Turmsanierung in der Normandie 19.08.2025, 14:00 Uhr

Deutsche Technik rettet mittelalterlichen Turm in Frankreich

Sanierung trifft Denkmalschutz: Der Turm von Thevray wurde mit einem speziellen Injektionsverfahren trockengelegt. Die Handwerker mussten dabei mit Samthandschuhen vorgehen.

Injektionsverfahren

Die Silikonharzlösung sickert aus Vorratsbehältern, die an große Spritzen erinnern, ins Mauerwerk ein. Dank nun funktionierender Horizontalabdichtung konnte das Mauerwerk austrocknen und der Turm von Thevray gerettet werden.

Foto: Stirnberg Esteve Architectes/Veinal

Der spätgotische Turm von Thevray in der Normandie steht seit Jahrhunderten auf feuchtem Grund. Mit einer nachträglich eingebauten Horizontalsperre konnte das Mauerwerk gegen aufsteigende Nässe geschützt werden. Eingesetzt wurde ein spezielles Injektionsverfahren, das ohne Druck arbeitet und das historische Mauerwerk schont. Damit bleibt das Bauwerk nicht nur bewohnbar, sondern dient auch als Beispiel für die Verbindung von Denkmalschutz und moderner Abdichtungstechnik.

Ein Bauwerk mit langer Geschichte

Der Wohnturm von Thevray im Hinterland der Normandie ist ein stiller Zeuge der bewegten europäischen Geschichte. Ursprünglich war er Teil einer ganzen Wehranlage, umgeben von Wassergräben. Die erste Burg wurde im Hundertjährigen Krieg zerstört. Mitte des 15. Jahrhunderts ließ Jean III. de Chambray die Anlage neu errichten. Sein Sohn Jacques ersetzte wenig später die ursprüngliche Motte durch einen fünfeckigen Wohnturm. Das Bauwerk blieb erhalten, während viele Nebengebäude im Laufe der Jahrhunderte verschwanden.

Der Turm hebt sich durch seine besondere Bauweise ab. Sandstein, Ziegel und Feuerstein bilden das markante Sichtmauerwerk. Pechnasen und ein hohes Dach mit Kaminen erinnern an die Wehrarchitektur der Spätgotik. Bereits im 19. Jahrhundert zog er die Aufmerksamkeit von Architekten und Kunstschaffenden auf sich. 1886 wurde er unter Denkmalschutz gestellt. Heute dient er als Wohngebäude – aber auch als Beispiel für eine Sanierung, die historische Substanz und moderne Technik miteinander verbindet.

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Das Problem der Feuchtigkeit

Wie viele historische Bauten hat auch der Turm mit aufsteigender Feuchtigkeit zu kämpfen. Wasser aus dem Erdreich dringt über feine Poren und Risse in das Mauerwerk ein. Dieser Vorgang wird Kapillarwirkung genannt. Mit der Zeit steigen die Feuchtigkeitswerte in den Wänden. Putz blättert ab, Salze kristallisieren aus, und es bildet sich Schimmel. Für die Bewohnenden bedeutet das ein schlechtes Raumklima.

Eine funktionierende Horizontalsperre verhindert, dass Feuchtigkeit aufsteigt. Neubauten sind standardmäßig damit ausgestattet. In älteren Gebäuden fehlen solche Sperrschichten oft oder sie sind nicht mehr wirksam. In der Folge können ganze Mauerbereiche dauerhaft durchfeuchtet sein. Eine Sanierung ist dann unvermeidbar, um die Bausubstanz zu erhalten.

Methoden der Horizontalabdichtung

Im Bauwesen haben sich mehrere Verfahren etabliert, um Mauerwerk nachträglich gegen aufsteigende Feuchtigkeit abzudichten. Jede Methode hat eigene Vor- und Nachteile.

