Wenn die Babyboomer gehen: Wie KI das Wissen von Ingenieuren sichern soll
Mit dem Ruhestand erfahrener Beschäftigter droht Unternehmen ein erheblicher Wissensverlust. Robin Sudermann von talentsconnect AG erklärt, wie sich Erfahrungswissen erfassen lässt, welche Aufgaben KI übernehmen kann – und wo seiner Ansicht nach ihre Grenzen liegen.
Robin Sudermann sagt: "Es geht darum, das vorhandene Wissen so zu organisieren, dass Unternehmen entscheiden können: Welche Aufgaben müssen nicht mehr nachbesetzt werden, weil eine KI sie besser erledigen kann?"
Foto: NXT STUDIOS GmbH
„KI ohne Kontext ist ein schnellerer Weg, einfach falsch zu liegen.“ So beschreibt Robin Sudermann die eigenen Erfahrungen mit KI. Sein Unternehmen hat einePlattform entwickelt, um Wissensübergaben in Unternehmen zu vereinfachen.
Inhaltsverzeichnis
- Erfahrungswissen steckt oft nur in den Köpfen
- Fünf Interviews für eine erste Nullmessung
- KI soll nicht pauschal die Nachfolge übernehmen
- In der Entwicklung lassen sich Abläufe neu verteilen
- Unternehmensgröße entscheidet nicht über den KI-Reifegrad
- „KI ohne Kontext ist ein schnellerer Weg, falsch zu liegen“
ingenieur.de: Herr Sudermann, viele Babyboomer gehen in den kommenden Jahren in Rente. Was hat das mit Ihrer KI-Plattform zu tun?
Robin Sudermann: Der Ausgangspunkt waren wir selbst. Als Unternehmen mit rund 100 Mitarbeitenden wollten wir unser Wissen genau dann verfügbar machen, wenn es gebraucht wird. Vor einem Gespräch möchte ich in fünf Minuten ein Briefing erhalten. Wenn ich nach einem Kundenmeeting in Urlaub gehe oder krank werde, soll meine Kollegin ohne großen Aufwand denselben Kontext haben. Dann haben wir mit rund 600 Kunden gesprochen, vom Mittelstand bis zum DAX-Konzern. Das Problem war überall ähnlich: Wissensübergaben sind häufig nicht sauber geregelt und nicht standardisiert. Unsere Hybrid Resources Plattform verwenden mittlerweile einige Firmen, darunter Remondis und die Berliner Verkehrsbetriebe.
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Erfahrungswissen steckt oft nur in den Köpfen
ingenieur.de: Es geht also nicht nur um Informationen in Datenbanken. Kann auch das Erfahrungswissen eines Ingenieurs erfasst werden, der etwa am Geräusch erkennt, dass eine Maschine nicht richtig läuft?
Robin Sudermann: Absolut. Unternehmen haben Prozesse, diese bestehen aus einzelnen Schritten, und an jedem Arbeitsplatz gibt es Wissen darüber, wie diese Schritte tatsächlich funktionieren. Gerade erfahrene Ingenieurinnen und Ingenieure kennen Zusammenhänge, die in keiner Prozessbeschreibung stehen: Sie wissen, an welcher Stelle ein Projekt typischerweise ins Stocken gerät, welche Abweichung kritisch ist oder was ein langjähriger Kunde erwartet. Dieses Wissen muss zunächst sichtbar werden, bevor entschieden werden kann, wie es weitergegeben oder technisch unterstützt wird.
ingenieur.de: Wie lässt sich solches implizites Wissen systematisch erfassen?
Robin Sudermann: Über strukturierte Interviews, die transkribiert und anschließend von einem agentischen System ausgewertet werden. Das System erkennt in den Antworten, wie ein Prozess heute abläuft. Wir unterscheiden fünf Stufen: von einem vollständig manuellen Schritt über systemgestützte und teilautomatisierte Abläufe bis zu Automatisierung mit menschlicher Aufsicht und autonomen Abläufen. Wichtig ist die Trennung zwischen Ist-Zustand und Wunsch. Nur weil jemand sagt, ein Prozess solle künftig automatisiert werden, ist er es heute noch nicht.
