Wie Ligurien seine Steilhänge seit Jahrhunderten stabil hält
Ohne Stahlbeton und Zement sichern Liguriens Trockenmauern seit Jahrhunderten ganze Hänge. Was moderne Infrastruktur daraus lernen kann.
Trockenmauern aus Ligurien bremsen Erosion, regulieren Wasser und stabilisieren Hänge. Warum Forschende die alte Technik neu bewerten.
Foto: picture alliance / Loop Images | John Greim
Wenn heute nach Starkregen Hänge abrutschen oder Straßen unterspült werden, greift man meist zu Beton, Drainagerohren und aufwendigen Sicherungsbauwerken. In Ligurien existiert dagegen seit Jahrhunderten eine andere Lösung – gebaut fast nur aus lokalem Stein, ohne Zement und ohne Stahlbeton.
Die sogenannten „muretti a secco“, die ligurischen Trockenmauern, wirken zunächst unscheinbar. Tatsächlich steckt dahinter jedoch ein ausgeklügeltes System zur Stabilisierung steiler Hänge. Die Mauern sichern Terrassen, halten den Boden zurück, leiten Wasser kontrolliert ab und machen viele Küstenhänge überhaupt erst landwirtschaftlich nutzbar.
Genau deshalb untersuchen Forschende aus Geotechnik, Hydrologie und Landschaftsplanung diese historische Bauweise heute wieder intensiver. Besonders in der Klimaanpassungs- und Erosionsforschung wächst das Interesse an traditionellen Terrassensystemen.
Inhaltsverzeichnis
- Ein Infrastrukturprojekt über ganze Landschaften hinweg
- Die Mauern reduzieren den Wasserdruck im Hang
- Warum die Mauern ohne Mörtel stabil bleiben
- Kein starrer Block, sondern ein flexibles Steingefüge
- Die Terrassen beeinflussen sogar das Mikroklima
- Warum sich Ingenieure wieder für die Mauern interessieren
- Der größte Feind ist heute fehlende Pflege
- Alte Technik mit überraschend aktuellen Antworten
Ein Infrastrukturprojekt über ganze Landschaften hinweg
Ligurien zählt zu den topografisch schwierigsten Regionen Italiens. Zwischen Meer und Gebirge bleibt oft kaum ebene Fläche. Landwirtschaft war dort nur möglich, wenn Menschen die Hänge künstlich formten.
Bereits im Hochmittelalter begann deshalb die großflächige Terrassierung der Küstenhänge. Ähnliche Techniken existierten im Mittelmeerraum zwar schon deutlich früher, teilweise bereits in der Antike. Die heute typische ligurische Terrassenlandschaft entstand jedoch überwiegend zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert.
Die sogenannten „fasce“, also Terrassenstufen, schufen Flächen für Wein, Oliven und Gemüse. Ohne sie hätte sich die Region wirtschaftlich kaum entwickeln können.
Dabei entstanden nicht einzelne Mauern, sondern kilometerlange Systeme. Allein in den Cinque Terre ziehen sich Trockenmauern über mehrere tausend Kilometer durch die Landschaft. Häufig wird sogar ein Vergleich mit der Chinesischen Mauer gezogen. Historisch exakt belegen lässt sich das kaum. Der Vergleich zeigt aber, welche Dimension diese Bauweise erreicht hat.
2018 erkannte die Unesco die „Kunst des Trockenmauerbaus“ als immaterielles Kulturerbe an. Entscheidend ist dabei: Nicht die ligurischen Mauern selbst wurden ausgezeichnet, sondern das Wissen und die handwerklichen Techniken dahinter.
Die Mauern reduzieren den Wasserdruck im Hang
Genau hier unterscheiden sich die ligurischen Trockenmauern grundlegend von vielen modernen Stützkonstruktionen. Eine klassische Betonwand versucht meist, Wasser möglichst zurückzuhalten und den Druck des Hangs starr aufzunehmen. Trockenmauern verfolgen ein anderes Prinzip: Sie reduzieren hydrostatischen Druck, weil Wasser durch Fugen und Hinterfüllung kontrolliert versickern kann.
