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Novelis baut Sortieranlage für Aluminiumschrott aus

28. Januar 2025

Novelis baut Sortieranlage für Aluminiumschrott aus
Aluminium aus den Recyclingfabriken muss exakt die gleichen ­Legierungsanteile haben wie Primärmetall. Foto: 2015 Marco Prosch/Novelis
Novelis hat eine Sortieranlage für Aluminiumschrott in Betrieb genommen. Die ­Legierungsanteile sollen exakt so sein wie beim Primärmetall.
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Inhaltsverzeichnis

Es gibt Orte in Deutschland, in denen sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, einige heißen sogar in diesem Sinne. Nachterstedt etwa, Ortsteil der kleinen Gemeinde Seeland am Nordostrand des Harzes. Hier, wo vor 15 Jahren eine spektakuläre und tödliche Hangrutschung am Concordiasee für kurzlebige Schlagzeilen sorgte, steht mitten im Nichts eine Fabrik, die ein großes Zukunftsversprechen ist.

Hinter den grauen Metallfassaden arbeitet seit einem Jahrzehnt eines der weltweit größten Recyclingwerke für Aluminiumschrott. Schon ein Blick auf den Anlieferbereich lässt vermuten, dass hier kein Anzeichen von Krise herrscht: Ständig rollen 40-Tonner von der nahen Autobahn heran. Auf den weiträumigen Parkplatzflächen lassen sich Nummernschilder von allen Nachbarländern, aber auch aus dem Baltikum und Südosteuropa finden.

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Neue Sortieranlage für Aluminiumschrott bei Novelis

Kurz vor dem Jahreswechsel sind auch dicke Limousinen angerollt. Der Metallrecyclingkonzern Novelis, mit 16,2 Mrd. $ Umsatz eigenen Angaben zufolge Branchenprimus in der Aluminium-Kreislaufwirtschaft, feiert das zehnjährige Bestehen des Werkes und will eine neue Sortieranlage für die Schrotte zeigen. Das Management ist aus Zürich angereist, ebenso ein Wirtschaftsminister aus Magdeburg, Kamerateams und die Fachpresse. Helme, Schutzbrillen und Warnwesten liegen bereit, dicke Sicherheitsschuhe aller Größen werden gereicht.

Den Ehrengästen, die zur anstehenden Inbetriebnahme der Anlage heute aus der Landeshauptstadt Magdeburg, dem Umland, aber auch aus der Konzernzentrale in Zürich angereist sind, will man bei einem Rundgang durch die 30 m hohe Halle zeigen, wie aus lackiertem und verunreinigtem Schrott wieder silbrig glänzende Aluminiumbarren werden. Die werden, je nach Legierung, letztlich wieder für Autobleche, Gussteile, Verpackungen oder als Fassadenteile ein weiteres Leben bekommen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Aluminium, aus Bauxit gewonnen, erfordert extrem hohe Energieaufwendungen, was die Kosten treibt und auch das Klima anheizt. Besser wäre es also zu recyceln.

Jede in Deutschland verwendete Dose kann recycelt werden

Christian Grossmann, 39 Jahre jung, ist heute besonders guter Stimmung. Der Werkleiter hat ein paar übermannshohe Würfel aus zigtausend zusammengepressten Getränkedosen auf den Vorplatz des Verwaltungsgebäudes stellen lassen. Jeder der Klötze bringt knapp 500 kg Gewicht auf die Waage und gilt als kleiner Schatz. „Wir haben im Werk die Kapazität, jede in Deutschland verwendete Dose zu recyceln, aber wir bekommen auch Ware aus mehr als einem Dutzend Ländern, bis hinauf nach Litauen“, sagt Grossmann. Und die Dosen, ob nun aus dem deutschen Pfandsystem oder aus internationalen Sammelstellen, sind nur ein Teil der Ware, die hier eingeschmolzen und neu legiert wird. Neue und alte Fahrzeugteile, Fassadenelemente, Verpackungen, alles kommt hier an, bis zu 400.000 t können sortiert, aufbereitet und eingeschmolzen werden.

