KI-Expertin warnt: „So werden wir unsere Unternehmen komplett schrotten“
KI verändert Ingenieurberufe: Astrid Nelke warnt vor fehlender Weiterbildung und Einstiegsjobs. So gelingt die Zusammenarbeit von Mensch und KI.
Astrid Nelke forscht zum Themenbereich KI und Workforce.
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Astrid Nelke, Professorin an der Hochschule für angewandtes Management, erklärt, welche Kompetenzen Ingenieurinnen und Ingenieure für Human-AI-Teams brauchen – und warum sie sich gerade um den Mittelstand Sorgen macht.
Inhaltsverzeichnis
- KI-Weiterbildung im Mittelstand entscheidet über den Erfolg
- KI-Strategie ist eine Aufgabe der Geschäftsführung
- Human-AI-Teams führen: passende KI-Agenten und klare Ziele
- KI im Ingenieurberuf: Der Mensch trägt die Verantwortung
- Erfahrungswissen bleibt ein menschlicher Wettbewerbsvorteil
- KI und Berufseinsteiger: Unternehmen müssen Nachwuchs sichern
- Gewinner und Verlierer
ingenieur.de: Frau Professor Nelke, welche Frage sollten wir statt „Welche Berufe ersetzt KI?“ stellen?
Astrid Nelke: Entscheidend ist, wie Menschen und künstliche Intelligenz zusammenarbeiten. Unternehmen sollten für ihre Branchen und Berufsfelder analysieren: Welche Tätigkeiten kann KI einfacher und besser übernehmen? Wo liegen die Stärken der Beschäftigten? Und wie bringen wir beides so zusammen, dass ein möglichst gutes Ergebnis entsteht? Es geht darum, die jeweiligen Stärken zu stärken – und damit das gesamte Team.
ingenieur.de: Wo liegen die Stärken von KI, wo die des Menschen?
Nelke: KI ist unschlagbar, wenn sie große Datenmengen schnell verarbeitet und daraus systematisch lernt. Menschen bleiben dagegen stark bei Interpretation, Erfahrung, Intuition und Improvisation. Hinzu kommen Kreativität und die Übernahme von Verantwortung. Richtig kombiniert, machen diese Fähigkeiten Human-AI-Teams besonders leistungsfähig.
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KI-Weiterbildung im Mittelstand entscheidet über den Erfolg
ingenieur.de: Viele Unternehmen investieren in KI, bei der Weiterbildung ihrer Beschäftigten gibt es aber Nachholbedarf. Was läuft falsch?
Nelke: Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen erlebe ich oft: Ein Tool wird angeschafft, dann heißt es: Macht mal. Einige Stunden Prompt-Training reichen nicht. Gleichzeitig lesen die Beschäftigten von Stellenabbau durch KI und haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Wer Menschen mit einem neuen Werkzeug und diesen Sorgen alleinlässt, schadet Unternehmenskultur und Produktivität.
KI einzuführen ist ein Change-Management-Prozess. Der Einsatz muss in der Unternehmensstrategie verankert sein. Dazu gehören Geld, Zeit für Weiterbildung, personelle Ressourcen und eine klare Kommunikation. Unternehmen müssen nicht nur KI-Kompetenz vermitteln. Wenn Beschäftigte mehrere KI-Agenten steuern, übernehmen sie plötzlich Führungsaufgaben. Dafür brauchen sie auch Führungs- und Kommunikationskompetenz. Das haben die meisten Geschäftsführungen gar nicht auf dem Schirm.
KI-Strategie ist eine Aufgabe der Geschäftsführung
ingenieur.de: Was sollten Geschäftsführungen konkret tun?
Nelke: Zuerst müssen sie festlegen, welche KI-Systeme zu Aufgaben, Daten und regulatorischen Anforderungen passen. Wer mit sensiblen Kunden-, Unternehmens- oder Patentdaten arbeitet, braucht andere Lösungen als eine Kreativagentur. Erst dann lässt sich entscheiden, welche Weiterbildung nötig ist.
Dabei geht es um Sachwissen und die mentale Ebene. Manche überschätzen KI und übernehmen Ergebnisse ungeprüft, andere fürchten um ihre Stelle. Beides muss angesprochen werden. Ohne Regeln nutzen Beschäftigte womöglich öffentliche KI-Anwendungen auf privaten Geräten und geben aus Unkenntnis interne Daten ein. Professioneller KI-Einsatz ist deshalb eine Frage von Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit. Und ich bin wirklich erschrocken darüber, wie wenig das in den Geschäftsleitungen angekommen ist, vor allem im Mittelstand.
Human-AI-Teams führen: passende KI-Agenten und klare Ziele
ingenieur.de: Wie sieht ein gut organisiertes Human-AI-Team aus?