Genau das ist im Hangbau entscheidend. Denn aufgestautes Wasser zählt zu den häufigsten Ursachen für Schäden an Stützwänden. Sammelt sich Feuchtigkeit hinter einer dichten Konstruktion, steigen die Belastungen deutlich an. Risse, Frostschäden oder Instabilitäten können die Folge sein.
Die offene Bauweise der Trockenmauern entschärft dieses Problem vergleichsweise einfach. Zwischen den größeren Steinen bleiben kleine Fugen erhalten, durch die Wasser langsam abfließen kann. Hinter der sichtbaren Wand befindet sich zusätzlich meist eine Schicht aus kleineren Steinen. Diese wirkt wie eine natürliche Drainschicht und verhindert, dass größere Mengen Bodenmaterial ausgespült werden.
Warum die Mauern ohne Mörtel stabil bleiben
Dass diese Konstruktionen ganz ohne Mörtel auskommen und trotzdem oft über Jahrhunderte halten, wirkt zunächst erstaunlich. Tatsächlich folgen Trockenmauern klaren bautechnischen Regeln.
Ihre Stabilität entsteht durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren:
- das Eigengewicht der Steine,
- Reibung zwischen den einzelnen Blöcken,
- die Geometrie der Mauer,
- sowie die geschickte Verzahnung der Steine.
Die Mauern werden nach oben meist schmaler und leicht gegen den Hang geneigt gebaut. Fachleute sprechen von einer Rückneigung. Dadurch verlagert sich die Last stärker in den Hang hinein. Das reduziert die Gefahr, dass die Konstruktion nach vorne kippt.
Zusätzlich setzen die Bauleute größere Bindersteine quer in die Mauer ein. Sie verbinden Vorder- und Rückseite miteinander und verbessern die Lastverteilung innerhalb der Konstruktion. Viele dieser Prinzipien finden sich bis heute im modernen Stütz- und Erdbau wieder.
Kein starrer Block, sondern ein flexibles Steingefüge
Aus Sicht der Geotechnik liegt eine weitere Besonderheit darin, dass Trockenmauern keine starren Bauwerke sind. Anders als massive Betonwände können sie kleinere Bewegungen und Setzungen besser aufnehmen.
Zwischen den einzelnen Steinen entstehen Reibungskontakte. Dadurch bleibt die Konstruktion begrenzt verformbar. Kleine Bodenbewegungen führen deshalb nicht sofort zu größeren Rissen. Mechanisch verhält sich eine Trockenmauer eher wie ein diskretes Steingefüge als wie ein starrer monolithischer Körper.
Gerade in einer geologisch aktiven Region wie Italien kann das Vorteile haben. Kleinere Erschütterungen oder langsame Bewegungen des Untergrunds lassen sich häufig besser ausgleichen als bei sehr starren Konstruktionen. Das bedeutet allerdings nicht, dass Trockenmauern automatisch erdbebensicher sind. Ihre flexible Struktur hilft jedoch dabei, kleinere Belastungen besser zu verteilen.

Die Terrassen beeinflussen sogar das Mikroklima
Die Mauern stabilisieren nicht nur den Hang. Sie beeinflussen auch Temperatur und Feuchtigkeit in ihrer unmittelbaren Umgebung. Die Steine speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts langsam wieder ab. Dadurch können Temperaturschwankungen lokal abgemildert werden. Für Weinreben und Oliven entstehen stabilere Bedingungen.
Gleichzeitig bremsen die Terrassen den Wasserabfluss. Regenwasser versickert langsamer. Der Boden bleibt länger feucht. Erosion nimmt ab.
Die Terrassen beeinflussen damit das lokale Mikroklima und verbessern gleichzeitig die Wasserführung im Hang. Aus heutiger Sicht würden viele Fachleute solche Systeme als naturverträgliche Infrastruktur oder als Beispiel klimaangepasster Landschaftsplanung bezeichnen.
Warum sich Ingenieure wieder für die Mauern interessieren
Lange galten Trockenmauern vor allem als kulturelles Erbe oder als Teil einer romantisierten Mittelmeerlandschaft. Inzwischen schauen Fachleute deutlich genauer hin.
Der Grund dafür ist pragmatisch: Viele Probleme der Hangstabilisierung und Wasserführung adressieren diese Systeme bereits seit Jahrhunderten mit vergleichsweise einfachen Mitteln. Besonders interessant sind die Mauern derzeit in drei Bereichen.
