Faktencheck 20.01.2026, 14:30 Uhr

Berufsunfähigkeitsversicherung für Ingenieure: Wann sie wirklich unverzichtbar ist

Berufsunfähigkeitsversicherung für Ingenieurinnen und Ingenieure: Risiken, rechtliche Definition, Vertragsdetails und warum staatliche Absicherung oft nicht reicht.

Eine Absicherung durch eine private Berufsunfähigkeitsversicherung ist sinnvoll. Foto:  panthermedia.net/ridofranz

Eine Absicherung durch eine private Berufsunfähigkeitsversicherung ist sinnvoll.

Foto: panthermedia.net/ridofranz

Das Wichtigste in Kürze
  • Berufsunfähig ist, wer seinen zuletzt ausgeübten Beruf infolge von Krankheit oder Unfall voraussichtlich mindestens sechs Monate lang zu mehr als 50 % nicht mehr ausüben kann (§ 172 VVG).
  • Psychische Erkrankungen sind heute die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit – nicht Arbeitsunfälle.
  • Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente greift nur, wenn weniger als drei Stunden Arbeitsfähigkeit pro Tag bestehen.
  • Leistungen aus Versorgungswerken ersetzen eine private Berufsunfähigkeitsversicherung in der Regel nicht vollständig.
  • Entscheidend für den Versicherungsschutz sind Vertragsdetails wie der Verzicht auf abstrakte Verweisung, Nachversicherungsgarantien und eine Dynamik.
  • Leistungen aus der Berufsunfähigkeitsversicherung sind steuerpflichtig, werden aber meist deutlich günstiger besteuert als reguläres Arbeitseinkommen.

Ingenieurinnen und Ingenieure gelten als gut ausgebildet, vergleichsweise sicher beschäftigt und körperlich weniger gefährdet als viele andere Berufsgruppen. Genau daraus entsteht ein Trugschluss: das unterschätzte Risiko der Berufsunfähigkeit.

Nicht der Unfall auf der Baustelle ist heute das Hauptproblem, sondern schleichende Erkrankungen, die hochqualifizierte Tätigkeiten unmöglich machen – oft dauerhaft. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung sollte daher immer im Auge behalten werden. Erfahren Sie, wann solch eine Versicherung unverzichtbar ist und wann sie weniger sinnvoll ist.

Was Berufsunfähigkeit rechtlich bedeutet – und was nicht

In der privaten Berufsunfähigkeitsversicherung gilt eine Person als berufsunfähig, wenn sie ihren zuletzt konkret ausgeübten Beruf infolge von Krankheit, Körperverletzung oder Kräfteverfall voraussichtlich mindestens sechs Monate lang zu mindestens 50 Prozent nicht mehr ausüben kann (§ 172 Versicherungsvertragsgesetz).

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Entscheidend ist dabei nicht, ob theoretisch noch irgendeine Tätigkeit möglich wäre. Maßgeblich ist allein, ob die konkrete berufliche Tätigkeit in ihrer letzten Ausprägung weiter ausgeübt werden kann. Für Ingenieurinnen und Ingenieure mit komplexen Aufgabenprofilen – Planung, Projektsteuerung, Verantwortung für Sicherheit oder Budgets – ist diese Abgrenzung zentral.

Wie hoch das Risiko tatsächlich ist

Statistisch wird etwa jede vierte erwerbstätige Person im Laufe ihres Berufslebens mindestens einmal berufsunfähig. Akademiker und Ingenieure liegen zwar unter dem Durchschnitt, bewegen sich aber weiterhin im zweistelligen Prozentbereich.

Die häufigsten Ursachen haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verschoben. Heute dominieren psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Burn-out. Es folgen Erkrankungen des Bewegungsapparats, etwa chronische Rücken- oder Gelenkprobleme, sowie Krebserkrankungen. Klassische Arbeitsunfälle spielen dagegen eine vergleichsweise geringe Rolle.

Staatliche Absicherung: eine harte Grenze

Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente greift nur, wenn eine Person weniger als drei Stunden täglich irgendeiner Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nachgehen kann. Für hochqualifizierte Ingenieurinnen und Ingenieure ist diese Hürde hoch.

Wer beispielsweise keine Projektverantwortung mehr tragen kann, unter Konzentrationsstörungen leidet oder dauerhaft unter Stressbelastung zusammenbricht, gilt sozialrechtlich häufig weiterhin als „arbeitsfähig“. Ein Anspruch auf staatliche Leistungen besteht dann nicht – trotz massiver Einkommensverluste.

Versorgungswerke: wichtig, aber kein Ersatz

Viele Ingenieurinnen und sind Mitglied in berufsständischen Versorgungswerken. Diese bieten zwar Leistungen bei Berufsunfähigkeit, sind jedoch nicht mit einer privaten BU-Versicherung gleichzusetzen.

