Lego-Prinzip für Ingenieure: Material passt sich seiner Aufgabe selbst an
Programmierbare Materialien ändern ihre mechanischen Eigenschaften in Echtzeit. Ein Roboterfisch zeigt, wie flexibel das Konzept ist.
Xiaoyue Ni beobachtet einen Roboterfisch mit einem umprogrammierbaren Schwanz, der in einem Aquarium schwimmt. Der Demonstrationsnachweis könnte zu Materialien mit umprogrammierbaren Materialeigenschaften führen, die im menschlichen Körper oder in Elektronikgeräten eingesetzt werden könnten.
Foto: Duke University
Materialien, die ihre Eigenschaften nachträglich ändern, gelten als ein zentrales Ziel moderner Ingenieurwissenschaften. Ein Team von Maschinenbauingenieuren der Duke University zeigt nun ein Konzept, das diesem Ziel deutlich näherkommt. Die Forschenden programmieren mechanische Eigenschaften direkt in feste, Lego-ähnliche Bausteine. Härte, Biegsamkeit und Dämpfung lassen sich gezielt umschalten, ohne das Material neu zu fertigen.
Die Arbeit ist ein Proof of Concept. Sie zeigt aber klar, wohin die Reise gehen kann: Materialien, die sich während des Einsatzes an neue Aufgaben anpassen. Die Ergebnisse erschienen am 23. Januar in der Fachzeitschrift Science Advances.
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Mechanik wie auf einer Festplatte gespeichert
Der Kern der Idee ist überraschend einfach. Statt ein Material von vornherein auf eine Eigenschaft festzulegen, teilen die Forschenden es in viele kleine Zellen auf. Jede dieser Zellen kann ihren Zustand wechseln – von fest zu flüssig und zurück. „Wir wollen Materialien herstellen, die lebendig sind“, erklärt Yun Bai, Erstautor der Studie. „3D-Drucker können Materialien mit bestimmten mechanischen Eigenschaften herstellen, aber man muss den Druckvorgang wiederholen, um diese Eigenschaften zu ändern. Wir wollten etwas schaffen, das wie menschliche Muskeln funktioniert und seine Steifigkeit in Echtzeit ändern kann.“
Um das zu erreichen, füllte das Team jede Zelle mit einer Legierung aus Gallium und Eisen. Diese Metallmischung liegt nahe der Raumtemperatur an der Grenze zwischen fest und flüssig. Wird gezielt elektrischer Strom angelegt, erwärmt sich die Zelle und verflüssigt sich. Bleibt der Strom aus, erstarrt sie wieder. So lassen sich Muster aus festen und flüssigen Zellen erzeugen. Die Forschenden vergleichen das Prinzip mit dem Schreiben von 1en und 0en auf eine Festplatte. Die Information bestimmt hier nicht Daten, sondern mechanische Eigenschaften.
Dünne Folie oder dreidimensionaler Baukasten
In einer zweidimensionalen Ausführung ähnelt das Material einer dünnen Folie. Ihre Steifigkeit und Dämpfung lassen sich lokal einstellen, ohne dass sich die Form verändert. Tests zeigen, dass sich damit Eigenschaften klassischer Materialien nachahmen lassen – von Kunststoffen bis hin zu Gummi. Richtig spannend wird das Konzept jedoch in drei Dimensionen. Dafür entwickelten die Forschenden modulare Bausteine, die sich wie Lego-Steine verbinden und wieder trennen lassen. Jeder Block erinnert an einen Rubik-Würfel und besteht aus 27 einzeln steuerbaren Zellen.
„Dies gibt uns die Flexibilität, 3D-Strukturen mit unterschiedlichen mechanischen Eigenschaften zu schaffen“, sagt Bai. „Und wenn man die Blöcke bei null Grad einfriert, werden alle Zellen wieder in ihren festen Zustand zurückversetzt, sodass ihre Konfiguration immer wieder neu programmiert werden kann.“
Ein Roboterfisch als Testplattform
Um die Idee greifbar zu machen, bauten die Forschenden zehn dieser Würfel zu einer schlanken Säule zusammen. Diese fungierte als programmierbarer Schwanz für einen einfachen Roboterfisch. Der Motor blieb in allen Tests identisch. Nur die Anordnung der festen und flüssigen Zellen im Schwanz änderte sich.
Das Ergebnis war eindeutig. Je nach innerer Konfiguration schwamm der Roboter auf unterschiedlichen Bahnen. Mal schlängelte er sich stärker, mal bewegte er sich geradliniger. Die Mechanik des Materials bestimmte also direkt die Funktion – ohne Eingriffe in Antrieb oder Steuerung.
Perspektiven für Medizin und Robotik
Langfristig denken die Forschenden deutlich weiter. Geplant ist, andere Metalle einzusetzen, um verschiedene Schmelz- und Gefrierpunkte zu erreichen. So ließen sich Versionen entwickeln, die bei Körpertemperatur arbeiten. Denkbar wären miniaturisierte Systeme, die sich durch Blutgefäße bewegen, deren Zustand prüfen oder sich sogar zu einem anpassungsfähigen Stent umformen. Auch für empfindliche elektronische Systeme oder enge industrielle Umgebungen wäre das Konzept interessant.
„Unser Ziel ist es, letztendlich größere Systeme aus den Verbundwerkstoffen zu konstruieren“, sagt Xiaoyue Ni. „Wir wollen flexible, programmierbare Materialien für die Robotik entwickeln, die es ihnen ermöglichen, eine Vielzahl von Aufgaben in einer Vielzahl von Umgebungen auszuführen.“
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