
Der Freitagabend ist für viele Feierabend – für die Teilnehmerinnen des Kongresses des Netzwerks Frauen im Ingenieurberuf im VDI aber erst der Auftakt: voller Energie, Tatendrang und Inspirationen. Rund 200 Ingenieurinnen füllten den Saal, bereit die Zukunft nicht nur zu diskutieren, sondern aktiv mitzugestalten.
Schon bei der Begrüßung wurde klar: Das hier ist kein gewöhnlicher Kongress. Prof. Dr. Michael Beckmann, Dekan Maschinenwesen, TU Dresden meinte: „Nur die Frauen kommen auf die Idee, einen Kongress von Freitagabend bis Sonntag zu machen. Die Männer hätten Montag bis Mittwoch gewählt.“ Humor, Ernsthaftigkeit und Power prägten nicht nur den Auftakt – sie zogen sich auch durch den gesamten Samstag und machten den Kongress zu einem besonderen Erlebnis.
In der Eröffnung wurde betont: Frauen sind im Ingenieurberuf heute präsenter als noch vor einigen Jahren – aber selbstverständlich ist das noch lange nicht. Ihr Anteil liegt bei knapp über 20 Prozent, und Technik wird nach wie vor häufig mit Männern verbunden. Ohne Frauen in Technik lässt sich keine Zukunftsstrategie für Deutschland und Europa entwickeln.

60 Jahre Frauen im Ingenieurberuf: Ein Blick zurück – und nach vorn
Am 22. Kongress „Frauen in der Ingenieurwissenschaft“ des VDI e.V. an der TU Dresden nahmen über 200 Teilnehmerinnen unter dem Motto „Creating Circularity“ teil. Ein Kongress, der nicht nur Vernetzung und Inspiration bot, sondern auch die lange Geschichte weiblicher Ingenieurinnen würdigte.
60 Jahre FrauenImIngenieurberuf – ein Grund zu feiern: 1977 zählte der VDI gerade einmal 120 weibliche Mitglieder. Heute sind es 11.000 – und die Zahl wächst weiter. Ein Meilenstein war 1982 die Gründung des Netzwerks „Frauen im Ingenieurberuf“ (FIB) durch sieben engagierte VDI-Mitglieder. Sie beendeten damit den Status einer „kleinen Sondergruppe“ und schufen weit mehr als ein Netzwerk: Frauen in Technik erhielten eine Stimme, eine Plattform und echte Sichtbarkeit.
Auch der Ort des Kongresses sprach für sich: Die TU Dresden, ein Zentrum für Innovation, Verantwortung und gesellschaftliche Relevanz, bot die Bühne für den Kongress der Ingenieurinnen. Forschung und Lehre werden hier interdisziplinär verknüpft und Vielfalt aktiv gefördert.
Keine Zukunftsstrategie für Deutschland ohne Frauen in Technik
Der VDI-Direktor Adrian Willig wies in seiner Begrüßungsrede darauf hin, wie zentral die Rolle von Ingenieurinnen für die Zukunft der Technik ist.
In Workshops des Projekts Zukunft Deutschland 2050 hatten Mitglieder des Netzwerks Frauen im Ingenieurberuf zuvor eigene Zukunftsbilder entwickelt.
Daraus entstanden drei Leitbilder: eine geschlechtergerechte Gesellschaft mit fairem Miteinander, eine Bildungs- und Arbeitskultur, die interdisziplinär, zukunftsorientiert und nah am Menschen ist, sowie Deutschland als verantwortungsvoller Innovationsstandort mit Schwerpunkten auf Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Auf Stellwänden und Themeninseln waren die Szenarien sichtbar – die Teilnehmerinnen konnten sie ergänzen, kommentieren und aktiv mitgestalten. Besonders das dritte Szenario griff das Kongressthema Creating Circularity – Ingenieurinnen für eine nachhaltige Welt auf.

Digitalisierung, Kreislaufwirtschaft und Ingenieurwissen: Diskussionen zum Hochlauf nachhaltiger Technologien
In der Podiumsdiskussion bei der Eröffnung ging es vor allem um die Herausforderungen und Chancen der Nachhaltigkeit, insbesondere im Kontext der Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft. Thematisiert wurden die vorhandenen Schlüsseltechnologien, ihre industrielle Umsetzung sowie die Notwendigkeit eines pragmatischen Hochlaufs, um Klimaziele zu erreichen. Ein zentraler Punkt war dabei die Rolle der digitalen Transformation, um Entwicklungsprozesse zu beschleunigen, Materialeffizienz zu steigern und die systemische Integration von Technologien zu ermöglichen.
