Podiumsdiskussion in Stuttgart 25.09.2026, 11:30 Uhr

Re-skilling für Ingenieure: Der Branchenwechsel beginnt selten bei null

Neue Branche, neues Fachgebiet, aber die Erfahrung bleibt: Rolls-Royce hat 100 Maschinenbauer zu Elektrotechnikern qualifiziert, ein Automotive-Manager übernahm einen Mittelständler. Beim VDI Recruiting Tag in Stuttgart zeigten Praktiker, wie der Wechsel gelingt.

Podiumsdiskussion

Re-Skilling für Ingenieurinnen und Ingenieure: Auf dem Podium ging es darum, wie Beschäftigte den technologischen Wandel aktiv gestalten können.

Foto: Bernd Eidenmüller/VDI Media

Was passiert mit der Erfahrung eines Ingenieurs, wenn sich seine Branche grundlegend verändert? Ein Branchenwechsel kann neue Perspektiven eröffnen – verlangt aber häufig auch neue Kompetenzen, Lernbereitschaft und die Bereitschaft, vertraute berufliche Wege zu verlassen.

Wie Re-skilling dabei helfen kann, wurde am 23. September bei einer VDI-Podiumsdiskussion beim Recruiting Tag in Stuttgart im Rahmen der Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ diskutiert.

Wer re-skillt, mus nicht bei null anfangen

Unter dem Titel „Re-skilling für Ingenieurinnen und Ingenieure – warum eine bisher wenig adressierte Zielgruppe in den Fokus rücken muss“ diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Industrie, Wissenschaft und Arbeitsmarkt über Zukunftskompetenzen, Skill-Gaps und die Rolle von Weiterbildung.

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Dabei ging es nicht allein um die Frage, welche neuen Kenntnisse Ingenieurinnen und Ingenieure erwerben müssen. Ein Branchen- oder Betriebswechsel kann weitere Veränderungen mit sich bringen: beim Arbeitsort, beim Einkommen und bei den Karriereperspektiven. Auch die berufliche Identität kann sich verändern.

Gerade erfahrene Ingenieurinnen und Ingenieure bringen jedoch einen großen Erfahrungsschatz mit. Re-skilling bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, beruflich bei null anzufangen. Vielmehr geht es darum, vorhandene Kompetenzen mit neuen Anforderungen zu verbinden.

Hier geht es zur VDI-Studie „Qualifizierung und Re-skilling entscheiden über Deutschlands Innovationsfähigkeit“

„Probleme über das eigene Fachgebiet hinaus verstehen“

Frank Dieball, Leiter Qualifikation beim VDI, betonte in seinem Impuls die hohe Dynamik aktueller Entwicklungen.

„Es wird zunehmend wichtiger, Probleme zu erkennen und zu verstehen, die über das eigene Fachgebiet hinausgehen“, sagte Dieball. Fachwissen bleibe dabei die Grundlage. Ergänzend brauche es ein systemisches Verständnis technischer und betrieblicher Zusammenhänge.

Branchenwechsel bedeutet mehr als neue Fachkenntnisse

In seiner Einordnung der Diskussion verwies Dieball auf einen Aspekt, der beim Thema Re-skilling häufig weniger sichtbar ist: Ein Branchenwechsel verändert nicht nur das Kompetenzprofil.

Ein neuer Arbeitsplatz kann beispielsweise an einem anderen Ort liegen. Damit stellt sich die Frage, ob ein Umzug möglich oder gewollt ist. Auch Gehalt und Karriereperspektiven können sich verändern.

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Hinzu kommt die berufliche Identität. Viele Ingenieurinnen und Ingenieure haben sich bewusst für eine bestimmte Branche und ein bestimmtes technologisches Umfeld entschieden. Ein Wechsel aus der Automobilindustrie in ein anderes Tätigkeitsfeld kann deshalb auch bedeuten, das eigene berufliche Selbstverständnis neu auszurichten.

Re-skilling ist damit mehr als der Besuch eines Weiterbildungskurses. Die fachliche Qualifizierung ist ein Baustein. Ebenso wichtig sind die Rahmenbedingungen, unter denen ein beruflicher Wechsel tatsächlich möglich wird.

Rolls-Royce: Vom Maschinenbau zur Elektrotechnik

Wie ein solcher Kompetenzwechsel in der Praxis funktionieren kann, zeigte Philippe Gorse von Rolls-Royce Power Systems. Gorse erlebt den technologischen Wandel seit rund 20 Jahren selbst. Er begann in der Motoren- und Komponentenentwicklung und verantwortet heute die Elektronikentwicklung.