Fünf Interviews für eine erste Nullmessung
ingenieur.de: Müssten dafür nicht sämtliche Ingenieurinnen und Ingenieure eines Unternehmens stundenlang befragt werden?
Robin Sudermann: Nein. Für eine erste sogenannte Nullmessung benötigen wir in der Regel fünf Interviews von jeweils einer Stunde. Wenn drei Personen denselben Prozessschritt beschreiben, ist die Evidenz höher, als wenn nur eine Person etwas dazu sagt. Widersprüche werden aufgelöst oder als offen gekennzeichnet. Nach ungefähr fünf Stunden lässt sich ein erstes Bild erstellen: Wo steht ein Prozess heute, wie belastbar ist die Einordnung und wo fehlen Informationen?
ingenieur.de: Was misst diese Nullmessung konkret?
Robin Sudermann: Sie betrachtet den einzelnen Arbeitsschritt und ordnet dessen Reifegrad ein. Unser Modell arbeitet mit zwölf Achsen und insgesamt 70 Sollschritten. Zu jeder Achse gehören ein Score und eine Konfidenz. Ein hoher Score sagt aber noch nicht, ob sich eine Veränderung lohnt. Dafür braucht man Arbeitsmengen: Wie oft fällt ein Schritt an und wie viele Minuten oder Stunden bindet er? Erst diese Mengen machen einen Business Case möglich. Fehlen sie, soll das System nicht schätzen, sondern die offene Größe benennen – einschließlich der Frage, wer sie bis wann und mit welcher Methode ermittelt.
KI soll nicht pauschal die Nachfolge übernehmen
ingenieur.de: Geht es am Ende darum, ausscheidende Babyboomer durch KI zu ersetzen?
Robin Sudermann: Es geht darum, das vorhandene Wissen so zu organisieren, dass Unternehmen entscheiden können: Welche Aufgaben müssen nicht mehr nachbesetzt werden, weil eine KI sie besser erledigen kann? Welche Tätigkeiten müssen Menschen übernehmen? Und für welche Aufgaben kann jemand aus dem Unternehmen qualifiziert oder befördert werden? Bei manchen Kunden gehen in den nächsten zehn Jahren 25 % der Belegschaft in Rente. Gleichzeitig gibt es teilweise kein professionelles Nachfolgemanagement. Bei Wissensarbeitern ist das besonders kritisch, weil niemand vollständig weiß, was in ihren Köpfen steckt und welche Informationen nach ihrem Ausscheiden im Unternehmen bleiben.
ingenieur.de: Warum ist die Einführung für diese Beschäftigtengruppe besonders anspruchsvoll?
Robin Sudermann: Ausgerechnet die Menschen, deren Wissen jetzt besonders dringend gesichert werden muss, werden KI nicht unbedingt als Erste in ihren Arbeitsalltag integrieren. Deshalb ist das kein reines IT-Projekt, sondern ein Change-Prozess – und zwar für eine Gruppe, die teilweise kurz vor dem Ruhestand steht. Vor einem Jahr lautete in vielen Unternehmen noch die These, KI werde primär durch die IT-Abteilung eingeführt. Inzwischen zeigt sich: Viele Piloten enden, weil die Veränderung des Arbeitsalltags nicht gelingt.
In der Entwicklung lassen sich Abläufe neu verteilen
ingenieur.de: Wie kann der Einsatz in einer Entwicklungsabteilung aussehen?
