Autoindustrie streicht Stellen: So gelingt Ingenieuren trotzdem der Berufseinstieg
Weniger Stellen, mehr Konkurrenz: Der Einstieg in die Autoindustrie ist schwieriger geworden. Mit welcher Strategie Ingenieure ihre Chancen trotzdem erhöhen.
Der Weg in die Autoindustrie ist schwieriger geworden: Studierende müssen ihre Karriereplanung heute breiter aufstellen.
Foto: Smarterpix/Gorodenkoff
Die Automobilindustrie bleibt einer der wichtigsten Arbeitgeber für Ingenieurinnen und Ingenieure in Deutschland. Der Einstieg in die Branche ist jedoch deutlich schwieriger geworden. Ende des dritten Quartals 2025 beschäftigte die deutsche Automobilindustrie noch 721.400 Menschen. Das waren 48.700 beziehungsweise 6,3 % weniger als ein Jahr zuvor. Einen niedrigeren Beschäftigungsstand hatte die Branche zuletzt 2011 verzeichnet.
Noch stärker fällt der Rückgang bei den Stellenanzeigen aus. Das trifft besonders Studierende und Absolventinnen und Absolventen: Während etablierte Beschäftigte zunächst im Unternehmen bleiben können, sind Berufseinsteigende unmittelbar von Einstellungsstopps, gestrichenen Nachwuchsprogrammen und nicht nachbesetzten Stellen betroffen.
Inhaltsverzeichnis
- Der Einbruch auf dem Stellenmarkt ist messbar
- Warum Berufseinsteigende besonders betroffen sind
- Ingenieurmangel und steigende Arbeitslosigkeit – wie passt das zusammen?
- Der Bedarf verschiebt sich – und schrumpft zugleich
- Fachwissen bleibt wichtig – muss aber anschlussfähig sein
- Nicht nur nach Branchen, sondern nach Aufgaben suchen
- Die Studienentscheidung war kein Fehler
- Was Berufseinsteigende jetzt konkret tun können
- Der Berufseinstieg bleibt schwierig
Der Einbruch auf dem Stellenmarkt ist messbar
Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass der Stellenabbau längst nicht mehr auf einzelne Hersteller oder Zulieferer beschränkt ist. Von den 721.400 Beschäftigten arbeiteten Ende des dritten Quartals 2025 rund 446.800 bei Kraftwagen- und Motorenherstellern. Gegenüber dem Vorjahr sank ihre Zahl um 3,8 %. Bei Herstellern von Karosserien, Aufbauten und Anhängern ging die Beschäftigung um 4,0 % zurück.
Die Beschäftigtenstatistik bildet den Wandel allerdings nur verzögert ab. Unternehmen können ihre Belegschaften zunächst reduzieren, indem sie frei werdende Stellen nicht nachbesetzen. Auf dem Stellenmarkt wird die Zurückhaltung deshalb oft früher und deutlicher sichtbar.
Eine gemeinsame Auswertung des ifo Instituts und der Jobplattform Indeed untersuchte rund 1,7 Mio. Stellenanzeigen von etwa 2.400 Unternehmen. Demnach war die Zahl der offenen Stellen in der deutschen Automobilindustrie im Juni 2025 rund zwei Drittel niedriger als beim Höchststand im August 2023. Bei den Zulieferern lag sie sogar 82 % unter dem Niveau vom Mai 2019.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die Bertelsmann Stiftung. Sie wertete mehr als 1,6 Mio. Online-Stellenanzeigen aus den Jahren 2019 bis 2024 aus. In den untersuchten Bereichen der Automobilproduktion sank der Stellenindex zwischen 2022 und 2024 um rund 28 %. Allein von 2023 auf 2024 betrug das Minus etwa 23 %.
Warum Berufseinsteigende besonders betroffen sind
Für Unternehmen ist es einfacher, Neueinstellungen auszusetzen, als bestehende Beschäftigungsverhältnisse kurzfristig abzubauen. Wer bereits im Unternehmen arbeitet, kann intern versetzt, weiterqualifiziert oder in andere Projekte übernommen werden. Diese Möglichkeit haben Absolventinnen und Absolventen nicht.
