Mehr arbeiten für Wohlstand? Großteil lehnt Mehrarbeit ab
Merz kritisiert Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance: Deutschland müsse wieder mehr arbeiten, um den Wohlstand zu sichern. Doch wie sehen die Beschäftigten das? Wir werfen einen Blick auf aktuelle Studien und Umfragen zu Arbeitszeitmodellen, Arbeitsbelastung und Work-Life-Balance.
Work-Life-Balance allein reicht laut Merz nicht für die Zukunft des Landes.
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IU-Studie: Großteil der Befragten lehnt Mehrarbeit ab
Die 48-Stunden-Woche stößt bei Beschäftigten auf breite Ablehnung. Laut der repräsentativen IU-Studie „Arbeitszeitmodelle der Zukunft: Mehrarbeit vs. Lebensqualität?“ erwarten 73,5 % der Befragten negative Auswirkungen auf ihr Leben. Viele befürchten, dass längere Arbeitszeiten ihre Work-Life-Balance, Gesundheit und Freizeit erheblich einschränken.
Konkret zeigt die Umfrage, dass die Mehrheit der Befragten vor allem Zeit- und Gesundheitsprobleme sieht. So geben 53,7 % an, zu wenig Zeit für Familie und Freund:innen zu haben, 51,7 % fürchten eine Minderung der persönlichen Lebensqualität, und 49,5 % erwarten weniger Raum für Hobbys, Sport oder eigene Projekte. Auch gesundheitliche Belastungen spielen eine große Rolle: 46,8 % sehen ein erhöhtes Risiko körperlicher Probleme, 43,5 % psychischer Erkrankungen. Zusätzlich erwarten 38,2 %, dass Care-Arbeit wie Haushalt, Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen zu kurz kommen könnte.
Mehrarbeit stößt auf Skepsis
Nur wenige Befragte nennen positive Effekte einer 48-Stunden-Woche:
- 16,7 % sehen die Möglichkeit, auf kurzfristig erhöhten Arbeitsanfall zu reagieren
- 15,0 % schätzen mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten
- 8,2 % sehen die Chance, die eigene wirtschaftliche Lage zu verbessern
Neben der Lebensqualität werden auch die Auswirkungen auf die Arbeitsleistung kritisch eingeschätzt. 42,9 % befürchten ein höheres Fehler-Risiko durch sinkende Konzentration, 33,6 % rechnen mit einer Minderung der Produktivität. Trotz dieser Bedenken bleibt Vollzeitarbeit das bevorzugte Modell, während knapp ein Fünftel der Befragten Teilzeitmodelle wählt.
Mehr Stunden bedeuten nicht automatisch mehr Produktivität
Interessant ist der Trend zu kürzeren Arbeitswochen: Ein Drittel hält die 4-Tage-Woche für besonders geeignet, und 83,2 % erwarten von ihr positive Effekte auf ihr Leben. Zudem glauben 38,0 %, dass die Produktivität an Arbeitstagen der 4-Tage-Woche steigen könnte. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass viele Beschäftigte bei Arbeitszeitmodellen Wert auf Lebensqualität, Gesundheit und Freizeit legen – und Mehrarbeit nicht automatisch mit höherer Produktivität gleichsetzen.
„Die zentrale Frage ist nicht, ob wir mehr oder weniger arbeiten, sondern wie wir Arbeit zukunftsfähig gestalten können. Längere Arbeitszeiten führen nachweislich zu mehr Fehlern – mehr Stunden bedeuten nicht automatisch mehr Produktivität“, kommentiert Prof. Dr. Malte Martensen, Professor für Allgemeine BWL mit Schwerpunkt Personalmanagement und Organisation an der IU Internationalen Hochschule.
„Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass eine Ausweitung der Arbeitszeit abgelehnt wird. Für die Zukunftsfähigkeit sind daher eher effizientere Prozesse, eine moderne Arbeitskultur und flexible Modelle entscheidend, die sowohl wirtschaftliche Anforderungen erfüllen als auch Beruf, Privatleben und die physische sowie psychische Gesundheit berücksichtigen“.
Die IU Internationale Hochschule hat in der Studie „Arbeitszeitmodelle der Zukunft: Mehrarbeit vs. Lebensqualität?“ untersucht, wie Arbeitnehmende in Deutschland verschiedene Arbeitszeitmodelle bewerten. Besonders im Fokus standen die geplante 48-Stunden-Woche und die 4-Tage-Vollzeitwoche – und welche Folgen sie für Lebensqualität, Gesundheit und Produktivität haben könnten.
Für die Untersuchung wurden 2.000 Beschäftigte zwischen 16 und 65 Jahren befragt. Die Ergebnisse sind repräsentativ für den deutschen Arbeitsmarkt nach Alter und Geschlecht. Die Umfrage fand vom 10. bis 16. November 2025 statt.
Merz kritisiert Arbeitsmentalität
Auch der Bundeskanzler Friedrich Merz kritisierte die Arbeitsmentalität in Deutschland und forderte längere Arbeitszeiten.
