Bauen mit Wüstensand: Kann der Rohstoffmangel so gelöst werden?
Bausand wird knapp, Wüstensand ist reichlich vorhanden. Forschende testen neue Wege, ihn als Baustoff zu nutzen.
Wüstensand galt lange als ungeeignet für Beton. Neue Forschung zeigt, wie er doch zum Baustoff für Wege und Plätze werden kann.
Foto: Smarterpix / Logray
| Das Wichtigste in Kürze |
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Der weltweite Hunger nach Beton wächst weiter. Nach Wasser ist Beton das am häufigsten genutzte Material der Menschheit. Jährlich entstehen mehr als vier Milliarden Tonnen Zement. Das hat Folgen: Rund 8 % der globalen CO₂-Emissionen gehen auf das Konto der Betonherstellung. Hinzu kommt ein oft übersehener Engpass – Sand.
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Sand ist nicht gleich Sand
Für Beton eignet sich nicht jeder Sand. Benötigt werden Körner mit einer bestimmten Größe und einer rauen Oberfläche. Genau das liefert Fluss- oder gebrochener Gesteinssand. Er verzahnt sich gut, sorgt für Stabilität und Festigkeit. Wüstensand hingegen ist zu fein und zu rund. Wind schleift die Körner über Jahrtausende glatt. In klassischem Beton wirkt dieser Sand eher wie Schmiermittel. Das Ergebnis ist ein Material, das schneller reißt und weniger trägt.
Das führt zu einem Paradox: Weltweit werden Flüsse ausgebeutet und Landschaften zerstört, um Sand zu gewinnen, während riesige Sandmengen in Wüsten scheinbar nutzlos bleiben.
Forschung sucht nach Auswegen
Seit Jahren testen Forschende Wege, Wüstensand zumindest teilweise nutzbar zu machen. Oft wird er anderen Sanden beigemischt oder chemisch vorbehandelt. Das funktioniert, aber nur begrenzt. Hohe Anteile senken meist die Festigkeit. Zudem steigt häufig der Zement- und Wasserbedarf – was den ökologischen Vorteil wieder schmälert.
Ein Forschungsteam der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) und der Universität Tokio geht nun einen anderen Weg. Statt Wüstensand in klassischen Beton zu zwingen, haben sie ein neues Material entwickelt: botanischen Sandbeton.
Beton ohne Zement
Der Ansatz ist radikal. Botanischer Sandbeton kommt ohne Zement aus. Stattdessen pressen die Forschenden feinen Sand – darunter auch Wüstensand – mit pflanzlichen Bestandteilen, etwa Holzresten, unter Hitze und Druck zusammen. Der Prozess ähnelt eher der Herstellung von Holzwerkstoffen als der klassischen Betonproduktion.
Ren Wei, Postdoktorand an der NTNU, erklärt das Grundproblem klassischer Ansätze so: „Forscher diskutieren seit vielen Jahren, ob Wüstensand in Beton verwendet werden kann. Die Herausforderung besteht darin, dass Wüstensand so feinkörnig ist, dass er sich nicht als Bindemittel in Beton eignet. Mit anderen Worten: Der Beton ist nicht hart genug, um in Bauprojekten verwendet zu werden.“
Beim neuen Verfahren spielt die Feinheit plötzlich eine andere Rolle. Unter Hitze wird das pflanzliche Material plastisch. Lignin, ein natürlicher Holzbestandteil, wirkt dabei wie ein Klebstoff. Der Sand füllt die Zwischenräume und sorgt für Dichte.
Belastbar genug für Wege und Plätze
Im Labor testete das Team verschiedene Temperaturen, Drücke und Mischungsverhältnisse. Das Ergebnis: Der botanische Sandbeton erreicht Biegefestigkeiten von über 5 MPa. Das reicht aus, um Pflastersteine für Gehwege, Fußwege oder Plätze herzustellen. In manchen Versuchen lagen die Werte sogar deutlich darüber.
Alle bisherigen Experimente liefen kontrolliert im Labor der Universität Tokio. „Wir haben getestet, wie verschiedene Faktoren die Festigkeit und Dichte der Materialien beeinflussen, darunter Temperatur, Mischungsverhältnis, Druck, Presszeit und verschiedene Sandarten“, sagt Ren Wei.
Die Ergebnisse zeigen: Auch Wüstensand kann in diesem System funktionieren – teilweise sogar besser als fein gemahlener Industriesand. Entscheidend sind Korngröße, chemische Zusammensetzung und der Pressprozess.
Umweltbilanz mit Potenzial
Der ökologische Hebel ist groß. Botanischer Sandbeton benötigt keinen Zement. Damit entfallen große Teile der CO₂-Emissionen. Gleichzeitig ließe sich der Druck auf Flüsse und Kiesgruben senken. Zudem nutzt das Verfahren Materialien, die vielerorts im Überfluss vorhanden sind: Sand und pflanzliche Reststoffe.
Allerdings warnen die Forschenden vor falschen Schlüssen. Der Sand sollte dort genutzt werden, wo er anfällt. Ein globaler Transport von Wüstensand wäre ökologisch unsinnig. Ren Wei betont: „Der Produktionsprozess ist relativ einfach, sodass das Material grundsätzlich an vielen Orten hergestellt werden kann. Aber wir müssen noch weitere Tests durchführen, unter anderem um zu prüfen, wie er Kälte standhält, bevor er in Norwegen eingesetzt werden kann.“
Noch kein Ersatz für Betonhäuser
Für tragende Bauteile oder Hochhäuser ist das Material derzeit keine Lösung. Dafür fehlen Langzeittests zu Frost, Feuchte, Abrieb und Alterung. Kurzfristig sehen die Forschenden Anwendungen im Innenbereich oder bei nichttragenden Bauteilen.
Langfristig könnte botanischer Sandbeton aber helfen, ein globales Problem zu entschärfen: den Mangel an geeignetem Bausand – und die ökologischen Schäden seiner Gewinnung. Die zugrunde liegende Studie zeigt, dass ausgerechnet der lange unterschätzte Wüstensand Teil der Lösung sein könnte
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