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Gerade weil das Erz Bauxit nur unter extrem hohem Energieeinsatz neues Aluminium liefert, wird das überall benötigte Leichtmetall nach seinem Produktlebenszyklus recht sorgsam gesammelt und zurück in den Kreislauf gebracht. Das sorgt, zusammen mit der hohen Korrosionsbeständigkeit, für ein langes Leben: Rund 80 % aller jemals aus Bauxit hergestellten Aluminiumbauteile sind heute noch im Gebrauch, wenngleich oft in neuer Form. Einer der wichtigsten Gründe: Für recyceltes Aluminium werden trotz der aufwendigen Logistik nur rund 5 % der Energie benötigt, die für die Herstellung von Neualuminium erforderlich ist.

Aluschrott ist nur selten sortenrein

Nach Nachterstedt rollt seit zehn Jahren aus ganz Zentraleuropa ein großer Teil von diesem Altmetall, was schon genutzt wurde und nun als „End-of-Life-Produkt“ wieder in neu in Form gebracht werden muss – für ein „Next Life“. „Wir haben seit 2011 global den Anteil recycelter Aluminiumlegierungen von 33 % auf 63 % gesteigert und wollen bis 2030 bereits auf 75 % kommen“, sagt Emilio Braghi, Präsident von Novelis Europa. Nachterstedt werde dieses Nachhaltigkeitsziel entscheidend näherbringen, weil künftig hier weniger Primäraluminium dem Schmelzprozess zugeführt werden muss.

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Das zu lösende Problem: Der Schrott ist selten so sortenrein wie die heute zur Feierstunde aufgestellten Pressklötze aus alten Dosen. Und selbst dort finden sich Lacke von den Beschriftungen, Fremdkörper, Feuchtigkeitsreste … „Das Recyceln muss man sich wie einen großen Schmelztiegel vorstellen, in den man aber nicht alles durcheinander kippen und rühren kann“, sagt Grossmann. Denn die Aluminiumbarren, die anschließend in die Walzwerke transportiert werden, müssen die Anforderungen der Kunden exakt erfüllen.

Dosenschrott, Autokarosseriebleche, Gießereischrott und Verpackungen werden verarbeitet

„Eine Getränkedose wird aus dem Rohling mit einer Wandstärke gezogen, die dünner ist als ein menschliches Haar“, erklärt der Ingenieur. „Das funktioniert nur mit einer speziellen Legierung. Und ein Karosseriebauteil für einen Pkw muss definierte Kräfte aufnehmen können und muss beim Schweißen die zertifizierten Parameter erfüllen.“ Grossmann weist auf die schon auf den ersten Blick erkennbaren Unterschiede im Rohwarenlager hin.

Neben dem Dosenschrott finden sich hier Berge von Resten aus Autokarosserieblechen, Gießereischrott und von Verpackungen. Achtzehn verschiedene Sorten werden hier vorgehalten und, wenn weiter hinten an der Schmelze Bedarf an einer bestimmten Fraktion angemeldet wird, von großen Greifern in die Verarbeitungskette gebracht. „Umso besser wir die Vorauswahl der Schrotte treffen können, je genauer die Sortierung erfolgt, desto weniger Primäraluminium und Legierungsmetalle müssen wir dann bei der Schmelze zusetzen. Und desto profitabler arbeiten wir“, sagt der Werkleiter.

Eine Nivea-Dose besteht zu 80 % aus recyceltem Material

Für die Einhaltung der Werte sorgen ständig entnommene Stichproben, die im Labor spektrometrisch analysiert werden. Beim Endprodukt – das sind mehrere Meter lange, tonnenschwere Metallklötze – müssen die geforderten Qualitäten von Novelis garantiert sein. Die klassische Nivea-Dose, ein im Vergleich zu Bauteilen etwa für Airbus allerdings vergleichsweise einfacher Artikel, besteht heute schon zu 80 % aus recyceltem Material.

Die Alu-Barren, die als Halbzeug für Autokarosserien per Bahn in ein Warmwalzwerk abtransportiert werden, bestehen sogar bereits zu 86 % aus Schrott – weil hier auch viele sortenreine Abfälle aus der Pkw-Produktion eingesetzt werden können. Und ein paar Prozent mehr, da ist Grossmann mit Blick auf die fast fertiggestellte neue Sortieranlage optimistisch, die sind immer zu schaffen. Dort, wo wie bei den deutschen Getränkedosen ein praktisch sortenreiner Kreislauf besteht, werden auch fast 100 % erreicht.

