Fußballplatz heizt, Freizeitpark kühlt: So baut Berlin gegen die Hitze um
Hitze, Starkregen und Trockenheit verändern die Anforderungen an den urbanen Raum. Zwei Berliner Großprojekte zeigen, wie Schwammstadt-Konzepte und kommunale Wärmeplanung den Tiefbau nachhaltig verändern.
Unter einem Fußballplatz in Berlin-Charlottenburg wird Sommerhitze im Boden gespeichert und später als erneuerbare Wärme genutzt.
Foto: Flüssigboden OWL
Die diesjährige Hitze zeigt, wie verwundbar viele Städte gegenüber den Folgen des Klimawandels sind. Versiegelte Flächen heizen sich auf und speichern die Wärme lange über den Sonnenuntergang hinaus, während Regenwasser häufig ungenutzt über die Kanalisation abgeführt wird.
Die Größenordnung verdeutlicht auch eine Auswertung des Umweltbundesamts. In deutschen Städten sind im Durchschnitt rund 45 % der Siedlungs- und Verkehrsflächen versiegelt.
Berlin reagiert darauf mit unterschiedlichen Projekten, die exemplarisch für den Umbau klimaresilienter Städte stehen. Im Plänterwald im Bezirk Treptow-Köpenick entsteht ein neues Wasserbewirtschaftungssystem nach dem Prinzip der Schwammstadt. In Charlottenburg wird unter einem Sportplatz eine großflächige Erdwärmeanlage realisiert, die künftig öffentliche Gebäude mit erneuerbarer Wärme versorgen soll.
Inhaltsverzeichnis
- Schwammstadt gegen die Hitze in der Stadt
- Wenn Regen nicht mehr versickern kann
- So funktioniert die Schwammstadt
- Ein Freizeitpark wird zum Wasserspeicher
- Unter dem Fußballplatz entsteht eine Wärmequelle
- Der Umbau zur Schwammstadt wird zur Großbaustelle
- Weniger Aushub, weniger Lkw
- Die Antwort auf die Hitze liegt unter der Oberfläche
Schwammstadt gegen die Hitze in der Stadt
Fachleute sprechen bei der besonderen Erwärmung dicht bebauter Städte vom sogenannten Wärmeinseleffekt. Das Umweltbundesamt zählt Hitze, Starkregen und Trockenheit zu den zentralen Klimafolgen, auf die Städte reagieren müssen. Konzepte wie die Schwammstadt sollen helfen, urbane Räume widerstandsfähiger gegenüber diesen Belastungen zu machen.
Das Problem: Viele Städte wurden über Jahrzehnte darauf ausgelegt, Regenwasser möglichst schnell abzuleiten. Für zunehmende Wetterextreme braucht es jedoch einen anderen Umgang mit Wasser. Niederschläge müssen gespeichert, verzögert abgegeben und möglichst dort genutzt werden, wo sie entstehen.
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Wenn Regen nicht mehr versickern kann
Wo natürliche Böden durch Straßen, Plätze und Gebäude ersetzt wurden, funktioniert der Wasserkreislauf nur noch eingeschränkt. Regen kann nicht versickern. Pflanzen steht weniger Wasser zur Verfügung. Und die Verdunstungskühlung bleibt aus.
Gleichzeitig steigt bei Starkregen das Risiko, dass die Kanalisation die Wassermengen nicht aufnehmen kann. Städte stehen damit vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen Wasser bei Extremereignissen zurückhalten und es in längeren Trockenperioden verfügbar machen. Genau hier setzt das Prinzip der Schwammstadt an.
So funktioniert die Schwammstadt
Ziel der Schwammstadt ist es, Regenwasser möglichst dort zu halten, wo es anfällt. Statt es direkt abzuleiten, wird es gespeichert, versickert oder für die Bewässerung genutzt.
Dabei kommen verschiedene technische Lösungen zum Einsatz:
- Baumrigolen und unterirdische Speicher nehmen Niederschlagswasser auf und geben es zeitverzögert wieder ab.
- Mulden-Rigolen-Systeme ermöglichen die Versickerung und Rückhaltung von Wasser.
- Entsiegelte Flächen und wasserdurchlässige Beläge verbessern die Aufnahmefähigkeit des Stadtraums.
- Begrünte Dächer und Fassaden speichern Wasser und können zur Kühlung beitragen.
- Multifunktionale Flächen wie Parks oder Sportplätze können bei Starkregen zeitweise als Rückhalteräume dienen.
Dass sich aus dem Konzept inzwischen konkrete Ziele ableiten lassen, zeigt die Zukunftsinitiative Klima.Werk im Ruhrgebiet. Bis 2030 will man rund 250 Mio. Euro investieren, um in ausgewiesenen Gebieten 25 % der befestigten Flächen von der Mischkanalisation abzukoppeln und die Verdunstungsrate um 10 % zu steigern.
Ein Freizeitpark wird zum Wasserspeicher
Ein Beispiel liefert der Plänterwald im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick. Das Projekt gilt als eines der Berliner Vorhaben, mit denen die Hauptstadt das Prinzip der Schwammstadt im Stadtraum erproben will.
Im Rahmen des „Masterplan Wasser“ aus dem Jahr 2022 soll die bisherige Ableitung von Niederschlagswasser in die Spree beendet und durch eine dezentrale Wasserbewirtschaftung vor Ort ersetzt werden. Kernstück ist ein rund 3000 m² großes Wasserbecken zu Füßen des Riesenrads, das bis zur Eröffnung des Spreeparks im Sommer 2027 entstehen soll.