„Ich habe mich also selbst vom Maschinenbauer zum Elektrotechniker und Manager transformiert“, sagte er.

Auch das Unternehmen hat sich in dieser Zeit verändert. Aus einem Motoren- und Komponentenhersteller wurde ein Anbieter komplexer Systeme und Anlagen. Damit stiegen auch die Anforderungen an die Beschäftigten. Neben Maschinenbauwissen wurden elektrotechnische und systemische Kompetenzen gebraucht.

Rolls-Royce reagierte mit einem Qualifizierungsprogramm gemeinsam mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Rund 10 % der Ingenieurinnen und Ingenieure durchliefen das Programm, das Maschinenbauingenieure für neue Fachgebiete qualifizierte. Teilweise konnten die Beschäftigten dabei einen Masterabschluss erwerben.

Für das Unternehmen hatte das einen entscheidenden Vorteil: Die Beschäftigten kannten bereits Produkte, Branche und Unternehmenskultur.

„Was wir ihnen dann noch beigebracht haben, war das Fachliche“, erklärte Gorse.

Rund 100 Beschäftigte wechselten laut Gorse vom Maschinenbau in die Elektrotechnik. Sie brachten nicht nur neues Fachwissen mit, sondern auch ihre persönlichen Netzwerke. Dadurch entstanden neue Verbindungen zwischen Maschinenbau, Elektrotechnik und Systemtechnik.

„Dadurch haben wir angefangen, diese Silos aufzubrechen und die Leute stärker zu vernetzen“, sagte Gorse.

Branchenwechsel bringt neues Wissen ins Unternehmen

Re-skilling muss dabei nicht innerhalb desselben Unternehmens stattfinden. Rolls-Royce nutzt auch Veränderungen in der Automobilindustrie, um neue Fachkräfte zu gewinnen.

Ingenieurinnen und Ingenieure aus der Automotive-Branche bringen beispielsweise Erfahrungen aus der Entwicklung von Steuergeräten oder Getrieben mit. Dieses Wissen lässt sich auf andere technische Anwendungen übertragen.

Allerdings unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen. Während Automobilhersteller Steuergeräte teilweise in sehr großen Stückzahlen entwickeln und produzieren, arbeitet Rolls-Royce mit deutlich kleineren Stückzahlen.

„Sie sind nicht mehr nur für einen Teil des Geräts verantwortlich, sondern auf einmal für das gesamte Gerät“, beschreibt Gorse den Unterschied.

Damit entsteht ein gegenseitiger Lernprozess. Die neuen Beschäftigten bringen Erfahrungen aus der Großserie und anderen Entwicklungsprozessen mit. Gleichzeitig lernen sie die Produkte, Strukturen und Anforderungen des neuen Unternehmens kennen.

Gorse spricht deshalb von einem „Win-Win“. Auch die bereits Beschäftigten können von den neuen Perspektiven profitieren. Entscheidend sei dabei die Unterstützung durch Führungskräfte: Neue Beschäftigte müssten ihre Erfahrungen einbringen können, gleichzeitig müssten Unternehmen dafür sorgen, dass dieses Wissen mit der bestehenden Expertise zusammengeführt wird.

Vom Automotive-Manager zum Unternehmer

Dass berufliche Neuorientierung noch weiter gehen kann, zeigte Dr. Axel Baumann. Der ehemalige Automotive-Manager wechselte nach mehr als zehn Jahren in der Branche in die Rolle eines Nachfolgeunternehmers.

Er übernahm ein mittelständisches Produktionsunternehmen und musste sich dafür unter anderem mit Finanzen, Steuern, Unternehmensanalyse und öffentlichen Fördermitteln beschäftigen.

Der Schritt bedeutete einen deutlichen Kompetenzwechsel. Gleichzeitig konnte Baumann auf seine langjährige Erfahrung aus der Industrie zurückgreifen.

Seine wichtigste Frage richtet sich deshalb zunächst an die eigene Person: „Das Wichtigste ist für jeden Einzelnen: Was will ich eigentlich selber tun?“

Ein Branchenwechsel muss damit nicht zwangsläufig den nächsten vergleichbaren Job bedeuten. Denkbar sind auch neue Rollen, Führungsaufgaben, Beratung, Selbstständigkeit oder eine Unternehmensnachfolge.

