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XXL-Windenergie 16.09.2026, 14:30 Uhr

In 24 Stunden auf 365 m: Die Lausitz baut das höchste Windrad der Welt

In Schipkau soll am Sonntag der Innenturm des Gicon-Höhenwindturms in nur 24 Stunden nach oben fahren. Danach ist die Anlage 365 m hoch, nur 3 m niedriger als der Berliner Fernsehturm und damit das zweithöchste Bauwerk Deutschlands. Ob der Hub dann startet, entscheidet das Wetter.

Außenturmsegment am Haken

Außenturmsegment am Haken: Mit fünf Segmenten ist der Außenturm in Schipkau knapp 160 m hoch, der Innenturm soll ihn ab Sonntag auf 365 m bringen.

Foto: picture alliance/imageBROKER | Sylvio Dittrich

Der Berliner Fernsehturm misst 368 m. Ab Sonntag ist er damit womöglich nur noch ganz knapp das höchste Bauwerk in Deutschland. In Schipkau in der Lausitz will das Dresdner Ingenieurgruppe Gicon dann den Innenturm seines Höhenwindturms auf die Endhöhe fahren. Am Ende soll die Anlage 365 m messen. Kein Windrad der Welt reicht bislang so hoch.

Laut einer Gicon-Meldung vom 15. September sind die Bauarbeiten fast abgeschlossen. Bis Ende der Woche sollen alle Großkomponenten montiert sein. Ab Samstag, 19. September, kann die sogenannte Teleskopierung beginnen. Geplant ist der Start am Sonntag, den 20. September.

Der Termin steht ausdrücklich unter Vorbehalt, weil Wind und Wetter über den Start entscheiden. „Sicherheit geht vor Geschwindigkeit“, schreibt das Unternehmen. Warum Gicon so hoch hinaus will und was die Anlage bringen soll.

Höhenwindturm in Schipkau: Die Fakten zum Projekt

Der Turm steht auf der Hochkippe eines früheren Tagebaus bei Schipkau im Landkreis Oberspreewald-Lausitz, mitten in einer Region, die schon heute von Wind- und Solarparks geprägt ist. Gebaut wird die Anlage von der Dresdner Ingenieurgruppe Gicon.

Die Idee geht auf den Leipziger Ingenieur Horst Bendix und Gicon-Gründer Jochen Großmann zurück. Die Bundesagentur für Sprunginnovationen Sprind fördert das Vorhaben seit 2020; seit 2025 über ihre Tochter Beventum als Auftraggeberin.

Die wichtigsten Eckdaten:

  • Gesamthöhe 365 m, Nabenhöhe 300 m; der Berliner Fernsehturm ist mit 368 m nur 3 m höher
  • Stahlgitterbauweise mit festem Außenturm und teleskopierbarem Innenturm
  • Außenturm aus fünf Segmenten, nach Gicon-Angaben knapp 160 m hoch; das vierte Segment wog rund 185 t und wurde in etwa vier Stunden auf 120 m Höhe gesetzt
  • Baubeginn September 2024, Winterpause wegen fehlerhafter Stahlteile eines Subunternehmers, Wiederaufnahme am 2. März 2026 (laut Gicon-Website)
  • Turbine: 3,8-MW-Anlage von Vensys mit 126 m Rotordurchmesser, Ertrag laut Gicon mindestens rund 18 GWh pro Jahr. Das wäre genug für etwa 6000 Haushalte.
  • Über 2000 t Stahl und 22.000 Einzelteile im Gittermast (Gicon)

Zur den Baukosten macht Gicon bislang keine Angaben.

Zum Vergleich: Die höchsten Onshore-Anlagen in Deutschland kommen heute auf rund 250 m Gesamthöhe, etwa der Hybridturm von Max Bögl in Gaildorf mit 246,5 m. Schipkau legt also gut 100 m obendrauf.

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Dieses Video zeigt die Montage des vierten Außenturmsegments des Gicon-Höhenwindturms im Sommer 2026. Quelle: Gicon via YouTube

Wie der Hub ablaufen soll

Dass der Turm überhaupt so hoch wird, liegt an einer Besonderheit bei der Montage. Kein Kran könnte heute ein Maschinenhaus auf 300 m Höhe heben. Gicon hat deshalb einen zweiteiligen Turm entworfen:

  • Der Außenturm ist ein breites, offenes Stahlfachwerk und dient als Stützgerüst.
  • In ihm steckt der schlankere Innenturm, auf dem die Turbine in gut erreichbarer Höhe montiert wird.

