
Eine neue Fabrik in Florida soll jährlich Bauteile für 6000 Wohnungen liefern. Das US-Unternehmen RENCO setzt dafür auf glasfaserverstärkte Kunststoffsteine, die sich ähnlich wie Lego zusammensetzen lassen. Bei bestimmten Trägern verspricht die Technik 62 % weniger Treibhausgasemissionen als Stahlbeton. Die zugrunde liegende Studie zeigt aber auch: Manche Betonsteine schneiden besser ab.
Elf Arbeiter, Gummihämmer und Klebepistolen: Damit ließ RENCO in Florida die Tragkonstruktionen von vier dreigeschossigen Wohngebäuden montieren. Für jedes Gebäude benötigte die Mannschaft nach Herstellerangaben rund acht Wochen. Insgesamt entstanden 96 Wohnungen. Beton wurde weiterhin gebraucht, allerdings nicht für die üblichen gemauerten oder gegossenen Tragwände.
Im Oktober 2026 meldete RENCO die Eröffnung einer automatisierten Fabrik in Jupiter, Florida. Pressmaschinen und Roboter sollen dort genügend Bauteile produzieren, um jährlich rund 6.000 Wohnungen damit auszustatten. Das US-Magazin TIME nahm das Bausystem außerdem in seine Liste der besten Erfindungen des Jahres 2026 auf.
Inhaltsverzeichnis
- Bauen mit Steinen aus Kunststoff und Mineralien
- Neue Fabrik soll den Wohnungsbau beschleunigen
- Elf Arbeiter, acht Wochen für die Tragkonstruktion
- Sind Kunststoffsteine klimafreundlicher als Beton?
- Warum die Verbundträger besser abschneiden
- Umweltdeklaration bestätigt die Materialdaten
- Halten die Häuser auch Hurrikans stand?
- Was passiert beim Abriss mit den Verbundsteinen?
Bauen mit Steinen aus Kunststoff und Mineralien
Die RENCO-Steine erinnern an überdimensionierte Lego-Bausteine. Sie besitzen ineinandergreifende Profile und lassen sich nach einem Montageplan zusammensetzen. Anschließend werden die Verbindungen verklebt. Mörtel brauchen die Arbeiter dafür nicht.
Der Baustoff heißt Mineral Composite Fiber Reinforced (MCFR). Er besteht aus Kunstharz, Glasfasern und mineralischen Füllstoffen. Eine Untersuchung des Beratungsunternehmens BAS Carbon aus dem Jahr 2022 nennt für die Wandsteine folgende Zusammensetzung:
- 20 bis 25 % recyceltes PET-Harz
- 30 bis 40 % Calciumcarbonat
- 15 bis 25 % Glasfasern
- 10 bis 20 % Aluminiumhydroxid
- weniger als 5 % weitere Bestandteile
PET ist unter anderem als Material für Getränkeflaschen bekannt. Calciumcarbonat kommt beispielsweise in Kalkstein vor. Aluminiumhydroxid wird in glasfaserverstärkten Kunststoffen häufig eingesetzt, um das Brandverhalten zu verbessern.
RENCO stellt aus dem Verbundwerkstoff nicht nur Wandsteine her, sondern auch Träger, Stürze sowie Elemente für Decken und Dächer. Für längliche Tragprofile verwendet das Unternehmen eine andere Materialmischung mit höherem Glasfaseranteil.
Die Bauteile werden mit einem Klebstoff auf Methacrylatbasis verbunden. Die ineinandergreifenden Profile erleichtern das Zusammenfügen. Welche Belastungen die fertige Konstruktion aufnehmen kann, hängt von den Bauteilen selbst, ihren Verbindungen und der statischen Bemessung ab.
Neue Fabrik soll den Wohnungsbau beschleunigen
In der neuen Fabrik in Jupiter übernehmen Pressformmaschinen, Roboterarme und sogenannte Pultrusionsanlagen die Fertigung.
Bei der Pultrusion werden mit Kunstharz getränkte Glasfasern durch ein Formwerkzeug gezogen. Dabei entstehen lange Profile mit gleichbleibendem Querschnitt. Andere Bauteile werden in Presswerkzeugen geformt.
Die Komponenten gelangen anschließend als aufeinander abgestimmtes Bausystem auf die Baustelle. RENCO-Geschäftsführer Patrick Murphy erklärte dazu in einer Pressemitteilung vom 16. Oktober 2026 (aus dem Englischen übersetzt):
„Wir vereinfachen das Bauen mit einem vollständigen System, das montagefertig auf die Baustelle geliefert wird.“
Die Produktionskapazität von 6000 Wohnungen pro Jahr war bereits 2024 angekündigt worden. Mit der jetzt eröffneten Fabrik will RENCO die zuvor in kleinerem Maßstab eingesetzte Bauweise in die Serienproduktion bringen.
