Chinas Roboter-Offensive 26.02.2026, 11:00 Uhr

Merz in China: Was steckt hinter Unitrees Box-Robotern?

Kanzler Merz besucht Chinas Vorzeigefirma Unitree und schaut Robotern beim Boxen zu. Was steckt hinter den Maschinen, die weniger kosten als ein Auto?

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) beobachtet einen humanoiden Roboter mit Boxhandschuhen beim Besuch des Robotik-Unternehmens Unitree in Hangzhou.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ließ sich von Unitree-Gründer und Geschäftsführer Wang Xingxing (l) durch die Präsentationsräume führen.

Foto: picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat zum Abschluss seiner Chinareise am Donnerstag (26. Februar) das Robotik-Unternehmen Unitree in Hangzhou besucht. Dort schaute er sich einen Boxkampf von 1,30 m großen Robotern an, die sich ihr Können über KI angeeignet haben.

Hinter dem Spektakel steckt mehr als eine Show: Unitree gilt als Chinas Antwort auf den bisherigen Platzhirsch Boston Dynamics, verkauft seine Roboter aber zu einem Bruchteil des Preises. Was genau entwickelt das Unternehmen, und warum könnte sich der deutsche Kanzler dafür interessieren?

Kung Fu auf der größten TV-Bühne der Welt

Erst Mitte Februar waren Unitrees humanoide Roboter bei Chinas Neujahrsgala aufgetreten. Auf der meistgesehenen Fernsehsendung der Welt wirbelten die Maschinen vor Hunderten Millionen von Zuschauern mit Kung-Fu-Einlagen über die Bühne.

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Es war schon der dritte Gala-Auftritt für Unitree. Und alles andere als billig: Wie die FAZ unter Berufung auf das chinesische Wirtschaftsmagazin Caixin berichtete, zahlte das Unternehmen Hunderte Millionen Renminbi für die Sendeplätze. Die Auftritte dienen womöglich nicht nur dem Marketing, sondern auch der Staatspropaganda: China will sich als führende Hightech-Nation inszenieren.

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Warum Merz nach Hangzhou fuhr

Wenige Tage später steht Merz in Hangzhou vor genau diesen Robotern. Unitree gehört zu den „Six Little Dragons„: So nennt die ostchinesische Stadt (ca. 180 km südlich von Shanghai) ihre sechs führenden Tech-Start-ups. Neben Unitree zählt dazu auch DeepSeek, das Anfang 2025 mit seinem KI-Modell für Aufsehen sorgte, und der Erfolgsspielentwickler Game Science.

Merz machte hier bewusst Station: Wie das Handelsblatt berichtete, sind in der Provinz Zhejiang bereits rund 1000 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung tätig. Dazu zählen bekannte Namen wie Bosch, Bayer, Siemens Energy, ZF und das deutsche Robotik-Start-up Neura Robotics.

Boxkämpfe mit humanoiden Robotern liegen im Trend

Unitree hat im vergangenen Jahr das Roboter-Boxen als neues Geschäftsfeld entdeckt. Unter dem Label „Iron Fist King“ treten G1-Roboter in organisierten Kämpfen gegeneinander an. Die rund 1,32 m großen und etwa 35 kg schweren Maschinen werden dabei per VR-Controller oder Sprachbefehle gesteuert.

Wie gut das funktioniert? Es geht so. Die Roboter können Jabs und Haken ausführen, fallen aber regelmäßig um und brauchen dann menschliche Hilfe, um wieder aufzustehen. Experten sprechen noch von „Robot Theater“: Unterhaltung ja, ‚echter‘, autonomer Kampfsport nein. Technisch sind dem G1 enge Grenzen gesetzt: Er schafft nur 2 kg Traglast, und der Akku hält rund zwei Stunden.

In San Francisco veranstaltet das Start-up Rek regelmäßige Events dieser Art: Zuschauer zahlen 60 bis 80 US-Dollar Eintritt, um den Robotern beim Boxen zuzuschauen, komplett mit Kommentatoren, Ringrichter und Einlaufmusik. In China ist parallel die weltweit erste humanoide Kampfliga gestartet. Die Preisgelder liegen bei umgerechnet 1,4 Mio. US-Dollar.

Friedrich Merz beobachtet einen Boxroboter bei Unitree.
Unitree wurde 2016 von Wang Xingxing gegründet. Während seines Studiums an der Shanghai-Universität hatte dieser 2013 mit der Entwicklung eines vierbeinigen Hunde-Roboters begonnen. Foto: picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Unitree verkauft schon tausende Roboter pro Jahr

Der auffälligste Unterschied zwischen Boston Dynamics und Unitree ist wohl der Preis. Unitrees humanoider G1 startet bei rund 16.000 US-Dollar. Der Atlas-Roboter von Boston Dynamics kostet über 200.000 US-Dollar. Selbst Unitrees größeres Modell H1, das 1,80 m misst und fast 50 kg wiegt, liegt mit etwa 90.000 US-Dollar noch deutlich darunter.