Lesen Sie auch: 7 % mehr Gehalt durch Re-skilling: Warum Fachkräfte stärker profitieren als Akademiker

Weiterbildung braucht Zeit und Unterstützung

Dass Weiterbildung nicht allein durch passende Kurse funktioniert, machte Dr. Martin Noack, Senior Expert für betriebliche Bildung bei der Bertelsmann Stiftung, deutlich.

„Es braucht Zugänge, es braucht Interaktion, es braucht Zeit“, sagte Noack.

Beschäftigte müssen Weiterbildung mit ihrem Berufsleben vereinbaren können. Unternehmen wiederum müssen Qualifizierung ermöglichen und dafür sorgen, dass neue Kenntnisse anschließend im Arbeitsalltag eingesetzt werden können.

Auch Juliane Sampedro von Festo verwies auf die Bedeutung der Eigenmotivation und der Unterstützung durch das Unternehmen. Führungskräfte spielen dabei eine wichtige Rolle: Wer sich weiterqualifiziert, braucht anschließend die Möglichkeit, das neue Wissen praktisch anzuwenden.

Die Podiumsdiskussion in Stuttgart zeigte, wie Weiterbildung helfen kann, technologische Veränderungen und neue Anforderungen in der Arbeitswelt zu bewältigen. Foto: Bernd Eidenmüller/VDI Media

Festo: Von der Pneumatik zur elektrischen Automatisierung

Sampedro zeigte anhand von Festo, wie sich Tätigkeitsprofile durch technologische Veränderungen verschieben. Das Unternehmen ist traditionell stark im Bereich Pneumatik. Gleichzeitig gewinnt die elektrische Automatisierung an Bedeutung.

Für Beschäftigte bedeutet das nicht zwangsläufig einen vollständigen Neuanfang. Bestehendes Wissen kann um neue Kompetenzen ergänzt werden.

Wer beispielsweise über langjährige Erfahrung mit Produktionsprozessen verfügt, kann diese auch in einem neuen technologischen Umfeld nutzen. Kenntnisse in Elektronik, Software oder Datenanalyse kommen hinzu.

Re-skilling wird damit zu einer Verbindung von vorhandener Erfahrung und neuen Anforderungen – und nicht zu einem Austausch des bisherigen Kompetenzprofils.

Arbeitsmarktdrehscheiben sollen Wechsel frühzeitig ermöglichen

Auch die Arbeitsagentur kann bei beruflicher Neuorientierung eine Rolle spielen. Gunnar Schwab, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Stuttgart, stellte die Regionale Arbeitsmarktdrehscheibe Stuttgart vor.

Sie bringt Unternehmen mit Personalabbau mit Unternehmen zusammen, die Fachkräfte suchen. Ziel ist es, Übergänge möglichst direkt von Beschäftigung in Beschäftigung zu ermöglichen.

Schwab betonte, dass Berufsberatung deshalb nicht erst relevant wird, wenn jemand arbeitslos ist. Auch Beschäftigte können sich frühzeitig mit beruflichen Alternativen beschäftigen.

„In den Arbeitsmarktdrehscheiben spielt die Berufsberatung für Beschäftigte eine zentrale Rolle. Die Idee ist, dass eine berufliche Neuorientierung nicht nur für Menschen wichtig ist, die arbeitslos sind, sondern auch für Menschen, die in Beschäftigung sind und aus dieser Position heraus eine berufliche Veränderung suchen“, erklärte Schwab.

Für Ingenieurinnen und Ingenieure kann das bedeuten, vorhandene Kompetenzen frühzeitig zu prüfen und gezielt zu ergänzen. Neben einem Wechsel in eine andere Industrie können dabei auch Selbstständigkeit oder Unternehmensnachfolge infrage kommen.

Blick ins Ausland: Was Deutschland von Frankreich und Finnland lernen kann

Dr. Martin Noack verwies außerdem auf internationale Ansätze. Die Bertelsmann Stiftung analysiert gemeinsam mit der OECD Weiterbildungssysteme anderer Länder unter anderem hinsichtlich Zugänglichkeit, Steuerungsstrukturen und Wirksamkeit.

Menschen in einer Diskussion
Blick über die Grenzen: Die Bertelsmann Stiftung zeigte, wie Deutschland im internationalen Vergleich bei der Weiterbildung von Beschäftigten dasteht. Foto: Bernd Eidenmüller/VDI Media

Frankreich geht bei der Anerkennung informell erworbener Kompetenzen andere Wege als Deutschland. In der Praxis erworbenes Wissen kann dort stärker für formale Qualifikationen berücksichtigt werden.