Air Knife, Vibrationssieb und Wirbelstromanlage zur Abtrennung loser Bestandteile

Der eigentliche Sortierprozess erfolgt bislang in einem fast bis zum Hallendach reichenden Gerät. Ballenbrecher und Hammermühlen lassen die Schrottfraktionen erbeben und zerfetzen sie binnen weniger Augenblicke in winzige Partikel. Das geschredderte Metall lässt sich so und mit einem starken Luftstrom von fremden Fraktionen, zum Beispiel von Kunststoffpartikeln und anderen Metallen, trennen. „Das werden wir jetzt noch deutlich verbessern können. Im Probebetrieb lief die neue Anlage schon beeindruckend“, freut sich Grossmann.

Die neue Sortiermaschine ist auch nicht kleiner, hat dafür noch ein zweites „Air Knife“, ein Vibrationssieb für Korngrößen sowie eine Wirbelstromsortierung zur Abtrennung loser organischer Bestandteile. Durch die zusätzlichen Sortierschritte kann ein breiteres Schrottmix aus dem Consumerbereich verarbeitet werden. Das verbessert die Effizienz des Decoating-Prozesses, bei dem in einem großen Drehrohrofen Lacke und organische Reststoffe verbrannt werden. Der Werkleiter hofft, dass nach der Inbetriebnahme des Sortierers zum Jahreswechsel dann jährlich rund 8500 t Primäraluminium eingespart und über 80.000 t CO2-Emissionen vermieden werden können.

Die auf der Oberfläche schwimmende Krätze abschöpfen

Hier in der Halle wird es selbst im Winter ziemlich warm, doch nur ein paar Schritte weiter strahlt das rot glühende Metall noch deutlich mehr Hitze ab. Ein Staplerfahrer zieht mit einem mindestens 10 m langen Rechen die auf der flüssigen Oberfläche schwimmende „Krätze“ ab und füllt das Gemisch aus Schlacke und Oxyd in bereitstehende Stahlwannen. Funken sprühen, die staubige Luft ist energiegeladen.

Unter der matten Schlackeschicht strahlt bei rund 700 °C das Sekundäraluminium im Gießofen. In Kürze erfolgt der Abstich, dann strömen 120 t des Metalls in die Formen. Schon bald darauf werden sich automatische Sägen daran machen, die Gussenden zu entfernen und die Barren auf Transportgröße zu bringen. Bis zu 30 t wiegt ein einzelner Barren, was aber für die Hallenkräne kein Problem ist. Die Bahnwaggons stehen unmittelbar daneben, gleich in der Werk­halle.

Hohe Strom- und Energiekosten werden für die Recyclingtechnologie zum Problem

Novelis hatte schon vor zehn Jahren, als in Nachterstedt die 300-Mio.-€-Investition in Betrieb genommen wurde, das Ziel einer Recyclingquote von 80 % genannt. Das wurde zwar bislang nicht ganz erreicht, steht nun aber wieder auf der Agenda. Neben der neuen Sortieranlage sollen auch neue Lieferverträge mit Spezialisten wie TSR Recycling dazu beitragen. Die Remondis-Tochter will bis zu 75.000 t Aluschrott vorsortieren und nach Nachterstedt liefern. Doch es gibt nicht nur Zuversicht, sondern auch Sorgen, etwa weil ein solches Werk auch von einer wirtschaftlichen Flaute solcher Branchen wie des Maschinen- und Fahrzeugbaus mit betroffen werden wird. „Wir spüren den Abwärtstrend, nicht nur hier, sondern auch in den Walzwerken, und wir können das nicht alles mit unserer Flexibilität abfangen“, bestätigt Folker Ohle, Vizepräsident Novelis Europa. Dazu kommen die hohen Strom- und Energiekosten in Deutschland, die auch für die Recyclingtechnologie immer mehr zum Problem werden. „Wir sehen, dass Solar und Wind zeitweilig sehr günstig Strom liefern können, aber wir benötigen eine zuverlässige und kostengünstige Versorgung zu allen Wetter- und Jahreszeiten“, sagt Novelis-Chef Emilio Braghi. Das klingt dann schon gar nicht mehr nach fröhlicher Feier­stunde.



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