Außerdem wurde die Bedeutung von Regulierung und Standards diskutiert, die einerseits Innovationen fördern, andererseits aber auch den Hochlauf neuer Technologien hemmen können, wenn sie zu starr oder bürokratisch gestaltet sind.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den Kompetenzen und der Ausbildung von Ingenieurinnen und Ingenieuren. Dabei ging es um interdisziplinäres Arbeiten, Digitalisierung, KI, Kommunikation, Entrepreneurship sowie systemisches Denken und Nachhaltigkeit als integralem Bestandteil der Ingenieursausbildung. Die Diskussion unterstrich, dass technisches Wissen allein nicht ausreicht: Die Umsetzung von Technologien erfordert Akzeptanz in Gesellschaft und Industrie, den gezielten Transfer von Forschung in die Praxis sowie die Fähigkeit, Chancen zu erkennen und Ressourcen effizient zu nutzen, um nachhaltige Lösungen erfolgreich zu implementieren.
Ein besonderes Highlight: industry4her
Ein besonderes Highlight des Kongresses war die Vorstellung des Programms industry4her durch Renate Fuchs, Vizepräsidentin des VDI in Brasilien, die extra aus São Paulo angereist war. Mit ihrer Geschichte zeigte sie eindrucksvoll, wie aus einer persönlichen Vision ein wegweisendes Programm entstehen kann.
Die Idee entstand während eines Studienaufenthalts in San Francisco, wo Renate Fuchs als eine von nur 20 Frauen unter 90 Teilnehmerinnen war. Diese Erfahrung machte ihr bewusst, wie wichtig es ist, Frauen in Führungspositionen der digitalen Transformation zu unterstützen. Direkt nach ihrer Rückkehr nach Brasilien übernahm sie die Rolle der Vizepräsidentin im VDI-Brasilien, um ein Programm zur Förderung von Diversität in der Industrie zu entwickeln.

„Ich habe über meine persönliche Geschichte gesprochen und erzählt, wie das Programm Industry4Her in Brasilien entstanden ist – ein Qualifizierungsprogramm für Frauen in Industrie 4.0, das bereits über 800 Frauen weitergebildet hat. Als Vizepräsidentin der VDI-Brasil – Associação de Engenheiros Brasil-Alemanha habe ich das Programm 2020 während der Pandemie gegründet. Heute sind wir bereits in der 13. Edition!“, hat sie später in Linkedin geschrieben. „Zurück nach Deutschland zu kommen, wo ich selbst Ingenieurwesen studiert habe, und über diese transformative Erfahrung zu sprechen, war wirklich bewegend“, sagte Renate Fuchs.
Aus zunächst fehlenden Strukturen entstand industry4her: In Zusammenarbeit mit Universitäten und Partnern wurde ein speziell auf Industrie 4.0 ausgerichtetes Programm für Frauen in der Industrie konzipiert. Die Ausschreibung erfolgte offen auf LinkedIn – binnen kurzer Zeit meldeten sich über 450 motivierte Bewerberinnen, aus denen die erste Kohorte von 24 Teilnehmerinnen ausgewählt wurde. Trotz Pandemie gelang so eine praxisnahe und intensive Ausbildung, kombiniert mit Soft-Skill-Training, Unternehmensbesuchen und direktem Austausch mit Führungskräften.
Fuchs machte in ihrem Vortrag deutlich: Die Lücke in der Qualifikation von Frauen in Industrie 4.0 zu schließen, ist nicht nur eine Frage von Bildung, sondern von Chancen, Sichtbarkeit und gezielter Förderung. industry4her zeigt, wie mit Engagement, Netzwerken und Mut zur Innovation echte Veränderung möglich ist – und liefert ein inspirierendes Beispiel, wie Frauen für die digitale Transformation gestärkt werden können.