Das Becken soll Niederschlagswasser zwischenspeichern und den natürlichen Wasserhaushalt des Quartiers unterstützen. Statt Regenwasser möglichst schnell aus dem Stadtgebiet herauszuführen, bleibt es vor Ort verfügbar und kann verzögert genutzt beziehungsweise abgegeben werden.
Eine besondere Herausforderung ist die Lage des Parks in der Berliner Trinkwasserschutzzone III B. Dadurch gelten für die Versickerung besondere Anforderungen. Laut Projektbeteiligten stehen dabei bestehende Regelwerke teilweise im Spannungsfeld mit den Anforderungen moderner Klimaanpassung.
Unter dem Fußballplatz entsteht eine Wärmequelle
Doch Klimaanpassung beschränkt sich nicht auf den Umgang mit Regenwasser. Auch die Energieversorgung der Städte muss sich verändern. In Berlin gewinnt deshalb ein zweites Thema an Bedeutung: die kommunale Wärmeplanung. Am Maikäferpfad in Berlin-Charlottenburg entsteht derzeit ein Infrastrukturprojekt, das Klimaschutz und Flächennutzung miteinander verbindet.
Unter einem sanierungsbedürftigen Fußballspielfeld wird eine großflächige oberflächennahe Erdwärmeanlage gebaut. Der Sportplatz bleibt damit nicht nur Sportstätte, sondern wird gleichzeitig Teil der Energieversorgung eines Quartiers.
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Im Auftrag des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf wurden 8800 Hochleistungs-Erdkollektoren in rund 1,5 m Tiefe installiert. Sie entziehen dem Boden die im Sommer gespeicherte Umweltwärme. Über ein kaltes Nahwärmenetz versorgen Wärmepumpen künftig drei Schulgebäude und eine Turnhalle mit erneuerbarer Wärme.
Die Anlage erreicht eine thermische Leistung von rund 477 kW. Dadurch sollen jährlich etwa 118.000 m³ Erdgas eingespart werden, was rund 1,23 GWh Energie und einer CO₂-Reduktion von etwa 180 t pro Jahr entspricht.
Der Umbau zur Schwammstadt wird zur Großbaustelle
Die Beispiele aus Berlin zeigen auch die andere Seite der Klimaanpassung: Viele Lösungen erfordern umfangreiche Tiefbauarbeiten. Neue Wasserspeicher, Versickerungssysteme und unterirdische Infrastrukturen greifen tief in bestehende Quartiere ein. Straßen müssen geöffnet, Materialien bewegt und Baustellen in dicht bebauten Bereichen organisiert werden.
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Welche Dimensionen solche Projekte erreichen können, zeigt eine Beispielrechnung der Flüssigboden OWL GmbH & Co. KG aus Delbrück. Für den langfristigen Umbau von rund 300 km Berliner Straßen erwarten die Ingenieure bei einer angenommenen durchschnittlichen Breite von 2 m und einer Tiefe von 1,5 m für Baugräben und Versickerungskörper rund 900.000 m³ Erdaushub.
Bei Transportkapazitäten von etwa 12 bis 18 m³ pro Sattelkipper ergeben sich daraus rund 50.000 bis 75.000 Lkw-Ladungen. Einschließlich Hin- und Rückfahrten entspricht dies etwa 100.000 bis 150.000 Lkw-Fahrten. Klimaanpassung verändert nicht nur die fertige Stadt, sondern auch die Baustellenlogistik während des Umbaus.
Weniger Aushub, weniger Lkw
Mit den Tiefbauarbeiten wächst die Bedeutung eines nachhaltigen Bodenmanagements. Denn jede neue Versickerungsanlage und jeder unterirdische Speicher erzeugt zunächst eines: Aushub.
Um diese Materialströme zu verringern, will man das vorhandene Material direkt auf der Baustelle wiederverwenden. Das Unternehmen beschreibt dafür ein Verfahren, bei dem ausgehobener Boden zunächst analysiert und anschließend so aufbereitet wird, dass er wieder als Baustoff eingesetzt werden kann.

Je nach Zusammensetzung lassen sich unterschiedliche Böden verarbeiten – beispielsweise sandige, lehmhaltige oder wechselnde Bodenarten. Nach Angaben des Unternehmens können mobile Anlagen den Flüssigboden direkt auf der Baustelle herstellen.
Gerade bei innerstädtischen Baustellen kann dies die Zahl notwendiger Transporte verringern und die Belastung für Anwohner reduzieren. Gleichzeitig lassen sich regionale Stoffkreisläufe stärken.
Die Antwort auf die Hitze liegt unter der Oberfläche
Die beiden Berliner Projekte machen deutlich, wie stark sich die Aufgaben des Tiefbaus derzeit verändern. Schwammstadt und kommunale Wärmeplanung sind weit mehr als stadtplanerische Leitbilder. Sie verändern Straßenräume, Freiflächen und die Infrastruktur unter der Oberfläche – und werden damit zu einem wichtigen Baustein im Umgang mit Hitze, Starkregen und Trockenheit.
Für Bauingenieurinnen und Bauingenieure entstehen dadurch neue Aufgaben: Wasser muss gespeichert, Böden sinnvoll wiederverwendet und bestehende Infrastrukturen an die Folgen des Klimawandels angepasst werden.
Quellen
- Umweltbundesamt: Klimafolgen: Hitze in Städten und Gemeinden
- Umweltbundesamt: Flächenverbrauch und Versiegelung in Deutschland
- Zukunftsinitiative Klima.Werk: Schwammstadt-Prinzip im Ruhrgebiet
- Umweltdienstleister: Tiefbauarbeiten zur Schwammstadt verändern Quartiere
- Berliner Wasserbetriebe: Masterplan Wasser Berlin
- Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf: Erdwärmeanlage am Maikäferpfad




