Gaudís verborgenes Chalet: Tragwerk-Experiment in den Pyrenäen
Neue Studie bestätigt: Das Chalet von Catllaràs stammt von Antoni Gaudí. Eine Analyse von Tragwerk, Geometrie und Baugeschichte.
Gaudís verborgenes Chalet in den Pyrenäen: Wie Forschende die Urheberschaft wissenschaftlich belegen.
Foto: Smarterpix / marcelias
Mitten im Wald bei La Pobla de Lillet, nördlich von Barcelona, steht ein langgestrecktes Gebäude mit hohem Gewölbedach. Wer es zum ersten Mal sieht, denkt eher an eine kleine Kirche als an ein Wohnhaus. Zwölf Fenster pro Längsseite gliedern die Fassade. Eine schmale Wendeltreppe schraubt sich nach oben. Das Bauwerk wirkt kompakt und funktional. Und doch steckt darin eine konstruktive Idee, die ihrer Zeit voraus war.
Nun ist offiziell bestätigt: Das Chalet von Catllaràs geht auf einen Entwurf von Antoni Gaudí zurück. Die katalanische Kulturverwaltung hat eine umfassende Studie veröffentlicht. Sie kommt zu dem Schluss, dass Gaudí der Urheber des Projekts war – auch wenn er den Bau selbst nicht leitete.
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Beweisführung ohne Originalpläne
Lange fehlten belastbare Dokumente. Baupläne aus der Zeit zwischen 1901 und 1908 sind nicht überliefert. Auch eine offizielle Signatur Gaudís existiert nicht. Die Zuschreibung beruhte über Jahrzehnte vor allem auf formalen Vergleichen mit anderen Werken.
2023 beauftragte die Direcció General del Patrimoni Cultural eine neue Untersuchung. Geleitet wurde sie von Galdric Santana, Professor an der Polytechnischen Universität Kataloniens und Direktor des Gaudí-Lehrstuhls. Sein Team analysierte das Gebäude geometrisch, strukturell und konstruktiv. Hinzu kamen 3D-Vermessungen, historische Fotografien und Vergleiche mit gesicherten Gaudí-Bauten.
Santana formuliert es so: „Das Wichtigste ist, dass diese Längsachse allein ausreicht, um die Stockwerke zu tragen.“ Genau diese konstruktive Logik sei typisch für Gaudí. Gewölbe wurden im 19. Jahrhundert häufig gezeichnet. Doch hier übernimmt das Gewölbe selbst die tragende Funktion für die oberen Geschosse. „So etwas hat sich zu dieser Zeit nur er getraut.“
Die Studie kommt zu einer eindeutigen Schlussfolgerung: Gaudí entwarf das Projekt. Die Ausführung erfolgte jedoch durch Dritte und wich teilweise vom ursprünglichen Konzept ab.
Tragwerk als Form – Form als Tragwerk
Technisch interessant ist vor allem der Querschnitt. Das Chalet besitzt ein spitz zulaufendes Gewölbedach, das bis fast zum Boden reicht. Dach und Fassade bilden eine Einheit. Der Baukörper ist rechteckig. Die Stirnseiten bleiben fensterlos. Die Fenster sitzen ausschließlich in den Längswänden und erinnern an Mansarden.
Die zentrale Frage lautet: Handelt es sich um einen parabolischen oder um einen Kettenbogen? Gaudí nutzte für seine Entwürfe häufig sogenannte Seilmodelle. Er hängte Ketten oder Schnüre mit Gewichten auf. Die entstehende Linie entspricht der idealen Drucklinie eines Bogens unter Eigenlast. Dreht man diese Linie um, erhält man eine statisch günstige Gewölbeform.
Santana betont: „Die Verwendung der Seilbahn … stellt eine Technik dar, die damals in den ersten zehn Jahren des 20. Jahrhunderts für Gaudí exklusiv und wegweisend war.“ Genau diese formale und strukturelle Ehrlichkeit lasse sich im Chalet nachweisen.