Auch interessant:Ein Interview mit Renate Fuchs
Warum Ingenieurinnen-Kongresse so besonders sind
„Ich bin viel auf Kongressen unterwegs – und finde es großartig, dass es auch eigene Formate für Ingenieurinnen gibt. Die Atmosphäre dort ist einfach besonders: offen, entspannt und voller inspirierender Dynamik. Wir vom Kupferverband hatten zusammen mit Samira Gruber vom Fraunhofer IWS auch einen Vortrag zum Thema ‚Technologiemetall Kupfer – wie ein Werkstoff die zirkuläre Zukunft gestalten kann‘. Besonders spannend war der Praxisteil, in dem die Teilnehmerinnen die elektrische Leitfähigkeit verschiedener Legierungen messen und Rückschlüsse auf die Zusammensetzung ziehen konnten. Dazu kamen viele Fragen rund um Recyclingfähigkeit und die Verfügbarkeit von Kupfer – ein Zeichen, wie groß das Interesse an diesem Thema ist“, berichtete Dr. Bianca Schubert, Head of Communications & Corporate Affairs, Kupferverband e.V. am Rande des Ingenieurinnenkongresses. “Für die Zukunft wünsche ich mir noch mehr Kongresse, die Fachfrauen eine Bühne für Austausch und Inspiration bieten – am liebsten auch mal unter der Woche. Denn gerade für Frauen in der Technik ist es wichtig, dass solche Formate genauso selbstverständlich Teil der regulären Arbeitszeit sind wie andere Fachkongresse“.
Dr.-Wilhelmy-Preis: Promovierte Ingenieurinnen im Fokus des VDI
Anlässlich der Feier zum 60-jährigen Bestehen des Ausschusses bzw. Arbeitskreises „Frauen im Ingenieurberuf“ beim VDI wies Prof. Burghilde Wieneke-Toutaoui in ihrer Laudatio auf die Geschichte des Netzwerks hin und betonte die Fortschritte, die in den vergangenen Jahrzehnten erreicht wurden. Im Rahmen der Veranstaltung wurde der Dr.-Wilhelmy-Preis verliehen, der gemeinsam vom VDI und der Dr.-Wilhelmy-Stiftung gefördert wird. Der mit 3.000 Euro dotierte Preis zeichnet herausragende Dissertationen von Frauen im Bereich der Ingenieurwissenschaften aus und soll junge Nachwuchswissenschaftlerinnen fördern, die bedeutende Beiträge für die Wissenschaft und den Technikstandort Deutschland leisten. Der Preis wird alle zwei Jahre vergeben.

Die ausgezeichneten Dissertationen der Preisträgerinnen überzeugten in den Bereichen Bauingenieurwesen, Elektrotechnik und Maschinenwesen.
Dr.-Ing. Helen Bartsch von der RWTH Aachen erhielt den Dr.-Wilhelmy-VDI-Preis für ihre Arbeit über den Einfluss von Schweißnahtimperfektionen auf die Ermüdungsfestigkeit von Stahlbauteilen, die zur Sicherheit und Langlebigkeit von Bauwerken beitrug.
Dr.-Ing. Lena Viviane Bühre von der Leibniz Universität Hannover wurde für ihre Forschung zu Referenzelektroden in der Charakterisierung der Proton-Exchange-Membran-Wasserelektrolyse geehrt, einer wichtigen Technologie für die Wasserstoffwirtschaft.
Dr.-Ing. Sara Marchini von der TU Dresden erhielt den Preis für die Entwicklung einer Methode zur Messung axialer Gasdispersion in Blasensäulen, die neue Ansätze für energieeffiziente Prozesse in der Chemie- und Verfahrenstechnik eröffnete.
Deutsch-Japanische Begegnung über Grenzen hinweg
Im Vorfeld des Kongresses brachte Professor Wieneke-Toutaoui etwas ganz Besonderes auf den Weg: Nach sechs Monaten intensiver Vorbereitung und zahlreichen Online-Meetings war es endlich so weit – 20 junge japanische und deutsche Ingenieurstudentinnen trafen sich persönlich. Sie konnten sich nicht nur im Rahmen des Kongresses, sondern bereits eine Woche zuvor intensiv austauschen.
So wurde der Austausch der Ingenieurinnen, wie eingangs hervorgehoben, von Jung und Alt, von Ost und West, von Nord und Süd getragen. Denn Vielfalt ist nicht nur ein Schlagwort – sie ist die Basis für neue Ideen, gegenseitiges Verständnis und die Innovationen von morgen.
Denn: Sie nehmen sich die Zeit auch am Freitagabend und über das Wochenende. Sie diskutieren. Sie vernetzen sich. Sie inspirieren. Sie sind die Stimmen, die die Zukunft der Ingenieurwissenschaft formen – starke Frauen, die den Unterschied machen.
VDI-WoMentorING – VDI Mentoring-Programm von und für Ingenieurinnen




