Klimaanpassung und Starkregen
Starkregen, Erosion und instabile Hänge nehmen in vielen Regionen zu. Genau dort zeigen die alten Terrassensysteme ihre Stärken. Sie bremsen den Oberflächenabfluss, halten Wasser länger im Hang und reduzieren die Gefahr, dass Boden weggespült wird.
Die Terrassen wirken dabei nicht wie eine einzelne Barriere, sondern wie ein abgestuftes System aus vielen kleinen Rückhalteflächen. Wasser kann langsamer versickern, statt unkontrolliert talwärts zu schießen.
Gerade solche dezentralen Lösungen gewinnen in der Klimaanpassung zunehmend an Bedeutung.
Nachhaltiges Bauen mit lokalen Materialien
Auch unter Nachhaltigkeitsaspekten wirken die Trockenmauern erstaunlich modern. Gebaut wurde fast ausschließlich mit Material aus der unmittelbaren Umgebung. Lange Transportwege entfielen. Zement wurde nicht benötigt, schwere Maschinen ebenfalls kaum.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Viele Mauern stehen seit mehreren Jahrhunderten und lassen sich vergleichsweise einfach reparieren. Häufig genügt es, einzelne Bereiche neu aufzusetzen, statt die gesamte Konstruktion abzureißen. Der Material- und Energieeinsatz fällt dadurch meist deutlich geringer aus als bei massiven Betonstützwänden.
Interessant für Geotechnik und Wasserbau
Auch technisch bleiben die Mauern spannend. Forschende untersuchen heute unter anderem, wie sich die Konstruktionen bei Starkregen verhalten, wie Wasser durch die Hänge wandert oder wie Lasten innerhalb der Mauern umgelagert werden.
Dabei geht es unter anderem um folgende Fragen:
- Wie stabil bleiben die Terrassen langfristig?
- Welche Rolle spielt Vegetation?
- Wie reagieren die Mauern auf kleine Bodenbewegungen?
- Wo liegen ihre Grenzen?
Die historischen Terrassensysteme werden damit wieder relevant für moderne Fragen der Infrastruktur- und Landschaftsplanung.
Der größte Feind ist heute fehlende Pflege
So durchdacht die Trockenmauern auch sind – sie haben klare Grenzen. Für sehr hohe Lasten oder große Verkehrsprojekte eignen sie sich nur eingeschränkt. Vor allem aber brauchen sie etwas, das modernen Bauwerken oft fehlt: kontinuierliche Pflege. Genau darin liegt heute das größte Problem Liguriens.
Viele Terrassen werden nicht mehr bewirtschaftet. Weinberge und Olivenhaine verschwinden, Hänge verbuschen, Wurzeln drücken Steine auseinander und Drainageschichten setzen sich langsam zu. Kommt dann Starkregen hinzu, wird Material ausgespült und die Stabilität der Terrassen nimmt ab.
Viele Schäden entstehen deshalb nicht, weil die historische Bauweise grundsätzlich versagt hätte. Die Systeme verlieren ihre Funktion vielmehr dann, wenn sie über Jahre sich selbst überlassen bleiben.
Alte Technik mit überraschend aktuellen Antworten
Gerade das macht die ligurischen Trockenmauern heute wieder interessant. Sie zeigen, dass traditionelle Bauweisen keineswegs automatisch technisch überholt sind. Viele Herausforderungen moderner Infrastruktur adressieren diese Systeme bereits seit Jahrhunderten mit einfachen, aber wirkungsvollen Prinzipien.
Dazu gehören:
- die Stabilisierung steiler Hänge,
- der kontrollierte Umgang mit Regenwasser,
- der Schutz vor Bodenerosion,
- klimaangepasste Landschaftsgestaltung,
- sowie ressourcenschonendes Bauen.
Natürlich lassen sich die Mauern nicht einfach auf Autobahnen oder große Ingenieurbauwerke übertragen. Trotzdem steckt in ihnen ein Gedanke, der heute wieder an Bedeutung gewinnt: Infrastruktur muss nicht immer möglichst starr sein. Häufig wird sie langlebiger, wenn sie natürliche Prozesse nicht blockiert, sondern gezielt nutzt. Genau darin liegt die eigentliche Ingenieurleistung der ligurischen Trockenmauern.
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