Gleichzeitig verschärft sich die Konkurrenz. Auf dieselben Stellen bewerben sich zunehmend Ingenieurinnen und Ingenieure, die bereits mehrere Jahre Berufserfahrung mitbringen und durch Umstrukturierungen oder Standortschließungen auf den Arbeitsmarkt kommen. Unternehmen können daher anspruchsvoller auswählen und bevorzugen häufig Kandidatinnen und Kandidaten, die ohne längere Einarbeitung eingesetzt werden können.
Für Absolventinnen und Absolventen entsteht daraus ein strukturelles Problem: Ihnen fehlt Berufserfahrung, sie können diese aber ohne erste Stelle kaum erwerben. Praktika, Werkstudententätigkeiten und praxisnahe Abschlussarbeiten werden damit wichtiger. Allerdings hängen auch diese Angebote von den Entwicklungsbudgets und der Personalplanung der Unternehmen ab.
Ingenieurmangel und steigende Arbeitslosigkeit – wie passt das zusammen?
Von einem flächendeckenden Ingenieurmangel kann derzeit keine Rede sein. Im Jahresdurchschnitt 2025 waren 48.000 Ingenieurinnen und Ingenieure arbeitslos gemeldet. Das waren 20 % mehr als im Vorjahr. Die berufsspezifische Arbeitslosenquote stieg von 3,5 auf 4,2 %.
Gleichzeitig sank der Bestand der bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Ingenieurstellen. Nach einem Rückgang um 15 % im Jahr 2024 ging die Zahl 2025 um weitere 17 % auf 18.000 zurück. Besonders stark sanken die Stellenmeldungen in der Mechatronik, Energie- und Elektrotechnik sowie im Maschinen- und Fahrzeugbau.
Die Lage unterscheidet sich allerdings deutlich nach Fachrichtung:
| Ingenieurbereich | Arbeitslosenquote 2025 |
| Technische Forschung | 1,7 % |
| Maschinen- und Fahrzeugtechnik | 3,8 % |
| Produktionssteuerung und Konstruktion | 4,0 % |
| Ingenieurberufe insgesamt | 4,2 % |
| Bau, Architektur, Vermessung und Gebäudetechnik | 4,2 % |
| Mechatronik, Energie- und Elektrotechnik | 5,0 % |
| Technischer Vertrieb | 9,4 % |
Besetzungsprobleme sieht die Bundesagentur für Arbeit derzeit vor allem in der Bauleitung, im Tiefbau, in der Gebäudetechnik sowie in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. In anderen Bereichen gibt es zwar weiterhin offene Stellen, aber keinen generellen Mangel an geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern.
Der häufig verwendete Begriff „Ingenieurmangel“ verdeckt damit große Unterschiede. Ein Unternehmen kann dringend Spezialisten für eine bestimmte Software, ein Zulassungsverfahren oder eine technische Anlage suchen und gleichzeitig die Gesamtzahl seiner Beschäftigten reduzieren.
Der Bedarf verschiebt sich – und schrumpft zugleich
Die Transformation der Automobilindustrie verändert die gesuchten Qualifikationen. Daraus folgt jedoch nicht, dass jeder wegfallende Arbeitsplatz in der klassischen Fahrzeugentwicklung durch eine neue Stelle in der Elektromobilität oder Softwareentwicklung ersetzt wird.
Auch Unternehmen mit einem starken Fokus auf Elektromobilität haben ihre Stellenausschreibungen reduziert. Im Juni 2025 boten sie zwar noch knapp 20 % mehr Stellen an als stärker auf Verbrennungsmotoren ausgerichtete Unternehmen. Ende 2023 war der Abstand jedoch wesentlich größer. Der Strukturwandel schafft somit neue Aufgaben, findet aber in einem insgesamt schrumpfenden Stellenmarkt statt.
Hinzu kommt, dass nicht alle neuen Kompetenzen innerhalb der klassischen Automobilunternehmen aufgebaut werden. Software, Batterietechnik, Halbleiter oder Cloud-Dienste können von spezialisierten Zulieferern und Technologieunternehmen kommen. Manche Tätigkeiten entstehen zudem außerhalb Deutschlands oder werden konzernintern an wenige Standorte gebündelt.