  • Injektionsverfahren: Flüssige Stoffe wie Silikonharz oder Alkalisilikat werden über Bohrlöcher in das Mauerwerk eingebracht. Sie härten aus und bilden eine wasserabweisende Schicht. Das Verfahren ist vergleichsweise sauber und eignet sich gut für massive Wände.
  • Maueraustauschverfahren: Hierbei werden Teile des Mauerwerks entfernt und durch Abdichtungsbahnen ersetzt. Es ist sehr effektiv, aber auch aufwendig und teuer.
  • Mauersägeverfahren: Handwerker schneiden eine horizontale Fuge in die Wand und schieben Folien oder Stahlplatten ein. Diese Sperrschicht ist langlebig, aber das Verfahren greift stark in die Statik ein.
  • Bohrkernverfahren: In kurzen Abständen werden Kernbohrungen gesetzt, die mit wasserdichtem Mörtel gefüllt werden. Die überlappenden Bereiche bilden eine durchgehende Sperre.
  • Chromstahlblechverfahren: Dünne Stahlplatten werden in eine vorbereitete Fuge getrieben. Die Methode ist günstig, birgt aber Risiken für empfindliches Mauerwerk.
  • Elektroosmose: Ein elektrisches Feld soll das Wasser daran hindern, in den Wänden aufzusteigen. Die Methode ist umstritten, weil sie das Problem oft nur teilweise löst.

Für ein denkmalgeschütztes Bauwerk wie den Turm von Thevray eignen sich nur Verfahren, die das historische Mauerwerk nicht beschädigen. Daher entschieden sich die Verantwortlichen für eine sanfte Variante des Injektionsverfahrens.

Turm von Thevray

Nah am Wasser gebaut: Der spätgotische Turm von Thevray in der Normandie war einst Teil einer Wehranlage.

Foto: Stirnberg Esteve Architectes/Veinal

Die Wahl des Verfahrens

Das Pariser Architekturbüro Urban Stirnberg begleitete die Sanierung. Für die Abdichtung holte man das deutsche Unternehmen Veinal hinzu. Es entwickelte ein spezielles Injektionssystem, das seit vielen Jahren in Deutschland erprobt wird. Die Technik trägt den Namen Veinal VSS 1-90.

Bei dieser Methode wird eine dünnflüssige Silikonharz-Lösung über Bohrkanäle in die Mauern eingespeist. Sie reagiert mit der vorhandenen Feuchtigkeit und bildet eine durchgehende, unverrottbare Schicht. Innerhalb von ein bis zwei Tagen entsteht so eine horizontale Barriere. Darüberliegende Mauerbereiche trocknen langsam ab.

Um Schäden zu vermeiden, verzichteten die Fachleute auf Druck. Stattdessen sickerte die Lösung von selbst in das Mauerwerk. „Auch beim Setzen der Bohrkanäle wurde darauf geachtet, erschütterungsfrei zu arbeiten“, erklärte Veinal-Geschäftsführer Anton Schuster.

Arbeiten am historischen Bauwerk

In einem ersten Bauabschnitt behandelten die Handwerker rund 20 Meter Mauerwerk. Die Wände bestanden teils aus Vollziegeln, teils aus Mischmauerwerk mit einer Stärke zwischen 40 und 60 Zentimetern. Manche Bereiche waren nur einseitig zugänglich, etwa im Treppenhaus. Gerade in solchen Situationen spielt das Injektionsverfahren seine Vorteile aus, weil es keine großflächigen Eingriffe erfordert.

Die Maßnahme erfüllt die Anforderungen der Wissenschaftlich-Technischen Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege (WTA). Prüfstellen wie das Amt für Materialprüfung der TU München und das Institut für Bauforschung in Aachen bestätigten die Wirksamkeit. Veinal gewährt auf die Sperre eine Herstellergarantie von 20 Jahren.

Der Turm von Thevray soll künftig als Referenz dienen. Die Sanierung zeigt, dass eine Horizontalsperre auch bei denkmalgeschützten Bauwerken nachträglich eingebaut werden kann. Während in Deutschland viele praktische Nachweise vorliegen, ist dies in Frankreich noch weniger verbreitet. Das Projekt könnte also Vorbildcharakter haben.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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