Arbeitsrecht

Höhere Löhne schaffen mehr Nachfrage  

Über den Wirtschaftskreislauf würden Lohnerhöhungen indirekt auch nachfragewirksam.

Die ursprünglich unter der Bezeichnung „Politische Ökonomie“ firmierende Volkswirtschaftslehre war in ihrer kaum 200-jährigen akademischen Existenz stets nicht nur ein Feld seriöser Forschung, sondern diente von den Anfängen an auch als bevorzugter Tummelplatz von Weltverbesserern, Interessenvertretern und Ideologen. Die Krux liegt nach wie vor darin, willkürliches Denken sowie Meinungsmache von den sachlogischen Zusammenhängen zu unterscheiden.

Leider finden auch in der aktuellen Diskussion etliche sendungsbewusste Ökonomen mit übertriebenem Vereinfachungsdrang das Ohr der Öffentlichkeit. Dabei bietet gerade die deutsche Wirtschaftspolitik der letzten Jahre reichlich Anschauungsmaterial, wie – entgegen allen vollmundigen Versprechungen – auf unzutreffenden Diagnosen beruhende Heilspläne insgesamt eher schaden als nutzen. Der Streit um die Kaufkrafttheorie des Lohnes ist hierfür ein besonders instruktives Beispiel.

Im Vorfeld der aktuellen Tarifrunde kritisieren die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektro-Industrie wieder einmal vehement den gerne von Gewerkschaftsseite vorgebrachten Gesichtspunkt, wonach eine bessere Bezahlung der abhängigen Erwerbstätigen die Konsumnachfrage kräftige und damit die Beschäftigung stimuliere. Laut Gesamtmetall handelt es sich hierbei um reines Wunschdenken: Die Konjunktur werde durch eine Entgelterhöhung keineswegs belebt, denn das Plus in der Lohntüte sei teuer erstanden und fördere nur zu einem kleinen Teil den Absatz heimischer Erzeugnisse.

In dem Informationsdienst „M-E Argumente“ Nr. 3/2005 (siehe Grafik) wird dazu folgende Rechnung aufgemacht: Einschließlich Arbeitgeberanteil kosten 100 € mehr Lohn den Betrieb 121 €. Der Beschäftigte erhalte davon jedoch nur 51 €, denn der Staat kassiere bei den Arbeitnehmern 49 € Sozialbeiträge und Steuern. Da überdies 15 € für Importwaren ausgegeben und 6 € gespart würden, blieben nur 30 € für den privaten Verbrauch übrig. Damit verursache ein größerer Betrag auf dem Gehaltszettel im Verhältnis zum Nachfragezuwachs viermal so hohe Kosten. Die Moral der Geschichte liegt auf der Hand: Kein einziger deutschsprachiger Ökonom sei Anhänger des seit langem als „Münchhausen-Theorie“ geschmähten Kaufkraftarguments. Ergo: Wer gleichwohl dem Gedanken mehr oder weniger Sympathie entgegenbringt, ist ein Lügenbaron, der Wirtschaftsmärchen erzählt.

Bei Lichte gesehen, verwundert dieses Verdikt freilich: Wenn denn selbst bei bestem Willen nicht die leiseste Spur einer Wahrheit in der inkriminierten Überlegung zu finden wäre, bedürfte es doch nicht der regelmäßig wiederkehrenden Anstrengungen, die Bedeutung des Kaufkraftarguments für die Beschäftigung ad absurdum führen zu wollen. Und so gibt es trotz der damit verbundenen Bezichtigung mangelnder Qualifikation in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik noch immer ein wackeres Fähnlein, das der herrschenden Lehre eine mitnichten neue Erkenntnis entgegenhält: In der modernen Kreditgeldwirtschaft läuft die Entwicklung der Masseneinkommen dem Konsumniveau voraus und nicht umgekehrt. Tatsächlich stehen die Befürworter der Kaufkrafttheorie keineswegs im Abseits, wie das manche suggerieren möchten.

Beginnen wir mit den so genannten Lohnnebenkosten, die zurzeit ein ganz großes Thema sind. Immerhin räumt Gesamtmetall im Unterschied zu anderen Verlautbarungen nunmehr ein, dass die Sozialbeiträge sich keineswegs in Luft auflösen, sondern letztendlich wieder Mehrabsatz erzeugen. Mit diesen Ausgaben werden selbstverständlich nicht sofort und nur Erzeugnisse der M+E-Branche erworben. Aber eine solche unmittelbare Rückflussgarantie gibt es prinzipiell weder bei auszahlungswirksamen Kosten noch bei ausgeschütteten Gewinnen. Mehr gesamtwirtschaftliches Denken tut auch diesbezüglich Not.

Außerdem sind die Sozialversicherungsbeiträge ihrem Wesen nach eine Komponente der ökonomisch relevanten Gesamtvergütung: Erwerbspersonen werden manchmal krank, sie verlieren zuweilen den Arbeitsplatz und sie gehen öfter und länger in Rente. Die damit verbundenen Aufwendungen gehören zu einem Entgelt, das es gestattet, die gesellschaftliche Arbeitskraft zu erhalten. Im Übrigen stellt gerade das Gesundheitswesen, in dem ein Großteil der Sozialbeiträge verbraucht wird, einen Wachstumssektor par excellence dar, wo sich offenbar gute Geschäfte machen lassen.

Die anderen in Anschlag gebrachten Verlustgrößen weisen einen gravierenden Schnitzer in der Spezifikation auf. Unklar ist nämlich, von welchem Niveau aus eine Lohnerhöhung um 100€ erfolgt. Geringverdiener haben jedenfalls keine direkte Steuerbelastung von 28 % wie in der Beispielrechnung zu tragen. Außerdem gibt der Fiskus die Einnahmen mit Sicherheit wieder aus: Erneut kann von einem endgültigen Nachfrageausfall nicht die Rede sein.

Ferner mag offen bleiben, ob Otto Normalverbraucher wirklich fast 30 % seines verfügbaren Einkommens für Importe berappt. Ohnehin kehrt das ins Ausland strömende Geld – auf welch verschlungenen Wegen auch immer – über deutsche Exporte zurück. Deshalb ist es gerade aus Sicht der M+E-Industrie unangebracht, zunehmende Einfuhren pauschal auf das Verlustkonto zu buchen. Es gilt im Besonderen, was im Allgemeinen zutrifft: Wer kaufen soll, muss Einkünfte haben.

Die letzte Kandidatin, die der Zirkulation anscheinend verloren geht, ist die Ersparnis. Doch selbst diese 6 € der Musterkalkulation verschwinden nicht im Nirwana. Arbeitnehmerhaushalte sparen deutlich weniger als die angenommenen 11,7 % des Nettoeinkommens. Den Löwenanteil der Geldvermögensbildung liefern die besser Verdienenden. Die Binnennachfrage schwächelt in den vergangenen Jahren hauptsächlich deshalb, weil die Masseneinkommen praktisch stagnieren. Produktivitätsorientierte Abschlüsse zum Vorteil beider Tarifparteien sollten hingegen die Kreislaufströme kräftigen und die Verteilungsquoten stabilisieren. Für eine in diesem Sinn vernünftige Lohnpolitik muss man weder nach Münchhausens Schopf noch in die Trickkiste eines Magiers greifen, der Dinge verschwinden lässt. FRITZ HELMEDAG

Von Fritz Helmedag

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