Für Berufseinsteigende bedeutet das: Es reicht nicht, lediglich den Schwerpunkt vom Verbrennungsmotor auf das Elektroauto zu verlagern. Entscheidend ist, welche konkrete Funktion sie übernehmen können.
Fachwissen bleibt wichtig – muss aber anschlussfähig sein
Ein Maschinenbau-, Elektrotechnik- oder Fahrzeugtechnikstudium ist keineswegs wertlos geworden. Mechanik, Werkstoffkunde, Thermodynamik, Regelungstechnik und Fertigungsverfahren bleiben wichtige Grundlagen. Gefragt sind jedoch häufiger Profile, die klassische Ingenieurkenntnisse mit digitalen Methoden und Systemverständnis verbinden.
Die Bertelsmann-Auswertung zeigt unter anderem eine wachsende Bedeutung von Softwareentwicklung, Datenbanken, künstlicher Intelligenz, Qualitätsmanagement und Anforderungsmanagement. Bei Stellen für technische Produktionsplanung und -steuerung nahm beispielsweise die Nachfrage nach Kenntnissen der Requirements-Management-Software DOORS stark zu.
Interessant sind daher weniger einzelne Schlagwörter als belastbare Kombinationen:
- Konstruktion und Simulation,
- Regelungstechnik und Embedded Software,
- Fertigungstechnik und Automatisierung,
- Elektrotechnik und Leistungselektronik,
- Produktentwicklung und Systems Engineering,
- Qualitätsmanagement und funktionale Sicherheit,
- Versuchstechnik und Datenanalyse.
Ein kurzer KI-Kurs ersetzt dabei weder ein Ingenieurstudium noch praktische Projekterfahrung. Entscheidend ist, ob Bewerberinnen und Bewerber zeigen können, wie sie ein technisches Problem mithilfe der jeweiligen Methode gelöst haben.
Nicht nur nach Branchen, sondern nach Aufgaben suchen
Wer ausschließlich nach Stellen bei VW, Mercedes-Benz, BMW oder deren direkten Zulieferern sucht, beschränkt den eigenen Markt unnötig. Sinnvoller ist es, nach Funktionen und Technologien zu suchen, die in mehreren Industriezweigen vorkommen.
Kenntnisse in Simulation, Sensorik, Regelungstechnik oder Produktionsautomatisierung werden nicht nur im Fahrzeugbau benötigt. Vergleichbare Aufgaben gibt es beispielsweise in der Bahnindustrie, im Maschinen- und Anlagenbau, in der Energietechnik, der Luft- und Raumfahrt, der Medizintechnik oder bei Herstellern automatisierter Produktionssysteme.
Ein Wechsel ist trotzdem nicht reibungslos. Branchen unterscheiden sich durch eigene Normen, Zulassungsverfahren, Entwicklungswerkzeuge und Sicherheitsanforderungen. Wer etwa aus der Fahrzeugtechnik in die Bahntechnik oder Medizintechnik wechseln möchte, muss deshalb gezielt nacharbeiten. Das technische Grundwissen lässt sich übertragen, die branchenspezifische Erfahrung nicht automatisch.
Die Studienentscheidung war kein Fehler
Den heutigen Absolventinnen und Absolventen lässt sich kaum vorwerfen, die Entwicklung falsch eingeschätzt zu haben. Ein Bachelorstudium beginnt meist drei bis vier Jahre vor dem Berufseinstieg. Damals signalisierten die Unternehmen noch einen enormen Bedarf an neuen Technologien und Fachkräften.
Volkswagen kündigte im März 2023 beispielsweise Investitionen von insgesamt 180 Mrd. € für die Jahre 2023 bis 2027 an. Davon sollten 68 % – rechnerisch rund 122 Mrd. € – in Elektrifizierung und Digitalisierung fließen. Für Studierende der Elektrotechnik, Fahrzeugtechnik, Informatik oder des Maschinenbaus wirkte das wie ein langfristiges Einstellungsversprechen.