In einer Rede vor der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau sagte er: „Um es noch deutlicher zu sagen: Mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche lässt sich der Wohlstand unseres Landes, den wir heute haben, in Zukunft nicht erhalten – und deswegen müssen wir mehr arbeiten“.
Dabei wies er darauf hin, dass die Menschen in der Schweiz im Durchschnitt jedes Jahr 200 Stunden mehr arbeiten als Deutsche. Er betonte, dass es keine angeborenen Unterschiede gibt, die das erklären würden.
Müssten Arbeitszeiten in Deutschland steigen?
Merz forderte einen Wandel der Arbeitsmentalität und erklärte, eine der besten Möglichkeiten, die Arbeitskosten zu senken, sei, dass alle durch Mehrarbeit und höhere Leistung die gesamtwirtschaftliche Leistung Deutschlands steigern. Er räumte ein, dass solche Aussagen leicht missverstanden werden könnten, und verwies auf Millionen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die bereits viel Arbeit und viele Überstunden leisten. Insgesamt müssten die Arbeitszeiten in Deutschland jedoch steigen.
Auf die Frage, welches Gesetz er zuerst abschaffen würde, sagte der CDU-Politiker, er würde wahrscheinlich das Arbeitszeitgesetz streichen. Die Tarifparteien könnten die Regeln selbst festlegen, ein Gesetz sei dafür nicht nötig.
Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung ist vorgesehen, die maximale Arbeitszeit nicht mehr täglich, sondern wöchentlich festzulegen. Dadurch könnten Beschäftigte an einzelnen Tagen auch mehr als 12 Stunden arbeiten.
Befürworter dieser Lockerung versprechen sich davon wirtschaftliches Wachstum, mehr Flexibilität und eine Sicherung des Arbeitsvolumens trotz des demografischen Wandels. Forschende der Hans-Böckler-Stiftung und anderer Institute zweifeln jedoch daran, dass diese Ziele erreicht werden. Studien zeigen, dass längere tägliche Arbeitszeiten die Gesundheit vieler Beschäftigter belasten und damit eher die Arbeitskraft schwächen. Außerdem würde sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiter verschlechtern, was vor allem die Erwerbstätigkeit von Frauen einschränken könnte.
Beschäftigte sehen längere Arbeitstage kritisch
Auch in einer Umfrage des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) gehen rund drei Viertel der Beschäftigten davon aus, dass längere Arbeitstage ihnen schaden würden. Sie befürchten vor allem Nachteile für ihre Erholung und Gesundheit, für die Vereinbarkeit von Job und Familie sowie für die Organisation ihres Alltags, wenn regelmäßig mehr als zehn Stunden Arbeit pro Tag erlaubt wären.
Gleichzeitig zeigt die Befragung von über 2.000 Personen, dass sehr lange und flexible Arbeitszeiten in Deutschland schon heute weit verbreitet sind. Unternehmen verfügen also bereits jetzt über große Spielräume, die das geltende Arbeitsrecht ermöglicht.
„Das Arbeitszeitgesetz ist ein wichtiges Arbeitsschutzgesetz“, sagt Prof. Dr. Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI. „Eine Arbeitszeitderegulierung, die Erkenntnisse von Arbeitsmedizin und Arbeitsforschung ausblendet und an der sozialen Realität vorbeigeht, dürfte wirtschaftlich sogar kontraproduktiv wirken. Denn sie würde gerade jene Entwicklungen bremsen, die in den vergangenen Jahren wesentlich zu Rekordwerten bei Erwerbstätigkeit und Arbeitsvolumen beigetragen haben, und gleichzeitig Probleme bei Gesundheit und Demografie verschärfen“, erklärt Kohlrausch.
Tech-Chefs sprechen von der 3-Tage-Woche
Während wir über die 4-Tage-Woche diskutieren, gingen Tech-Chefs wie Eric Yuan, CEO von Zoom, einen Schritt weiter: KI könnte die Arbeitswoche auf 3 Tage verkürzen – mit Chancen auf mehr Freizeit, aber auch Risiken für Jobs und Bezahlung.
Eric Yuan, CEO von Zoom, sieht die Sache positiv. Er denkt, dass smarte Tools wie Chatbots und digitale Assistenten die klassische 5-Tage-Woche irgendwann überflüssig machen könnten. Laut einem Interview mit der „New York Times“ könnten Firmen bald 3 oder 4 Arbeitstage pro Woche anbieten – und manche Mitarbeitenden hätten vielleicht sogar die ganze Woche frei.
Neben Eric Yuan hat auch Bill Gates bereits gesagt, dass wir beim aktuellen Tempo der KI-Entwicklung in zehn Jahren für die meisten Aufgaben keine menschlichen Arbeitskräfte mehr brauchen werden. Ähnlich äußerte sich Nvidia-CEO Jensen Huang: Wir stünden noch ganz am Anfang der KI-Revolution, und eine 4-Tage-Woche könnte künftig eher die Norm sein.
