; eine europäische Zellfertigung soll erst das Joint Venture liefern. Bis dahin produziert die Konkurrenz in China und den USA weiter im kommerziellen Maßstab.
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