Südostasien 23.03.2012, 11:59 Uhr

Elektronikspezialist Bosch bricht nach Vietnam auf

Deutsche Firmen schauen nicht nur wegen der niedrigen Lohnkosten nach Vietnam. Elektronikspezialisten setzen auf die Qualifikation und die Motivation ihrer Mitarbeiter und bauen neue Software- und Engineering-Schwerpunkte in Saigon auf. Gleichzeitig versucht das Land mit internationaler Hilfe, sich auch stärker als bisher mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit anzufreunden.

Wer vom quirligen District One im Zentrum von Ho-Chi-Minh-Stadt – dem einstigen Saigon – mit dem Auto stadtauswärts fährt, den begleitet zu jeder Tageszeit ein Heer knatternder Mopeds – und jede Menge Transportgut. Hier sind Kabel, Schläuche und Kartons kunstvoll auf dem schmalen Sitz verschnürt – dort hält ein Beifahrer einen Flachbildschirm umklammert. Das schwarze Wirrwarr aus Elektroleitungen zu beiden Seiten der Straßen passt zum wachsenden Hunger der Saigoner nach Elektrizität und Technik.

Nach einer halben Stunde Fahrt Richtung Flughafen taucht das Technologiezentrum Etown auf – Symbol eines neuen Vietnams mit moderner Architektur für Hightech-Firmen aus vielen Industrieländern dieser Welt.

100 Bosch-Ingenieure arbeiten in Ho-Chi-Minh-Stadt

Dazu zählt im elften Stock des weitläufigen Bürotowers der deutsche Autoelektronikkonzern Bosch. Klimatisierte Räume lassen die Hitze der Stadt vergessen. An die 100 junge Bosch-Ingenieure arbeiten hier. Ihr Chef ist an zwei Merkmalen zu erkennen: dem seriösen blauen Anzug mit Krawatte und dem Alter. Der 58-jährige Inder Sudhakar Kunte wirkt wie eine graue Eminenz unter all den Mittzwanzigern.

Kunte soll sie formen. Aus der Robert Bosch Engineering and Business Solutions Vietnam (RBVH) soll eine Blaupause des Konzern-IT-Zentrums seines Heimatlandes Indien werden. „Wir bauen hier eine exakte Kopie des Engineering-Centers in Bangalore auf“, sagt er. Denn Indien war für Bosch eine Erfolgsgeschichte, die sich hier in Vietnam wiederholen soll. Die Stuttgarter waren in den 1990-ern in die indische Hightech-Metropole ausgezogen, um neues IT-Know-how zu binden und aufzubauen. Heute arbeiten dort 7000 Ingenieure an der Lösung von Boschs weltweiten Elektronik- und IT-Aufgaben. Und die wachsen weiter. Mit jedem neuen Modell, das die Automobilhersteller auf den Markt bringen, entwickelt Bosch elektronische Updates oder Neuentwicklungen. „Software hat daran den wichtigsten Anteil“, sagt Kunte.

Das indische Erfolgsmodell will er jetzt auf Vietnam übertragen. Von der internen Softwareentwicklung für die Elektronikstabilität, dem Motormanagement, den Bremssystemen und der Kraftübertragung über das Design neuer Bauteile und deren computergestützter Verhaltenssimulation bis zur Entwicklung von IT-Lösungen für den Bosch-Konzern – all das sollen die vietnamesischen Ingenieure künftig leisten können.

Noch ist die 2010 gegründete Tochter im Aufbau. Noch sind in den durch blaue Raumteiler verschachtelten Großraumbüros Tische frei. „Das wird sich schnell ändern“, sagt Kunte zuversichtlich, während er durch die Reihen der kleinen Büroquadrate spaziert, wo junge Frauen und Männer vor Bildschirmen sitzen.

Bis Ende des Jahres soll sich die Mitarbeiterzahl auf 200 verdoppelt haben. Bis 2015 sind 500 geplant – beziehungsweise 2000 inklusive der Mitarbeiter in der anderthalb Autostunden entfernt liegenden Fertigung für Antriebsriemen, die Bosch 2011 eröffnet hat. „Vietnam verfügt nicht nur über niedrige Lohnkosten“, sagt Quang-Hue Vo. Der freundliche Bosch Vietnam-Chef ist zu Besuch bei seinem Kollegen, auch er Ende Fünfzig und im blauen Anzug. „Es ist nach China und Indien einer der am schnellsten wachsenden Märkte in Asien und damit auch für unsere Produkte.“

Das macht angesichts des Wirtschaftswachstums von laut Weltbank mehr als 7 % pro Jahr in den letzten 20 Jahren Sinn. Doch als IT-Standort? Vo lächelt, als kenne er die Vorbehalte: „Geeignetes Personal mit Hochschulabschlüssen zu finden, ist in Vietnam kein Problem.“