Häufig leisten Versorgungswerke nur bei vollständiger Berufsunfähigkeit oder unter sehr engen Voraussetzungen. Teilweise Einschränkungen, wie sie bei psychischen oder chronischen Erkrankungen typisch sind, bleiben oft unberücksichtigt. Die Absicherungslücke kann erheblich sein.

Vertragstechnik: Worauf es wirklich ankommt

Für Ingenieurinnen und Ingenieure ist weniger die Frage entscheidend, ob eine BU abgeschlossen wird, sondern wie sie gestaltet ist. Drei Punkte sind technisch besonders relevant:

  • Verzicht auf abstrakte Verweisung
    Der Versicherer darf nicht darauf verweisen, dass theoretisch eine andere Tätigkeit möglich wäre.
  • Nachversicherungsgarantie
    Die BU-Rente lässt sich bei Gehaltssteigerungen oder Karriereschritten ohne erneute Gesundheitsprüfung anpassen.
  • Dynamik
    Eine automatische Anpassung schützt die Leistung vor Inflation und Einkommensverlust über lange Laufzeiten.

Steuerliche Behandlung: kein Freibrief, aber kalkulierbar

Leistungen aus einer privaten Berufsunfähigkeitsversicherung sind nicht steuerfrei. Sie werden über den sogenannten Ertragsanteil besteuert, dessen Höhe sich nach Beginn und Laufzeit der Rentenzahlung richtet.

In der Praxis liegt die steuerliche Belastung jedoch deutlich unter der regulären Besteuerung von Arbeitseinkommen. Die oft geäußerte Sorge vor hohen Steuerabzügen ist in den meisten Fällen unbegründet.

Alternativen zur BU: begrenzt geeignet

Erwerbsunfähigkeits-, Grundfähigkeits- oder Dread-Disease-Versicherungen können im Einzelfall sinnvoll sein. Sie ersetzen jedoch keine vollwertige Berufsunfähigkeitsversicherung.

Diese Produkte leisten meist nur bei klar definierten Endzuständen – etwa dem vollständigen Verlust bestimmter Fähigkeiten oder bei konkreten Diagnosen. Die schleichende Einschränkung komplexer beruflicher Tätigkeiten, wie sie bei Ingenieurinnen und Ingenieuren häufig vorkommt, bleibt oft unversichert.

Kosten: realistisch einordnen

Die Beitragshöhe hängt stark von Eintrittsalter, Gesundheitszustand, Tätigkeitsprofil und gewünschter BU-Rente ab. Für Ingenieurinnen und Ingenieure liegen marktübliche Beiträge bei frühzeitigem Abschluss typischerweise im einstelligen Prozentbereich des Nettoeinkommens.

Mit zunehmendem Alter, Vorerkrankungen oder längeren Laufzeiten steigen die Kosten deutlich. Entscheidend ist weniger der absolute Beitrag als das Verhältnis zwischen abgesicherter Leistung und realem Einkommensrisiko.

Häufige Fragen zur Berufsunfähigkeitsversicherung

Was sind die Nachteile einer Berufsunfähigkeitsversicherung?

Die wichtigsten Nachteile sind strukturell bedingt:

  • Kosten: Eine hochwertige BU ist kein Billigprodukt. Beiträge steigen mit Alter, Laufzeit und Gesundheitsrisiken.
  • Gesundheitsprüfung: Vorerkrankungen können zu Zuschlägen, Ausschlüssen oder Ablehnung führen.
  • Komplexe Leistungsprüfung: Im Leistungsfall prüfen Versicherer detailliert, ob die 50-%-Grenze tatsächlich erreicht ist.
  • Kein Kapitalaufbau: Klassische BU-Versicherungen zahlen nur im Leistungsfall, nicht als Sparprodukt.

Für Ingenieurinnen und Ingenieure relevant: Die Nachteile liegen weniger im Produkt selbst als in schlechter Vertragsgestaltung (z. B. abstrakte Verweisung, fehlende Nachversicherung).

Ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung mit 50 Jahren noch sinnvoll?

Ja, aber nur eingeschränkt und individuell.

Mit 50 Jahren sind drei Punkte entscheidend:

  • Restlaufzeit bis zur Rente (oft nur noch 15–17 Jahre)
  • Gesundheitszustand (höheres Ablehnungsrisiko)
  • Vermögens- und Rentensituation

Für Ingenieurinnen und Ingenieure mit hoher Verantwortung, laufenden Projekten oder noch mehreren Berufsjahren kann eine BU sinnvoll sein – häufig jedoch mit reduzierter Rentenhöhe oder als Ergänzung zu bestehenden Rücklagen.

Was ist besser als eine Berufsunfähigkeitsversicherung?

Nichts Gleichwertiges.