Allerdings wurde die Tragstruktur beim Bau verändert. Statt die Lasten vollständig über das Gewölbe abzuleiten, zogen die Ausführenden zusätzliche tragende Querwände ein. Längsbalken übernahmen Teile der Lastabtragung. Damit ging die radikale Klarheit des Entwurfs verloren.
Santana sieht darin einen Grund, warum Gaudí die Urheberschaft nie öffentlich beanspruchte. „Genau genommen wurde im Chalet del Catllaràs die Seilbahn letztendlich nicht zur Abstützung der Bodenplatten verwendet“, erklärt er. Die konzeptionelle Idee sei nicht konsequent umgesetzt worden.
Ein Industrieprojekt im Gebirge
Das Chalet entstand im Auftrag von Eusebi Güell, Gaudís wichtigstem Mäzen. Güell betrieb in der Region eine Kohlemine und die Zementfabrik Asland. Das Gebäude diente als Unterkunft für Ingenieurinnen und Ingenieure sowie technische Fachkräfte mit ihren Familien.
Die Bauzeit fällt in eine Phase, in der Gaudí parallel an mehreren Projekten für Güell arbeitete, darunter am Park Güell und an der Kirche der Colònia Güell. Dass er die Bauleitung in den Pyrenäen nicht persönlich übernahm, erscheint plausibel.
Später wurde das Haus weiter genutzt. Nach Stilllegung von Mine und Fabrik diente es zeitweise als Landschulheim. Viele Einheimische kennen es aus ihrer Kindheit. Heute ist es restauriert und zugänglich.
Für die Gemeinde ist die offizielle Anerkennung ein Meilenstein. „Heute ist ein sehr wichtiger Tag für La Pobla“, sagte Bürgermeister Enric Pla bei der Vorstellung der Studie. Gleichzeitig betont er, dass man den dörflichen Charakter bewahren wolle.
Architektursprache zwischen Natur und Rationalität
Im Gesamtwerk Gaudís nimmt das Chalet eine besondere Stellung ein. Es ist deutlich kleiner als bekannte Bauten wie die Sagrada Família oder der Park Güell. Dennoch zeigt es zentrale Motive seines Schaffens.
Santana spricht von einer „groß angelegten Neuinterpretation“ der gotischen Berghütten der Pyrenäen. Gaudí griff regionale Bautraditionen auf, transformierte sie jedoch strukturell. Das Gebäude nutzt Materialien aus der Umgebung und fügt sich in die Landschaft ein. Die kompakte Form reduziert den Bauaufwand und reagiert auf das raue Klima.
Hinzu kommt ein weiteres Detail: die 45°-Verteiler im Grundriss. Gaudí setzte solche Winkel auch bei der Torre Bellesguard ein. Sie ermöglichen fließende Raumübergänge und brechen starre Achsensysteme auf.
Das Chalet zeigt damit eine Synthese aus Naturbezug, konstruktiver Logik und funktionalem Denken. Santana formuliert es so: „Dieses Werk ist eine Synthese von Gaudís damaligem Verständnis von Architektur.“
Wissenschaftliche Zuschreibung als methodische Herausforderung
Die Untersuchung hat noch eine zweite Ebene. Anders als in der Malerei gibt es in der Architektur selten eindeutige „Signaturen“. Gebäude werden verändert, umgebaut oder von Mitarbeitenden ausgeführt. Eine Zuschreibung erfordert daher interdisziplinäre Methoden.
Die Studie kombiniert geometrische Analysen, Materialuntersuchungen und historische Quellenarbeit. 3D-Modelle dienten dazu, Proportionen und Krümmungen mit anderen Gaudí-Bauten zu vergleichen. Ergänzend wurden Fotografien aus der Bauzeit ausgewertet.
Kulturministerin Sònia Hernández betonte bei der Präsentation: „Der Fall … erinnert uns daran, wie unverzichtbar wissenschaftliche Beglaubigungen sind, um die Urheberschaft von Werken rigoros zu bestimmen.“
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