Die Maya waren geniale Wasserbauer, doch ihr Trinkwasser war vergiftet
Neue Studie zeigt: Die Maya hielten ihre Reservoirs biologisch sauber – doch ein rituelles Pigment vergiftete ihr Trinkwasser mit Quecksilber.
Die Ruinen von Tikal. In einer anderen Maya-Stadt, Ucanal, wurde die Wassertechnik in der Antike genauer unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Wasserbau konnten die Mayas, allerdings war ihr Trinkwasser mit Quecksilber verseucht.
Foto: Smarterpix / pxhidalgo
Die Maya gelten als hervorragende Stadtplaner. Sie bauten große Tempel, komplexe Straßen und ausgeklügelte Wassersysteme. Doch neue Untersuchungen zeigen ein überraschendes Problem: Obwohl einige Maya-Städte ihr Wasser sehr sorgfältig reinigten, war es dennoch stark belastet – mit Quecksilber.
Ein internationales Forschungsteam hat die Wasserversorgung der Maya-Stadt Ucanal im heutigen Guatemala untersucht. Die Arbeiten leitete die Archäologin Christina Halperin von der Université de Montréal. Der Doktorand Jean Tremblay analysierte über sechs Jahre hinweg Sedimente aus antiken Reservoirs.
Die Studie zeigt ein technisches Paradoxon: Die Maya kontrollierten biologische Verschmutzungen erstaunlich gut. Gleichzeitig gelangte jedoch ein giftiges Schwermetall in ihre Wassersysteme – und blieb lange unbemerkt.
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Ein ausgeklügeltes Wassersystem
Ucanal lag in einer Region mit ausgeprägten Trockenzeiten. Für die Bewohnerinnen und Bewohner war es deshalb entscheidend, Regenwasser zu speichern. Die Stadt nutzte mehrere Reservoirs mit unterschiedlichen Aufgaben.
Die Forschenden untersuchten drei Anlagen genauer:
- Aguada 2: großes Trinkwasserreservoir für wohlhabende Viertel
- Aguada 3: kleineres Becken in einem einfachen Wohngebiet
- Piscina 2: Teil eines städtischen Entwässerungssystems
In Sedimentkernen suchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach biologischen und chemischen Spuren. Sie analysierten unter anderem Cyanobakterien, Fäkalmarker und Schwermetalle.
Das Ergebnis überraschte. Über viele Jahrhunderte blieb das Wasser in einigen Reservoirs erstaunlich sauber.
Ein Jahrtausend ohne Blaualgen
In vielen Maya-Städten stellten Blaualgen – also Cyanobakterien – ein ernstes Problem dar. Diese Mikroorganismen vermehren sich besonders stark in warmem, nährstoffreichem Wasser und können giftige Stoffe produzieren. In Ucanal fanden die Forschenden jedoch kaum Hinweise auf solche Algenblüten.
„Die Maya wussten um die Existenz von Cyanobakterien, und diese Algen sind deutlich sichtbar“, erklärte Tremblay. „Die Maya konnten mit Bakterien umgehen, die sie sehen konnten.“ Das Wassersystem war offenbar bewusst so gestaltet, dass Algenwachstum begrenzt wurde.
Der große Stausee Aguada 2 lag auf einer Anhöhe und besaß ein natürliches Filtersystem. Zuflüsse führten durch steingefüllte Kanäle. Diese wirkten wie primitive Sedimentfilter und hielten Schmutz zurück.
Auch Vegetation spielte vermutlich eine Rolle. „Schatten hält das Wasser kühler“, sagte Halperin. „Warmes Wasser stimuliert die Produktion von Cyanobakterien.“
Analysen des Kohlenstoff-Stickstoff-Verhältnisses bestätigen diese Interpretation. Die organischen Reste im Sediment stammen überwiegend von Landpflanzen, nicht von Algen. Zudem fehlte ein wichtiger Nährstoff für starkes Algenwachstum: Phosphor.