Auch in Deutschland wird an industriellen Verfahren gearbeitet, die weniger Material benötigen. Bei der C-Factory in Sachsen soll beispielsweise Carbonbeton automatisiert hergestellt werden. Dort ermöglichen nichtmetallische Bewehrungen schlankere Bauteile mit geringerem Betonbedarf.

Elf Arbeiter, acht Wochen für die Tragkonstruktion
Die ersten amerikanischen Wohngebäude mit RENCO-Bauteilen entstanden 2023 in Palm Springs, Florida. Das Projekt Lakewood Village umfasst vier dreigeschossige Häuser mit insgesamt 96 Wohnungen.
Das Fachmagazin Engineering News-Record berichtete damals über die Montage. Die Arbeiter erhielten farbcodierte Pläne und passend gekennzeichnete Bauteile. Mit Gummihämmern wurden die Steine eingepasst, anschließend mit Klebepistolen verbunden.
Für die Montage der Verbundkonstruktion eines Gebäudes benötigte die elfköpfige Mannschaft nach Angaben von RENCO rund acht Wochen. Das entsprach allerdings nicht der gesamten Bauzeit.
An der Herstellung und Montage der Deckenkonstruktionen waren unter anderem der Baustoffkonzern Cemex und ein Betonbauunternehmen beteiligt. Auch Fundamente und weitere Bauteile wurden konventionell ausgeführt.
RENCO beziffert die Kosten- und Zeitersparnis gegenüber einer herkömmlichen Betonbauweise für Hurrikangebiete auf jeweils rund 20 %. Diese Zahlen stammen aus dem Referenzprojekt und sind keine allgemein gültigen Einsparwerte.
Sind Kunststoffsteine klimafreundlicher als Beton?
RENCO bewirbt seine Verbundsteine auch als Alternative mit geringeren Treibhausgasemissionen. Eine Untersuchung von BAS Carbon aus dem Mai 2022 liefert dazu konkrete Zahlen.
Für die Herstellung der RENCO-Wandsteine berechneten die Fachleute 242 kg CO₂-Äquivalente pro Kubikmeter. Ein als Referenz gewählter Betonmauerstein kommt auf 370 kg. Das entspricht einer Einsparung von rund 35 %.
Allerdings enthält die Untersuchung auch Betonsteine, die deutlich günstiger abschneiden. Zwei der verglichenen Produkte verursachen beispielsweise nur 173 beziehungsweise 204 kg CO₂-Äquivalente pro Kubikmeter. Sie liegen damit unter dem RENCO-Wert.
Die Klimabilanz hängt also erheblich davon ab, welcher Betonstein als Vergleich dient. Außerdem beziehen sich die Zahlen auf gleiche Bauteilvolumina, nicht auf vollständige Wände mit identischer Tragfähigkeit und denselben Anforderungen an Wärme-, Schall- und Brandschutz.
Warum die Verbundträger besser abschneiden
Deutlich größere Unterschiede ermittelte BAS Carbon bei tragenden Profilen. Dafür untersuchten die Fachleute einen rund 6,10 m langen RENCO-Hohlträger und verglichen ihn mit Konstruktionen aus Stahlbeton und Stahl.
Die Abmessungen wurden unter der Annahme vergleichbarer Tragfähigkeitsanforderungen gewählt.
| Bauteil | Emissionen bei der Herstellung |
| RENCO-Verbundträger | 20,02 kg CO₂-Äq. |
| Stahlbetonträger | 53,9 kg CO₂-Äq. |
| Stahlträger | 111,04 kg CO₂-Äq. |
Der RENCO-Träger verursacht in diesem Vergleich rund 62 % weniger Treibhausgasemissionen als Stahlbeton und 82 % weniger als Stahl.
Der Grund dafür ist das Gewicht. Der Verbundträger bringt gerade einmal rund 10 kg auf die Waage. Der Stahlbetonträger wiegt rund 416 kg, das Stahlprofil etwa 91 kg.
Dabei verursacht die Herstellung eines Kilogramms RENCO-Verbundwerkstoff deutlich mehr Treibhausgase als die eines Kilogramms Beton. Weil für die angenommene Tragaufgabe aber erheblich weniger Material benötigt wird, fällt die Bilanz des kompletten Trägers günstiger aus.
