Wie ein gigantischer Kran das Zayed National Museum ermöglichte
Wie ein SK-Ringkran 500-t-Module millimetergenau unter 123-m-Stahlflügeln positionierte – Bautechnik, BIM und Schwerlastlogistik im Detail.
Der Bau des Zayed National Museums mit seinen fünf bis zu 123 m hohen Stahlflügeln war eine bautechnische und baulogistische Herausforderung.
Foto: Smarterpix / Katerina Elagina
Wenn Sie heute auf der Insel Saadiyat vor dem Zayed National Museum stehen, sehen Sie fünf bis zu 123 m hohe Stahlflügel. Sie wirken leicht, fast schwebend. Was Sie nicht sehen: 13.000 t Stahl, massive Betonkerne, 500 t schwere Galerie-Pods – und einen Schwerlastkran, der all das in die richtige Position brachte. Das neue Nationalmuseum der Vereinigten Arabischen Emiraten ist nicht nur ein kulturelles Projekt. Es ist auch aus bautechnischer Sicht ein echtes Highlight. Und der Kran war dessen Taktgeber.
Inhaltsverzeichnis
- Der Hügel als Fundament und als Klimamaschine
- Trommelwände bilden statische Rückgrat
- 500 t schwebend im Atrium
- Der SK-Kran als logistischer Dreh- und Angelpunkt
- 13.000 t Stahl: Wenn Form und Funktion zusammenarbeiten
- Fassade als thermischer Schutzschirm
- BIM als digitales Rückgrat des Projekts
- Nachhaltigkeit als konstruktive Aufgabe
- Der Kran als roter Faden
Der Hügel als Fundament und als Klimamaschine
Das im Dezember 2025 eröffnete Museum, entworfen von Foster + Partners, liegt nicht einfach auf dem Boden. Es steckt in ihm. Ein künstlicher Hügel umschließt große Teile der Ausstellungsräume. Dieser „Mound“ wirkt als thermischer Puffer. Erdberührte Bauteile nutzen die trägere Bodentemperatur, um das Innenklima zu stabilisieren. In einer Wüstenumgebung ist das ein klarer Vorteil.
Bautechnisch heißt das konkret: Sie errichten kein gewöhnliches Gebäude auf einer Bodenplatte, sondern einen schweren, teilweise im Erdreich liegenden Baukörper. In Küstennähe bedeutet das automatisch: Grundwasser ist ein Thema. Gleichzeitig drücken die Windkräfte der 123 m hohen Stahlflügel bis ins Fundament durch. Alles, was oben angreift, muss unten sicher aufgenommen werden.

Deshalb wurde das Museum auf Tiefpfählen gegründet. Diese reichen in tragfähige Bodenschichten und leiten die Lasten zuverlässig ab. Auch die Kellerwände mussten mehr können als nur „abschließen“: Sie sollten dauerhaft dicht sein und gleichzeitig hohe statische Beanspruchungen aufnehmen. Hier greifen Bauphysik und klassischer Ingenieurbau unmittelbar ineinander.
Für die Montage spielte das ebenfalls eine Rolle. Die Fundamente mussten nicht nur das fertige Gebäude tragen, sondern auch temporäre Schwerlasten während der Kranarbeiten aufnehmen. Wenn hunderte Tonnen Bauteil in der Luft hängen, entstehen zusätzliche Kräfte, die von Anfang an mitgedacht werden müssen.
Trommelwände bilden statische Rückgrat
Im Inneren dominieren massive, kreisförmige Stahlbetonwände – sogenannte Trommelwände. Sie übernehmen gleich mehrere Aufgaben:
- Sie tragen die Lasten der aufragenden Stahlflügel.
- Sie dienen als Aufhängungspunkte für die schwebenden Galerie-Pods.
- Sie strukturieren die Räume.
Runde Wandscheiben sind für horizontale Lasten besonders effizient. Windkräfte aus den Flügeln werden hier gebündelt und nach unten geführt.
Gestalterisch sollten diese Wände an sedimentäres Gestein erinnern. Dafür wurde der Beton lagenweise gegossen und mit beigem Marmorzuschlag versehen. Das klingt nach Oberfläche, ist aber statisch anspruchsvoll. Sichtbeton mit hoher gestalterischer Qualität verzeiht keine Fehler.
Für die Kranlogistik war entscheidend: Diese Wände definierten die exakten Anschlusspunkte der Pods. Millimeterabweichungen hätten später massive Probleme verursacht.
500 t schwebend im Atrium
Vier Galerie-Pods hängen über dem zentralen Atrium „Al Liwan“. Jeder wiegt rund 500 t. Sie bestehen aus einem Stahlrahmen mit Paneelverkleidung und sind an den Trommelwänden aufgehängt. Nur drei punktuelle Stahlverbinder fixieren jeden Pod.
Das reduziert visuelle Störungen im Raum. Es konzentriert aber die Kräfte auf wenige Punkte. Die Anschlüsse mussten hochpräzise geplant und gefertigt werden. Hier kommt der Kran ins Spiel.

