Wann Ehrgeiz im Job zur Belastung für alle wird
Wann wird Leistungswille toxisch? Wie ungesunder Ehrgeiz und Perfektionismus ganze Teams blockieren und was gute Führungskräfte tun können.
Der Griff nach dem Mond: Wann gesunder Leistungswille im Ingenieuralltag in toxische Überforderung umschlägt.
Foto: Smarterpix / SergeyNivens
Ingenieurinnen und Ingenieure gelten in der Wirtschaft als besonders leistungsorientiert. Komplexe Großprojekte, eng getaktete Meilensteine und höchste Qualitätsanforderungen verlangen schließlich nach Fachkräften, die Verantwortung übernehmen und technische Probleme lösen wollen. Ohne diesen tief sitzenden Ehrgeiz gäbe es viele wegweisende Innovationen nicht.
Doch der unbedingte Leistungswille hat eine gefährliche Kehrseite. Fast jede Fachkraft kennt den Kollegen, der die CAD-Konstruktion auch nach der Freigabe noch dreimal grundlos umwirft. Oder den Projektleiter, der keine Berechnung delegiert, weil niemand sie angeblich so präzise erledigen kann wie er selbst. Solche Menschen gelten in Unternehmen fälschlicherweise oft als unverzichtbare Leistungsträger. Im Alltag können sie jedoch ganze Teams blockieren und Projekte massiv verzögern.
Die entscheidende Frage für Führungskräfte lautet daher: Wann wird aus gesundem Ehrgeiz eine Belastung?
Inhaltsverzeichnis
- Nicht die Höhe der Ziele entscheidet
- Warum Druck nicht automatisch schlecht ist
- Die Sache mit dem Perfektionismus
- Wenn Ehrgeiz Kollegen zermürbt
- Können Spitzenkräfte Teams sogar schaden?
- Der schmale Grat zum Burnout
- Was gute Führungskräfte anders machen
- Woran Sie gesunden Ehrgeiz erkennen
- Leistung braucht Kooperation
Nicht die Höhe der Ziele entscheidet
Lange Zeit galt in technischen Büros die einfache Formel: Wer viel erreichen will, arbeitet härter und liefert die besseren Ergebnisse. Die moderne Arbeits- und Organisationspsychologie zeichnet heute ein wesentlich differenzierteres Bild.
Die Forschung unterscheidet präzise zwischen zwei Formen des Perfektionismus:
- Funktionaler Perfektionismus (Gesunder Ehrgeiz): Fachkräfte setzen sich hohe Ziele, weil sie echte Freude an der Entwicklung haben, sich fachlich weiterentwickeln oder ein komplexes physikalisches Problem lösen wollen. Sie treibt Neugier und Begeisterung an.
- Dysfunktionaler Perfektionismus (Ungesunder Ehrgeiz): Hier stehen nicht Innovation oder Fortschritt im Vordergrund, sondern die tief sitzende Angst vor Fehlern, Kritik oder dem Verlust von Status. Der eigene Selbstwert hängt paradoxerweise ausschließlich an fehlerfreien Ergebnissen. Jeder kleinste Fehler wird als persönliches Scheitern empfunden.
Genau diese Motivation entscheidet darüber, ob der Ehrgeiz eines Mitarbeiters einem Projekt langfristig nützt oder schadet.
Warum Druck nicht automatisch schlecht ist
Ein gewisses Maß an Anspannung kann die Leistungsfähigkeit im Engineering sogar steigern. Wissenschaftlich beschreibt dies das etablierte Yerkes-Dodson-Gesetz, eines der ältesten und am besten untermauerten Modelle der Leistungspsychologie.
Vor einer wichtigen Kundenpräsentation oder einem kritischen Audit steigt die psychische Anspannung. Die Aufmerksamkeit nimmt zu, das Team arbeitet fokussierter und konzentrierter auf das gemeinsame Ziel hin.
Problematisch wird es erst, wenn dieser Druck dauerhaft hoch bleibt. Dauert der Stress an, sinkt die kognitive Flexibilität dramatisch. Entscheidungen werden aus Angst vor Konsequenzen übervorsichtig getroffen. Fehler werden nicht mehr als wertvolle Lernchance im agilen Entwicklungsprozess begriffen, sondern als existenzielle Bedrohung. Gerade in technischen Berufen ist das fatal: Echte Innovation entsteht niemals dort, wo Teams Angst vor Fehlern haben.