Anschließend fährt der Innenturm samt Turbine nach oben. Gicon bezeichnet die Lösung als Weltneuheit. Für den Hub kommt ein Litzenhubsystem zum Einsatz. Dabei ziehen hydraulische Pressen Bündel aus Stahllitzen schrittweise durch, eine Technik, die im Brückenbau und bei Schwerlasthüben seit Jahrzehnten üblich ist. Neu ist der Einsatz an einem Windturm. Die Geschwindigkeit liegt bei rund 9 m pro Stunde. Ist die Endposition erreicht, muss der Innenturm im Außenturm fixiert werden. Für den gesamten Prozess plant Gicon rund 24 Stunden.

Der Zeitplan hängt indes vom Wetter ab. Gicon will den tatsächlichen Start etwa 48 Stunden vorher bekanntgeben. Wie weit der Innenturm bei diesem Hub genau fährt, nennt das Unternehmen nicht. Rechnet man mit den bekannten Höhen von Außenturm und Nabe, sind es grob 130 bis 140 m.

Außenturmsegment am Haken
Außenturmsegment am Haken: Mit fünf Segmenten ist der Außenturm in Schipkau knapp 160 m hoch, der Innenturm soll ihn ab Sonntag auf 365 m bringen. Foto: picture alliance/imageBROKER | Sylvio Dittrich

Warum Gicon so hoch hinaus will

Gicon forscht seit mehr als zehn Jahren an der Nutzung von Höhenwind. Bevor der Turm gebaut wurde, stand in Schipkau ein Messmast. Er sollte klären, wie sich Windgeschwindigkeit, Luftdruck und Temperatur in großen Höhen verhalten. Nach Angaben von Gicon bestätigten die Messungen, dass der Wind in 300 m Höhe stärker und gleichmäßiger weht als in den Luftschichten, die heutige Anlagen nutzen.

Daraus leitet das Unternehmen zwei Vorteile ab.

  1. Mehr Ertrag: Auf seiner Projektseite nennt Gicon eine mögliche Leistungssteigerung von bis zu 220 % gegenüber herkömmlichen Anlagen. Unabhängige Messdaten dazu gibt es noch nicht.
  2. Bessere Planbarkeit: Stetigerer Wind bedeutet weniger Flauten und damit eine gleichmäßigere Einspeisung.

Hybridkraftwerke aus PV und Wind

Hinzu kommt, dass der Ausbau keine neuen Flächen in Anspruch nimmt. Er steht in einem bestehenden Windpark und nutzt den Wind über den vorhandenen Anlagen, der bisher ungenutzt bleibt. Neue Windparks scheitern heute oft an notwendigen Abständen, Naturschutz, Akzeptanz der Bevölkerung und fehlenden Netzanschlüssen; ein zweites Stockwerk über alten Parks umgeht das. Gicon will deshalb bestehende Windparks um eine zweite Ebene erweitern: Höhenwind über den heutigen Anlagen, Photovoltaik am Boden.

Das Unternehmen spricht von einem Hybridkraftwerk, das im Vergleich zur reinen Solarnutzung deutlich mehr und gleichmäßiger Strom liefern soll. Der Preis dafür ist ein Bauwerk aus über 2000 t Stahl, deren Kosten und Wartungsaufwand Gicon bislang nicht beziffert.

Nach dem Rekord beginnt der Test

Mit dem Hub am Wochenende wäre der Turm fertig, aber noch nicht bewährt. Erst der Betrieb zeigt, wie viel Strom die Anlage in 300 m Höhe tatsächlich liefert, wie oft sie verfügbar ist und was die Wartung in der luftigen Höhe kostet. Die Inbetriebnahme war zuletzt für Ende 2026 angekündigt.

Die Ingenieure denken aber schon weiter. Bei einer Serienfertigung sieht das Unternehmen Potenzial für bis zu 4000 Höhenwindtürme in Deutschland. Für Serientürme mit Turbinen ab 8 MW rechnet das Unternehmen mit einem Ertrag von 30 bis 33 GWh pro Jahr. Kosten, Zeitplan und Partner für eine Serie nennt das Unternehmen nicht.

Quellen

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