Die Berechnung berücksichtigt die angenommenen Tragfähigkeiten. Eine vollständige Gegenüberstellung von Durchbiegung, Brandverhalten, Langzeitverformung und Anschlüssen enthält die Untersuchung nicht. Die Einsparungen gelten deshalb für die betrachteten Träger, nicht pauschal für jedes Gebäude aus dem Verbundmaterial.
Umweltdeklaration bestätigt die Materialdaten
Für die RENCO-Wandsteine wurde bereits 2021 eine Umweltproduktdeklaration veröffentlicht. Diese sogenannte Environmental Product Declaration (EPD) wurde von ASTM International herausgegeben und nach ISO 14025 und ISO 21930 extern verifiziert.
Für die damalige Herstellung nennt das Dokument rund 0,994 kg CO₂-Äquivalente pro Kilogramm RENCO-Stein. Die Daten stammen aus der Produktion in der Türkei und umfassen die Rohstoffgewinnung, die Anlieferung der Ausgangsstoffe und die Herstellung.
Die Deklaration war bis zum 1. September 2026 gültig. Sie dokumentiert die damalige Klimabilanz des Baustoffs, nicht die Umweltwirkungen der neuen Fabrik in Florida.
Auch die späteren Vergleiche von BAS Carbon mit Stahlbeton und Stahl sind keine vollständigen Gebäudeökobilanzen. Transport der fertigen Bauteile, Montage, Gebäudenutzung und Rückbau gehören nicht zu den untersuchten Phasen.

Halten die Häuser auch Hurrikans stand?
RENCO wirbt damit, dass die Gebäude für die hohen Windbelastungen in Hurrikangebieten ausgelegt werden können.
Für das Bausystem existiert ein technischer Evaluierungsbericht der US-Organisation IAPMO. Darin sind unter anderem die mechanischen Eigenschaften und zulässigen Belastungen bestimmter Wandkonstruktionen beschrieben.
Für Wände mit einer Höhe von bis zu 3,05 m nennt der Bericht beispielsweise eine zulässige vertikale Linienlast von rund 68 kN pro Meter Wandlänge. Auch die Verbindungen und ihre Beanspruchbarkeit werden behandelt.
Die Tragfähigkeit eines Gebäudes hängt allerdings nicht allein von den Wandsteinen ab. Anschlüsse, Deckenkonstruktionen und Fundamente müssen die auftretenden Lasten ebenfalls sicher übertragen. Dafür braucht jedes Bauvorhaben eine passende statische Bemessung.
Was passiert beim Abriss mit den Verbundsteinen?
RENCO verwendet für seine Wandsteine teilweise recyceltes PET. Auch bei der Montage kann Material eingespart werden: Die Elemente werden passend zum Bauplan hergestellt, sodass auf der Baustelle weniger zugeschnitten werden muss.
Beim ersten amerikanischen Wohnprojekt wurden überschüssige Verbundmaterialien nach Angaben des Bauteams an den Hersteller zurückgegeben und für die weitere Produktion genutzt.
Bei einem späteren Gebäudeabriss entsteht allerdings ein anderes Problem. Die Steine sind dauerhaft miteinander verklebt. Einzelne Bauteile lassen sich deshalb nicht einfach auseinandernehmen und an anderer Stelle erneut einsetzen.
Für glasfaserverstärkte Kunststoffe existieren verschiedene Recyclingverfahren. Die Rückgewinnung der einzelnen Bestandteile ist jedoch technisch aufwendiger als beispielsweise das Einschmelzen von Stahl.
Gerade das gewinnt im Bauwesen an Bedeutung. In Deutschland werden große Mengen mineralischer Baustoffe nach ihrer Nutzung nicht wieder als gleichwertige Bauprodukte eingesetzt. Neun Verbände fordern deshalb bessere Rahmenbedingungen für die Kreislaufwirtschaft im Bau.
RENCO hat mit seinen ersten Wohngebäuden gezeigt, dass sich mehrgeschossige Tragkonstruktionen aus verklebten Verbundsteinen errichten lassen. Die neue Fabrik soll nun die Produktion erheblich steigern.
Für den Klimaschutz ist vor allem das geringe Gewicht interessant. Bei den untersuchten Trägern führt es zu einer günstigeren Herstellungsbilanz, bei den Wandsteinen kommt es dagegen auf das Vergleichsprodukt an. Wie umweltfreundlich ein vollständiges RENCO-Haus über seine gesamte Lebensdauer ist, entscheidet sich auch beim späteren Rückbau und der Wiederverwertung der Materialien.
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