Robin Sudermann: Nehmen wir eine Produktanfrage, einen Fehlerbericht oder einen Feature Request. Zunächst muss geklärt werden, zu welcher Kategorie die Anfrage gehört: Ist sie kritisch, hat sie hohe Priorität, werden personenbezogene Daten verarbeitet? Danach folgen Aufwandsschätzung, benötigte Fähigkeiten, Zuweisung, Kapazitätsplanung und gegebenenfalls Tests. Ein Teil dieser Schritte wird heute manuell erledigt, anderes lässt sich automatisieren. In der Softwareentwicklung kann ein solcher Ablauf weitgehend durchautomatisiert werden. Es muss aber klar sein, welche Aufgaben ein Agent ausführt, wo Menschen kontrollieren und wer die Verantwortung trägt.
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ingenieur.de: Reagieren Beschäftigte darauf vor allem mit Sorge um ihren Arbeitsplatz?
Robin Sudermann: Die Reaktionen hängen stark von der einzelnen Person ab und weniger vom Unternehmen. Manche Führungskräfte sagen offen: Ich muss noch 15 Jahre im Berufsleben bestehen und möchte verstehen, wie KI meinen Arbeitsplatz verändert. Andere kennen die KI-Strategie des Vorstands, können daraus aber keine Anwendung für ihren Alltag ableiten. Entscheidend ist die praktische Begleitung. Bootcamps oder gemeinsames Arbeiten am Bildschirm helfen mehr als ein Tutorial. Sonst fallen viele nach zwei Wochen in alte Muster zurück.
Unternehmensgröße entscheidet nicht über den KI-Reifegrad
ingenieur.de: Sind große Konzerne bei der Einführung grundsätzlich weiter als der Mittelstand?
Robin Sudermann: Nach unseren bisherigen Nullmessungen gibt es keine klare Korrelation zwischen Unternehmensgröße und KI-Reifegrad. Entscheidend ist die Adoption in der Belegschaft: Wird KI im Alltag tatsächlich genutzt, und wird die Veränderung stringent begleitet? Einen Unterschied sehen wir beim Zugang zu leistungsfähigen Modellen. Große Unternehmen stellen eher ausreichende Kontingente und Lizenzen bereit. In kleineren Unternehmen fehlt teilweise jeder Zugang oder das Nutzungslimit ist so niedrig, dass Beschäftigte nach wenigen Eingaben für die ganze Woche blockiert sind.
„KI ohne Kontext ist ein schnellerer Weg, falsch zu liegen“
ingenieur.de: Wo liegen die Grenzen, wenn KI Wissen sichern und Prozesse übernehmen soll?
Robin Sudermann: „KI ohne Kontext ist ein schnellerer Weg, einfach falsch zu liegen.“ Das war eine unserer ersten Erfahrungen. Bei sensiblen und eindeutig berechenbaren Prozessen kann man mit spezialisierten Agenten arbeiten, die sich gegenseitig kontrollieren. Wenn es um die Entgeltabrechnung geht, darf beispielsweise nichts falsch laufen. Dort kann ein Agent den Vorgang bearbeiten, während weitere Agenten die Ergebnisse prüfen. Trotzdem braucht es eine sehr sorgfältige Gestaltung und Kontrolle.
Überall dort, wo Interpretationsspielräume, rechtliche Verantwortung oder schwerwiegende Folgen bestehen, würde ich mich nicht allein auf KI verlassen. Ein Sprachmodell kann eine plausibel klingende Antwort geben und sich nach einem Hinweis auf einen Fehler entschuldigen. Das reicht bei einer rechtlich sensiblen Formulierung nicht. Auch bei der Nullmessung bleiben deshalb zentrale Freigaben bei Menschen. Die Maschine kann sammeln, zuordnen, rechnen und prüfen. Verantwortung lässt sich damit nicht einfach automatisieren.
Robin Sudermann ist CEO und Mitgründer der talentsconnect AG. Er hat das Kölner HR-Tech-Unternehmen 2013 gemeinsam mit Lars Wolfram und Max Klameth gegründet. Sudermann studierte Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Fresenius und absolvierte anschließend ein Masterstudium in Sales & Marketing an der Hochschule Wismar. Die talentsconnect AG mit Sitz in Köln entwickelt Software, für den HR-Bereich.
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