Finnland setzt wiederum stärker auf modular aufgebaute Bildungsangebote. Kleine, aufeinander aufbauende Lerneinheiten können schrittweise erworben und erweitert werden.

Beide Beispiele verweisen auf eine zentrale Frage: Wie lassen sich Kompetenzen, die Menschen bereits besitzen oder während ihrer Arbeit erwerben, besser sichtbar und nutzbar machen?

Was soll bleiben, was muss sich verändern?

Für Ingenieurinnen und Ingenieure in einer Phase des technologischen Umbruchs geht es deshalb nicht nur darum, den nächsten Weiterbildungskurs zu finden.

Die entscheidendere Frage lautet: Welche Teile der bisherigen beruflichen Erfahrung sollen erhalten bleiben – und welche müssen sich verändern?

Die Antworten können unterschiedlich ausfallen. Für die einen bedeutet Re-skilling eine zusätzliche Qualifikation im bisherigen Unternehmen. Für andere führt der Weg in eine neue Branche. Wieder andere nutzen ihre technische Erfahrung für Führung, Beratung oder eine Unternehmensnachfolge.

Die VDI-Podiumsdiskussion zeigte damit: Berufliche Veränderung lässt sich nicht allein als Qualifizierungsproblem betrachten. Entscheidend ist auch, ob Menschen die Zeit, Unterstützung und den Spielraum haben, neue berufliche Wege einzuschlagen.

Welche Kompetenzen brauchen Ingenieure künftig?

Neben den konkreten Beispielen ging es in Stuttgart auch um die Frage, welche Kompetenzen künftig besonders wichtig werden. In der vorgestellten VDI-Untersuchung sehen 67 % der Befragten bei KI den größten Handlungs- und Lernbedarf.

Neben KI Engineering zählen unter anderem Cybersecurity, Big Data und Data Analytics zu den Themen, die an Bedeutung gewinnen. Für Beschäftigte bedeutet das jedoch nicht, dass alle zu Spezialisten für künstliche Intelligenz oder Datenanalyse werden müssen.

Entscheidend ist, welche Technologien im jeweiligen Arbeitsumfeld relevant sind und wie sie mit vorhandener Expertise verbunden werden können.

Das ist die Stärke erfahrener Fachkräfte: Technisches Verständnis, Branchenkenntnis und praktische Erfahrung lassen sich durch neue Kompetenzen ergänzen.

Re-skilling-Diskussion wird in Frankfurt fortgesetzt

Die Diskussion über Re-skilling für Ingenieurinnen und Ingenieure wird beim VDI nachrichten Recruiting Tag in Frankfurt am 1. Oktober 2026 fortgesetzt.

Im Mittelpunkt steht erneut die Frage, wie vorhandene Kompetenzen für neue berufliche Perspektiven genutzt werden können und welche Unterstützung ein erfolgreicher Übergang braucht.

Die Diskussion setzt damit an einem Punkt an, der auch in Stuttgart deutlich wurde: Berufliche Veränderung muss nicht erst mit dem Verlust des bisherigen Arbeitsplatzes beginnen. Sie kann bereits dann sinnvoll werden, wenn sich abzeichnet, dass sich Technologien, Branchen und Kompetenzanforderungen verändern.

Menschen auf einer Bühne vor Diskussion
Re-skilling für Ingenieurinnen und Ingenieure: Die Diskussion zeigt, warum berufliche Weiterbildung angesichts des technologischen Wandels wichtiger wird. Foto: Bernd Eidenmüller/VDI Media

„Ich bin nicht allein!“

Am Ende blieb eine Erkenntnis, die mehr aussagt als jede Statistik: „Diese Diskussion hat mir gezeigt: Ich bin nicht allein!“, erklärte ein Zuschauer in seinem Feedback gegenüber der Moderatorin im Anschluss an die Diskussion.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Botschaften beim Thema Re-skilling: Veränderung beginnt nicht erst mit einem neuen Abschluss oder einer zusätzlichen Qualifikation, sondern mit der Erkenntnis, dass ein beruflicher Neuanfang möglich ist und dass viele andere vor derselben Herausforderung stehen.

Ein Beitrag von:

  • Alexandra Ilina

    Alexandra Ilina ist Diplom-Journalistin (TU-Dortmund) und Diplom-Übersetzerin (SHU Smolensk) mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus, in der Kommunikation und im digitalen Content-Management. Sie schreibt über Karriere und Technik.

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