Die Pods wurden am Boden vormontiert. Das erhöhte die Qualität und senkte Risiken durch Arbeiten in großer Höhe. Doch beim Einheben war kein Spielraum. Unter bereits montierten Stahlflügeln mussten 500 t exakt eingepasst werden.
Ein klassischer Raupenkran hätte enorme Aufstellflächen benötigt. Die Baustelle war jedoch eng getaktet. Mehrere Turmdrehkrane arbeiteten parallel. Zusätzliche Aufschüttungen und großflächige Sperrungen wären problematisch gewesen.
Der SK-Kran als logistischer Dreh- und Angelpunkt
Anstelle eines klassischen Raupenkrans entschied sich das Team für einen Ringkran der SK-Serie von Mammoet. Zunächst kam der SK350 zum Einsatz, später wurde auf die kompaktere SK190-Konfiguration umgebaut.
Der SK350 gehört zur 5000-t-Klasse. Sein zentrales Ballastsystem ist so konzipiert, dass nicht der komplette Ring aufgebaut werden muss. Das spart Fläche auf der Baustelle – ein entscheidender Vorteil in einem Umfeld, in dem mehrere Gewerke parallel arbeiteten. Gleichzeitig bietet der Kran hohe Tragfähigkeit und große Reichweite.

Ein Projektbeteiligter erläutert: „Dank seiner hohen Hubkraft und seiner großen Reichweite konnten wir den SK-Kran außerhalb der am stärksten frequentierten Baustellenbereiche positionieren.“ Genau das war der Vorteil. Der Kran blockierte keine Engstellen und kam dennoch an alle relevanten Hebepunkte heran. Turmdrehkrane konnten weiterlaufen, Abläufe mussten nicht umgestellt werden. Der Bau blieb im Takt.
Die 500 t schweren Pods ließen sich somit in einem durchgehenden Hub einpassen, ohne mehrfaches Umsetzen des Krans und ohne zusätzliche temporäre Konstruktionen. Und bei solchen Lasten gilt: Jede vermiedene Bewegung reduziert Risiko und erhöht die Präzision.
13.000 t Stahl: Wenn Form und Funktion zusammenarbeiten
Die fünf Flügel bestehen aus rund 13.000 t Stahl. Sie sind doppelt gekrümmt und wirken wie frei geformte Skulpturen. Tatsächlich steckt dahinter präzise Ingenieurarbeit. Ihre Geometrie wurde nicht künstlerisch „frei Hand“ entwickelt, sondern auf Basis detaillierter Windanalysen.
Windkanaltests von RWDI halfen, die Profile so zu gestalten, dass auf der Leeseite gezielt Unterdruck entsteht. Dieser unterstützt die natürliche Lüftung des Museums, indem er warme Luft aus dem Atrium absaugt. Gleichzeitig verstärkt die Aufheizung der Turmspitzen durch die Sonne den thermischen Auftrieb. Die Flügel sind damit Tragwerk und Klimakomponente zugleich.