Davon ist Maschinenbau-Absolvent Nguyen Mink Hung einer. In seinem weißen Hemd mit dem roten Bosch-Logo auf der Brust steht er vor seinem Arbeitsplatz, neben ihm eine mannshohe Präsentation. Seine Gruppe kümmere sich um das Design neuer Autobauteile sowie die Simulation ihres Vibrations- und statischen Verhaltens, erklärt er. Ob er sich von der Universität von Ho-Chi-Minh-Stadt gut ausgebildet fühle, will der Besucher wissen. „Ja, den Großteil meines Wissens habe ich von dort“, sagt er stolz. Der Rest sei interne Weiterbildung. Die gab es laut Kunte für alle Mitarbeiter zuvor in Indien und Japan. „Wir arbeiten Schulter an Schulter mit den Kollegen an den anderen Bosch-IT-Standorten“, sagt der IT-Chef, „über Intranet, Telefon und Videokonferenzen.“

Deutsche aus Fleisch und Blut haben die meisten der jungen Vietnamesen allerdings noch nie gesehen, womit Informatikerin Nguyen Thi Ngu Nga ihre Aufregung bei der Präsentation ihres SAP-Projektes gegenüber dem Besucher aus Deutschland erklärt. Trotz solcher sympathischer Nervositäten, von denen auch ihre Kollegen nicht frei sind, die vor den blauen Bürokästchen ihre Projekte zur elektronischen Wegfahrsperre, der optimierten Steuerung und von Antriebsriemen vorstellen – fachlich sind sie alle auf der Höhe.

Firmen wie Bosch setzen auf die Qualität der Arbeitskraft in Vietnam

Solche Qualifikationen wundern Oliver Massmann nicht. Er sitzt in einem Bürotower in dem noch immer stark westlich geprägten Stadtzentrum, die Ärmel hochgekrempelt: „Es ist vor allem die Qualität der Arbeitskraft in Vietnam, auf die Firmen zählen können“, sagt der Vertrauensanwalt der Deutschen Botschaft und bestätigt damit die Strategie von Bosch. Dazu komme die hohe Beliebtheit deutscher Produkte. „Sie haben einen exzellenten Ruf. Deutsche Autos zum Beispiel sind für viele ein Traum.“

Der gebürtige Bottroper lebt seit zehn Jahren in Vietnam, arbeitet für die US-Wirtschaftskanzlei Duane Morris und berät deutsche Unternehmen, die in Vietnam Fuß fassen wollen. Das sind bisher erst wenige: Nur etwas mehr als 150 Firmen – zumeist Repräsentanzen und weniger die Fertigung – sind im Land. Bosch, Puma, Seidensticker: Das sind die Großen. Massmann schüttelt den Kopf. „Das ist schon erstaunlich angesichts des hiesigen Expansionstempos, zumal ausländische Firmen hier hohe Sicherheiten für ihre Investitionen finden.“ Dennoch rangiert Deutschland bei den Ländern, die in Vietnam investieren, nur auf Rang 23.

Ein zentraler Wettbewerbsfaktor sei Nachhaltigkeit, sagt Massmann, wenngleich sich das bei einem Blick aus seinem Fenster in das Gewühl der Mopeds auf den Straßen nicht erschließt.

Doch die Idee der Nachhaltigkeit gewinnt auch in Vietnam Anhänger. Einer seiner Kunden, der darauf setzt, ist der deutsche Forstanbieter Forest Finance (FoFi). Eine Flugstunde in Richtung Norden, dann noch einmal zwei Stunden mit dem Auto bis in die Provinz Quang-Tri und man hat den Arbeitsplatz der Forstingenieure von FoFi erreicht.

Hier ist es deutlich kühler als in Saigon. Ein milchiger Nebel liegt über der von Reisfeldern und Wäldern überzogenen Region. „Noch fackeln die Menschen hier die Plantagen nach der Holzernte komplett ab“, erzählt FoFi-Vietnam-Chef Olaf van Meegen. Er lehnt an einer Akazie und weist auf die von Asche überzogenen roten Böden. Das zerstöre die Humusschicht. „Unser Ziel ist die nachhaltige Bewirtschaftung dieser Wälder.“ Seit einem Jahr kooperiert Forest Finance mit einer staatlichen Firma, die mittlerweile sämtliche ihrer Forste nach dem Nachhaltigkeitssiegel FSC hat zertifizieren lassen.

Der deutsche Manager ist begeistert von dieser Mentalität. „Vielen der hiesigen Förster fehlt es an Kenntnissen, nicht aber an Motivation. Sie brauchen nur eine gute Ausbildung, dann setzen sie das um.“ Mit der Unterstützung der dem Bund unterstellten deutschen Entwicklungsorganisation Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit führen die FoFi-Forstingenieure aktuell ein zweijähriges Forstschulungsprogramm in Vietnam durch. Greift das, könnte die Rechnung des deutschen Mittelständlers aufgehen, neben den niedrigen Pachten und Löhnen vom Elan und der Zuverlässigkeit Vietnams auf dem Weg in die Moderne zu profitieren – auch wenn es hier auf dem Land noch deutlich langsamer und leiser zugeht als auf den heißen Straßen Saigons. 

Ein Beitrag von:

  • Oliver Ristau

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