Die Reservoirs zeigten daher keine Hinweise auf Eutrophierung – also eine Überdüngung des Wassers, die typischerweise zu Algenblüten führt.
Überraschend gute Hygiene
Noch eine Entdeckung fiel auf. In den wichtigsten Trinkwasserreservoirs fanden die Forschenden kaum Spuren menschlicher Fäkalien. Die Wissenschaftler nutzten dazu sogenannte Biomarker. Ein Beispiel ist Coprostanol. Diese Verbindung entsteht bei der Verdauung im menschlichen Darm und dient als zuverlässiger Hinweis auf Fäkalverschmutzung.
Selbst in Zeiten hoher Bevölkerungsdichte blieb Aguada 2 weitgehend frei von solchen Spuren. Das deutet auf eine organisierte Abfallentsorgung hin. Die Forschenden vermuten, dass es außerhalb der Wassereinzugsgebiete versiegelte Abfallgruben gab. Für eine dicht besiedelte vorindustrielle Stadt wäre das ungewöhnlich.
Ein Reservoir bildet allerdings eine klare Ausnahme. Aguada 3 lag zwischen einfachen Wohnhäusern. Sedimente zeigen dort deutlich mehr Verschmutzungen. Neben Fäkalspuren fanden die Forschenden auch Haushaltsabfälle, zerbrochene Keramik und sogar Hinweise auf ein gestörtes Grab. „Dieses Reservoir wurde als kleine Abfallgrube genutzt“, sagte Tremblay.
Piscina 2 erfüllte wiederum eine andere Funktion. Das Becken war an einen großen Entwässerungskanal angeschlossen. Die ständige Wasserbewegung und Belüftung verhinderten eine starke Verschmutzung.
Das rote Gift im Wasser
Unter der scheinbar sauberen Oberfläche verbarg sich jedoch ein Problem. In allen Reservoirs fanden die Forschenden hohe Konzentrationen von Quecksilber. Viele Proben überschritten deutlich die Grenzwerte, die heute für aquatische Ökosysteme als kritisch gelten.
Die Quelle dieses Schwermetalls ist bekannt: Zinnober. Dabei handelt es sich um ein rotes Pigment aus Quecksilbersulfid. Zinnober spielte in der Maya-Kultur eine wichtige Rolle. Es wurde für Wandmalereien, Stelen, Schmuck und Begräbnisrituale genutzt.
„Seine Farbe erinnerte an Blut“, sagte Halperin. „In der Kosmologie der Maya sind Blut, Leben und Tod allgegenwärtig.“ Das Pigment wurde auf Gebäuden, Objekten und sogar auf menschlichen Überresten verwendet. Mit Regen und Erosion gelangten kleine Partikel in Böden und Gewässer.
Im Laufe der Zeit sammelte sich so immer mehr Quecksilber in den Reservoirs an. Sedimentdaten zeigen, dass die Konzentrationen während der späten klassischen Periode deutlich anstiegen – um mehr als 300 %.
Der Grund könnte ein intensiverer Handel mit rituellen Gütern gewesen sein. Zinnober war offenbar nicht nur ein Luxusmaterial für Eliten. „Es waren nicht nur die Eliten, die es verwendeten – alle waren ihm ausgesetzt“, stellte Halperin fest.
Ein unsichtbares Problem
Das zentrale Problem lag in der Unsichtbarkeit des Schadstoffs. Quecksilber verändert weder Farbe noch Geruch des Wassers. Im Gegensatz zu Algen oder Schmutz konnten die Menschen die Belastung nicht erkennen.
„Sie hatten keine Möglichkeit zu wissen, dass es giftig war“, sagte Tremblay. „Es trübte das Wasser nicht und färbte es auch nicht rot.“ Selbst die ausgeklügelten Filtersysteme der Maya konnten gelöste Schwermetalle nicht entfernen. Damit entstand ein bemerkenswertes Paradoxon: Das Wasser war hygienisch sauber, aber chemisch belastet.
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