Konstruktiv handelt es sich um Rahmenstrukturen aus vertikalen Stahlprofilen, verbunden mit runden Hohlprofilen (CHS), die die geschwungenen Linien ermöglichen. Eine Aluminiumverkleidung schützt die Konstruktion und reduziert das Eigengewicht.
Für die Schwerlastmontage war diese Bauweise von entscheidender Bedeutung. Die Montage folgte einer klar definierten Reihenfolge: Zunächst wurden die tragenden Stahlrahmen gesetzt, dann die Verkleidungselemente montiert und abschließend die Einbindung in das Lüftungssystem hergestellt. Jede Phase erforderte exakte Lastannahmen, sauber definierte Anschlagpunkte und eine millimetergenaue Positionierung.
Fassade als thermischer Schutzschirm
Die Außenhülle des Hügels besteht aus mehr als 3000 individuell gefertigten GRC-Paneelen aus glasfaserverstärktem Beton. Jedes Element hat seine eigene Form. Zwischen diesen Paneelen und der tragenden Struktur liegt ein definierter Luftspalt.
Das Prinzip dahinter ist einfach, aber wirkungsvoll: Die Sonne erwärmt zunächst das äußere Paneel. Die erhitzte Luft im Zwischenraum steigt nach oben und wird abgeführt. Die tragende Betonstruktur dahinter bleibt deutlich kühler. So gelangt weniger Wärme ins Gebäude.
Diese hinterlüftete Konstruktion reduziert den solaren Wärmeeintrag spürbar. In der Praxis bedeutete das allerdings eine anspruchsvolle Montage. Tausende Einzelteile mit jeweils eigener Geometrie mussten präzise gefertigt, ausgerichtet und befestigt werden. Toleranzen waren hier kein Randthema, sondern zentraler Faktor.
Parallel dazu erhielten die Flügel eine dreifach laminierte Verglasung. Eine integrierte Metallgewebe-Zwischenschicht reflektiert einen Großteil der Infrarotstrahlung und lässt dennoch Tageslicht ins Innere. In den Pods kommen zusätzlich elektrochrome Oberlichter zum Einsatz, die ihre Transparenz automatisch an die Lichtverhältnisse anpassen.
Damit dieses Zusammenspiel funktioniert, mussten Fassadengeometrie, Stahlkonstruktion und Verglasung exakt aufeinander abgestimmt sein. Ohne eine durchgängig digitale Planung wäre dies alles nicht möglich gewesen.

BIM als digitales Rückgrat des Projekts
Bei einem Bauwerk dieser Komplexität reicht ein klassischer Plan nicht aus. Hier lief alles in einem digitalen Gesamtmodell zusammen: Die Tragwerksplaner von AKT II arbeiteten mit parametrischen 3D-Modellen. Windlasten, Stabilitätsberechnungen und die Optimierung der Flügelgeometrie waren direkt mit dem Entwurf verknüpft. Änderungen am Design wirkten sich sofort auf die Statik aus – und umgekehrt.
Parallel dazu koordinierte das ausführende Joint Venture die Bereiche Betonbau, Stahlkonstruktion, Lüftung, Elektrotechnik und Haustechnik in einem gemeinsamen BIM-Modell. Besonders kritisch war der Bereich der Trommelwände. An dieser Stelle treffen die Aufhängungen der Pods, die Beleuchtung, die Lüftungskanäle und die technischen Leitungen auf engstem Raum aufeinander.
Ohne digitale Kollisionsprüfung hätten sich Leitungen, Stahlteile und Einbauelemente zwangsläufig in die Quere gekommen. Das Modell zeigte solche Konflikte frühzeitig, sodass sie nicht erst auf der Baustelle zu Zeit- und Geldverlusten geführt hätten.
Für den Kranbetrieb war dies ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Gewicht, Schwerpunkt und Anschlagpunkte der Bauteile lagen präzise vor. Anstatt mit Näherungen zu arbeiten, standen belastbare Daten zur Verfügung. Und bei 500 t in der Luft ist Genauigkeit keine Option, sondern Voraussetzung.
Nachhaltigkeit als konstruktive Aufgabe
Das Museum erhielt eine 3-Pearl-Design-Zertifizierung nach Estidama. Durch wassersparende Armaturen konnte der Verbrauch um etwa 28 % reduziert werden. Das Kondenswasser der Klimaanlagen wird gesammelt und zur Bewässerung der Al-Masar-Gärten genutzt. Ein traditionelles Falaj-System verteilt Wasser allein durch Schwerkraft.
Während der Bauphase wurden mehr als 70 % der Abfälle recycelt oder wiederverwertet. Auch das ist Bautechnik. Die Materialwahl, die Logistik und die Rückbaukonzepte beeinflussen die CO₂-Bilanz eines Projekts dieser Größenordnung maßgeblich.

Der Kran als roter Faden
Sie können dieses Museum als architektonisches Symbol betrachten. Oder als Klimamaschine. Bautechnisch ist es beides. Massive Betonstrukturen tragen hochoptimierte Stahlflügel, und 500 Tonnen schwere Pods hängen an präzise berechneten Anschlusspunkten. Eine hinterlüftete Hülle reduziert den Wärmeeintrag. Digitale Modelle steuern Geometrie und Montage.
Doch all diese Konzepte mussten erst gebaut werden. Der SK-Kran war dabei kein spektakuläres Beiwerk. Er war das Werkzeug, das die Planung in die Realität übersetzte. Er hielt den Bauablauf frei. Er setzte 500 Tonnen schwere Module millimetergenau an ihren Platz.
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