Bürohaus in Garrel: Heizen mit 80 W Körperwärme
75 cm Ziegel und Naturkalk statt Klimaanlage: Wie die Burg Solo in Garrel durch thermische Masse und 80 W pro Kopf ein stabiles Klima schafft.
Das Bürogebäude kommt ohne eigene Heizung aus. Für angenehme Temperaturen sorgen 45 Mitarbeiter mit ihrem natürlichen Wärmeeintrag sowie die Abwärme des technischen Equipments.
Foto: Agmadata/Haga
In Garrel steht ein Bauwerk, das die gängige TGA-Planung infrage stellt. Während moderne Bürogebäude oft hochgerüstete Klimazentralen benötigen, setzt die „Burg Solo“ auf die Trägheit der Materie. Das IT-Unternehmen Agmadata nutzt hier ein physikalisches Prinzip, das eher an historische Sakralbauten erinnert als an moderne Glaspaläste: Die thermische Entkopplung durch Masse.
Inhaltsverzeichnis
Die Physik des zweischaligen Mauerwerks
Das Gebäude ist als regelmäßiges Oktagon konstruiert. Diese Form reduziert das Verhältnis von Außenfläche zu Volumen, was die energetischen Verluste minimiert. Der entscheidende Faktor ist jedoch der Wandaufbau. Helmut Vossmann realisierte eine monolithische Außenwand von 75 cm Stärke.
Diese besteht aus zwei Schalen Poroton-Ziegeln von jeweils 36,5 cm. Dazwischen liegt eine lediglich 2 cm breite Luftschicht, die als zusätzliche thermische Trennung fungiert. Das Ergebnis ist eine enorme Wärmekapazität. Die Wand fungiert als Langzeitspeicher, der Tag-Nacht-Schwankungen mühelos glättet. Acht schlanke Betonsäulen im Inneren übernehmen die statische Last, sodass die Außenwände ihre bauphysikalische Wirkung voll entfalten können.
Bilanzierung der internen Wärmequellen
Das Konzept „Heizen ohne Heizung“ basiert auf einer präzisen Kalkulation der Abwärme. Ein Mensch im Büro gibt konstant etwa 80 W an die Umgebung ab. Bei voller Belegung mit 45 Mitarbeitenden summiert sich dies auf eine Dauerleistung von 3,6 kW.
Hinzu kommen die technischen Lasten:
- Hardware: Jeder Arbeitsplatz trägt mit Rechner und Monitoren zur Erwärmung bei.
- Infrastruktur: Server, Kopierer und Beleuchtung erhöhen den Grundlast-Wärmeeintrag.
- Haustechnik: Sogar die Kaffeemaschine ist in die thermische Bilanz eingerechnet.
Die TU Dresden hat dieses Szenario simuliert. Das Resultat: An 340 Tagen im Jahr bleibt die Raumtemperatur ohne aktives Zutun zwischen 22 und 26 Grad. Nur bei extremen Minusgraden oder langen Leerständen wird Energie benötigt. Dafür ist das Gebäude an den Gasbrennwertkessel eines Nebengebäudes angeschlossen. Die Wärmeübergabe erfolgt über eine Betonkernaktivierung – also wasserführende Rohre direkt im Beton der Decken und Böden.

Hygrische Pufferung durch Naturkalk
Ein massives Gebäude ohne mechanische Lüftung steht vor der Herausforderung der Feuchtigkeitsregulation. In Garrel lösen Naturbaustoffe dieses Problem. Die 550 m² Außenfassade und sämtliche Innenwände sind mit Naturkalk-Produkten von Haga verputzt.
Kalk ist hochgradig diffusionsoffen. Er kann bis zu 60 Liter Wasser pro 100 m² Wandfläche puffern. Steigt die Luftfeuchtigkeit durch die Anwesenheit vieler Menschen, nimmt der Putz die Feuchte auf. Sinkt sie, gibt er sie wieder ab. Das verhindert die typisch trockene Heizungsluft und schützt gleichzeitig vor Bauschäden. Durch den hohen pH-Wert von 13 ist der Putz zudem von Natur aus resistent gegen Schimmelpilze, was zusätzliche chemische Zusätze überflüssig macht.
Akustik und Materialeffizienz
In einem Gebäude mit harten Betonoberflächen und Sichtestrich ist die Akustik kritisch. Um den Nachhall in den offenen Bürolandschaften zu bändigen, wurde eine Akustikdecke aus verpresster Cellulose installiert. Diese fügt sich in das ökologische Gesamtkonzept ein, ohne die thermische Kopplung zur Betonkernaktivierung vollständig zu unterbrechen.
Auch beim Bodenbelag regierte der Pragmatismus. Da das Oktagon zahlreiche 45-Grad-Winkel aufweist, wäre das Verlegen von Bahnenware wie Linoleum extrem materialintensiv gewesen. Der Verschnitt hätte die Nachhaltigkeitsbilanz verschlechtert. Stattdessen entschied man sich für einen geschliffenen Sichtestrich, der die thermische Masse des Bodens unmittelbar nutzbar macht.
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