Branchenbezogenes Spezialstudium

Ist die Spezialisierung für Ingenieure unklug?

Ingenieure, die sich für ein branchenbezogenes Spezialstudium entscheiden, sollten darauf achten, diese Spezialisierung durch anderweitig gefragte Studienschwerpunkte zu ergänzen und auch Praktika außerhalb seines Spezialbereichs zu absolvieren. Das erhöht die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wenn die spezielle Branche einmal durchhängt.

Die Spezialisierung sollte durch Praktika ergänzt werden.

Die Spezialisierung sollte durch Praktika ergänzt werden.

Foto: panthermedia.net/Goodluz

Ein branchenbezogenes Spezialstudium wie Biotechnologie, Luft- und Raumfahrttechnik, Fahrzeugtechnik, Bauwesen u.a. trägt immer Chancen und Risiken gleichermaßen in sich. Boomt die Branche, werden Ingenieure mit der passenden Spezialisierung oder Studienrichtung bevorzugt eingestellt. Hängt der Wirtschaftszweig, tun sich naturgemäß die Kandidaten am Arbeitsmarkt schwer, die sich jetzt branchenfremd bewerben müssen.

Anders ergeht es Peter P. Er studiert Bauingenieurwesen und steht kurz vor dem Abschluss seines Studiums. Dass es Bauingenieure schwer haben, ist ihm nicht erst seit heute bekannt. Bereits beim Antritt des Studiums ging es der Branche seit geraumer Zeit schlecht. Die damalige Hypothese von Peter P.: „Wenn ich fertig bin, hat sich die Baubranche bestimmt erholt und dann komme ich mit meiner Spezialisierung gerade recht.“

Die Spezialisierung durch Praktika ergänzen

Als sich nach der Hälfte der Studienzeit keinerlei Gesundungsanzeichen für die Branche abzeichneten, kam er ins Grübeln. So ganz traute er seiner früheren Einschätzung nicht mehr, andererseits wollte er sich aber auch nicht ganz kampflos seinem Schicksal ergeben und einfach nur resignierend der Arbeitslosigkeit entgegensteuern oder das Studienfach mit großem Zeitverlust wechseln. Was er wechselte, war lediglich seine Philosophie: Das Wissen eines Bauingenieurs kann auch anderweitig gut gebraucht werden, wenn ich entsprechende Studienschwerpunkte wähle.

So entschied er sich während des zweiten Studiumsabschnitts für alle möglichen mathematisch-orientierten Fächer wie Bauinformatik, Statik usw. Auch seine zusätzlichen Praktika absolvierte er bewusst in anderen Branchen, um die Spezialisierung zu erweitern. Die Diplomarbeit schrieb er letztlich in Zusammenarbeit mit einem sehr renommierten Automobilhersteller. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Peter P. zum Vorstellungsgespräch gerade von diesem Konzern eingeladen wurde. Es geht um die Besetzung der Stelle eines Berechnungsingenieurs. Der Kandidat ist der festen Überzeugung, dass er den Job bekommt.

Ein allgemeines Studienfach gegen die Falle der Spezialisierung

Wer sein Studium als Ingenieur grundsätzlich breit anlegt oder anderweitig gefragte Studienschwerpunkte setzt, kann rein theoretisch in vielen Branchen gebraucht werden, auch wenn das Diplom in der „verkehrten“ Spezialisierung vorliegt. Bei einer Reihe von Ingenieurpositionen reicht nüchtern betrachtet ein gutes, allgemein angelegtes Ingenieurwissen aus, um in der Berufspraxis zu bestehen. Dafür gibt es tausendfach Beweise, wenn man Karrieren von Ingenieuren genauer unter die Lupe nimmt. Im Bewerbungsprozess stellt sich dann höchstens die Frage, wie Studienschwerpunkte, Praktika usw. möglichst zugkräftig präsentiert werden, um das „falsche“ Studienfach etwas mehr in den Schatten zu stellen.

Rein strategisch gesehen sollte sich von seinen Studienschwerpunkten und Praktika möglichst breit aufstellen, wer eine starke Spezialisierung wählt. Läuft dann gerade die Branche nicht, fällt der Wechsel in andere Bereiche leichter. Zum gleichen Effekt führt ein Parallelstudium in einem allgemein ausgerichteten und gefragten Studienfach oder ein zielgerichtetes Aufbaustudium. Andererseits kann auch bei großen Zweifeln an der Zukunft der Branche ein Studienfachwechsel zum richtigen Zeitpunkt, etwa nach der Zwischenprüfung, nicht schaden.

Um erst gar nicht in die Falle der nicht gefragten Spezialisierung zu tappen, empfiehlt sich daher, gleich von Anfang an ein eher allgemeines Studienfach zu wählen. Wer Pilot werden und vorher studieren möchte, muss ja nicht unbedingt Luft- und Raumfahrttechnik als Studienfach wählen. Ein Studium des allgemeinen Maschinenbaus oder der Elektrotechnik ist sicherlich genauso sinnvoll und lässt viele andere Möglichkeiten offen.

 

Von Bernd Andersch, Karrierecoach

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