Nelke: Jeder Mitarbeiter sollte die KI-Agenten erhalten, die zu Aufgabe und Kompetenz passen. Alle Beteiligten brauchen ein gemeinsames Ziel. Führungskräfte müssen beobachten, welche neuen Tools und Kompetenzen das Team weiterbringen. Jeden Tag ein neues System einzuführen, ist teuer und zerstört den Workflow. Trotzdem braucht es jemanden, der den Markt kennt und relevante Neuerungen beurteilt. Zur Führung gehört auch Transparenz. Wenn KI Arbeitsplätze verändert, müssen Unternehmen offen erklären, mit welchem Ziel sie die Technologie einsetzen und welche Folgen zu erwarten sind. Soll Personal abgebaut werden, muss auch das ehrlich kommuniziert werden. Die Regeln guter Unternehmenskommunikation werden nicht außer Kraft gesetzt, nur weil wir jetzt mit KI arbeiten.
KI im Ingenieurberuf: Der Mensch trägt die Verantwortung
ingenieur.de: Was bedeutet diese Entwicklung speziell für Ingenieurinnen und Ingenieure?
Nelke: KI wird viele Analysen übernehmen und Szenarien ausarbeiten. Ingenieurinnen und Ingenieure müssen die Ergebnisse interpretieren und mit ihrem Erfahrungswissen entscheiden, welches Szenario plausibel ist. Sie tragen die Verantwortung. Wenn eine Maschine nicht funktioniert oder ein Gebäude Mängel hat, kann niemand sagen: Die KI hat den Plan erstellt, dafür kann ich nichts.
Ich vergleiche KI gern mit einem sehr smarten Praktikanten. Sie kann hervorragend zuarbeiten und in einem klar abgesteckten, trainierten Bereich gute Ergebnisse liefern. Die Verantwortung übernimmt sie aber nicht. Gerade in Ingenieurberufen bleibt der Mensch deshalb unverzichtbar.
Erfahrungswissen bleibt ein menschlicher Wettbewerbsvorteil
ingenieur.de: Wird fachliches Wissen dadurch weniger wertvoll?
Nelke: Nein. Wir unterscheiden zwischen explizitem Wissen, das sich etwa in Büchern und Dokumenten festhalten lässt, und implizitem Wissen, das an Erfahrung und Personen gebunden ist. Ähnlich ist es mit Handlungswissen: Fahrradfahren lernt ein Kind nicht durch fünf Bücher, sondern durch Ausprobieren. Dieses Wissen lässt sich nicht vollständig aufschreiben und an eine KI übertragen.
Für Ingenieurinnen und Ingenieure werden Erfahrungswissen, Interpretation, Kreativität und Urteilsfähigkeit daher noch wichtiger. Alles, was sich exakt beschreiben lässt, kann ein Computer grundsätzlich verarbeiten. Was sich nicht vollständig beschreiben lässt, bekommt man auch nicht vollständig in ein System. Genau dort liegt eine zentrale menschliche Stärke.
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KI und Berufseinsteiger: Unternehmen müssen Nachwuchs sichern
ingenieur.de: Gleichzeitig übernimmt KI häufig Aufgaben, mit denen Berufseinsteiger bislang Erfahrung gesammelt haben. Entsteht hier eine Lücke?
Nelke: Das ist ein großes gesellschaftliches und unternehmerisches Problem. Studierende berichten mir, dass sie kaum Einstiegsjobs finden, während Unternehmen sagen, sie stellten weniger Berufseinsteiger ein. Dann frage ich die Verantwortlichen: Woher bekommen Sie in fünf oder zehn Jahren die erfahrenen Fachkräfte, die Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen? Darauf gibt es oft keine Antwort. So werden wir unsere Unternehmen komplett schrotten.
Unternehmen müssen neue Lernräume schaffen. Ein Vorbild sind überbetriebliche Ausbildungsstätten im Handwerk: Betriebe finanzieren gemeinsam eine Umgebung, in der Anfänger unter Anleitung erfahrener Meister praktische Fähigkeiten erwerben. Vergleichbare Einstiegswelten könnten auch für andere Berufe entstehen, unterstützt durch Simulationen oder Virtual Reality. Wer morgen Erfahrungswissen braucht, muss jungen Menschen heute ermöglichen, es aufzubauen.
Gewinner und Verlierer
ingenieur.de: Wer gehört für Sie zu den Gewinnern der KI-Transformation?
Nelke: Gewinnen werden Menschen und Organisationen, die ihre KI-Kompetenzen kontinuierlich weiterentwickeln und dabei die menschlichen Stärken nicht vergessen. Wer keine Notwendigkeit sieht, sich mit KI auseinanderzusetzen, wird es schwer haben. Häufig nimmt nicht die KI einen Arbeitsplatz weg, sondern eine Person, die besser mit KI umgehen kann.
Für Unternehmen gilt dasselbe. Wer früh eine klare Strategie entwickelt, die Beschäftigten qualifiziert und Nachwuchs aufbaut, verschafft sich einen Vorteil. Wer nur Tätigkeiten automatisiert und keine Menschen mehr entwickelt, bekommt langfristig ein Problem. Nur noch KI wird ein totales Chaos.
Astrid Nelke ist Expertin für Talentmanagement in Human-AI-Teams an der Hochschule für angewandtes Management. Sie forscht und berät an der Schnittstelle von künstlicher Intelligenz, Führung und Personalentwicklung. Ihr Fokus liegt darauf, wie Unternehmen menschliche Potenziale gezielt fördern und die Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI erfolgreich gestalten.
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