Unitrees erste Erfolge können sich sehen lassen. Nach Angaben der FAZ hat das Unternehmen im vergangenen Jahr rund 5.000 humanoide Roboter verkauft und 2024 einen Umsatz von über 100 Mio. € erzielt; davon zwei Drittel mit vierbeinigen Roboterhunden und ein Drittel mit den Zweibeinern. Zu den Investoren zählen mit Alibaba, Tencent und dem Autokonzern Geely einige der größten Konzerne Chinas. Ein Börsengang ist in Vorbereitung. Fachleute schätzen den Unternehmenswert auf bis zu 7 Mrd. US-Dollar.

Wie das China-Modell Unitree emöglicht

Möglich werden die niedrigen Preise durch Chinas industrielle Infrastruktur. Unitree profitiert von günstigen Zuliefererketten, staatlicher Förderung und einem Ökosystem, in dem Durchbrüche bei Smartphone-Sensoren oder E-Auto-Technik direkt in die Robotik einfließen.

Die Staatsnähe kann auch ambivalent sein. Wie das Handelsblatt berichtete, steht Unitree im Verdacht, mit dem chinesischen Militär zusammenzuarbeiten. Das Unternehmen dementiert das. Die FAZ schrieb, die Roboterhunde würden bereits in Militärmanövern eingesetzt.

Gleichzeitig machte Georg Stieler, Geschäftsführer der Stieler Technologieberatung, im Interview mit den VDI nachrichten deutlich, dass in vielen humanoiden Robotern aus Europa und den USA mehr chinesische Komponenten stecken, als das politische Klima vermuten lässt. Dazu zählen etwa Aktuatoren, Getriebe oder Sensoren.

Warum Merz bei Unitree vorbeischaut

Merz reiste mit einer 30-köpfigen Wirtschaftsdelegation nach China. Neben dem Treffen mit Staatspräsident Xi Jinping und Ministerpräsident Li Qiang standen bewusst auch Technologiebesuche auf dem Programm. Neben Unitree war Merz bei Siemens Energy und einer Mercedes-Präsentation zu autonomem Fahren.

Die Roboter-Branche entwickelt sich dabei besonders dynamisch. In China gibt es nach FAZ-Angaben inzwischen 150 bis 200 Hersteller humanoider Roboter. Städte wie Peking und Shenzhen haben laut Morgan Stanley zusammen Investmentfonds über 26 Mrd. US-Dollar aufgelegt. Weltweit wurden im vergangenen Jahr 13.000 bis 16.000 humanoide Roboter verkauft; 80 bis 90 % davon kamen aus China.

Deutschland will die Wirtschaftsbeziehungen mit China vertiefen – China war 2025 mit einem Handelsvolumen von über 250 Mrd. € wieder Deutschlands wichtigster Handelspartner. Gleichzeitig zeigt der Unitree-Besuch, wie weit China Deutschland in der Robotik inzwischen voraus ist. In junge Robotikunternehmen wurde 2025 in China und den USA etwa das Fünf- bis Sechsfache investiert wie in Europa, betonte Robotikberater Georg Stieler gegenüber den VDI nachrichten.

Stieler, der die Branche seit über einem Jahrzehnt aus Shanghai beobachtet, warnte im Interview: „Man sollte nicht dieselben Fehler wie bei der E-Mobilität wiederholen.“ Viele in Deutschland verfolgten die Entwicklung mit Skepsis und lehnten sich erst einmal zurück. Das halte er für fatal.

Was kommt als nächstes?

Unitree arbeitet daran, seine Roboter in den Alltag zu bringen. Das neueste Modell R1 richtet sich an Entwickler und Bildungseinrichtungen und ist schon ab rund 4.900 US-Dollar erhältlich. Selbst viele Mittelklasse-Laptops sind teurer. Langfristig sollen die Roboter in Haushalten, in der Pflege und in der Industrie zum Einsatz kommen.

Bis dahin dürfte es aber noch ein weiter Weg sein. Stieler brachte es auf den Punkt: Einem Roboter einen Salto beizubringen, sei leicht. Ihn in einen Raum zu stellen, wo er sich autonom bewege und etwa einen Becher Wasser greife, ohne ihn zu zerquetschen, sei die eigentliche Herausforderung. Für 2026 erwartet der Fachmann einen Trend weg von werbewirksamen Spektakeln hin zu realen Anwendungsfällen. Nicht zuletzt, weil die Investoren darauf drängten.

Hangzhou setzt jedenfalls voll auf die Robotik-Branche. Die Stadtregierung hat laut Handelsblatt einen Aktionsplan vorgestellt, der bis 2030 Investitionen von umgerechnet 56 Mrd. US-Dollar in technologische Innovationen vorsieht. Damit steigt natürlich auch der Druck, regelmäßig neue Innovationen zu präsentieren, wie marktreif diese auch sein mögen. Der Besuch des deutschen Bundeskanzlers dürfte diesen Druck nicht gerade verringern.

Mit Material der deutschen Presse-Agentur (dpa).

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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