Gescheitertes Mega-Projekt 16.05.2025, 09:00 Uhr

Everglades Jetport: Der „größte Flughafen der Welt“, der nie gebaut wurde

Ein geplanter Mega-Flughafen mitten im Sumpf: Warum der Everglades Jetport nie fertiggestellt wurde – und was heute davon übrig ist.

Dade Airport

Mitten in den Everglades liegt der Dade Airport, der einmal der größte Flughafen der Welt werden sollte. Statt sechs Landebahnen, war nach einer Bahn allerdings Schluss.

Foto: 2024 Airbus/Google Earth

Der Everglades Jetport in Florida sollte einst der größte Flughafen der Welt werden – mit sechs Startbahnen, Hochgeschwindigkeitszügen und Überschallverbindungen. Doch nach nur einer Landebahn kam das Aus. Umweltbedenken und das Ende des Überschallzeitalters ließen das ambitionierte Projekt scheitern. Heute dient die Anlage unter dem Namen Dade-Collier Training and Transition Airport lediglich als Übungsplatz. Wir haben uns das ambitionierte Projekt genauer angeschaut.

Ein ambitioniertes Projekt im Überschallzeitalter

Ende der 1960er Jahre blickte die Luftfahrtbranche erwartungsvoll in die Zukunft. Überschallflugzeuge wie die Concorde standen kurz vor dem Einsatz, und die US-amerikanische Luftfahrtindustrie arbeitete mit Hochdruck an eigenen Entwicklungen – allen voran Boeing mit dem Projekt 2707. In dieser Aufbruchsstimmung reifte in Südflorida die Idee für ein gigantisches Infrastrukturvorhaben: den Everglades Jetport.

Der Flughafen sollte alle bisherigen Maßstäbe sprengen. Auf einer Fläche von rund 25.000 Acres – etwa fünfmal so groß wie der New Yorker JFK – waren sechs Start- und Landebahnen geplant. Mit Hochgeschwindigkeitszügen und einer Monorail wollte man Verbindungen nach Miami und zum Golf von Mexiko schaffen. Herzstück des Flughafens wären Überschalljets gewesen, die von hier aus transatlantische und transkontinentale Routen bedienen sollten.

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Strategisch günstig – und doch problematisch

Der Standort für das Mega-Projekt lag 58 Kilometer westlich von Miami, inmitten des Big Cypress Swamp. Die Lage war kein Zufall: Zum einen war die Fläche dünn besiedelt, was Beschwerden wegen Lärmbelästigung vorbeugen sollte. Zum anderen ließen sich Überschallflüge ideal über das Meer führen, sodass der laute Überschallknall nicht über bewohntem Gebiet entstand.

Doch das Gelände war ökologisch sensibel. Es grenzte unmittelbar an den Everglades-Nationalpark und beherbergte zahlreiche bedrohte Arten – darunter Florida-Panther, Manatis und Nerze. Auch der Lebensraum der Miccosukee, eines indigenen Volkes, wäre durch das Großprojekt gefährdet worden.

Der Umweltbericht als Wendepunkt

1969 veröffentlichte der Hydrologe Dr. Luna B. Leopold im Auftrag des US-Innenministeriums eine Studie mit dem Titel „Environmental Impact of the Big Cypress Swamp Jetport“. Die Ergebnisse waren eindeutig: Der Bau des Flughafens würde das empfindliche Ökosystem Südfloridas massiv stören. Die Trockenlegung großer Flächen zur Errichtung von Startbahnen, Rollwegen und Zufahrtsstraßen hätte nicht nur Flora und Fauna gefährdet, sondern auch den Wasserhaushalt der Region dauerhaft verändert.

Zudem warnte der Bericht vor zunehmender Luft-, Lärm- und Wasserverschmutzung. Besonders kritisch wurde der mögliche Verlust der kulturellen Identität der Miccosukee bewertet, deren Lebensweise durch die Urbanisierung vollständig verdrängt worden wäre.

Vom Mega-Hub zum Geisterflughafen

Obwohl die erste von sechs geplanten Start- und Landebahnen bereits gebaut war, stoppte man das Projekt 1970. Eine weitere Nutzung oder ein Umzug wurden nicht mehr in Betracht gezogen. Stattdessen erklärte man das Gebiet rund um den Flughafen zum Big Cypress National Preserve. Die asphaltierte Piste jedoch blieb erhalten – zu teuer wäre ein Rückbau gewesen, zu aufwendig der ökologische Ausgleich.

Der Traum von einem interkontinentalen Drehkreuz verflüchtigte sich endgültig, als 1971 das Boeing-2707-Programm eingestellt wurde. 1973 untersagte die US-Luftfahrtbehörde dann auch noch Überschallflüge im zivilen Luftverkehr über dem Festland. Damit war klar: Ein Flughafen für SST-Flugzeuge war in den USA vorerst überflüssig.

Eine Startbahn im Nirgendwo

Heute trägt der einstige Everglades Jetport den Namen Dade-Collier Training and Transition Airport (TNT). Statt Passagieren starten und landen dort Flugschülerinnen und Flugschüler, die das abgelegene Areal für sogenannte Touch-and-Go-Übungen nutzen. Dabei wird ein Flugzeug nur kurz auf der Landebahn aufgesetzt und direkt wieder in die Luft gebracht – ein Standardmanöver in der Pilotenausbildung.

Die 3200 Meter lange Bahn bietet dafür ideale Bedingungen: keine störenden Gebäude, kaum Luftverkehr und genug Platz für große Maschinen – theoretisch sogar für eine Boeing 747. In den 1980er und 1990er Jahren nutzten Fluggesellschaften wie Pan Am und Eastern Airlines den Platz intensiv zu Trainingszwecken. Mittlerweile übernehmen Flugsimulatoren jedoch viele Übungen, sodass die Aktivität am Jetport deutlich zurückgegangen ist.

Infrastruktur im Minimalmodus

Von einem vollwertigen Flughafen ist die Anlage heute weit entfernt. Es gibt kein Terminal, keinen Tower, keine Hangars. Ein Wohncontainer mit 186 Quadratmetern Grundfläche dient als Büro für das vierköpfige Personal. Feuerlösch- oder Betankungsanlagen existieren nicht – reguläre Landungen sind daher untersagt. Einzige Ausnahme: Notfälle.

Immer wieder gibt es Versuche, die Anlage anderweitig zu nutzen. So fanden auf der langen Piste schon Hochgeschwindigkeitsrennen statt, bei denen Fahrzeuge Geschwindigkeiten von über 320 km/h erreichten. Auch eine Flugshow war geplant, scheiterte aber an baulichen Vorgaben. Neue Straßen oder zusätzliche Infrastruktur dürfen im Schutzgebiet nicht errichtet werden.

Der Jetport als Mahnmal der Technikgeschichte

Der Dade-Collier Training and Transition Airport ist heute vor allem eines: ein Relikt der Technikvisionen der 1960er Jahre. Ein Monument für eine Zeit, in der Geschwindigkeit und Größe als Fortschritt galten. Und ein Mahnmal für das Scheitern groß angelegter Vorhaben, wenn Umwelt und soziale Belange außer Acht gelassen werden.

Lonny Craven, der den Platz verwaltet, bringt es auf den Punkt: „Er sollte der Flughafen von morgen werden.“ Stattdessen ist er heute ein Stück Rollbahn im Sumpf – mit einer Vergangenheit, die größer war als ihre Zukunft je sein konnte.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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