Die Sache mit dem Perfektionismus
Aktuelle Untersuchungen belegen, dass ein perfektionistischer Arbeitsstil im Berufsalltag selten zu besseren Ergebnissen führt – wohl aber zu explodierenden Stundenkonten.
Eine umfassende Meta-Analyse der York University aus dem Jahr 2025 kam zu dem eindeutigen Ergebnis, dass perfektionistische Beschäftigte zwar signifikant länger arbeiten und mehr Zeit investieren, dies jedoch nicht zu qualitativ überlegenen Resultaten führt. Der personelle Aufwand steigt drastisch, während der reale Grenznutzen gegen null tendiert.
Viele Führungskräfte übersehen diesen Zusammenhang systematisch. Wer abends als Letzter das Planungsbüro verlässt oder nachts noch E-Mails beantwortet, wirkt auf den ersten Blick engagiert. Ob die statische Berechnung oder der Programmcode dadurch fehlerfreier wird, ist eine andere Frage. Wird dieser Perfektionismus zur Dauerhaltung, entsteht ein ungesunder Kreislauf aus permanenter Selbstkontrolle, chronischem Stress und ständigen Selbstzweifeln.
Wenn Ehrgeiz Kollegen zermürbt
Für gemischte Projektteams wird ungesunder Ehrgeiz vor allem dann toxisch, wenn er das Verhalten gegenüber Kollegen verändert. Typische Warnsignale im Projektalltag sind:
- Aufgaben werden aus Misstrauen nicht delegiert.
- Kritisches Fachwissen wird bewusst zurückgehalten.
- Andere Teammitglieder werden lückenlos kontrolliert.
- Die eigene Sichtbarkeit wird permanent in den Vordergrund gestellt.
- Fehler anderer werden im Meeting öffentlich thematisiert.
Der betreffende Kollege wirkt nach außen hin oft hochproduktiv, hinterlässt intern jedoch frustrierte Schnittstellen. Besonders kritisch ist das Entstehen von Wissenssilos. Wenn Experten ihr Know-how nicht teilen, um sich unersetzbar zu machen, sinkt die Leistungsfähigkeit des gesamten Teams. Schnittstellen blockieren, Entscheidungen verzögern sich und die Kooperation scheitert.
Können Spitzenkräfte Teams sogar schaden?
Diese Frage klingt zunächst provokant, doch die Managementforschung liefert klare Antworten. Eine bekannte Untersuchung der US-Forscherin Elizabeth M. Campbell zeigt beispielsweise, dass außergewöhnlich leistungsstarke Mitarbeitende nicht automatisch positiv auf ihr Umfeld wirken. Unter bestimmten Bedingungen demotivieren sie Kolleginnen und Kollegen sogar.
Das gilt vor allem dann, wenn Teammitglieder an ähnlichen Aufgaben arbeiten und ihre individuellen Kennzahlen ständig miteinander verglichen werden. Statt produktiver Zusammenarbeit entsteht schädliche interne Konkurrenz. Die Folge: Qualifizierte Beschäftigte ziehen sich resigniert zurück, teilen weniger Wissen und konzentrieren sich primär auf die eigene Absicherung statt auf das gemeinsame Projektziel.
Für Ingenieurteams ist diese Erkenntnis von höchster Relevanz. Moderne Entwicklungsprojekte basieren zwingend auf Kooperation. Niemand konstruiert heute allein ein Flugzeug, eine Brücke oder ein autonomes Fahrzeug.
Der schmale Grat zum Burnout
Ungesunder Ehrgeiz belastet nicht nur das Arbeitsumfeld, er trifft früher oder später auch die Betroffenen selbst. Der amerikanische Psychologe Herbert Freudenberger beschrieb bereits in den 1970er-Jahren diesen typischen Verlauf: Häufig beginnt die Abwärtsspirale mit überdurchschnittlichem, fast schon zwanghaftem Engagement. Betroffene arbeiten deutlich länger, verzichten auf Erholung und ignorieren die Warnsignale ihres Körpers.