Aber heißt das auch gleich gleiche Bezahlung bei weniger Arbeit? Nicht unbedingt. Yuan warnte, dass manche von uns sogar eine 0-Tage-Woche haben könnten – weil KI unsere Jobs ersetzt. KI-Tools übernehmen schon heute viele Routinetätigkeiten, vom E-Mails-Schreiben bis hin zu Programmieraufgaben, und dieser Trend wird sich weiter verstärken.
Weniger Tage, gleiche Bezahlung?
Viele Führungskräfte aus der Tech-Branche rechnen mit einem massiven Umbruch auf dem Arbeitsmarkt. Da stellt sich die Frage: Wenn Arbeitnehmer dank KI nur noch 4 Tage arbeiten müssen – verdienen sie dann noch genauso viel wie früher?
Einige warnen, dass viele von uns künftig ohne Job dastehen könnten, weil Routineaufgaben von Maschinen übernommen werden. Andere sind optimistischer und glauben, dass durch die Technologie ganz neue Berufe entstehen werden.
Weniger Erschöpfung durch Vier-Tage-Woche?
Vier-Tage-Woche – ein Traum oder einfach nur Wunschdenken? Viele verbinden dieses Arbeitsmodell mit mehr Work-Life-Balance und der Hoffnung auf mehr Freizeit und weniger Erschöpfung. Doch ist das wirklich so?
Die Diskussion über die Vier-Tage-Woche ist nach wie vor hitzig, einige haben sie schon. Befürworter sagen, kürzere Arbeitszeiten könnten die Gesundheit der Mitarbeiter fördern. Doch eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt etwas anderes: Vollzeitbeschäftigte sind nicht öfter erschöpft und bewerten ihre Arbeit auch nicht schlechter als Teilzeitkräfte. In dieser Hinsicht könnte die Diskussion neu entflammen. Schließlich geht es bei der Vier-Tage-Woche auch um die verkürzte Arbeitszeit.
In einer Analyse des IW wurde untersucht, wie sich die Länge der Arbeitszeit auf das Wohlbefinden der Beschäftigten auswirkt. Das Ergebnis: Es ist nicht nur die Arbeitszeit, die darüber entscheidet, wie erschöpft man sich fühlt. Viel wichtiger sind der persönliche Handlungsspielraum und das soziale Umfeld am Arbeitsplatz.
Verkürzung der Arbeitszeit als falsches Signal?
„Die Verkürzung der Arbeitszeit ist kein wirksames Mittel zur Gesundheitsförderung von Mitarbeitern – angesichts des demografischen Wandels ist es sogar das falsche Signal. Um unseren Wohlstand zu sichern, müssen wir längere Arbeitszeiten wieder attraktiver machen“, erklärte IW-Expertin Andrea Hammermann im März 2025. Stattdessen sind flexible Arbeitsmodelle wichtig, die private Bedürfnisse besser berücksichtigen und den Mitarbeitenden mehr Freiraum bieten.
Die Expertin sagte: „Die Analyse zeigt, dass vor allem Führungskräfte und Experten mehr als 48 Wochenstunden arbeiten. Sie haben größere Handlungsspielräume bei der Arbeitsgestaltung oder gehören zu Berufsgruppen mit Bereitschaftsdiensten. Jeder dritte Beschäftigte mit überlangen Arbeitszeiten macht die Überstunden hauptsächlich aus persönlichen Gründen, wie zum Beispiel weil die Arbeit Spaß macht oder man beruflich vorankommen und mehr verdienen möchte.“
Überstunden bei Führungskräften
Die Analyse zeigt, dass vor allem Führungskräfte, Experten und bestimmte Berufsgruppen, wie im Sicherheitsbereich, häufig überlange Arbeitszeiten haben. Mehr als ein Drittel derjenigen mit langen Arbeitszeiten nennt persönliche Gründe wie Spaß an der Arbeit oder Karriereziele. Dennoch sind bei diesen Beschäftigten oft körperliche und emotionale Erschöpfung zu beobachten. Bei Teilzeit- und Vollzeitkräften mit üblicher Arbeitszeit gibt es keine großen Unterschiede. Gute Arbeitsbedingungen und mehr Handlungsspielraum können helfen, emotionale Erschöpfung zu verringern, während körperliche Erschöpfung stärker von der Arbeitszeit abhängt.
Auswirkungen einer Vier-Tage-Woche untersucht
Die Auswirkungen der Vier-Tage-Woche wurden bisher vor allem in kleinen Pilotprojekten untersucht. Eine Studie aus Island zeigte, dass kürzere Arbeitszeiten die Produktivität steigern können. Um mehr darüber zu erfahren, führt das Unternehmen Intraprenör zusammen mit der Universität Münster eine Studie durch, an der 45 deutsche Unternehmen teilnehmen.
Ziel der Studie ist es, die Auswirkungen auf Produktivität und Mitarbeitende zu untersuchen. Zudem hoffen die Unternehmen, durch die Vier-Tage-Woche Fachkräfte zu gewinnen, besonders in Bereichen wie der Informations- und Telekommunikationsbranche, wo der Wettbewerb groß ist.
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