Investitionsprogramme und Personalbedarf entwickeln sich jedoch nicht zwangsläufig parallel. Ein hoher Kapitaleinsatz kann in neue Fabriken, Maschinen, Softwareplattformen oder Unternehmensbeteiligungen fließen, ohne dass die Zahl der Arbeitsplätze im gleichen Verhältnis steigt.
Was Berufseinsteigende jetzt konkret tun können
Die Lage ist schwieriger geworden, aber nicht aussichtslos. Allgemeine Appelle zu mehr Flexibilität helfen allerdings wenig. Nötig ist eine gezielte Strategie.
1. Die Suche nach Tätigkeiten ausrichten
Nicht nur nach „Fahrzeugtechnik“ oder „Automobilindustrie“ suchen. Begriffe wie Systems Engineering, Simulation, Testautomatisierung, Leistungselektronik, Produktionsplanung oder Requirements Engineering führen auch zu Stellen in anderen Branchen.
2. Praktische Nachweise schaffen
Eigene Entwicklungsprojekte, studentische Teams, Open-Source-Beiträge, Versuchsaufbauten oder nachvollziehbare Simulationen sind wertvoller als eine lange Liste oberflächlicher Zertifikate. Bewerberinnen und Bewerber sollten konkret erklären können, welchen Beitrag sie geleistet haben.
3. Mittelständler und Ingenieurdienstleister einbeziehen
Der erste Arbeitgeber muss kein großer Konzern sein. Kleinere Unternehmen bieten häufig breitere Aufgabenbereiche und früher eigene Verantwortung. Entscheidend ist, ob die Stelle relevante technische Erfahrung vermittelt.
4. Die Abschlussarbeit strategisch wählen
Eine Abschlussarbeit sollte nicht allein auf einen bekannten Unternehmensnamen ausgerichtet sein. Attraktiv sind Themen, die auch außerhalb der Automobilindustrie verwertbare Methoden vermitteln – etwa Simulation, Automatisierung, Datenanalyse oder Systementwicklung.
5. Den ersten Job nach Lernwert beurteilen
Eine Einstiegsstelle muss nicht dauerhaft der gewünschte Arbeitsplatz sein. Sie sollte aber Kompetenzen vermitteln, die auch beim nächsten Wechsel gefragt sind. Eine fachlich anspruchsvolle Position bei einem weniger bekannten Arbeitgeber kann langfristig wertvoller sein als eine randständige Tätigkeit bei einem großen Konzern.
Der Berufseinstieg bleibt schwierig
Die Automobilindustrie wird auch künftig viele Ingenieurinnen und Ingenieure beschäftigen. Das frühere Versprechen, mit einem passenden Abschluss nahezu automatisch bei einem Hersteller oder Zulieferer unterzukommen, gilt jedoch nicht mehr.
Der Stellenmarkt ist geschrumpft, die Konkurrenz ist größer und die Unternehmen können stärker auswählen. Gute Chancen bestehen vor allem für Bewerberinnen und Bewerber, die ein klar erkennbares technisches Profil, praktische Erfahrung und übertragbare Kompetenzen mitbringen. Branchenoffenheit allein reicht nicht. Entscheidend ist, welche Probleme jemand lösen kann – und wie belastbar er oder sie das nachweist.
Quellen:
- Statistisches Bundesamt: Stellenabbau in der Automobilindustrie – 48.700 Beschäftigte weniger, 20. November 2025.
- Bundesagentur für Arbeit: Blickpunkt Arbeitsmarkt – Ingenieurberufe 2025, Stand 2026.
- Bundesagentur für Arbeit: Online-Bericht zu akademischen Berufsgruppen, Stand 2026.
- ifo Institut: Jobangebote in der Elektromobilität deutlich zurückgegangen, 8. September 2025.
- Bertelsmann Stiftung: Weniger Jobs, neue Anforderungen – so verändert sich die Automobilindustrie, 9. Dezember 2025.
- Bertelsmann Stiftung: Kompetenzentwicklung in der Automobilbranche – vollständige Studie, Dezember 2025.
- Volkswagen Group: Investitionsplanung für die Jahre 2023 bis 2027, 14. März 2023.
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