Alternativen wie:

  • Erwerbsunfähigkeitsversicherung,
  • Grundfähigkeitsversicherung,
  • Dread-Disease-Versicherung

decken nicht den Verlust der konkreten beruflichen Leistungsfähigkeit ab.
Sie können eine BU ergänzen, aber nicht ersetzen – insbesondere nicht bei komplexen Ingenieurstätigkeiten.

Wann ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung nicht sinnvoll?

Eine BU ist meist nicht sinnvoll, wenn:

  • das Erwerbsleben nahezu abgeschlossen ist,
  • ausreichend Vermögen vorhanden ist, um Einkommensausfälle zu tragen,
  • Beiträge nur mit erheblichen finanziellen Einschränkungen möglich wären,
  • bereits schwere Vorerkrankungen zu massiven Ausschlüssen führen.

Kurz: Wenn das Einkommensrisiko faktisch nicht mehr existiert, verliert die BU ihren Zweck.

In welchem Alter sollte man die Berufsunfähigkeitsversicherung kündigen?

Nicht pauschal nach Alter, sondern nach Risikolage.

Typische Zeitpunkte:

  • kurz vor Renteneintritt,
  • wenn ausreichend Vermögen aufgebaut ist,
  • wenn eine BU-Rente kaum noch zur finanziellen Stabilität beiträgt.

Achtung: Eine Kündigung ist irreversibel. Ein späterer Neuabschluss ist meist teurer oder unmöglich.

Kann man sich eine Berufsunfähigkeitsversicherung auszahlen lassen?

Nein.
Die klassische BU ist keine Kapitalanlage. Sie zahlt nur:

  • bei anerkannter Berufsunfähigkeit,
  • als monatliche Rente.

Eine „Auszahlung“ im Sinne einer Einmalzahlung gibt es nicht – außer bei speziellen Zusatzbausteinen, die selten sinnvoll sind.

Wann bekommt man Geld von der Berufsunfähigkeitsversicherung?

Eine BU zahlt, wenn:

  • mindestens 50 % Berufsunfähigkeit vorliegt,
  • diese voraussichtlich mindestens sechs Monate anhält,
  • die vertraglichen Bedingungen erfüllt sind.

Die Zahlung erfolgt monatlich, rückwirkend ab Beginn der anerkannten Berufsunfähigkeit.

Wie hoch ist die monatliche Rente aus der Berufsunfähigkeitsversicherung?

Üblich sind:

  • 60–80 % des letzten Nettoeinkommens.

Für Ingenieurinnen Ingenieure mit hohem Einkommen ist es oft sinnvoll, die BU-Rente bewusst zu deckeln, um Beiträge kontrollierbar zu halten und sie mit Rücklagen zu kombinieren.

Was kostet eine gute Berufsunfähigkeitsversicherung im Monat?

Grobe Orientierung:

  • Einstieg mit Mitte 20: oft 50–100 €
  • Einstieg mit 40: häufig 120–200 €
  • Einstieg mit 50: teils 250 € und mehr

Abhängig von:

  • Alter,
  • Gesundheitszustand,
  • Berufsbild,
  • Rentenhöhe und Laufzeit.

Wie hoch ist der Rückkaufswert einer Berufsunfähigkeitsversicherung?

Null.
Die klassische BU hat keinen Rückkaufswert.
Beiträge sind Risikobeiträge, kein Sparanteil.

Welche Berufsunfähigkeitsversicherung ist die beste?

Es gibt keine objektiv beste BU.

Entscheidend sind:

  • passender Berufsschutz,
  • klare Definition der Berufsunfähigkeit,
  • Verzicht auf abstrakte Verweisung,
  • saubere Nachversicherungsgarantie.

Bei welchen Krankheiten bekommt man keine Berufsunfähigkeitsversicherung?

Keine pauschalen Ausschlüsse – aber problematisch sind u. a.:

  • schwere psychische Vorerkrankungen,
  • chronische Rücken- oder Gelenkerkrankungen,
  • bestimmte Autoimmun- oder Krebserkrankungen.

Je nach Diagnose kann es zu:

  • Zuschlägen,
  • Leistungsausschlüssen,
  • oder Ablehnung kommen.

Welche Krankheiten führen zu Ausschlüssen in der BU?

Häufige Ausschlüsse betreffen:

  • bestehende psychische Diagnosen,
  • bekannte Wirbelsäulen- oder Gelenkprobleme,
  • bereits behandelte schwere Erkrankungen.

 

Ein Beitrag von:

  • Alexandra Ilina

    Alexandra Ilina ist Diplom-Journalistin (TU-Dortmund) und Diplom-Übersetzerin (SHU Smolensk) mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus, in der Kommunikation und im digitalen Content-Management. Sie schreibt über Karriere und Technik.

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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