Im fortgeschrittenen Stadium folgen typische Symptome:
- Schlafstörungen und chronische Erschöpfung
- Gereiztheit und emotionale Instabilität
- Konzentrationsschwierigkeiten bei komplexen Aufgaben
- Zynismus gegenüber dem Arbeitgeber und den Projekten
- Sozialer Rückzug und sinkende Leistungsfähigkeit
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Burnout heute klar als arbeitsbezogenes Phänomen, das durch chronischen Stress am Arbeitsplatz entsteht, der nicht erfolgreich verarbeitet werden kann. Wichtig ist hierbei die arbeitsmedizinische Abgrenzung zur Depression: Während ein Burnout unmittelbar mit dem spezifischen Arbeitsumfeld verknüpft ist, handelt es sich bei einer Depression um eine eigenständige, globale psychische Erkrankung, die alle Lebensbereiche betrifft.
Was gute Führungskräfte anders machen
Viele Unternehmen konzentrieren sich bei Leistungsbewertungen nach wie vor ausschließlich auf individuelle Ergebnisse und Kennzahlen. Damit fördern sie ungewollt ein destruktives Konkurrenzdenken.
Die renommierte Burnout-Forschung von Christina Maslach und Michael Leiter zeigt dagegen, dass gesunde und produktive Arbeitsumgebungen vor allem auf sechs Kernfaktoren basieren:
- Eine realistische und machbare Arbeitsbelastung
- Ausreichende Handlungs- und Entscheidungsspielräume
- Echte, werthaltige Anerkennung der geleisteten Arbeit
- Eine funktionierende, unterstützende Gemeinschaft im Team
- Erlebte Fairness bei Beförderungen und der Aufgabenverteilung
- Gemeinsame, deckungsgleiche Werte von Mitarbeiter und Unternehmen
Führungskräfte im technischen Sektor können diese Faktoren aktiv beeinflussen. Wer ausschließlich den lautstarken Einzelkämpfer belohnt, erzeugt harten Wettbewerb. Wer hingegen die kollektive Teamleistung sichtbar macht, stärkt die notwendige Kooperation.
Die Basis für innovative Höchstleistungen ist dabei stets die psychologische Sicherheit im Team. Mitarbeiter müssen Risiken eingehen und Fehler offen ansprechen können, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Zahlreiche Studien, unter anderem das bekannte Projekt Aristotle von Google, belegen, dass die erfolgreichsten Teams genau diese Kultur benötigen.
Woran Sie gesunden Ehrgeiz erkennen
Gesunder Ehrgeiz zeigt sich in der Praxis selten durch demonstrative Überstunden oder spektakuläre Selbstdarstellung. Er ist vielmehr an drei klaren Merkmalen erkennbar:
- Lernbereitschaft: Fachkräfte begreifen Fehler als technische Optimierungschance.
- Wissenstransfer: Sie teilen ihr Know-how proaktiv, um das gesamte Projekt voranzubringen.
- Reflektionsfähigkeit: Sie können Erfolge genießen und Meilensteine feiern, ohne sofort rastlos nach dem nächsten Ziel zu jagen.
Ungesunder Ehrgeiz wird dagegen von Verlustangst angetrieben. Fehler gelten als persönliche Niederlagen, Kollegen werden als Rivalen wahrgenommen. Dieser Unterschied mag auf den ersten Blick subtil erscheinen. Für den wirtschaftlichen Erfolg von Technologieunternehmen entscheidet er jedoch darüber, ob Teams synergetisch zusammenarbeiten oder sich gegenseitig blockieren.
Leistung braucht Kooperation
Die Vorstellung vom genialen, einsamen Erfinder hält sich in der Populärkultur hartnäckig. In der modernen industriellen Realität entstehen die meisten technischen Innovationen jedoch aus dem Zusammenspiel interdisziplinärer Teams.
Unternehmen brauchen ambitionierte Mitarbeitende, die etwas bewegen wollen. Sie brauchen jedoch keine Kultur, in der jede Person gegen die andere arbeitet. Ehrgeiz wird genau an dem Punkt zu einer massiven wirtschaftlichen Belastung, an dem das persönliche Vorankommen wichtiger wird als das gemeinsame Projektziel.
Die erfolgreichsten Engineering-Teams bestehen daher nicht aus Menschen, die permanent beweisen müssen, wie gut sie als Einzelne sind. Sie bestehen aus Experten, die ihre individuellen Fähigkeiten gezielt einsetzen, um gemeinsam besser zu werden.
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